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Die Rückkehr der Genossenschaften

Altes Modell wird vielfach neu belebt

Von Caspar Dohmen

Eine für alle, alle für einen: Die Genossenschaften kommen wieder.
Eine für alle, alle für einen: Die Genossenschaften kommen wieder. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In Zeiten eisernen Staatssparens und risikoscheuender Banken ist es schwer, als Selbstständiger Kapital aufzutreiben. Und so helfen sich die Unternehmer und Bürger selber und gründen Genossenschaften - mit beachtlichem Erfolg. Doch das Prinzip, dass mehr Menschen mehr erreichen, erstreckt sich nicht nur auf das Unternehmertum.

Die Dortmunder Nordstadt betritt man durch den Hintereingang des Hauptbahnhofs. Vorbei geht es an einem Multiplexkino und dem Jobcenter in die schachbrettartig angeordneten Straßen. Frank Michael Lunke betritt das Büro der Stadtteilgenossenschaft Nordhand. Viertel wie diese gibt es in jeder deutschen Großstadt, ob Köln-Kalk, den Berliner Wedding oder Frankfurt-Höchst. Armut, Kriminalität und Drogen gehören hier zum Alltag. 52.000 Menschen leben in der Nordstadt. Jeder Vierte ist arbeitslos. Jeder Dritte bekommt staatliche Unterstützung. Hier kämpfen viele allein, um über die Runden zu kommen; wie die Kioskbesitzer, die in Kammern hinter ihren Läden wohnen, um bloß keinen Kunden zu verpassen. Einige Selbstständige und Gewerbetreibende kooperieren jedoch neuerdings und beteiligen sich an der Nordhand. In der Stadtteilgenossenschaft tauschen sie Erfahrungen aus, verschaffen sich gegenseitig Aufträge und vor allem erhalten sie bei betriebswirtschaftlichen Problemen Hilfe. So wie Selcuk Caliskan, den die Lebensumstände von heute auf morgen zum Umdenken zwangen.

"Studieren gehen. Das war eigentlich mein Ziel überhaupt. Nur wo sich dann meine Eltern getrennt haben, hat das finanziell nicht mehr geklappt mit dem Studium, nur dann musste ich halt, wo mein Vater uns verlassen hatte, anfangen zu arbeiten. Ja, und dann bin ich durch meine Mutter dann auf die Gebäudereinigung gekommen."

Schon bald bohnert Caliskan Fußböden und putzt Fenster. Die Ausbildung zum Gebäudereiniger schließt er wegen guter Leistungen vorzeitig ab und wird Objektleiter bei einer Gebäudereinigungsfirma. Aber er will auf eigenen Füßen stehen und gründet ein eigenes Unternehmen. Es läuft gut an. Was für viele Selbstständige ein Albtraum ist, ihm fällt es leicht: Im Handumdrehen gewinnt er Kunden und kann Mitarbeiter einstellen. Dann gibt es ein Problem: Er braucht Geld, Geld für die Anschaffung von Reinigungsgeräten:

"Die hab ich unbedingt benötigt, weil ich Kunden hatte, die haben gesagt, bei uns bitte nur Reinigung, wenn solche Maschinen vorhanden sind. Da dachte ich, okay, ich muss diese Maschinen haben, dass ich da reinkomme. Deswegen bin ich halt darauf gekommen, dass ich ja irgendwie jetzt ... , ich brauche langsam halt einen Kredit, irgendwo muss ich was bekommen."

10.000 Euro braucht er. Und der Jungunternehmer will das Geld nicht konsumieren, sondern investieren. Doch die Sparkasse, seine Hausbank, gibt ihm einen Korb, ebenso ergeht es ihm bei der örtlichen Volks- und Raiffeisenbank.

Repräsentanten beider Bankengruppen betonen seit der Finanzkrise gerne ihre Andersartigkeit gegenüber Investmenthäusern. Sie verweisen auf ihre Bodenständigkeit und die Bedeutung für die Finanzierung des Mittelstandes in Deutschland. Sicher kann keine Bank alle Kreditwünsche bedienen, sonst wäre sie schnell pleite. Aber Caliskan ist kein Einzelfall. Kleinkredite für Gewerbetreibende lehnen auch traditionelle Genossenschaftsbanken schon seit Jahren immer wieder ab, obwohl sie doch ursprünglich gerade für die Kreditversorgung von Gewerbetreibenden, Handwerkern und Landwirten gegründet worden sind. Dabei ist der Bedarf groß. Etwa 500.000 Selbstständige würden jährlich gerne einen Kredit von bis zu 25.000 Euro in Anspruch nehmen, schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaft. Hier arbeitet auch der Ökonom Alexander Kritikos, und er beschreibt das Dilemma, in dem Banken heutzutage stecken. Weil sie jeden Kredit aufwendig prüfen, rechnen sich niedrige Kredite schlicht nicht.

