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StartseiteForschung aktuellDie Qual der Wahl – wie weggewaschen07.05.2010

Die Qual der Wahl – wie weggewaschen

Wie Hygiene auf die Psyche wirkt

Psychologie. Simple Hygiene hilft, mit einmal getroffenen Entscheidungen leichter zu leben. Zum Beispiel kann Händewaschen den Kopf von lästigen Alltagsgedanken befreien. Warum, das erklärt der Psychologe Norbert Schwarz im Interview mit Ralf Krauter.

Kann Händewaschen wirklich quälende Gedanken verbannen? (AP Archiv)
Kann Händewaschen wirklich quälende Gedanken verbannen? (AP Archiv)

Ralf Krauter: Das Leben ist voller Entscheidungen: Käfer oder Cabrio? Konzert oder Theater? Stadtwohnung oder Einfamilienhaus im Grünen? Wer die Qual der Wahl hat, hadert auch dann noch mit sich, wenn die Entscheidung längst getroffen ist – und zwar unbewusst. Kognitive Dissonanz nennen Psychologen das und haben jetzt ein erstaunlich simples Mittel dagegen gefunden. Der deutsche Professor Norbert Schwarz von der Universität Michigan schreibt heute im Fachmagazin "Science": Händewaschen hilft. Wozu das gut sein soll, habe ich ihn vorher gefragt.

Norbert Schwarz: Wenn Sie eine Entscheidung treffen, die schwierig ist, dann ist die Entscheidung oft schwierig, weil sie auf beiden Seiten der Entscheidung gute oder schlechte Sachen sehen. Also zum Beispiel, Sie wollen Urlaub machen und sie fragen sich: Soll ich nach Paris gehen und in die Museen oder soll ich an die Riviera fahren, mich an den Strand legen? Und wie immer Sie sich nun entscheiden, verpassen Sie etwas. Gehen Sie nach Paris, wird es nichts mit dem Strand. Gehen sie an die Riviera, wird es nichts mit dem Museum. Und sie lösen normalerweise diesen Konflikt dadurch, dass sie sich überzeugen, dass sie das richtige gewählt haben. Wenn Sie also an die Riviera gehen, dann wird der Strand umso wichtiger und Sie überzeugen sich irgendwann, dass die Bilder im Museum sowieso alle alt sind und Sie nicht so viel verpassen, indem Sie jetzt nicht ins Museum gehen.

Krauter: Man redet sich die eigene Entscheidung ein bisschen schön. Kann man das so sagen?

Schwarz: Ja, das ist eine kognitive Arbeit. Das ist Gedankenarbeit, mit der Sie sich selber zurechtlegen, dass Ihre Entscheidung richtig war. Und was wir in diesen Experimenten finden, ist, dass Sie diesen Konflikt hinter sich lassen können, dass sich den sozusagen einfach abwaschen können. In unseren Untersuchungen entscheiden sich Studenten, welche von zwei CDs sie mit nach Hause nehmen wollen oder welche Marmelade von zwei Marmeladen sie wählen. Und der Konflikt kommt daher, dass sie im Fall der CD zwei CDs zur Wahl haben, die ihnen beide gut gefallen, sie können aber nur eine nehmen. Im Fall der Marmeladen kommt der Konflikt daher, dass sie eine kleine Menge einer sehr guten Marmelade oder eine größere Menge einer anständigen, aber nicht fantastischen Marmelade kriegen können. Und sobald sie sich nun entschieden haben, sagen wir vielen Dank. Sie kriegen also ihre CD oder sie kriegen ihre Marmelade. Dann bitten wir Sie, einen weiteren Produkttest zu machen und in einer Bedingung gucken sie sich eine Seifenflasche an und in der anderen Bedingung testen sie die Seife, indem sie sich die Hände waschen. Wenn sie sich die Seifenflasche nur ansehen, dann sehen unsere Ergebnisse so aus wie in Hunderten von Dissonanzexperimenten zuvor: Sie finden die Marmelade, die sie gewählt haben attraktiver als die, die sie nicht gewählt haben. Sobald sie sich allerdings die Hände waschen und die Seife auf diese Weise testen, sieht es so aus, als ob sie alle ihre Konflikte weggewaschen hätten und sie kein Bedürfnis mehr haben, nun die gewählte Marmelade als so viel besser zu sehen als die nicht gewählte Marmelade. Sie können also sozusagen die Dissonanz wegwaschen und sich die kognitive Arbeit der Rechtfertigung sparen.

