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StartseiteBüchermarktDie praktische Erfahrung des Tötens16.05.2011

Die praktische Erfahrung des Tötens

Kerstin Ekman: "Tagebuch eines Mörders". Piper Verlag

Das "Tagebuch eines Mörders" handelt von einem schwedischen Arzt, der nahezu lautlos und völlig unaufgeregt zum Mörder wird. Wie aber konnte es zu dieser Tat kommen und welches Szenario spielt sich danach im Innern des Täters ab?

Von Carola Wiemers

Ein Mord, ganz nebenbei auf einer sonnigen Straße begangen. (Stock.XCHNG - H. Berends)
Ein Mord, ganz nebenbei auf einer sonnigen Straße begangen. (Stock.XCHNG - H. Berends)

"Die Moral, das ist der berühmte Kreidekreis um die Henne", heißt es in Hjalmar Söderbergs Roman "Doktor Glas". "Moral, das sind die Ansichten der anderen darüber, was recht ist. Hier aber geht es um meine Ansicht." Söderbergs Text löste bei seinem Erscheinen, 1905, eine Welle der Empörung in Schweden aus. Er wurde zum Inbegriff der Dekadenz. Der schwedische Nervenarzt Poul Bjerre schimpfte ihn einen Geisteskranken, der die bürgerliche Moral und medizinische Ethik missachte: Niemandem sei es bisher gelungen, "mehr Ekel aus der Verwesung des Geschlechtstriebes zu destillieren".

Söderberg, der Genussmensch, Bohemien und Flaneur, hatte einen empfindlichen Nerv getroffen. In seinem Roman tötet der Stockholmer Arzt Tyko Glas den Mann einer von ihm leidenschaftlich verehrten Patientin. Sie hatte um Schutz vor dessen sexuellen Übergriffen gebeten. Im gleichen Atemzug gestand sie aber auch, eine untreue Ehefrau zu sein. Glas mordet aus Barmherzigkeit und Leidenschaft - mit einer Zyankalikapsel fast nebenbei mitten in der belebten Stockholmer Innenstadt. Pikanterweise ist das Opfer ein Geistlicher.

In Kerstin Ekmans "Tagebuch eines Mörders" feiert dieser Tyko Glas eine Art Auferstehung und findet in dem Arzt Pontus Revinge seinen Wiedergänger. Auch er mordet. Vor allem aber will der Mediziner dem Intellektuellen Söderberg beweisen, dass die Idee zu seinem Roman von ihm stammt.

Ohne mich (wäre) der Roman undenkbar. Er wäre einfach nicht geschrieben worden. Deshalb habe ich beschlossen, alles aufzuzeichnen, was zwischen mir und dem Schriftsteller Hjalmar Söderberg vorgefallen ist. Von Beichte ist hier nicht die Rede. Ich wähle selbstverständlich aus, was ich erzählen möchte, genauso wie in einem normalen Gespräch.

Ekman erzählt rückblickend aus dem Jahr 1919. Revinges Aufzeichnungen sind längst geschrieben. Er hat nicht nur die seltsamen Begegnungen mit Söderberg und seinen gesellschaftlichen Aufstieg notiert. Auch sein Zyankali-Mord an dem Arzt Johannes Skade, in dessen Praxis er gearbeitet hat, ist darin akribisch festgehalten.

Er nahm eine Pille. Ich reichte ihm Wasser, damit er sie hinunterspülen konnte. Ich verließ rasch die Praxis, schloss die Tür mit der Glasscheibe und blieb draußen stehen. Ich hörte, wie er von der Pritsche fiel. Einige Augenblicke lang kam es mir vor, als schwebte alles. Es war geschehen, und es war nicht geschehen.

Nun will Revinge seine Tagebuchaufzeichnungen vernichten. Sie scheinen ihm, Jahre nach der Tat, unzureichend und befremdlich.

Woran ich mich nicht so deutlich erinnert habe, war meine Aufgeräumtheit, ja, mein Stolz über die Tatkraft, die ich an den Tag gelegt hatte. Davon jetzt zu lesen ist peinlich. Ich bin meiner selbst nicht sicher. Wer bin ich, und was habe ich eigentlich getan?

Da ihm diese Frage keine Ruhe lässt, beginnt er sein Tagebuch nochmals genau zu lesen. In der Hoffnung, eine Antwort zu finden, wird er zum Leser eigener Dichtung und Wahrheit. Er stellt fest, dass in der sprachlichen Reflexion das Geschehene eine Verwandlung erfahren hat. Das Tagebuch-Ich ist zur historischen Stimme geworden.

Schreiben heißt umwandeln. Es gleicht der Kunst, welche die alten Alchemisten ausübten: die Verwandlung von Schmutz in Gold. Die tristen Wiederholungen des Lebens werden um das Geläuterte und Unzerstörbare herum wie schmutziger Schaum ausgefällt.

Eine dialogische Erzählebene in eigener Sache schafft Ekman mit dieser Reflexion der Reflexion. Revinge wird zum Kritiker, der die Frage nach der Schuld im eigenen Handeln stellt. Er konfrontiert das einst Geschriebene mit den späteren Erinnerungen: Was wurde gelöscht, was tritt deutlicher hervor? Wie funktioniert eine literarische Fiktion, die sich scheinbar auf Authentizität gründet?

