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StartseiteTag für TagCopacabana-Theologe?19.01.2016

Die Prägung des PapstesCopacabana-Theologe?

Papst Franziskus besucht Flüchtlinge auf Lampedusa, schreibt über die Folgen des Klimawandels, kritisiert das Wirtschaftssystem. Damit findet er in der Öffentlichkeit Gehör. Innerkirchliche Kritiker werfen ihm vor, theologisch sei das, was er sagt, eher dünn und oberflächlich. Aus welchen geistigen Quellen schöpft dieser Papst – theologisch, mystisch, literarisch?

Von Burkhard Schäfers

Auf dem Büchertisch: "Via Crucis", das Buch von Emiliano Fittipaldi and Gianluigi Nuzzi über Vatileaks 2 (dpa / picture alliance / Ciro Fusco)
Aus welchen geistigen Quellen schöpft der Papst? (dpa / picture alliance / Ciro Fusco)

"Vieles hast du erlebt, du teure Mutter! und ruhst nun
Glücklich, von Fernen und Nahn liebend beim Namen genannt,
Mir auch herzlich geehrt in des Alters silberner Krone
Unter den Kindern, die dir reifen und wachsen und blühn."

Es sind die ersten Zeilen aus dem Lieblingsgedicht von Papst Franziskus: 'Meiner verehrungswürdigen Großmutter' von Friedrich Hölderlin. Der Papst macht keinen Hehl daraus, dass er sich gern mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigt – mit Literatur, mit Kunst oder Kinofilmen. Das Hölderlin-Gedicht erinnert ihn offenbar an seine eigene Großmutter, von der er erzählt, sie habe ihm beigebracht, wie man betet. Und noch ein Satz von Hölderlin, aus dessen Briefroman 'Hyperion', ist wichtig für Franziskus:

"Nicht begrenzt werden vom Größten und doch einbeschlossen sein vom Kleinsten, das ist göttlich."

Dieses Motto schlägt die Brücke zur theologischen Prägung des Papstes: Geboren in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, verbringt Jorge Mario Bergoglio dort Jahrzehnte seines Lebens, wirkt als Seelsorger und Bischof. Dabei widmet er sich auch den Menschen in den Elendsvierteln. Seit den 1960er Jahren hat sich in Lateinamerika die Theologie der Befreiung entwickelt, die sich als Stimme der Armen versteht. Als theologischer Lehrer des heutigen Papstes gilt der hierzulande kaum bekannte Lucio Gera. Auch andere Vertreter der Befreiungstheologie hätten den theologischen Kosmos des Papstes entscheidend beeinflusst, sagt der Frankfurter Pastoraltheologe Michael Sievernich. Er erklärt, was mit der argentinischen "Theologie des Volkes" gemeint ist.

"Es kommt nicht nur auf die soziale Befreiung an, sondern es kommt auch auf die Ausbildung einer Kultur an, die die Menschen – auch die Armen – als Subjekt nimmt. Und deswegen auch die Art und Weise wie sie ihre Frömmigkeit ausdrücken, nämlich in der Form der Volksfrömmigkeit, dass das eine entscheidende Prägung für die Kirche Lateinamerikas ist."

Neben der Befreiungstheologie haben verschiedene zeitgenössische europäische Theologen Franziskus Denken geprägt: Neben Hugo Rahner und Hans Urs von Balthasar vor allem der Religionsphilosoph Romano Guardini. Bergoglio hatte Mitte der 80er Jahre geplant, über Guardini zu promovieren, er lebte dafür auch einige Monate in Deutschland. Fertig wurde die Arbeit allerdings nicht. Eine bedeutende Figur für den Papst bleibt Guardini dennoch – unter anderem mit seinen Überlegungen über das Phänomen des Gegensatzes.

"Der ganze Bereich des menschlichen Lebens scheint von der Tatsache des Gegensatzes beherrscht zu werden. Darin finden sich unzählige Vorgänge, Tatbestände, Akte und Beziehungen, die gegensätzlich gebaut sind."