"Da sich die Genossenschaftsbanken eben diesem herkömmlichen Kreditvergabeschemata angeschlossen haben, ist auch für sie einfach ein Kredit unterhalb von, sagen wir mal, 50.000 Euro, eigentlich nicht attraktiv."

Einen Ausweg aus dem Dilemma bot Caliskan die Nordhand. Denn die Stadtteilgenossenschaft vermittelt auch Mikrokredite. Dortmund hat als erste Stadt in Deutschland eine solche Möglichkeit geschaffen und damit die eigentlich für den Süden geborene Idee des Mikrokredits für den Norden kopiert. Bekannt machte die Idee Muhammad Yunus mit der Gründung der Grammeen Bank. Die vergibt in Bangladesh Kleinstkredite an Arme. 2006 erhielt Yunus dafür den Friedensnobelpreis. Wenn Frank Michael Lunke eine Empfehlung ausspricht, dann erhält das Genossenschaftsmitglied ziemlich sicher einen Kredit von einer kooperierenden Bank – vorausgesetzt, es hat zuvor für 50 Euro einen Genossenschaftsanteil gekauft, einige Zeit den monatlichen Mitgliedsbeitrag von fünf Euro sowie einen individuellen Sparbetrag gezahlt, und an den monatlichen Treffen der Genossenschaft teilgenommen.

Vater der Nordhand ist Hubert Nagusch, der seit vielen Jahren bei der Dortmunder Wirtschaftsförderung arbeitet und selbst in dem Viertel aufgewachsen ist. Mit der Genossenschaft, die mittlerweile 125 Mitglieder hat, will Nagusch die Lage in dem sozialen Brennpunkt Nordstadt ein Stück weit verbessern.

"Da geht es um die Rekreierung der Wirtschaftskreisläufe, um die Rückkehr von Arbeit, Geld, Warenangebot, nach Möglichkeit vollständigem Besatz ins Gewerbequartier, um eine Negativspirale, wie wir sie hier in der Nordstadt beobachtet haben, zu durchbrechen. Ich würde mal so sagen, die Nordhand ist so der Hausarzt der Genossenschaftsmitglieder."

Dank der Nordhand haben in der Nordstadt 180 Menschen ihr eigenes Auskommen. So kann Caliskan die Reinigungsgeräte nun über einen Mikrokredit bei der Nordhand finanzieren. Bei seiner Hausbank bekommt er bis heute keinen Firmenkredit, obwohl er erfolgreich ist und mittlerweile 30 Mitarbeiter beschäftigt.

650 neue Genossenschaften sind in den letzten drei Jahren in Deutschland gegründet worden. Insgesamt gibt es jetzt hierzulande 7600 Genossenschaften mit rund 20 Millionen Mitgliedern, weltweit sind es 800 Millionen Mitglieder in mehr als hundert Ländern. Mit dem internationalen Jahr der Genossenschaften unterstreichen die Vereinten Nationen 2012 die Bedeutung der Zusammenschlüsse. Sie arbeiten alle nach demselben uralten Grundgedanken: Einer für alle - alle für einen!

Erste genossenschaftliche Initiativen gab es schon in der Antike. Die modernen Genossenschaften entstanden während der Industrialisierung als kooperative Zusammenschlüsse von Menschen für die vielfältigsten Zwecke: Zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum gründeten Menschen Wohnungsbaugenossenschaften, zur Sicherung eines guten, preisgünstigen Warenangebots Konsumgenossenschaften, oder mittels Kreditgenossenschaften organisierten sie sich ihnen damals vorenthaltene Bankdienstleistungen wie Sparkonten oder Kredit. Deutschland war eine Keimzelle der Bewegung. Hier schlossen sich Landwirte, Handwerker, Künstler und viele andere zusammen. 1930 existierten alleine in Deutschland 52.000 eingetragene Genossenschaften.

