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Die Rückkehr der Alten

Die documenta 13 ehrt bedeutende Künstler des 20. Jahrhunderts

Von Carsten Probst

Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der documenta 13
Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der documenta 13 (AP)

Die Kasseler Kunstschau würdigt zahlreiche Lebenswerke, deren Aktualität ins Auge springt. Der Parcours mit Arbeiten von Llyn Foulkes, Füsun Onur, Anna Maria Maiolino oder auch Gustav Metzger gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der documenta 13.

"Malerei ist meine Qual, Musik ist meine Freude", sagt Llyn Foulkes, und man kann es spüren auf der documenta 13. Der 1934 im Staat Washington geborene, seit langem aber in Los Angeles lebende Maler und Performer tritt als Einmannband mit seiner selbstgebauten Musikinstallation "The Machine" im Museum Fridericianum auf. Xylophon, Kuhglocken, Schlagzeug, ein Bündel altmodischer Autohupen, und mittendrin ein hingebungsvoll seine sarkastischen Songs darbietender Künstler, der in seiner Musik den Soundtrack früher Mickey-Mouse-Trickfilme persifliert und die amerikanische Konsumgesellschaft anklagt, die die Seelen ihrer Kinder verkauft. Foulkes ist ein Vertreter der politischen Pop Art. Früh wandte er sich in den 60er-Jahren gegen den etablierten Kunstbetrieb und ging seiner eigenen Wege mit seiner Malerei, in die er gern die amerikanischen Klischees von Cowboy und Mickey Mouse einarbeitet, um die USA als Gesellschaft des politischen und moralischen Zerfalls darzustellen.

Llyn Foulkes gehört wie zahlreiche andere Künstler auf dieser documenta zu einem Parcours, mit dem die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev künstlerische Lebenswerke würdigt, vor allem aber den Mut, die Einheit von Leben und Kunst zu wagen. Manchen mag diese Einheit wie ein Konzept der 60er-, 70er-Jahre erscheinen. Doch die Aktualität springt angesichts der Vielzahl der herausragenden, gleichwohl oft noch wenig bekannten Arbeiten ins Auge und macht diese Reihe quer durch alle Ausstellungsorte zu einer der wichtigsten Errungenschaften dieser documenta 13.

Die 1938 geborene Bildhauerin Füsun Onur ist die Grande Dame der konzeptuellen Skulptur in der Türkei und in der Neuen Galerie in Kassel mit einem Raum vertreten, der in all seiner Kargheit zu den stärksten Momenten auf der documenta 13 zählt. Ein leeres Kabinett, in dem nur ein Stuhl steht, der in Ketten gelegt ist und auf dem das Namensschild der Künstlerin liegt. Pathos und Lakonie erreichen den Betrachter sofort, und auch hier spürt das Publikum wie schon bei Llyn Foulkes einen gelebten, durchaus politischen Widerstand gegenüber den geistigen Sachzwängen der offiziellen Kunstwelt.

Die Großinstallation, mit der Anna Maria Maiolino das ehemalige Gärtnerhaus in der Karlsaue bespielt, ist ein weiterer Höhepunkt auf dem Parcours von Kunst und Leben. Die 1942 in Italien geborene Maiolino siedelte in den 60er-Jahren nach Brasilien über, wo sie bis heute lebt, und engagierte sich als Konzeptkünstlerin vor allem gegen die damalige Militärdiktatur des Landes. Tausende aus Tonerden nachgebildete Würste überfluten die Räume des Gärtnerhauses in der Karlsaue vom Keller bis zum Obergeschoss und verwandeln es in einen unheimlichen, kannibalischen Ort zwischen Einverleibung und Vernichtung, der als kulturelle Metapher gelesen werden will.

"Ich bin eigentlich überzeugt, dass eine große Mehrheit von Menschen eigentlich gar nicht so gegen sind gegen die Zerstörung der Natur. Ich glaube, die Bewegung, die zentrale Bewegung von Billionen von Menschen ist eine Zusammenarbeit mit Zerstörung der Natur. Es ist ein furchtbares Geständnis, aber ich komme nicht davon weg, es zu erkennen."

… bekennt dagegen der 1926 in Nürnberg geborene Gustav Metzger, der in der documenta-Halle mit einer Schau früher Arbeiten aus den 50er-Jahren geehrt wird. Metzger kam als Sohn jüdischer Eltern mit einem Kinderrettungsprogramm 1939 nach Großbritannien, wo er bis heute lebt, und sagte sich nach seinem Kunststudium vom etablierten Kunstbetrieb los. Seit den 60er-Jahren engagierte er sich gegen Atomwaffen und das nukleare Wettrüsten, für ökologische Lebensweisen und begründete die sogenannte autodestruktive Kunst mit Kunstaktionen, bei denen sich Kunstwerke über kurz oder lang selbst zerstören. Der Maschinenkünstler Jean Tinguely oder Rockgitarrist Pete Townshend haben sich dereinst von Metzgers Werk inspirieren lassen, der lange Zeit vom Kunstbetrieb vergessen worden war. In den 90er-Jahren wurde er jedoch wiederentdeckt, und mittlerweile ist der heute 86-Jährige so etwas wie der heimliche Star einer jüngeren Kuratorengeneration. Die Würdigung seines wenig bekannten Frühwerks, das von Metzger fast schamvoll hinter Stoffplanen verborgen wird, zählt zweifellos zu den am meisten berührenden Momenten dieser documenta.

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