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StartseiteInterview"Die Radikalisierung durch die Ultraorthodoxen geht weiter"25.01.2013

"Die Radikalisierung durch die Ultraorthodoxen geht weiter"

Autorin Isabelle Neulinger kidnappte ihren Sohn und floh aus Israel – der EuGH gab ihr Recht

2005 flieht Isabelle Neulinger mit ihrem Sohn aus Israel, nachdem ihr Mann einer ultraorthodoxen Sekte beigetreten war. Es folgt ein jahrelanger erbitterter Sorgerechtstreit. Jetzt hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. In ihrem Buch "Meinen Sohn bekommt ihr nie" warnt sie vor wachsendem religiösen Fundamentalismus in Israel.

Isabelle Neulinger im Gespräch mit Christoph Heinemann

Die Autorin beklagt, man verschließe die Augen vor dem Fundamentalismus der ultraorthodoxen Juden  (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Die Autorin beklagt, man verschließe die Augen vor dem Fundamentalismus der ultraorthodoxen Juden (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Christoph Heinemann: 34 Jahre jung ist die Schweizer Jüdin Isabelle Neulinger, als sie 1999 nach Israel auswandert. Das Land fasziniert sie, Verwandte leben dort, alles klappt, sie findet rasch Arbeit und lernt einen jungen, weltoffenen, gut aussehenden Sportlehrer, nämlich Shai Shuruk kennen und lieben. Die beiden heiraten und bekommen ein Kind. Sie genießen das Leben in Tel Aviv. Soweit der Bilderbuchteil. Nun folgen die dunklen Kapitel: Ihr Mann bewegt sich langsam, aber sicher in Richtung des ultraorthodoxen Judentums. Die Regeln, die Shai sich auferlegt und von einem Rabbiner der radikalen Lubawitscher-Bewegung auferlegen lässt, belasten das gemeinsame Leben zunächst, dann zerstören sie die Familie. Isabelle Neulinger, die sich selbst als traditionsbewusst und durchaus auch religiös beschreibt – das sagt sie auch gleich im Gespräch -, gelingt es, ihren Sohn gesetzeswidrig aus Israel zu entführen (im Buch eine dramatische Schilderung am Grenzübergang zum Sinai) und mit dem Jungen in die Schweiz zurückzukehren. Dann beginnt die juristische Auseinandersetzung um das Kind, die durch viele Instanzen und aus Sicht der Mutter durch viele Niederlagen führt und die erst vor der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Sommer 2010 mit dem endgültigen Verbleib des Jungen in der Schweiz endet. Isabelle Neulinger hat ihre Geschichte aufgeschrieben, das Buch erscheint am kommenden Montag in deutscher Sprache unter dem Titel "Meinen Sohn bekommt ihr nie – Flucht aus dem gelobten Land". Im Nachwort schreibt die Autorin:

"In diesem demokratischen, mitunter höchst widersprüchlichen Land schützt man sich vor dem islamischen Fundamentalismus, während man die Augen vor dem Fundamentalismus der ultraorthodoxen Juden verschließt. Man schweigt über ihre sektenähnlichen Methoden, oder belächelt sie milde. Es sind Männer, die ihren Tag mit einem Gebet beginnen, dessen erster Vers lautet, "Gelobt sei Gott, weil er mich nicht als Frau erschuf". Und vergessen wir nicht, dass einzig den Männern das Recht vorbehalten bleibt, heilige Texte auszulegen, in denen es um die Rechte der Frauen geht."

Heinemann: Letzteres gilt beileibe nicht nur für das Judentum. Insofern kann man dieses Buch auch lesen als Aufklärungsschrift für alle Frauen, die in die Fänge radikal Religiöser gelangen. – Vor dieser Sendung habe ich Isabelle Neulinger gefragt, warum sie dieses Buch geschrieben hat.

Isabelle Neulinger: Zuerst für meinen kleinen Jungen, damit er weiß, was sich wirklich in Israel und in seinem, meinem und unserem Leben zugetragen hat, damit er eines Tages versteht, warum ich das Land, in dem er geboren wurde, auf so brutale Weise verlassen musste.

Heinemann: Indem Sie Ihren Sohn entführt haben.

Neulinger: Genau. Die Gründe, warum ich ihn heimlich mitnehmen musste. Und vielleicht auch mit der kleinen Hoffnung, dass dieser Bericht die Sache der Frauen in Israel voranbringen möge und vielleicht auch anderswo in der Welt.

Heinemann: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie selbst Ihren ehemaligen Mann aufgefordert haben, einmal eine Synagoge zu besuchen. Wieso?

Neulinger: Weil er in religiösen Dingen vollkommen ahnungslos war. Er war jemand, der nie den Fuß in eine Synagoge gesetzt hatte. Ich stamme aus einer Familie, die nicht übermäßig praktizierend ist, in der die großen Feste allerdings gefeiert werden. Ich dachte damals: wenn man in Israel geboren ist, dort lebt und über eine so geringe jüdische Identität verfügt, ist das paradox. Ich wollte, dass er einmal sieht, was in einer Synagoge abläuft.

Heinemann: Welcher Tropfen brachte für Sie das Fass zum Überlaufen?