Mir ist klar, dass ich teilweise gedichtet habe. Niemand kann sich nach mehreren Jahren noch an jede Replik eines Gesprächs erinnern. Doch ich habe nicht gelogen.

Mit Revinge führt Ekman ein Gespräch über Wahrheit und Lüge, Authentizität und Fiktion, wobei sie Söderbergs Nachdenken über eine Moral in der Literatur aufgreift. Um zu verstehen, warum der Mord geschehen musste, wird Revinge zum Stalker. Er begibt sich in Söderbergs Dunstkreis, um etwas von seinem Leben zu erhaschen. Dass dieser sich ihm immer wieder entzieht, gehört zu den raffinierten Tricks in Ekmans brillantem Roman. Sie bezeichnet ihr Vorgehen als eine Art "Kontraimitation" – als einen Nahkampf zwischen Intellektuellen mit literarischen Mitteln.

Auch die Frage der Sexualität, die um 1900 zur gesellschaftlichen Konfrontation führt, nimmt in Ekmans Nachforschungen einen zentralen Platz ein. Mit der jungen Ärztin Ida Tjenning begegnen dem Protagonisten sämtliche Irritationen der neuen Zeit. Sie ist eine kompetente, erfolgreiche und sozial engagierte Frau, die seine Mordtat zwar aufspürt, doch mangels wissenschaftlicher Erkenntnis nicht beweisen kann. Revinge verabscheut alles an ihr, vor allem ihre physische, korsettfreie Präsenz. Doch eigentlich ist dem Arzt jeder Körper suspekt, auch der eigene. Er hasst die Ausdünstungen und Gerüche sowie sein nicht domestizierbares Begehren. Stolz zelebriert er seinen "andersartigen Geschlechtstrieb".

Mein Leben ist sublimiertes Geschlecht. Vielleicht bin ich der Mensch der Zukunft, denn in der Mutation wird die neue Art erschaffen. Mein Trieb ist Wille.

In der Tat ist Ekmans Protagonist noch schauriger und morbider als sein Vorgänger. Wie dieser ist er zwar ein seltsamer Emporkömmling, der alles unter Kontrolle haben will und doch einsehen muss, dass Körper und Seele ihre eigene Wirtschaft führen. Als Mediziner aber hat Revinge den gefährlichen Ehrgeiz zu beweisen, dass in ihm ein Tatmensch steckt und er deshalb dem Intellektuellen überlegen ist.

Ich besitze jetzt eine Kenntnis, die er nicht hat. Eine Erfahrung, von welcher ihm sein Phantasieleben keine Vorstellung vermitteln konnte. Leben ist Handlung. Das ist es, was der Schriftsteller Söderberg nicht begreifen kann: die Bereitschaft des Tatmenschen, seinen untrüglichen Instinkt für den richtigen Augenblick.

Revinge ist klug genug, um zu wissen, dass Glas kein gewöhnlicher Arzt ist, sondern nur das Fantasieprodukt des Autors. Auch ist ihm klar, dass dessen Tagebuchaufzeichnungen das literarische Glanzstück Söderbergs sind. Gerade weil er das begriffen hat und trotzdem mordet, steckt in ihm mehr von Friedrich Nietzsches Zarathustra als Söderberg es Glas jemals zugestanden hat. Der Schattenmensch Revinge gewinnt seine Energie aus allem Dunklen. Er liebt die Nacht und balanciert mental zwischen Traum und Wirklichkeit. Im Sinne C. G. Jungs leistet er damit echte Schattenarbeit.

Seit einigen Jahren wird viel Aufhebens von einem Kellergeschoss der Seele gemacht, von welchem wir bei Tageslicht und vollem Bewusstsein nichts wüssten. Dort soll es Schrecken, Begierde und Handlungsimpulse geben, von denen der vernünftige und moralisch ausgeglichene Mensch nichts wissen wolle. Das mag seine Richtigkeit haben. Doch scheint es auch so zu sein, dass manche Handlungen für denjenigen, der sie ausgeführt hat, nicht ganz wirklich zu sein brauchen.

Kerstin Ekman hat mit dem Arzt Pontus Revinge eine grandiose Kunstfigur geschaffen, die viel Sprengstoff bereithält und höchst aktuell ist. Ein Jahrhundert nach Söderbergs Doktor Glas ist sie nicht dessen Abbild, auch wenn sie vor allem sprachlich in eine Aura des Historischen gehüllt ist. Bei Ekman geht es um die praktische Erfahrung des Tötens - der Titel des schwedischen Originals "Mordets Praktik" ist hier viel treffender. Sie vollzieht sich friedlich, ganz nebenbei auf einer sonnigen Straße, umgeben von Menschen, die dem gemütlich dahin Schlendernden keine Beachtung schenken.

Kerstin Ekman: "Tagebuch eines Mörders". Roman. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder. Piper Verlag München Zürich 2011. 245 Seiten. Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Mordets Praktik im Albert Bonniers Förlag Stockholm. 17,95 Euro.

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