Interview / Archiv /

 

"Die Risiken der Gentechnik sind ja erheblich"

Grünen-Politikerin kritisiert den Einsatz von Gentechnologie

Ulrike Höfken im Gespräch mit Stefan Heinlein

Ulrike Höfken, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Landwirtschaft (Bündnis90/Die Grünen)
Ulrike Höfken, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Landwirtschaft (Bündnis90/Die Grünen) (Deutscher Bundestag)

Die Agrar- und Verbraucherschutzexpertin Ulrike Höfken von den Grünen verweist darauf, dass Gentechnik nicht lediglich die Öko-Bauern betreffe. Sie kritisiert, dass die Industrie die Gentechnologie nicht im Griff habe und Pflanzen sich in der Natur unkontrolliert ausbreiten würden.

Stefan Heinlein: Grüne Gentechnik ja oder nein - es herrscht ein Glaubenskrieg auf deutschen Äckern. Für die einen ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen die Zukunft der Landwirtschaft, für die Kritiker dagegen ein gefährlicher Eingriff in die Natur. Bisher ist in Deutschland unter strengen Auflagen in Einzelfällen beides möglich. So regelt es ein Gesetz, das 2004 noch von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedet wurde. Doch nun wollen die Anhänger der Gentechnik eine Lockerung der Vorschriften und haben vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Heute die Entscheidung in Karlsruhe.
Mitgehört hat die Agrar- und Verbraucherschutzexpertin der Grünen, Ulrike Höfken. Guten Morgen!

Ulrike Höfken: Guten Morgen, Herr Heinlein!

Heinlein: Wird Karlsruhe heute zum Schutzpatron der deutschen Ökobauern?

Höfken: Es geht erstens nicht um einen Glaubenskrieg, sondern um eine seriöse Nutzen- und Risikoabwägung, und es geht auch nicht um die Ökobauern, sondern eigentlich die ganze normale Landwirtschaft und die Rechte der Verbraucher. Das Land Sachsen-Anhalt hat sich unter seiner damaligen Regierung - das war ja Schwarz-Gelb, FDP und CDU - einfach vor den Karren von Monsanto spannen lassen, von diesem US-Konzern, und hat einfach vertreten, es gilt die Berufsfreiheit und wenn Gentechnik-Pflanzen einmal zugelassen sind, dann dürfen sie einfach so überall ausgesät werden, und sie haben die Rechte der Verbraucher genauso wie die Rechte der Landwirte einfach negiert und sie rechtlos gestellt mit ihrem Ansinnen. Ich glaube nicht, dass die Richter dem folgen werden.

Heinlein: Sie hoffen also auf eine klare Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Was wären denn die möglichen Folgen? Ist dann der Vormarsch der Gentechnik in Deutschland vorerst gestoppt?

Höfken: Nein, das hängt natürlich nicht an diesem Urteil, sondern es geht darum, ob die geltenden Gesetze weiter Bestand haben. Davon gehe ich eigentlich aus. Aber natürlich wissen wir, dass die Auseinandersetzung um die Agro-Gentechnik weitergeht. Sie ist ja mitnichten dafür da, irgendwie den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, denn wir produzieren ja auch heute schon ganz normal ein Drittel mehr Kalorien, als die Weltbevölkerung überhaupt braucht. Es geht eigentlich um eben die Marktbeherrschung und das zugunsten sehr weniger Konzerne. Das ist ein Teil der Auseinandersetzung. Und wir sagen natürlich, eine Hochrisiko-Technologie, weil ganz viele Studien die negativen Auswirkungen bestätigen, ob jetzt mit Bezug auf die Kartoffel, diese Amflora, die ausgepflanzt worden ist, das Risiko der Antibiotika-Gene, ob das die Studie aus der Schweiz ist, die sagt, die Zweipunkt-Marienkäfer-Larven sterben eben als Indikator der Insekten, die Probleme mit dem Totalherbizid Roundup in Verbindung mit Gentechnik, die Bienenproblematik, und natürlich muss man sagen, Genpflanzen sind Giftpflanzen, und wenn die Insekten sterben, dann hat das natürlich nicht gar keine Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren, die diese Pflanzen essen.

