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StartseiteEine WeltDie Putin'schen Dörfer04.02.2012

Die Putin'schen Dörfer

Die Landbevölkerung steht hinter dem russischen Premier

In den Metropolen gehen Demonstranten gegen ihn auf die Straße, doch in der russischen Provinz ist Ministerpräsident Putin noch immer beliebt. Eindrücke aus dem sibirischen Dorf Akzionowo Silowskoje.

Von Mareike Aden

Wladimir Putin entzündet Kerzen in einer Kapelle in der russischen Stadt Tikhvin (picture alliance / dpa / Alexei Nikolsky)
Wladimir Putin entzündet Kerzen in einer Kapelle in der russischen Stadt Tikhvin (picture alliance / dpa / Alexei Nikolsky)

Musikstunde in der Dorfschule von Akzionowo Silowskoje: Die Drittklässler singen die Hymne ihres Dorfes – über die Schönheit der sibirischen Landschaft und die Größe Russlands. Die Kinder wissen genau, was es bedeutet, im flächenmäßig größten Land der Welt zu leben. Sie wohnen abgeschieden: 400 Kilometer entfernt von Chita, der Hauptstadt ihrer Region. Bis nach Moskau sind es 6000 Kilometer.

Ausgerechnet in ihrem Dorf aber machte Wladimir Putin vor zwei Jahren Halt, als er die lang ersehnte Autobahn quer durch Sibirien einweihte.

Die Lehrerin Galina Romanenko gehörte zu den ausgewählten Dorfbewohnern, die sich vor den Kameras des Staatsfernsehens mit Putin zu einer Plauderrunde im Garten versammeln durften. Der Besuch ist schon über ein Jahr her, aber sie können sich daran noch erinnern, als wäre Putin erst gestern hier gewesen.

"Wir haben uns große Sorgen gemacht, immerhin ist er der Premierminister und wir nur Bewohner eines abgelegenen Dorfes. Aber er war sehr locker und innerhalb weniger Minuten redeten wir ganz ungezwungen miteinander. Die Rentner erzählten, wie sehr sie sich über die letzten Rentenerhöhungen freuen und mich als Lehrerin fragte er, wie es mit der technischen Ausstattung unserer Schule aussieht. Und ich sagte, dass unsere Computer ein wenig veraltet seien."

Kurze Zeit später kamen 55 neue Computer in der Schule an – außerdem multimediale Schultafeln und Mikroskope. Für zwei von drei Etagen gab es noch neue Fenster.

Die Heizung in der Mensa ist allerdings nach wie vor kaputt und die einzigen Schultoiletten sind Plumpsklos auf dem Hof. Für das Kollegium steht ohnehin lange fest: Wladimir Putin soll ins Präsidentenamt zurückkehren, sagt auch Informatiklehrerin Tatjana Tschewtschenko.

"Seit Putin an die Macht gekommen ist, hat sich unser Leben verbessert: Löhne werden zum Beispiel jetzt rechtzeitig gezahlt und die Geschäfte sind nun immer voll mit Waren – das war früher nicht so. In Russland leben die Menschen jetzt eigentlich nicht schlechter als in Europa, wir entwickeln uns. Wir vertrauen Putin und wenn jemand anders an der Macht säße, dann würde alles wieder schlechter werden."

Rund 4000 Menschen wohnen in Akzionowo Silowskoje. Die meisten haben in ihren Holzhäuschen weder fließend Wasser noch Anschluss an die Kanalisation. Zehntausende solcher Dörfer gibt es in Russland. Umso mehr fühlten sich die Bewohner geehrt, als Putin ausgerechnet hierher zu Besuch kam.

Die Holzbank, auf der Putin in ihrem Garten saß, zeigt das Rentnerehepaar Nikolajew Besuchern voller Stolz. Sogar Kaufangebote haben sie schon bekommen – und abgelehnt. Warum Putins PR-Stab sie als Gastgeber ausgesucht hat, wissen sie nicht. Vielleicht weil der Rhododendron so schön blühte und das ein gutes Bild für die Kameras gab, vermuten sie. Ihre Stimme hat Putin sicher, sagt Albina Nikolajewa.

"Er wird nicht nur für Rentner wie uns wieder ein guter Präsident sein, sondern für alle. Er hat dafür gesorgt, dass wir viel höhere Pensionen bekommen – und im Februar gibt es eine weitere Erhöhung und dann bald noch eine."

Im Staatsfernsehen haben die Nikolajews gesehen, dass in Moskau Zehntausende mehrmals gegen die Ergebnisse der Parlamentswahl protestiert haben. Die Nikoljajews finden, dass die Protestierenden im Unrecht sind, sie fürchten um die Stabilität im Land – die kann nur Putin garantieren, glauben sie.

"Wir sind ganz andere Menschen als Moskauer – die sind doch übersättigt, sie haben alles. Aber selbst das reicht ihnen nicht, sie wollen immer noch mehr."

In Akzinowo Silowskoje dagegen ist schon das Schwimmbad eine Sensation, dessen Bau Putin anordnete. Der Rohbau steht, selbst bei Temperaturen von unter minus 45 Grad wird gebaut. Denn jeden Abend will das Moskauer Sportministerium einen Bericht sehen. Wer die teuren Betriebskosten zahlen wird, das ist jedoch noch unklar.

Seit Jahren haben die Mächtigen in Russland die Grenzregionen zu China besonders im Blick: zu Sowjetzeiten waren es meist militärisch streng kontrollierte, aber wirtschaftlich wenig entwickelte Gebiete. Mit staatlichen Entwicklungsprogrammen will Moskau Aufschwung in die Region bringen, die Menschen dort halten und Flagge zeigen gegen den sich rasant entwickelnden Nachbarn China. Sibirien und der Ferne Osten bieten Putin schon seit Jahren eine Kulisse für öffentliche Inszenierungen, sagt die kremlkritische Journalistin Marina Meteljowa aus Chita.

"Die Mächtigen verstehen, dass Wähler in Moskau schwieriger sind, besser informiert. Die Menschen hier freuen sich über Aufmerksamkeit, wenn die Mächtigen sie vor Wahlen fragen, welche Probleme es gibt. Und dann ist da die Nähe zu China: Wenn es auf der russischen Seite der Grenze große soziale Probleme gibt, die Menschen gehen, Dörfer mit der Zeit aussterben, dann ist klar, was das für die Unversehrtheit Russlands bedeuten könnte."

Am Dorfrand von Akzinowo Silowskoje werden ab Sommer – wieder mal dank Putin - ein paar Dutzend moderne Häuser hochgezogen. Das soll ein weiterer Anreiz für junge Leute sein zu bleiben. Fließend Wasser und Gasheizungen für alle und zumindest ein paar asphaltierte Straßen, darauf hoffen die Dorfbewohner. Aber sie wissen: dafür müsste Putin - dann als Präsident – wohl noch einmal vorbeikommen, um in dem sibirischen Dorf nach dem Rechten zu sehen.

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