Neulinger: Eines Morgens ist mein Mann zu uns nach Hause gekommen, um mich zur Arbeit zu bringen. Wir hatten eine Vereinbarung: ich verdiente das Geld, ich hatte damals eine gute Stelle in einem multinationalen Unternehmen in Israel, und er kümmerte sich um das Baby und hatte das Auto zur Verfügung. In dieser Zeit wurde er immer stärker ergriffen von der Religion. Er lernte den ganzen Tag und hatte gleichzeitig unser Kind. Er ist in den Straßen herumgelaufen und hat für die ultraorthodoxe Gemeinschaft der Lubawitscher gebettelt. Und jeden Morgen kam er später, um mich zur Arbeit zu bringen. Einmal weigerte er sich, unseren Sohn zum Arzt zu bringen, nur weil er an einem Shabbat erkrankt war. Er hat mich bedroht. Eines Morgens im Frühling, als er mich zur Arbeit bringen sollte - wieder einmal verspätet -, habe ich ihm die Türe geöffnet. Und er sah mich eiskalt von Kopf bis Fuß an und fragte, ob ich die Absicht habe, mit seinem Sohn auf die Straße zu gehen, gekleidet wie eine Prostituierte. In seinem Blick lag so viel Hass, Verachtung, Abscheu und Verbitterung – das war der Elektroschock, der mich hat aufwachen lassen.

Heinemann: Haben Sie zu viele Kompromisse gemacht?

Neulinger: Nein, ich war diesem Mann verpflichtet, ich hatte ihn geheiratet, wir hatten eine Familie gegründet. Ich war überhaupt nicht bereit, bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Das ist der eine Teil der Antwort. Außerdem dachte ich während der ganzen Zeit, dass dies vorübergehen würde, sobald er alles gelernt und begriffen hätte, was er lernen wollte, dass wir dann zu einem – in Anführungszeichen – normalen Leben zurückkehren könnten.

Heinemann: Gibt es in Israel viele Frauen, die sich in einer Lage befinden, wie Sie sie beschreiben?

Neulinger: Ja, und zwar deshalb, weil es viele Frauen gibt, die nach Israel eingewandert sind. Sie heiraten Israelis und wenn diese Ehen scheitern, müssen sie erst einmal geschieden werden, was gar nicht so einfach ist. Wenn sie das schaffen, dann ist es ihnen verboten, das Land mit ihren Kindern auch nur für eine Reise zu verlassen - aus Angst, sie könnten die Kinder dauerhaft entführen. Israels Politik ist in dieser Hinsicht äußerst drakonisch. Es gibt also viele Immigrantinnen, die allein, vollkommen verzweifelt und sehr desillusioniert sind. Ja, es gibt viele.

Heinemann: "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk, ein Gespräch mit Isabelle Neulinger, Autorin des Buchs "Meinen Sohn bekommt ihr nie - Flucht aus dem gelobten Land". - Hat sich Ihr Bild von Israel während der Zeit, in der Sie dort gelebt haben, geändert?

Neulinger: Vor meiner Einwanderung betrachtete ich Israel als Idyll; mein Bild war fast so wie das eines Jugendlichen oder eines Kindes. Und mein Leben in Tel Aviv hat dieses Bild bestätigt. Mein Leben in Israel war zu Beginn genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Verändert hat sich mein Bild der Religion. Ein kleiner Teil der Ultraorthodoxen versucht, den anderen Juden ihre Vorstellung vom Judentum aufzuzwingen. Als ich meinem Mann auf einem Teil des Weges in die Religion folgte, hatte ich das Gefühl, etwas Geheimes, Göttliches und Mystisches zu berühren. Ich dachte, das ist ein Teil meines Judentums, der mir bisher entgangen war. Aber diese Illusion musste ich aufgeben, denn ich habe Zwang und Nötigung erfahren, statt Spiritualität und Schönheit. Das war für mich eine sehr große Enttäuschung.

Heinemann: Ist diese Radikalisierung auf dem Vormarsch?

Neulinger: Leider ja, denn obwohl die Ultraorthodoxen verglichen mit den Laizisten nur eine kleine Gruppe bilden, etwa zehn Prozent, verfügen die über die höchste Geburtenrate. Es gibt eine Erneuerung des ultraorthodoxen Judentums, die von der Politik unterstützt wird, auch mit Subventionen. Die Folge: Die Ultraorthodoxen sind vom Staat abhängig. Außerdem muss man wissen, dass die Ultraorthodoxen in Israel nicht verpflichtet sind, die allgemeinbildenden Fächer zu lernen. Sie lernen nur Religiöses. Das heißt, ein Teil der Bevölkerung schert sich nicht um die Demokratie, sie versteht sie übrigens auch nicht. Die Radikalisierung durch die Ultras geht weiter.

Heinemann: Zur juristischen Seite: Welche Folgen hatte die Entscheidung der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg?

Neulinger: Eine bedeutende, denn zum ersten Mal in der Geschichte eines supranationalen Gerichtes wurde das Recht einer Kidnapper-Mutter anerkannt. Und dies war das erste Mal in der internationalen Justizgeschichte, dass das Interesse des Kindes höher bewertet wurde als alle andere: höher als internationale Verträge, als die Gesetze des Landes. Also ein sehr wichtiger Urteilsspruch, der die Auslegung des Familienrechts und des internationalen Privatrechts stark beeinflusst.

Heinemann: Leben Sie immer noch in der Furcht, ihr Sohn könnte entführt werden?

Neulinger: Ja, damit muss ich leben. Ich schaue immer noch über die Schultern. Ich lasse meinen Sohn niemals allein – unter keinem Vorwand. Meine Anwälte haben mir gesagt, dass dies durchaus wahrscheinlich sein könnte. Also: Ich lebe damit, aber so gut wie möglich, indem ich die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen treffe.

Heinemann: Isabelle Neulinger, Autorin des Buchs "Meinen Sohn bekommt ihr nie – Flucht aus dem gelobten Land", das in diesen Tagen in deutscher Sprache erscheint. – Übrigens hat die zentrale Wahlkommission in Israel inzwischen bestätigt, dass das Lager aus rechten und religiösen Parteien nach Auszählung aller Stimmen eine hauchdünne Mehrheit von 61 der 120 Mandate in der Knesset erzielt hat.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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