Heinlein: Frau Höfken, sind Sie denn im Besitz der abschließenden, der endgültigen Wahrheit in Sachen Gentechnik, oder gibt es Chancen, vielleicht auch Chancen, die Sie bisher noch gar nicht erkannt haben und die man tatsächlich noch erproben muss?

Höfken: Wir haben uns ja nun wirklich in den letzten 20, 30 Jahren sehr, sehr intensiv mit den Möglichkeiten und Grenzen dieser Technologie beschäftigt, und natürlich gibt es Anwendungsbereiche - das sagen wir ja auch seit Jahren -, die durchaus verantwortbar sind, und zwar in geschlossenen Systemen. Da, wo die Bioreaktoren arbeiten und Enzyme erzeugt werden, oder andere Produkte im Rahmen der Bioreaktoren, da kann man sagen, okay, da braucht man eben eine Gefahrenabschätzung und Vorsorge und dann kann man das machen, aber bei den Pflanzen und den Tieren, die man gentechnisch verändert, handelt es sich ja um Freisetzungen in die Natur und die leben ja, die pflanzen sich fort. Und wir sehen an diesen zahlreichen Verunreinigungsfällen, dass sie das völlig unkontrolliert tun, dass die Industrie die Technologie auch nicht im Griff hat, und natürlich ist das relevant, ob nun gentechnische Verunreinigungen, die ja über die Artengrenzen hinweggehen - man pflanzt ja ein Gen ein, was natürlicherweise da nie wäre, und so ein Gen hat natürlich einen entscheidenden Einfluss auf dieses Lebewesen, auf den gesamten Stoffwechsel, kann giftige Wirkungen oder unvorhergesehene erzeugen, und vor allem - das ist als Agraringenieurin mein Argument, mein Hauptargument - man versaut natürlich die Züchtungsleistung von Generationen, indem man einfach diese Verunreinigungen in kauf nimmt und damit riskieren wir auch einen Mangel an Ernährungssicherheit, wenn dann mal Ereignisse passieren, die die Ernten dann auch ernsthaft gefährden, was übrigens schon passiert ist.

Heinlein: Frau Höfken, Rücksicht auf Bienen, auf Naturpflanzen, das haben Sie gesagt. Können sich denn auch Entwicklungsländer den Luxus leisten, auf Gentechnik zu verzichten? Da geht es ja allein darum, oder in erster Linie darum, die Menschen in diesen Ländern satt zu bekommen.

Höfken: Na ja, es ist ja kein Luxus, auf Gentechnik zu verzichten - ganz im Gegenteil. Die Risiken der Gentechnik sind ja erheblich und wir sehen ja an der Baumwolle, dass auch die Versprechungen, oder überhaupt auch an den Erkenntnissen der US-amerikanischen Behörde, dass die Versprechungen, die gemacht worden sind, dass man weniger Pestizide braucht, überhaupt nicht erfüllt werden. Ganz im Gegenteil: Man braucht ganz viel mehr. Die Erntemengen sind auch nicht höher, haben ja auch Ergebnisse in Deutschland erbracht, und auch der sachsen-anhaltinische Wirtschaftsminister hat irgendwann 2008 gesagt, na ja, die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Nachdem Sachsen-Anhalt 55 Millionen in die Technologie gesteckt hat, war das Ergebnis hinterher: es gab nicht mehr, sondern weniger Arbeitsplätze.

Heinlein: Aber ist es nicht einfacher, Unkraut gentechnisch zu verhindern, anstatt Unkraut mühevoll zu jäten? Oder denken wir an die Schädlinge.

Höfken: Erst mal haben wir in der modernen Landwirtschaft massenweise Technologien, um Unkraut zu bekämpfen. Es ist ja ganz im Gegenteil so, dass durch die Agro-Gentechnikpflanzen, zum Beispiel das herbizidresistente Soja, da kann man dann ungehemmt ganz viel von einem miesen Breitbandpestizid namens Roundup spritzen. Nur ich sage mal, das macht man dann ein paar Mal ein paar Jahre lang und dann existieren resistente Unkräuter, die jetzt in großen Teilen der Regionen, in denen Gentechnik angebaut wird, ja schon ein Riesenproblem darstellen. Die müssen dann wieder mit neuen Pestiziden bekämpft werden, die wiederum auch sehr teuer sind. Also eine Erfolgsgeschichte ist das nicht; es ist eine Auseinandersetzung um die Macht auf den Märkten.