Krauter: Das heißt, wer sich die Hände gewaschen hat, ist sozusagen auch gedanklich mit sich im Reinen, mit seinen Entscheidungen, die er gerade getroffen hat.

Schwarz: Zumindest im Moment. Was wir noch nicht wissen, ist, wie das langfristig aussieht. Wenn Sie die Gedankenarbeit machen und sich mit Ihrer Entscheidung anfreunden und sich überzeugen, dass Ihre Entscheidung richtig war, dann sind Sie wahrscheinlich über lange Zeit hinweg auch mit sich im Reinen. Und wenn immer nun Fragen wie der übers Museum auftauchen, haben Sie diese Arbeit gemacht, dass diese Bilder sowieso alle schon alt sind und der Strand besser war. Was wir nicht wissen, ist, was passiert, wenn Sie sich die Hände gewaschen haben? Es ist durchaus denkbar, dass Sie kurzfristig kein Bedürfnis haben, jetzt ihre Entscheidung zu rechtfertigen, weil Sie diesen Konflikt weggewaschen haben. Da Sie aber langfristig, wenn Sie jetzt an Ihren Konflikt irgendwie erinnert werden, dieser Konflikt wieder hochkommt, was nicht der Fall wäre, wenn Sie Ihre Dissonanz durch Gedankenarbeit reduziert haben und sich wirklich überzeugt haben, dass das Museum nichts taugt und der Strand fantastisch war, das ist die nächste Frage, auf die ich aber noch keine Antwort weiß.

Krauter: Wie übertragbar auf wirklich komplexe Entscheidungen sind Ihre Ergebnisse denn. Wenn ich jetzt das Beispiel mit der CD-Auswahl sehe – das ist ja eigentlich eine relativ simple Entscheidung. Nehmen wir etwas Kompliziertes: Ein Haus kaufen, wo man sich jahrelang vorher vielleicht damit beschäftigt. Könnte da so etwas auch gelten?

Schwarz: Ich würde es annehmen. Ich würde annehmen, dass die Muster genauso aussehen. Was wahrscheinlich passiert, ist, dass Sie öfter die gleiche Entscheidung immer wieder angehen und immer wieder von unterschiedlichen Zeiten betrachten. Und zu jedem Zeitpunkt, wo Sie das machen, ein neuer Konflikt aufkommt und Sie also neu Dissonanz reduzieren müssen und neu darüber nachdenken müssen. Sie sind also wahrscheinlich nicht in der glücklichen Lage, dass Sie es einmal wegwaschen und es kommt nie wieder. Bei der CD ist es wahrscheinlich so. Sie waschen es weg. Sie haben Ihre CD und das war's. Beim Hauskauf wohnen Sie dann natürlich in dem Haus und Sie müssten sozusagen, symbolisch gesprochen, sich die Hände wahrscheinlich sehr oft waschen, wenn sie über Ihr Haus nachdenken.

Krauter: Waschen Sie sich die Hände öfter seit diesen Experimenten? Hat sich bei Ihnen etwas verändert?

Schwarz: Ich glaube ja. Ich habe den Eindruck, dass ich mir die Hände öfter wasche, aber das ist sicherlich keine bewusste Entscheidung, sondern, wenn Sie viel über Händewaschen nachdenken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich die Hände waschen. Wenn Sie viel über Essen nachdenken, sind Sie die ganze Zeit hungrig. Deshalb machen wir Händewasch-Untersuchungen. Und in der Tat: Ich denke sowohl ich wie Spike Lee, mein Co-Autor und Doktorand in dieser Untersuchung, waschen uns die Hände häufiger.

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