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StartseiteBüchermarktDie Rache der Schande30.05.2008

Die Rache der Schande

Yasmina Khadra: "Die Sirenen von Bagdad", Nagel & Kimche, München 2008, 320 Seiten

Der abschließende Band der Romantrilogie des algerischen Schrifttstellers Yasmina Khadra spielt im besetzten Irak. Darin begleitet er seinen Erzähler, einen Studenten, in den terroristischen Untergrund, nachdem sein Vater von US-Soldaten gedemütigt wurde. "Die Sirenen von Bagdad" ist ein tabuloses Mosaik der irakischen Gesellschaft unter amerikanischer Besatzung.

Von Christoph Vormweg

Ein aufwühlender, schonungsloser Roman. (AP)
Ein aufwühlender, schonungsloser Roman. (AP)

" Mon nom est Mohammed Moulessehoul. […] Mon pseudonyme c´est Yasmina Khadra - qui sont les prénoms de ma femme. "

Unbequeme, politisch brisante Romane hat Mohammed Moulessehoul schon als hoher Offizier der algerischen Armee geschrieben. Durch das Einschreiten der militärischen Zensur sah er sich in den 1990er-Jahren jedoch gezwungen, anonym unter den Vornamen seiner Frau Yasmina Khadra zu publizieren. Zu realistisch sein Blick auf die Tragödie seiner vom Bürgerkrieg zerrissenen Heimat, zu kritisch seine Seitenhiebe gegen Machteliten, die ihr Volk längst vergessen hatten. Erst vor acht Jahren, nach der Übersiedlung nach Frankreich, lüftete Yasmina Khadra sein Pseudonym. Auf jedes seiner neuen Bücher warten heute hunderttausende Leser - nicht nur in Algerien, auch in Frankreich. Denn der 53-jährige ist unbequem geblieben und gleichzeitig ein mitreißender Erzähler – ein Erzähler wider das Vergessen:

" Wissen Sie, das Gedächtnis der Menschen gleicht dem der Goldfische. Es reicht ungefähr drei Sekunden zurück. Und so glaubt man hier im Westen, dass man immer schon für die Moderne stand, dass es hier nie ein Mittelalter gab, nie die Disqualifikation der Frau, nie Armut, Kriege und religiöse Exzesse. Man glaubt, erst gestern geboren worden zu sein. Und wenn man dann sieht, wie sich Muslime gegenseitig töten, meint man, über diese Katastrophe und Desaster erhaben zu sein. "

Yasmina Khadra ist als Schriftsteller kein Verkünder politischer Rezepte, sondern ein Aufklärer. In seiner Roman-Trilogie über den islamistischen Terrorismus erzählt er von ganz konkreten Erfahrungen: im ersten Band "Die Schwalben von Kabul" vom Drama des Alltags unter der Taliban-Herrschaft in Afghanistan, im zweiten Band "Die Attentäterin" von der Spurensuche eines Israelis arabischer Herkunft, der verstehen will, warum seine Frau zur Selbstmordattentäterin wurde. Der dritte, abschließende Band "Die Sirenen von Bagdad" spielt im besetzten Irak und in Beirut. Der Ich-Erzähler, der wegen der US-Invasion sein Studium abbrechen musste, wartet auf seinen Terror-Einsatz in Europa, der schlimmere Auswirkungen haben soll als die Flugzeug-Attentate des 11. September:

" Ich versuche, der Welt zu erklären, was der Terrorismus ist, dass er kein Schicksal ist, keine Krankheit, keine zweite Natur. Es geht hier um eine rein menschliche Frage, um ganz gewöhnliche Menschen, die versuchen, in aller Bescheidenheit das bisschen Hoffnung zu leben, das sie haben, die versuchen, mit notdürftigen Mitteln ein Ideal zu konstruieren. Doch man hindert sie am Leben, man respektiert sie nicht. Und wenn manche Jugendliche dann die Orientierung verlieren, die man ihnen geben wollte, werden sie zu etwas, was sie gar nicht sind. "

Der Erzähler, ein gebürtiger Beduine wie Yasmina Khadra selbst, kennt nur noch Wut. Zu Beginn des Romans schweift sein Blick über das verhasste Beirut, diesen – so wörtlich – "Abklatsch der Städte der Feinde", dieser "Falschspielerin, unstet und flatterhaft, immer zu üblen Scherzen aufgelegt". Dabei verstrickt er sich in ein Gespräch mit Doktor Jalal, dem einstigen arabischen Vorzeige-Intellektuellen in Europa. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt und ist zum Sprachrohr der Gotteskrieger des Dschihad geworden:

