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Die Rolle der Religion im US-Präsidentschaftswahlkampf

Eine Tradition seit Abraham Lincoln

Von Alfried Schmitz

"Jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen" - Die Verwendung von Bibelzitaten im US-Wahlkampf hat seit Abraham Lincoln Tradition.
"Jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen" - Die Verwendung von Bibelzitaten im US-Wahlkampf hat seit Abraham Lincoln Tradition. (AP Archiv)

In den USA beginnt im Herbst der Präsidentschaftswahlkampf. Obwohl in den Vereinigten Staaten durch die Verfassung Religion und Staat strikt voneinander getrennt sind, werden auch diesmal christlich-religiöse Stellungnahmen im Wahlkampf zu hören sein. Dies hat eine lange Tradition, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht.

"Jedes Haus, das in sich uneins ist, wird nicht bestehen. Ich glaube, dass diese Regierung auf Dauer nicht überleben kann, indem sie halb für die Sklaverei ist und halb für die Freiheit. Ich erwarte nicht, dass die Union aufgelöst wird; Ich erwarte nicht, dass das Haus einstürzt, aber ich erwarte, dass es aufhören wird, geteilt zu sein."

Am 16. Juni 1858 wird der spätere US-Präsident Abraham Lincoln auf dem Konvent der Republikaner in Illinois einstimmig von den Delegierten zum Kandidaten der Republikaner für die bevorstehende Senatorenwahl nominiert. Zu einem wichtigen Thema seiner Ernennungsrede macht er die Sklavenfrage über die man in den Vereinigten Staaten extrem geteilter Meinung ist. Die Frage von Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei sorgt für einen Riss durch die USA. Die drohende Spaltung der Union will Lincoln aber auf jeden Fall vermeiden. Ganz gezielt setzt er daher ein Bibelzitat ein, als er die Gefahr der Sezession zum Thema seiner Rede macht, die als "House Divided Speech" in die Geschichte eingeht. In Matthäus 12,25 heißt es: "Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen." Lincoln ist sich sicher, dass seine Worte ihre Wirkung bei den bibelfesten US-Bürgern nicht verfehlen werden. Der Einsatz von Bibelzitaten wird sich wie ein roter Faden durch die politische Karriere Lincolns ziehen. Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, betrachtet das als reines politisches Kalkül.

"Es war natürlich Kalkül, weil das etwas war, wo man sich drauf verlassen konnte, dass die Menschen es verstehen. Die Bibel war das Unterrichtsbuch schlechthin auch im öffentlichen Schulsystem der USA. Auch jeder, der nicht in einer Kirche war, hat die Bibel gelesen. Die Bibel war das meist verbreitete Buch damals und der Zitatenschatz der Bibel, der Bilderschatz der Bibel, gehörten zum selbstverständlichen Umgangston. Gerade die großen Redner seiner Zeit, die haben alle ihre Reden jeweils mit Bibelzitaten gewürzt. Nur bei Lincoln fällt auf, er weiß sie besonders gut einzusetzen. Wenn man etwa zum Beispiel an das Zitat 'The House devided' denkt, also ein in sich zerspaltenes Haus kann nicht stehen, das ist etwas, das er ganz punktgenau an einer Stelle einsetzt, um seinen Zuhörern zu sagen, wir bewegen uns auf einen Bürgerkrieg zu."

Als Abraham Lincoln 1860 auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere der 16. Präsident der Vereinigten Staaten wird, gehören rund 40 Prozent der Amerikaner einer institutionalisierten Religionsgemeinschaft an. Immerhin doppelt so viele, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In der Zwischenzeit hat die evangelikale Erweckungsbewegung ein sehr breites Klima intensivierter enthusiastischer, fast fiebriger Religiosität erzeugt, das aber auch zu gesellschaftlichen Spannungen führt. Vor allem mit den vielen einwandernden Katholiken, die aus Italien, Polen und aus Deutschland kommen. Daneben gibt es auch sehr viele Menschen, die einen ganz konventionellen Glauben an die Bibel haben, aber weder an Erweckungsreligion noch an Katholizismus sonderlich interessiert sind. In dem Land herrscht eine unübersichtliche religiöse Situation. In diesem Kontext lässt sich auch Lincolns religiöse Ausrichtung nicht gerade einfach definieren, wie Professor Hochgeschwender meint.

"Die Frage nach der Religiosität Lincolns ist extrem schwer zu beantworten, denn auf der einen Seite hat er in seine Reden immer wieder biblische Zitate eingebaut, er hat sehr viel auch mit biblischen Bildern gearbeitet, was damit zusammenhängen dürfte, dass er vor allem anhand der Bibel lesen und schreiben gelernt hat, weil seine Stiefmutter eine sehr fromme Frau war. Auf der anderen Seite wissen wir, er ist nie getauft worden, er hat nur selten Gottesdienste besucht und im kleinen Kreis liebte er es, sich über Religion fast in Voltaire‘scher Manier zu äußern und sich über Religion und vor allem über die institutionalisierte Religion lustig zu machen. Er hat etwas enigmatisches, wenn es um Religion geht. Und bis heute streiten sich Historiker darüber, war er ein religiöser Mensch, war er kein religiöser Mensch? Gibt es möglicher Weise Phasen, in denen er religiöser war, gibt es andere Phasen, in denen er weniger religiös war? Das ist bis heute sehr, sehr umstritten."