Heinlein: Kurz noch zum Abschluss die Frage, Frau Höfken. Wie realistisch ist es denn, dass sich Deutschland dauerhaft dem internationalen Trend - und den gibt es ja - zum Einsatz der Gentechnik widersetzt?

Höfken: Es ist ja keineswegs so, dass weltweit alles voller Gentechnik ist, voller Agro-Gentechnik, sondern das sind ja nun gerade mal fünf Prozent der Weltagrarfläche so ungefähr. Deutschland und Europa sind nahezu Agro-Gentechnik frei. Diese Technologie ist nicht funktionsfähig, jetzt mal betrachtet unter reinen Nutzgesichtspunkten, und sie trifft auch nicht auf das Einverständnis der Verbraucher, und ich bin davon überzeugt - das gibt es ja schon -, dass viele andere Technologien auch im Bereich der Züchtung wesentlich erfolgreicher sind und damit aber auch die Chancen für den Mittelstand, die bäuerliche Landwirtschaft, die Ökolandwirtschaft wahren, und ich denke, das ist das, was wir brauchen, und nicht eine Technologie, die im Grunde keinem nutzt, aber vielen schadet.

Heinlein: Heute die Entscheidung in Karlsruhe zur Zukunft der Gentechnik in der Landwirtschaft. Dazu bei uns im Deutschlandfunk Ulrike Höfken von den Grünen. Frau Höfken, ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören nach Berlin.

Höfken: Danke schön!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Debatte über Solidaritätszuschlag"Der Soli muss jetzt abgeschafft werden"

Clemens Fuest, neuer Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) steht am 28.02.2013 in Mannheim (Baden-Württemberg) vor dem Logo des ZEW.

Der Solidaritätszuschlag darf keine Dauereinrichtung werden - das fordert der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest, im DLF. Als Mittel für den Aufbau Ost habe der Soli ausgedient, für nötige Investitionen müsse der Staat andere Wege finden.

Soli für den Westen"Unterstützen, wo der Bedarf am größten ist"

Der SPD-Politiker Apostolos Tsalastras spricht am 14.11.2009 auf dem SPD-Bundesparteitag in der Messe Dresden zu den Delegierten.

Die rot-grünen Landesregierungen wollen den Solidaritätszuschlag ab 2020 auch den westlichen Bundesländern zur Verfügung zu stellen. Eine gute Nachricht, meint der Stadtkämmerer von Oberhausen, Apostolos Tsalastras, im DLF. Unterstützungsleistungen sollten nicht nach Himmelsrichtung verteilt werden, sondern nach Bedarf.

Atomgespräche in Wien"Tief sitzendes Misstrauen"

Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen

Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm gehen in eine weitere Runde. Diese Entscheidung sei richtig, sagte Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen, im DLF. Die Hürden für eine Lösung lägen vor allem in den USA und im Iran.

 

Interview der Woche

Bernd Riexinger"Normalisierung der politischen Kultur“

Der Vorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, steht vor dem Parteilogo am Rednerpult und hebt beide Zeigefinger.

Die bevorstehende Wahl Bodo Ramelows zum Ministerpräsidenten von Thüringen wird nach Einschätzung von Linken-Chef Bernd Riexinger Signalwirkung für andere Bundesländer haben. Für eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene sieht er jedoch nur geringe Chancen - SPD und Grünen fehle der Wille zu echten Reformen, sagte Riexinger im DLF.

Klimaschutz-Aktionsprogramm"Eine Ohrfeige für die Klimapolitik"

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Die Ko-Vorsitzende der Grünen, Simone Peter, hat das Klimaschutz-Programm von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kritisiert. Es fehle an Regelungen zu klimafreundlicher Energieversorgung, sagte sie im Interview der Woche des Deutschlandfunks. Sie erwarte ein klares Bekenntnis zum Kohleausstieg.

Bundesministerien in BonnWowereit fordert Umzug nach Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor dem Brandenburger Tor.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fordert, alle noch in Bonn ansässigen Bundesbehörden in die Hauptstadt zu holen. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte er, die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung und des Bundestags leide unter der räumlichen Trennung.