Dann gab es über viele Jahrzehnte Rückschläge. Die Nazis schalteten die Konsum- und Produktivgenossenschaften gleich. In der DDR wurden die Genossenschaften in die Planwirtschaft eingegliedert und im Westen verloren viele ihre Wettbewerbsfähigkeit. So ist es beispielsweise meist billiger bei Aldi, als beim Consum einzukaufen. Für Ernüchterung sorgten auch die Skandale bei der Konsumgenossenschaft Coop und der Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat Ende der 1980er-Jahre. Beide Unternehmen gingen wegen betrügerischer Machenschaften des Managements pleite. Die Zahl der Genossenschaften sank, vor allem durch Fusionen. Die bestehenden Genossenschaften wurden immer größer, neue wuchsen in Deutschland kaum nach.

Ab 2009 hat sich das geändert. Seitdem werden wieder mehr neue Genossenschaften gegründet als aufgelöst. Entsprechend viel hat Burghard Flieger, der Menschen bei der Gründung von Genossenschaften berät, zu tun. Er spricht von einem kleinen Boom bei Neugründungen:

"Das liegt immer an zwei Dingen aus meiner Sicht bei den Genossenschaften, wo sie wachsen: Das eine ist, wo Defizite tatsächlich sind, nicht klassisch, was manchmal gesagt wird, Marktdefizite oder Mangel oder Not, sag ich mal, sondern wo bestimmte Werte und Veränderungen in der Gesellschaft erforderlich sind, da kommen auch Genossenschaften auf den Plan. Wenn es um Wohnversorgung, um Lebensmittelversorgung, um Kreditversorgung oder jetzt um ökologische Ausrichtung, um Daseinsfürsorge geht, da kommt plötzlich wieder der Bürger, das Bürgerengagement wieder zum Tragen und da entwickeln sich dann ganz spannende, innovative Genossenschaftsansätze. Und das war früher so und ist gerade auch wieder der Fall."

Jetzt schließen sich neue Berufsgruppen zusammen wie Ärzte, IT-Spezialisten, Designer oder Architekten. Als Genossen teilen sie ihr Wissen, bewerben sich gemeinsam um große Aufträge und kaufen günstiger ein. Die Rechtsform der Genossenschaft steht allen offen, die gemeinsam ein Ziel erreichen wollen, das sie alleine nicht schaffen. Früher hatte der Gesetzgeber dies auf wirtschaftliche Zwecke begrenzt. Seit der Reform des deutschen Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 können Menschen mit Genossenschaften auch andere, beispielsweise gesellschaftliche, Ziele verfolgen wie Aufarbeitung der Geschichte oder Förderung von Musik.

Zu den spannendsten Projekten im Genossenschaftssektor zählt Flieger die Versuche von Bürgern, mittels Genossenschaften Teile der Energieversorgung zu übernehmen. In den Schwarzwaldgemeinden Schönau und jüngst Titisee ist das beispielsweise schon gelungen. Den Bürgern hier gehen der Ausstieg aus der Atomenergie und der Ausbau regenerativer Energien zu langsam. Anstatt sich auf die Versprechen der Politik und der großen Energiekonzerne zu verlassen, nehmen sie die Dinge selbst in die Hand. Flieger selbst gehört zu den Gründern der Genossenschaft "Energie in Bürgerhand" in Freiburg. Die war zwar 2009 mit ihrem ehrgeizigen Versuch gescheitert, sich an dem Stadtwerkverbund Thüga zu beteiligen, verfolgt aber nun andernorts das gleiche Ziel.

Dieses Projekt hat gezeigt, wie schnell Bürger für ambitionierte Genossenschaftsideen heute Geld zur Verfügung stellen – und vor allem: wie viel. Innerhalb weniger Monate kamen damals 30 Millionen Euro zusammen. Ermutigt hat dies einige Menschen, die jetzt das Berliner Stromverteilnetz kaufen wollen, und dafür eine Genossenschaft gegründet haben. Ende April hat die "Bürger Energie Berlin", kurz BEB, ihr Vorhaben bei der Bundespressekonferenz öffentlich gemacht. Warum gehört das Berliner Stromnetz in Bürgerhand? Chefin Luise Neumann-Cosel:

"Vor allem deswegen finden wir, weil mit dem Stromnetz ganz viele wesentliche Weichenstellungen gesetzt werden für die Energiewende."

Bislang gehört das Netz dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Und nach Ansicht von Neumann-Cosel richtet der Konzern sein Netz vor allem an den Bedürfnissen von Großkraftwerken aus. Ende 2014 läuft die Konzession für das 36.000 Kilometer lange Verteilnetz aus, mit dem alle Haushalte und Betriebe an das Stromnetz angeschlossen sind. Dann will die Genossenschaft das Ruder übernehmen und damit auch die lokale Wirtschaft stärken.

