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StartseiteBüchermarktDie Polyphonie der Wirklichkeit10.01.2013

Die Polyphonie der Wirklichkeit

Riika Pulkkin: "Wahr". List Verlag

"Wahr", so schlicht heißt der Roman der finnischen Autorin Riika Pulkkinen auch im Original. Aber es geht hier nicht um eine einfache Wahrheit. Sie verbirgt sich in einer komplizierten Geschichte über die bedingungslose Liebe einer jungen Frau zu einem verheirateten Mann.

Von Martin Zähringer

Die finnische Hauptstadt Helsinki ist Schauplatz von Riika Pulkkinens Familiengeschichte. (Stock.XCHNG / Nick Yee)
Die finnische Hauptstadt Helsinki ist Schauplatz von Riika Pulkkinens Familiengeschichte. (Stock.XCHNG / Nick Yee)
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Nicht herzlich, sondern sorgfältig

Eeva, ein Mädchen vom Lande, kommt in die große Stadt Helsinki, wo sie sich vom Stallgeruch freimachen und etwas erleben will. Sie kommt als Kindermädchen in eine gutbürgerlich moderne Familie, wird die Geliebte des verheirateten Mannes und geht an ihrer Liebe zugrunde. Solch eine Geschichte sollte man eher nicht von einer ernsthaften Schriftstellerin unserer Zeit erwarten, und wenn sie doch noch einmal erzählt wird, dann muss sie literarisch schon etwas Neues bieten. Riika Pulkkinen erklärt zu ihrem poetologischen Konzept:

"Ich glaube an die Möglichkeiten der Polyphonie. Alle Figuren in einem Buch können ihre eigene Sichtweise haben, im Roman kann ich also eine polyphonische Realität konstruieren. Und das ist in diesem Roman 'Wahr' gerade der Punkt: Es handelt sich um verschiedene Wahrheiten der Figuren und um die Frage: Wie überführe ich nun diese Wahrheiten in eine literarische Realität?"

Riika Pulkkinen tut dies, indem sie zwei erzählte Zeiten parallel bestehen lässt. Eine von 1964 bis 1969 und eine etwa vierzig Jahre später. Die Figuren und Orte erscheinen kaleidoskopisch in diesen Zeitebenen, sie werden gleichzeitig in verschiedenen historischen und biografischen Stadien sichtbar. Die Geschichte beginnt mit Eeva. Eeva gerät vom Bauernhof direkt in einen Intellektuellenhaushalt in Helsinki, wo sie als Kinderfrau der kleinen Elenoora angestellt wird. Deren Mutter, die Psychologin Elsa, ist beruflich viel unterwegs, und schon kurz nach der Anstellung ist Eeva die heimliche Geliebte von Elsas Mann Martti, einem mäßig erfolgreichen Maler. Etwa vier Jahre später stirbt sie auf dem Hof ihrer Eltern. Dazwischen liegen vier Jahre voller Obsessionen und besessener Liebe, Reisen ins Ausland nach Paris und Amsterdam - und eine große Lüge von der glücklichen Familie, in der Marttis Tochter Eleonoora die unglückliche Rolle einer Mitwisserin spielt.

Vierzig Jahre später stößt eine zweite junge Frau mit dem Namen Anna auf diese Geschichte. Sie ist die Enkelin von Elsa und Martti. Anna findet im Schrank ihrer Großmutter ein Kleid, zieht es an und erfährt bald darauf, dass dies ein Kleid der toten Eeva ist. Elsa hat nach Eevas Tod bis heute mit ihrem Mann Martti zusammengelebt, und das Kleid löst nun einen Erinnerungsprozess aus. Der ist unerwünscht, weil Elsa an Krebs im Endstadium leidet und diese letzte Lebensphase aktiv gestalten will. Also befragt Anna ehemalige Bekannte und Freunde und ihren Großvater Martti, den einstigen Geliebten von Eeva. Martti ist ein enger Vertrauter Annas, doch ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt. Anna sucht einen Schuldigen für Eevas frühen Tod. Sie klagt Martti an:

