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StartseiteCampus & Karriere"Die PISA-Aufgaben spiegeln Kompetenzen wider"07.12.2010

"Die PISA-Aufgaben spiegeln Kompetenzen wider"

OECD-Koordinator Andreas Schleicher hat die PISA-Studie erfunden

Kritiker sagen, die deutschen Schüler hätten diesmal besser abgeschnitten, weil sie die PISA-Aufgaben besser kennen. PISA-Erfinder Schleicher ist der Meinung, man könne Kompetenz nicht in wenigen Monaten trainieren. PISA messe auch eher, wie Schüler Wissen in auf andere Zusammenhänge übertragen könnten.

Andreas Schleicher im Gespräch mit Manfred Götzke

OECD-Koordinator Andreas Schleicher  (OECD)
OECD-Koordinator Andreas Schleicher (OECD)

Manfred Götzke: PISA, der weltgrößte Schulleistungstest wird von der OECD ausgerichtet, und ausgedacht hat sich dort das Ganze Andreas Schleicher - der hat uns das also alles eingebrockt. Er ist internationaler Koordinator für PISA- und hat die Studie vor etwa 15 Jahren entwickelt. Herr Schleicher, neun Jahre nach dem PISA-Schock haben die deutschen Schüler diesmal relativ gut abgeschnitten - sehen Sie sich so ein bisschen als Retter des deutschen Bildungssystems?

Andreas Schleicher: Ich denke, PISA hat sehr viel in Bewegung gebracht in Deutschland an Reformen, aber auch sehr viel in den Schulen verändert, und ich denke, das war ein wichtiger Anstoß auch.

Götzke: Wie erklären Sie sich denn das bessere Abschneiden der deutschen Schüler bei diesem Test?

Schleicher: Also zunächst mal ist in den Schulen sehr viel passiert, ich glaube auch, die Eltern machen sich heute mehr Gedanken über Schulerfolg. Die Schaffung von Bildungsstandards hat sicherlich auch eine Perspektive geschaffen, was gute Bildung ist. Die Verbesserungen sind ja im Wesentlichen auch am unteren Ende des Leistungsspektrums entstanden, also der relativ großen Risikogruppe, die zwar immer noch groß ist, aber kleiner geworden ist. Also auch dort Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund, überhaupt sozial schwächeren Schülern, all das trägt sicherlich zu dieser gemessenen Verbesserung der Leistung bei.

Götzke: Sie haben ja gerade die Risikogruppe selbst angesprochen. Nach wie vor ist es ja so - das zeigt ja auch die aktuelle Studie -, dass Bildungserfolg von sozialer Herkunft abhängt, besonders stark in Deutschland. Warum ändert sich daran nichts?

Schleicher: Sicher ist die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Hintergrund die große Herausforderung für Deutschland. Da ist viel getan worden, also gerade im Bereich der Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund, Sprachförderung und so weiter, aber es bleibt auch viel zu tun. Es ist auch wichtig, dass die Probleme in den Schulen, in den Klassenzimmern gelöst werden und die Schüler nicht einfach abgeschoben werden auf Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen. Die Klassenwiederholungen sind in vielen Bundesländern weiterhin noch ein wichtiges Thema, das angegangen werden muss. Also da zeigen ja nicht die erfolgreichsten Bildungssysteme, was man machen kann. In den erfolgreichen Bildungssystemen ist die individuelle Förderung stärker ausgeprägt. Das heißt, die Lehrer, die Schulen gehen kreativer, konstruktiver mit den verschiedenen Fähigkeiten, Motivation und sozialen Kontexten der Schüler um. Da hat Deutschland viel getan, aber kann sicher noch besser werden.

Götzke: Herr Schleicher, hätten Sie vor 15 Jahren, als Sie sich diese PISA-Studie, diesen PISA-Plan ausgedacht haben, hätten Sie da geahnt, dass das in Deutschland für so große Diskussionen sorgen würde?

Schleicher: Das war sehr schwer abzuschätzen. Es ging damals ja darum, einen Spiegel zu schaffen, einen Spiegel, in dem man sich im Lichte der Leistungsfähigkeit anderer Bildungssysteme betrachten kann und der diese Breitenwirkung entfacht, nicht nur in Deutschland, sondern global. Das hätte ich sicherlich so nicht eingeschätzt, aber ich denke, es ist ein wichtiges Instrument geworden, um einfach nach außen zu schauen.

Götzke: Seit PISA haben ja auch andere Bildungstests in Deutschland Konjunktur - es gibt IGLU, NEPS, DAISY -, gibt es da nicht auch so ein bisschen die Gefahr, dass bei dieser ganzen Testeritis der eigentliche Unterricht zu kurz kommt und man sich zu stark auf diese Tests konzentriert?

Schleicher: Ich glaube, die Leistungsvergleiche sind nur eine Perspektive. Sie können nicht das, was im Unterricht passiert, ersetzen, sondern können es nur ergänzen. Sie können für Lehrer und Schulen eine Perspektive schaffen, was erreichbar ist, und Probleme aufzeigen, denn was man nicht messen kann, kann man auch nur sehr schwer verbessern. Aber der Erfolg letztendlich, der Erfolg hängt davon ab: Gewinnen wir die besten Köpfe für den Lehrerberuf, können wir diese Leute so ausbilden, dass sie Arbeit sinnvoll tun können, können wir ihnen eine Arbeitsumgebung schaffen, in der sie sich kreativ entfalten können, können wir sicherstellen, dass die besten und fähigsten Lehrer die schwächsten Schüler unterrichten? Davon hängt letztendlich der Erfolg ab, nicht von den Tests.

Götzke: Wo liegt denn da Ihrer Meinung nach der größte Mangel in Deutschland zurzeit?

Schleicher: Vergleicht man Deutschland mit den leistungsfähigsten Ländern, dort ist der Lehrerberuf teilweise attraktiver, nicht weil er besser bezahlt wird, das wird er nicht, sondern weil einfach das Arbeitsumfeld Schule spannender ist, interessanter ist. Dort haben die Schulen deutlich größere Freiräume, aber auch sehr viel mehr Verantwortung. In den leistungsfähigsten Ländern müssen die Lehrer, müssen die Schulen wesentlich konstruktiver, kreativer mit der Vielfältigkeit der Schüler umgehen, es gibt weniger Möglichkeiten dort, Probleme abzuwälzen - da kann Deutschland wirklich sehr viel noch lernen. Obwohl auf der anderen Seite kann Deutschland stolz sein auf die Erfolge, die man in zehn Jahren erreicht hat.

Götzke: Kritiker sagen, die deutschen Schüler hätten diesmal vor allem deshalb besser abgeschnitten, weil sie die PISA-Aufgaben jetzt besser kennen. Was sagen Sie dazu?

Schleicher: Das kann ich so nicht bestätigen. Also wissen Sie: Die PISA-Aufgaben spiegeln Kompetenzen wider. Kompetenz kann man nicht in wenigen Monaten trainieren. Insofern, die Schüler können sich darauf gut vorbereiten, aber letztendlich misst PISA nicht irgendwo leicht erlernbares Wissen, die Reproduktion von Fachwissen, sondern es misst, ob Schüler in der Lage sind, ihr Wissen auf neue Zusammenhänge kreativ zu übertragen, neues Wissen zu schaffen - und das können sie nicht leicht antrainieren, indem sie sich ein paar PISA-Aufgaben anschauen.

Götzke: Vielen Dank, Herr Schleicher!

Schleicher: Bitte sehr!

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