"Momentan macht der jetzige Netzbetreiber Vattenfall Gewinne in guter zweistelliger Millionenhöhe, im letzten Jahr waren es fast hundert Millionen Euro Gewinn. Da ist natürlich eine ganz entscheidende Frage, wie dieser Gewinn eingesetzt wird? Und unser Gedanke ist eben, dass dieser Umsatz hier in Berlin bleiben soll, diese Rendite auch nicht abfließen soll aus der Region, sondern hier wirksam werden soll für die Energiewende. Dafür wollen wir zum Beispiel immer einen bestimmten Teil des Gewinns direkt reinvestieren; in zum Beispiel Neubau von erneuerbaren Energieanlagen oder auch Energiesparprogramme, das ist, glaube ich, in einer Stadt wie Berlin ganz wichtig. Und wir wollen eben auch einen Teil direkt an die Bürger und Bürgerinnen ausschütten, die sich beteiligen."

Noch fehlt der Genossenschaft das Startkapital. Bisher sind etwa 2,2 Millionen Euro beisammen. Soll das Projekt verwirklicht werden, dann ist ein Vielfaches nötig. Zwar ist jetzt noch offen, wie viel das Netz genau kosten wird. Zwei, drei Milliarden Euro, wie Vattenfall sagt, oder entsprechend eines im Auftrag des Berliner Senats angefertigten Gutachtens nur 400 Millionen Euro. Doch einige Hundert Millionen Euro Eigenkapital werden die Genossen in Berlin brauchen, selbst, wenn sie 60 Prozent des Kaufpreises über Kredit finanzieren. Deswegen will die Genossenschaft bald auch bundesweit die Werbetrommel für das Projekt rühren. Mindesteinlage sind 500 Euro.

Über ihr Konzept haben die Initiatoren intensiv nachgedacht. Sie wollen möglichst viele Bürger an Bord holen. Deswegen gibt es beispielsweise auch die Möglichkeit eines gemeinschaftlichen Erwerbs von Genossenschaftsanteilen. Genutzt haben diese schon Schulklassen oder Nachbarn. Weil ihnen die dauerhafte Beteiligung der Mitglieder wichtig ist, sollen alle an der Generalversammlung teilnehmen können. Bei großen, traditionellen Genossenschaften haben die Mitglieder heute häufig nur die Möglichkeit, Vertreter zu benennen, die sie aber in der Regel gar nicht kennen.

"Ja, da ist vielleicht auch Zeit, dass es da ein bisschen frischen Wind gibt und dafür ist es natürlich ganz wichtig, denke ich, dass es da ganz viele neue Genossenschaften gibt, die auch dieses Modell einfach ein bisschen dehnen und ziehen und zerren, denke ich, und zeigen, man kann mit Genossenschaften auch was anderes machen; das muss jetzt nicht die alte Volksbank sein, sondern das kann auch ein anderes Modell sein, das was ganz Neues ausprobiert und das eine Möglichkeit zur Teilhabe schafft, die es bis jetzt ganz wenig gibt."

"Genossenschaften sind Demokratielernmodelle und das mangelt bei uns, weil da müsste natürlich in einer Gesellschaft, die sich gerade dabei ist, auseinanderzudividieren, sind Genossenschaften praktizierte Demokratie. Und das ist ganz wichtig bei der Individualisierung und dem Hedonismus, den wir hier permanent um uns herum erleben, lebt der Einzelne in der Genossenschaft ganz einfach anders, er lebt mit seinen Rechten und Pflichten, ja, und er muss sie dann auch im Dialog kommunizieren."

Bernd Steyer beschäftigt sich schon lange mit Genossenschaften, er gehörte zu den Gründern der Ökobank, die in den 1980er-Jahren binnen weniger Jahre zur größten grünen Bank avancierte, dann aber Pleite ging, weil einige große Recyclingbetriebe ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Die ursprüngliche Genossenschaft blieb übrig. Sie heißt heute Oekogeno, hat gut 15.000 Mitglieder und realisiert vor allem Projekte im Bereich regenerativer Energien und Wohnen. Ihr Sitz ist in Freiburg. Steyer ist hier Vorstand und arbeitet derzeit an einem Wohnprojekt für behinderte Menschen, der Vaubanaise-Genossenschaft. Wie so oft in der Geschichte der Genossenschaften schließen sich hier Menschen zusammen, um etwas Neues zu schaffen.