"Ich denke, dass Eeva wegen dir nicht mehr am Leben ist. Du hast etwas getan oder etwas zu tun unterlassen, und daran ist sie gestorben. Wenn es dich nicht gäbe, wäre sie noch da." Sie machte eine Pause, ehe sie fortfuhr. Woher hatte sie das plötzlich? Diese kühle, rationale Art, Schlussfolgerungen vorzutragen, Vorwürfe einzuflechten? Das Schlimmste war noch gar nicht gesagt, das sah er an ihrem Blick. "Und da es sich offensichtlich so verhält, dass sie ohne dich noch am Leben wäre, kann man auch genauso gut sagen, dass du sie umgebracht hast." Sie sah ihm fest in die Augen.

Das klingt vielleicht etwas melodramatisch, wirkt aber in Annas Perspektive logisch.

Etwas verwirrend ist die Verschmelzung der Figuren Anna und Eeva. Die Eeva-Geschichte aus den 1960er-Jahren wird ebenso wie Annas Geschichte vierzig Jahre später im Präsens und in der Ich-Form erzählt, und da Eeva bekanntermaßen tot ist, entsteht der Eindruck, dass sie durch Anna spricht. So entsteht bei allem psychologischen Realismus, der die Geschichten eigentlich trägt, der Eindruck eines surrealen Identitätswechsels. Das ist ein interessanter perspektivischer Vorgang, ein Sprung durch die Zeit. Gegenüber dem aufklärenden Impetus des Erzählens mit seiner klaren Sprache mutet er aber wie ein Stilbruch an. Und etwas irritierend ist auch die merkwürdige Ähnlichkeit der Namen: Eeva, Eleonoora, die auch Ella heißt, Elsa, Anna, Maria, Martti und Matias. Derart desorientiert verfängt sich der Leser streckenweise in den vorsprachlichen Zonen des Ungefähren. Riika Pulkkinen erklärt Tendenz und Anlass des Erzählens folgendermaßen:

"Es geht nicht um den Mann oder die Frau, sondern um den Menschen. Und bei den Figuren Elsa und Eeva handelt es sich zwar um Frauen, aber es geht im Grunde darum, wie der Mensch liebt. Elsa ist der diesseitigen Welt verhaftet, das ist ihre Weise zu lieben. Eevas Weise zu lieben ist Selbstaufgabe, sie will geben. Aber Eevas Weise zu lieben ist eigentlich nicht möglich, und das ist die Tragik in diesem Roman."

Tragische Spannung entsteht auch durch die Gegenwart des Todes. Er hat in Pulkkinens Roman zwei Pole. Das Landmädchen Eeva kommt durch Annas Erzählung vom Tod her noch einmal in die Geschichte herein. Die erfolgreiche Großstadtfrau Elsa, ihre Konkurrentin, geht am Ende ihres Lebens auf den Tod zu, aus der Geschichte hinaus. Das ist eine spannende Konzeption, die im Film mit seinen Über- und Rückblenden sehr gut umsetzbar ist. In Pulkkinens Roman verfängt sich die Wahrheitssuche bei diesem Verfahren, verstärkt durch die doppelte Erzählerfigur, leider in einer postromantischen Ewigkeitsschleife. Pulkkinens große Stärke ist die psychologische Einfühlung. Episch subtil präsentiert sie alle Generationen und Lebensphasen, von Kindheit und Jugend bis ins hohe Alter. Das ist in der heutigen Literatur selten. Eleonoora, das Kind zwischen den Fronten, ist sehr lebensnah gezeichnet, vor allem mit ihren als Erwachsene immer noch ambivalenten Gefühlen. Ihre Mutter, die Professorin Elsa, einst ehrgeizige Yuppi-Dame, wirkt erst als vom Krebstod gezeichnete alte Frau gereift. Martti erscheint etwas blasser, aber schön im Kontrast als junger Mann und als gealterter Liebender. Und im Zentrum steht Anna, die Eevas Tragödie aus der Lebenslüge ihrer Familie befreit und somit ihren eigenen Weg zur Wahrheit sucht.

Riika Pulkkinen: Wahr.
Roman. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.
List Verlag, 357 Seiten, 18 Euro

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