Vielleicht hilft es Franziskus in seinem Pontifikat, sich theoretisch mit Gegensätzlichem zu beschäftigen. Denn mit Polaritäten ist er konfrontiert in verschiedenen Weltregionen, innerhalb von Gesellschaften, zwischen Kulturen und Religionen, aber auch innerkirchlich bis hinein in die römische Kurie. Ein weiteres für den Papst prägendes Werk: Romano Guardinis 'Das Ende der Neuzeit' aus dem Jahr 1950. Es handelt von der Macht.

"Das Kernproblem, um das die künftige Kulturarbeit kreisen, und von dessen Lösung alles, [...] Leben oder Untergang abhängen wird, ist die Macht. Nicht ihre Steigerung, die geht von selbst vor sich; wohl aber ihre Bändigung, ihr rechter Gebrauch."

Auch Papst Franziskus hat reichlich Erfahrung mit Macht gesammelt: Als Kardinal, als Bischof, und als Leiter des Jesuitenordens in Argentinien. Bei den Jesuiten trat Bergoglio mit 22 Jahren ein. Entsprechend bedeutsam sind für ihn die Werke des Ordensgründers Ignatius von Loyola aus dem 16. Jahrhundert. Wer die Theologie des Papstes verstehen wolle, müsse die ignatianische Spiritualität kennen, sagt Michael Sievernich, Herausgeber des Buches 'Papst Franziskus – Texte, die ihn prägten'

"Diese Tradition, die sich niederschlägt zum Beispiel in einem autobiografischen Bericht des Pilgers und in der Systematik der Exerzitien, in denen zentrale Kategorien vorkommen, die generell von Bedeutung sind für die Kirche, aber auch für ihn, insofern er jetzt dieses Amt ausübt."

Die geistlichen Übungen – die Exerzitien – sind ein wesentlicher Teil der Spiritualität der Jesuiten. Das sei auch bei Franziskus erkennbar, meint Professor Sievernich.

"Zum Beispiel eine ganz entscheidende Kategorie, die auch jüngst bei der Bischofssynode in Rom zum Tragen kam: Die geistliche Unterscheidung in schwierigen pastoralen Situationen. Die mit allen Mitteln der Überlegung, der Vernunft, des Gewissens und der Affektivität zu führen ist."

Affekte, Gefühle, geistliche Erfahrungen – sie gehören zum Wesen dieses Papstes aus dem Jesuitenorden. Im ‚Bericht des Pilgers' von Ignatius heißt es:

"Als er so dasaß, begannen sich die Augen des Verstandes zu öffnen. Nicht dass er eine Erscheinung gehabt hätte, vielmehr verstand und erkannte er viele Dinge, sowohl geistliche als auch solche des Glaubens und der Wissenschaft; und dies mit einer so großen Erleuchtung, dass ihm alle Dinge neu erschienen."

Die Theologie des Papstes, sagt Michael Sievernich, speise sich nicht zuletzt aus mystischen Quellen: Louis Lallemant, Thérèse von Lisieux oder Johannes vom Kreuz.

"Dieses mystische Element, das beim Papst zu finden ist, hat natürlich mit dieser Geschichte der Spiritualität zu tun. Ich nehme nur einmal die entscheidende Kategorie, die er hat: Begegnung. Begegnung der Menschen untereinander und die Begegnung der Menschen mit Gott. Und die Kirche hat nichts anderes zu tun, als eine solche Begegnung mit Gott zu ermöglichen."

Franziskus greift die Erkenntnisse der Mystik in seinen eigenen Schriften auf, so im Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium – Freude des Evangeliums":

"Dort liegt die wahre Heilung, da die wirklich gesund und nicht krank machende Weise, mit anderen in Beziehung zu treten, eine mystische, kontemplative Brüderlichkeit ist, die die heilige Größe des Nächsten zu sehen weiß; die in jedem Menschen Gott zu entdecken weiß."

Von Hölderlin bis zu den Mystikern, von Ignatius bis zur Befreiungstheologie – die geistigen Quellen dieses Papstes sind vielfältig. Sind sie deshalb inkongruent? Auf jeden Fall sind sie facettenreicher, als in der breiten Öffentlichkeit bekannt.

 

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