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StartseiteBüchermarktDie Prinzession verkauft Märchen22.10.2008

Die Prinzession verkauft Märchen

Charles Lewinsky: "Zehnundeine Nacht". Nagel & Kimche

2006 verdrängte er mit seinem Roman "Melnitz" John Irving und Hennig Mankell von der Schweizer Bestsellerliste. Auch über die Grenzen seiner Heimat hinaus stieß er mit der jüdischen Familiensaga auf große Resonanz bei Presse und Lesern. Lewinsky ist ein Autor, den die Neugier auf Neues antreibt, immer neue Formen auszuprobieren. Auch in seinem neuen Erzählband "Zehnundeine Nacht".

Von Michaela Schmitz

Die Prinzessin lebt in einer billigen Absteige (Stock.XCHNG / T. Al Nakib)
Die Prinzessin lebt in einer billigen Absteige (Stock.XCHNG / T. Al Nakib)

Es war einmal eine Prinzessin, die verkaufte Märchen. Die Menschen kamen zu ihr, und sie half ihnen dabei, sich über ihr eigenes trostloses Dasein hinwegzulügen. Sie erfand für sie Wirklichkeiten, in denen sie sich zu Hause fühlen konnten. Und sie bezahlten sie für all die Geschichten, die sie gern hören wollten. Die Wirklichkeit, so die Prinzessin, kriegt man schließlich umsonst.

Ihre Wirklichkeit war ein heruntergekommenes Doppelzimmer mit Bad im ehemaligen Hotel Palace, eine billige Absteige im Bahnhofsviertel. Früher ein idealer Standort, um genügend Kunden zu finden. Jetzt kamen die Freier nur noch ihrer Geschichten wegen.

Die Prinzessin verschränkte die Arme hinter dem Kopf und suchte an der Decke nach einem Wasserfleck, der immer wieder seine Form wechselte. Manchmal sah er aus wie ein zum Wegfahren gepackter Koffer und manchmal wie ein Sarg. Heute war er ein Schiff, unterwegs nach einem fernen Land. Ein Land ganz weit weg.

Verreisen kann sie nur noch in ihrer Phantasie. Und die braucht sie für ihre Kunden. Vor allem für ihren treuesten Freier: den König - so wird der abgehalfterte Ganove im Milieu genannt. Wie Scheherazade im Märchen von Tausendundeiner Nacht erzählt die in die Jahre gekommene Prostituierte dem König jede Nacht eine neue Geschichte.

Geschichten wie die von dem Mann, der aufwacht, um seinen eigenen Tod festzustellen. Zuerst glaubt er an einen Fehler im System, obwohl er weiß, dass das System nie Fehler macht. Denn die Erzählung spielt in der Zukunft. Dort werden alle Menschen und ihr aktueller Aufenthaltsort über Chipkarte vom zentralen System registriert. Aber etwas muss grundsätzlich aus der Ordnung geraten sein. Denn beim Aufwachen hält seine Freundin ihn für eine Wahnvorstellung. Auch das Auto lässt sich mit seiner Chipkarte nicht öffnen, in der Straßenbahn kann der Fahrpreis nicht automatisch abgebucht werden und an seinem Arbeitsplatz sitzt plötzlich ein anderer. Keiner erkennt ihn. Auf der Straße läuft er direkt in ein Auto. Ein grauer Leichenwagen hat ihn bis hierher verfolgt. Die Bestatter können nur noch seinen Tod feststellen. Das System war eben einfach einen Schritt schneller als die Wirklichkeit.

Völlig unvorbereitet zerreißt die bislang für verbindlich gehaltene Realität. Ein plötzlicher Schnitt, und es passiert etwas Ungeheuerliches. Ein Muster auch für weitere Geschichten. Wie die von dem hungrigen Mann auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Er möchte in ein Restaurant, wechselt auf die andere Straßenseite und findet sich im Jenseits wieder.

"Die Veränderung passierte so plötzlich", fuhr sie fort, "dass sie ihm seinen letzten Gedanken mitten entzweischnitt. Ich habe ... , hatte er noch auf der alten Straße gedacht, ... Hunger, dachte er schon auf der neuen. Aber da war kein Lokal mehr. Da war gar nichts mehr. Nur diese langen, blinden Fassaden links und rechts.

Auch hier kommt der Tod dem Bewusstsein zuvor. Wie lange dauert wohl die Ewigkeit? Vergeblich, die eigenen Schritte zu zählen und damit die Zeit zu messen. Hier gilt die Zeit nichts.

Denn im Jenseits herrschen andere Gesetze als im Diesseits - wie in der Welt der erfundenen Leben. Auch dazu weiß die Prinzessin eine Geschichte: Es war einmal ein Mann, der erfand für andere Leute deren Leben. Am häufigsten erfand er für sie Liebesgeschichten. Weil die Leute nichts mehr bewegt als verpasste Gelegenheiten und nie gemachte Eroberungen.

In seinem Herzen war er Künstler, und die Wirklichkeiten, die er sich ausdachte, sollten so vielfarbig und lebendig sein wie ein Gemälde oder eine Symphonie.
Seine erste Kundin in dieser Richtung war eine reiche Witwe ( ... ) sie ( ... ) wollte sich jetzt in ihren alten Tagen an Abenteuer erinnern, die sie nie gehabt hatte.


Seine ausgedachten Vergangenheiten waren wahre Kunstwerke. Die Menschen meinten sogar, sich genau an ihre Gefühle bei nie erlebten Affären zu erinnern. Ein lukratives Geschäft für den "Lebenserfinder". Wenn er nicht eines Tages von seiner eigenen Phantasie eingeholt worden wäre. Für zwei seiner Kunden hatte er eine hübsche junge Frau erfunden. Leider war gleiche blondhaarige Schönheit in beiden Geschichten aufs Haar die gleiche. Plötzlich sitzt sie ihm leibhaftig gegenüber: die von ihm ausgedachte perfekte Frau. Perfekt genug, um aus Eifersucht seine beiden Konkurrenten zu beseitigen, aber zu perfekt, um sie wirklich lieben zu können. Welche Überzeugungskraft hat ein erfundenes Leben?

Und welche Macht haben erfundene Geschichten? Scheherazade im Märchen von Tausendundeiner Nacht rettet ihre Erzählung das Leben. Auch die Prinzessin im Hotel "Palace" lebt nur vom Verkauf ihrer Märchen. "Zehnundeine Nacht" lang erzählt sie dem König immer wieder eine neue. Ihre unglaublichen Phantasiegeschichten spielen jetzt, aber auch in einer weit zurückliegenden Vergangenheit oder in entfernter Zukunft. Es sind moderne alte Märchen als Trost für die Enttäuschungen der Gegenwart.

Ganz bewusst knüpft Charles Lewinsky mit seinen Geschichten von Zehnundeiner Nacht an eine jahrtausendealte Erzähltradition an. Die moderne Version der Märchen von Tausendundeiner Nacht ist eine ironische Hommage. Der Autor weiß: Geschichten wie die mit dem Geist aus der Flasche, dem Mann mit zwei Köpfen oder dem Doppelgänger hat es schon immer gegeben. Die eigentliche Kunst ist, wie man sie erzählt. Charles Lewinskys Geschichten sind einfach und pointiert geschrieben und packend zu lesen: moderne Märchen zum Gruseln und Lachen, zum Erschrecken und Grübeln oder einfach nur zum Schmunzeln. Denn Lewinsky ist eben ein geborener Erzähler.

Charles Lewinsky: Zehnundeine Nacht.
Nagel & Kimche 2008. 190 Seiten, 17,90 EUR.

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