" Der junge Beduine, der zu einem – wie man im Westen sagt – Terroristen wird, hatte früher ein Lebensideal. Doktor Jalal auch: Er hatte an die Grundwerte geglaubt, die der Westen dem Rest der Welt vorschlägt, hatte seine Weltsicht angenommen, seine Philosophie, seine Lebensweise. Bis er merkte, dass Leute wie er im Westen nie wirklich akzeptiert worden sind, dass man sie immer als Parias angesehen hat, als Vaterlandsverräter, dass man sie bloß manipuliert hat. Aus einem großen Intellektuellen hatte man einen "Mohr vom Dienst" gemacht. Und wenn so ein "Mohr vom Dienst" begreift, wie weit die Infamie geht, wie sehr er von Leuten verraten wurde, die er für seine Freunde und Mitstreiter hielt, dann passiert das Gleiche wie mit meinem Beduinen: Dann rächt er sich wie jeder gedemütigte Mensch. "

Mit seinem brillanten, höchst anspielungsreichen Einstiegsdialog erreicht Yasmina Khadra im Grunde schon sein Ziel: die Verunsicherung des Blicks auf die Konfrontation von westlicher und islamischer Welt, die Reindividualisierung eines Dramas im Zeichen des tagtäglichen Fernsehbilderkriegs. Danach beginnt der chronologisch angelegte Mittelteil des Romans "Die Sirenen von Bagdad". Der Erzähler blickt auf seine Kindheit und Jugend in einem abgelegenen irakischen Wüstenkaff zurück, auf das plötzliche Ende der Beschaulichkeit, als übernervöse US-Soldaten an einer Straßensperre den geistesgestörten Suleiman erschießen. Von da an schaukelt sich die Gewaltbereitschaft der Männer im Dorf, angeheizt durch den ersten Kneipen-Fernseher, immer weiter hoch.

Den Erzähler mit seinen literarischen Vorlieben interessiert das zunächst kaum. Als jedoch ein US-Trupp bei einer Razzia im Morgengrauen seinen greisen Vater brutal aus dem Bett zerrt und dabei sein Geschlecht entblößt, zählt für den Sohn nur noch ein Gedanke: die Schande muss gerächt, die Ehre wiederhergestellt werden. Überstürzt verlässt er sein Dorf und taucht im Chaos von Bagdad ab. Die Traumata des besetzten Landes am Rande des Bürgerkriegs, der Werte- und Moralzerfall spiegeln sich in der Vielzahl der Figuren, denen er begegnet. Yasmina Khadra beschreibt sie knapp und präzis in ihrer Zerrissenheit, ihrer blinden Wut, ihren Resthoffnungen.

" In meinen Büchern gibt es Leben, Action, Rhythmus. Denn ich behandle keine peripheren Dinge. Ich tauche mitten hinein ins Problem. Deshalb die Spannung. Aber nicht wie im Krimi. Diese Spannung nährt sich aus dem Klima, unter dem meine Figuren leiden, [...] aus der gewalttätigen Realität, die sie umgibt. Diese Gewalt macht unseren Alltag aus. "

Die Stringenz gehört zu den großen Stärken von Yasmina Khadras Prosa. Das bestätigt auch sein Roman "Die Sirenen von Bagdad". Nie verliert er den Plot aus dem Blick: den gefahrvollen Weg des Erzählers in den terroristischen Untergrund. Und doch gelingt ihm ein verstörendes Großstadtporträt, ein düsteres, gewaltstrotzendes, tabuloses Mosaik der irakischen Gesellschaft unter amerikanischer Besatzung. Jede Begegnung – ob mit der Schwester des Erzählers, die als Ärztin ohne Trauschein lebt, oder mit dem versoffenen Ex-Korporal Omar, der sich als Homosexueller entpuppt – steuert neue, konkrete Erfahrungen bei.

Yasmina Khadra klagt dabei nicht an. Er seziert menschliche Verhaltens- und Reaktionsmechanismen, zeichnet Menschen am Abgrund: gefangen in ihrer Mentalität, in den Automatismen ihrer Ehrenkodexes. Die Sehnsucht nach dem großen Befreiungsschlag aus der Misere hält die Spannung bis zum Schluss auf höchstem Niveau – auch intellektuell durch die emotionsgeladene Grundsatzdiskussion von Doktor Jalal und einem arabischen Großschriftsteller kurz vor dem Showdown in Beirut. Ein aufwühlender, eindringlicher, schonungsloser Roman, in seiner Eingängigkeit und Zuspitzung geradezu Ideallektüre für die Oberstufe.


Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad. Roman.
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagave.
Nagel & Kimche Verlag, München 2008.
315 Seiten, 19,90 Euro.

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