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StartseiteThemen der WocheDie Region brennt längst11.05.2013

Die Region brennt längst

Das internationale Ringen um Syrien

Nach fast hunderttausend Toten nun also eine Konferenz. Wer's glaubt, wird selig: Die Aufrüstung der Kriegsparteien läuft auf vollen Touren, schon bald wollen auch Paris und London ihre Zurückhaltung bei der Bewaffnung der Assad-Gegner aufgeben. Dann fällt das EU-Embargo.

Von Markus Bickel, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Ein syrischer Rebell im Dorf Sicco in der Nähe von Aleppo (picture alliance / dpa /Stringer)
Ein syrischer Rebell im Dorf Sicco in der Nähe von Aleppo (picture alliance / dpa /Stringer)

Immerhin hat der Syrien-Sonderbeauftragte Lakhdar Brahimi seinen Rücktritt noch einmal verschoben. Als "erste gute Nachricht seit Langem" sieht der Algerier den von Amerika und Russland vermittelten Versuch, alle Seiten an einen Tisch zu bekommen.

Schön wär's. Die Region brennt, längst hat der Syrien-Krieg die Grenzen überschritten. Obamas "rote Linie" hat damit wenig zu tun: Nicht der Gebrauch des Nervengases Sarin, sondern das Übergreifen der Kämpfe in die Nachbarländer hat die Diplomaten zurück auf den Plan gebracht. Warum Chemiewaffeneinsatz eine westliche Intervention rechtfertigen soll, unzählige Massaker aber nicht, hat in Homs, Hama und Aleppo ohnehin nie einer verstanden. Bis Jahresende werden nach UN-Schätzungen zehn der 20 Millionen Syrer vertrieben sein.

Warum sich die Diplomatie jetzt wieder regt, hat andere Gründe. Israels Angriffe auf Waffenlager nahe der Hauptstadt haben einen neuen Akteur in den Konflikt gebracht, der zwei Jahre lang verstohlen auf den Machterhalt des Diktators in Damaskus setzte. Auch Irans Stellvertreterarmee an der Grenze zum Heiligen Land hat die Masken fallen lassen: Die libanesische Hizbullah verteidigt in Syrien nun offen schiitische und iranische Interessen. Seite an Seite mit Assads Spezialkräften sichern Kämpfer Nasrallahs die Rückzugsschneise des Regimes an die Mittelmeerküste.

Die zynische Hoffnung, der Syrien-Krieg werde ausbluten, hat sich damit endgültig erledigt.

Die von Realpolitikern wie Außenminister Guido Westerwelle hartnäckig vertretene These, eine westliche Intervention werde zu einem Flächenbrand führen, ist längst auf den Kopf gestellt. Das Gegenteil ist der Fall: Weil nicht eingegriffen wurde, konnte sich der Konflikt ausbreiten – im Irak, in Jordanien, in der Türkei und im Libanon gärt es; auf den von Israel besetzten Golanhöhen sind bereits Geschosse eingeschlagen. Selbst zur Einrichtung einer Flugverbotszone, wie von der Opposition seit Langem gefordert, konnte sich der Westen nicht durchringen. Zu Kritik an Israels Vorgehen übrigens auch nicht.

Taktisch betrachtet nutzten Assad die Angriffe, denn sie vereinen Sunniten, Schiiten und Alawiten gegen den Judenstaat. Lange aber wird die Solidarität nicht halten: Mehr und mehr wird der Konflikt von konfessionellen Gegensätzen überdeckt. Sunnitische Al-Qaida-Fanatiker sind ebenso im Einsatz wie schiitische Gotteskrieger, die beide noch vor Kurzem im Irak die amerikanischen Besatzer bekämpften. In Trümmern liegt das multikonfessionelle Syrien, das unter der Diktatur weiter bestand.

Schuld für dessen Zerstörung trägt Assad, nicht die Opposition. Von Beginn an setzte er auf die gewaltsame Niederschlagung des friedlichen Aufstands. Die brutale Unterdrückung der zivilen Kräfte hat er bis heute nicht beendet; Zehntausende stecken in den Gefängnissen. Mit dem Diktator von Damaskus ist kein Frieden zu machen – auch wenn vieles darauf hindeutet, dass Russland und Amerika sich hinter den Kulissen auf seinen Verbleib im Amt einigen werden. Zumindest bis zu den nächsten Wahlen.

Zu Recht lehnt die Opposition das kategorisch ab. Anders, als der US-amerikanische Außenminister John Kerry und sein russischer Kollege Sergej Lawrow. Auch Westerwelle hat stets für eine jemenitische Lösung plädiert – Straffreiheit für Assad bei Rückzug von der Macht.

Es wäre ein Schlag ins Gesicht der Opfer, abgesegnet von den vermeintlich demokratischen Kräften in Berlin, London, Paris und Washington. Wie auch immer die Konferenz ausgeht, eines ist klar: Einen gerechten Frieden werden die Großmächte Syrien nicht bringen. Dazu haben sie die freiheitlichen Kräfte zu lange im Stich gelassen. Viel zu lange. Sie kommt hunderttausend Tote zu spät.

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