Als Lincoln im November 1860 zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird, zieht der Süden sofort politische Konsequenzen. Noch im Dezember erklärt South Carolina den Austritt aus der Union. Im Februar 1861 treffen sich die Vertreter von sechs Sklaven-Staaten und beschließen die Bildung der Confederate States of America. Fünf weitere Staaten schließen sich kurze Zeit später der Konföderation an. Die Spaltung der Vereinigten Staaten in Nord und Süd nimmt ihren Lauf.

Als Südstaatentruppen am 12. April 1861 das Unions-Fort Sumter unter Artilleriebeschuss nehmen, beginnt die blutigste Auseinandersetzung auf amerikanischen Boden. Am Ende, 1865, werden 600.000 Soldaten in dem Bürgerkrieg Nord gegen Süd gefallen sein, zigtausende Zivilisten getötet, weite Landstriche und Städte verwüstet.

"Lincoln hat im Laufe des Krieges immer mehr angefangen darüber nachzudenken, was will Gott mit diesem Krieg? Warum lässt er das zu? Beide Seiten beten zum selben Gott. Wie kann das sein? Und das führte bei ihm dann dazu, dass er nicht Religionskritisch wurde, sondern dass er sagte, wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbstgerecht werden. Beide Seiten behaupten im Namen Gottes zu kämpfen, das kann irgendwie nicht sein. Mindestens eine Seite muss sich irren, möglicher Weise irren sich beide. Und er hat auch den nordstaatlichen Landsleuten immer wieder gesagt, seid vorsichtig, seid nicht zu selbstgerecht. Wäret ihr im Süden geboren worden, wäret ihr jetzt auf der anderen Seite und würdet genauso behaupten, Gott stünde auf eurer Seite. So dass er sich hier sehr intensive Gedanken gemacht hat, die oft auch sehr pessimistisch geprägt waren. Man weiß ja, Lincoln war von vorneherein ein sehr melancholischer Mensch, wie man im 19. Jahrhundert gesagt hätte, heute würde man eher sagen, er war schwer depressiv. Zu Zeiten des Krieges war er schwerst depressiv, zumindest während des Wahlkampfes 1864 und da hat er immer wieder darüber nachgedacht, über Tod, Leiden und welche Rolle spiele ich in diesem Plan Gottes, sofern es einen Plan Gottes überhaupt gibt."

Als Ende 1864 die nächsten Präsidentschaftswahlen anstehen, sehen die Prognosen für Lincoln zunächst nicht gut aus. Doch als sich das Blatt im Krieg zu Gunsten der Unionstruppen endgültig wendet, gibt das auch den Ausschlag für Lincolns Wiederwahl. 55 Prozent der Wähler stimmen für ihn. Am 4. März 1865 hält er seiner Antrittsrede, die er wieder mit Bibelversen spickt. Im Zusammenhang mit dem abtrünnigen Süden zieht Lincoln das Bibel-Gleichnis vom verlorenen Sohn heran, den man nach seiner Rückkehr ohne große Vorbehalte wieder aufnehmen müsse. Aber es gibt auch kritische Worte in der Inaugurationsrede, die Abraham Lincoln vor rund 30.000 Menschen in Washington hält. An die Südstaaten gerichtet, deren Pro-Sklaverei-Politik er klar verurteilt, nutzt Lincoln zunächst Genesis 3,19:

"Es mag seltsam erscheinen, dass jemand eines gerechten Gottes Hilfe anrufen kann, während er weiterhin sein Brot aus dem Schweiß anderer Menschen gewinnt"

…um dann mit Matthäus 18.7 die ursprüngliche Kriegsschuld des Südens anzusprechen:

"Wehe der Welt um der Ärgernisse willen! Denn es müssen ja Ärgernisse kommen; doch wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt!"

Doch seine oberste politische Aufgabe, sieht er nach dem Bürgerkrieg darin, die besiegten Südstaaten wieder in die Union einzugliedern. Dafür findet er sehr versöhnliche Worte.

"Mit Groll gegen niemanden; mit Barmherzigkeit gegen jedermann; fest im Recht stehend, so wie Gott uns das Recht erkennen lässt, lasst uns weiter danach streben, unser begonnenes Werk zu vollenden, in dem wir begriffen sind; die Wunden der Nation zu verbinden…und alles tun, was einen gerechten und dauerhaften Frieden unter uns selbst und mit allen Nationen herbeiführen und erhalten kann".

Wie wir wissen hat Abraham Lincoln es geschafft, die Union zu retten. Den Hass zwischen den Nord- und Südstaaten hat er allerdings nicht besiegen können. Der 16. Präsident der Vereinigten Staaten wird am 14. April 1865 durch die Kugeln eines fanatischen Südstaatlers getroffen, einen Tag später erliegt er seinen schweren Verletzungen. Lincolns Ziel, die Abschaffung der Sklaverei in allen Staaten der Union durchzusetzen, wird kurz nach seinem Tod verwirklicht.

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