Seit 2009 gilt in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Sie sieht eine größere Selbstbestimmung für behinderte Menschen vor, auch solche mit schweren Handicaps, welche eine 24-Stunden-Betreuung notwendig machen. Sie werden heute gewöhnlich von ihren Eltern betreut oder leben in einem Heim. In Freiburg haben sich einige Bürger entschlossen, auch für schwerbehinderte Menschen ein betreutes Wohnen zu ermöglichen. Der Ökonom Urs Bürkle, selbst Vater einer behinderten Tochter, leitet das Projekt:

"Betreute Wohngemeinschaften gibt es natürlich schon länger, aber für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf gab es das bisher noch nicht, nach unserer Kenntnis. Da war immer klar, das Kind, mit diesem Hintergrund muss in ein Heim. Und dieses Muss, das haben diese Eltern infrage gestellt und haben gesagt, wir wollen versuchen, dass wir da auch eine wirkliche Wahlalternative schaffen, um eben auch für die Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf so eine Wohnform auf den Weg zu bringen."

Gebaut wird ein Mietshaus mit 40 Wohn- und Gewerbeeinheiten in dem Freiburger Alternativviertel Vauban. Grundsteinlegung war am 23. März diesen Jahres. Einziehen sollen hier einmal elf Menschen mit Behinderung, davon fünf mit erhöhtem Betreuungsbedarf. Daneben gibt es Wohnungen für junge und Alte, Familien und Alleinstehende, Studenten und Selbstständige. Kooperationspartner ist die Lebenshilfe Freiburg. 60 Prozent werden über Kredite finanziert. Bleiben 40 Prozent Eigenkapital, also etwa 3,2 Millionen Euro. Aufbringen sollen das Kapital zwei Arten von Genossen: Da sind zum einen die künftigen Bewohner, die ein Genossenschaftskapital je Wohnung von etwa 30.000 Euro zahlen.

"Die andere Hälfte des Eigenkapitals kommt durch Menschen, die das als Geldanlage sehen und zwar als soziale Geldanlage, die sagen, OK, wir wollen in Immobilie investieren. Wir möchten wissen, wo unser Geld im Grunde hingeht. Wir möchten auch eine gewisse Verzinsung, und wenn dann inhaltlich das Nutzungskonzept noch stimmt, dann ist es für uns rund."

Für Anleger kann der Kauf von Genossenschaftsanteilen durchaus interessant sein. Die Anteile der Vaubanaise sollen mit drei bis vier Prozent verzinst werden, bei manch einer Energiegenossenschaft sind es bis zu sechs Prozent.

Steyer geht davon aus, dass die Genossenschaften künftig eine noch größere Rolle spielen werden, weil die materiellen Spielräume der Menschen enger werden.

"Wir werden plötzlich mit Schreck feststellen, wow, da steht ja keine 1500 mehr, sondern ich kriege nur noch 800 Rente und wie soll ich eine Wohnung, die 500 kostet und die Krankenversicherung, die auch noch bezahlt werden muss, wie soll ich das löhnen, also die Diskussion wird irgendwann rasant sein und das jetzt aus Oekogeno-Sicht natürlich, so ein Modell wie Vaubanaise wird möglicherweise dann durchaus eine Kopiervorlage für ganz viele andere Projekte sein."

Tatsache ist: Die Regierungen Europas haben sich jetzt in der Staatsschuldenkrise zu eisernem Sparen verpflichtet. Schon jetzt haben einige Regierungen die Renten, Gesundheitsausgaben oder sonstige Leistungen gekürzt. Damit könnte schon bald die genossenschaftliche Selbsthilfe der Bürger häufiger gefragt sein, erklärt Frank Schulz-Nieswandt, der an der Universität Köln Genossenschaftswesen und Sozialpolitik lehrt:

"Und ich denke, dass auch die Genossenschaften in diese Lücke stoßen werden, dass sie quasi öffentliche Aufgaben übernehmen. Wobei man hier nicht zum Utopisten werden kann. Genossenschaften werden die Altersrentensicherung nicht ersetzen, sie haben nicht das Umverteilungsvermögen des Steuerstaates. Man muss schon schauen, wo sie Rollen übernehmen können. Wir müssen auch aufpassen, dass das nicht ein billiger Rückzug des Staates ist."

Die Gründung von Genossenschaften macht eben nur Sinn, wenn die Genossen die jeweiligen Aufgaben auch tatsächlich schultern können. Nichts spricht jedoch dagegen, wenn überzeugte Bürger freiwillig wieder mehr Aufgaben gemeinsam anpacken. Sie können sogar an der einen oder anderen Stelle die Rolle eines gesellschaftlichen Katalysators übernehmen – so wie bei den Energiegenossenschaften oder Mikrokreditgenossenschaften in Bürgerhand.

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