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Die Rückkehr der Kassette

Zwei Kölner Produzenten haben das Tape-Label "Camp Magnetics" gegründet

Von Simone Schlosser

In der elektronischen Musik ist die Kassette als Medium wieder auf dem Vormarsch.
In der elektronischen Musik ist die Kassette als Medium wieder auf dem Vormarsch. (picture alliance / dpa / Frank Kleefeldt)

Für die beiden Kölner Produzenten Roland Wilhelm und Sebastian Ingenhoff von Camp Inc. gehörte Bandsalat im Kassettenrekorder noch nie der Vergangenheit an. Deshalb gründeten sie das Tape-Label "Camp Magnetics" und veröffentlichten als erstes einen Mitschnitt ihres eigenen Elektro-Sets.

Wenn Roland Wilhelm und Sebastian Ingenhoff als Camp Inc. zusammen auftreten, dann hat das was von einer Zeitreise zurück in die 80er-Jahre. Statt eines Computers verwenden die beiden Elektro-Produzenten einen kleinen Maschinenpark, wie sie selber sagen: eine Baseline, eine Drum-Machine und einen Sampler. Darauf performen sie ihr 45-minütiges Elektro-Set. Dabei ist nichts vorproduziert. Der Sound entsteht bei jedem Auftritt live. Es ist diese Unvorhersehbarkeit, die Roland Wilhelm mag.

"Aus dem Computer kommt quasi mehr oder weniger immer derselbe Sound. Aber die Geräte, die haben oft auch keine Speicherplätze, die klingen so, wie die Knöpfchen gerade eingestellt sind. Man kann den Sound nie genau reproduzieren. Jeder Gig klingt einfach anders."

Das liegt auch an dem alten Mixer, den Roland Wilhelm für acht Euro auf dem Flohmarkt gekauft hat. Das Original-Gerät aus den achtziger Jahren unterstützt den dreckigen Sound auf den Camp Inc. großen Wert legen, erklärt Sebastian Ingenhoff.

"Dance-Platten, die klinisch klingen, finde ich ganz schrecklich. Das klang lange Zeit sehr ähnlich, wenn man sich moderne Dance-Platten angehört hat. Gerade ist vor allem bei vielen jungen Produzenten dieser Gegentrend erkennbar, dass man halt wieder so kaputte Sounds benutzen möchte und auch Fehler einbaut oder Fehler zulässt."

Einen solchen Sound kann man sich nicht auf CD anhören. Roland Wilhelm benutzt zuhause immer noch regelmäßig einen Kassettenrekorder. Damit überspielt er Platten für seinen Walkman. Den Plan, ein Kassetten-Label zu gründen, hatte er schon länger.

"Ich habe irgendwann davon gehört, dass es Kassetten-Labels gibt, was mich sehr fasziniert hat, und ich wollte schon immer selber eins machen, wusste aber nie, welche Musik ich darauf veröffentlichen soll. Als Sebastian und ich dann unser Live-Set entwickelt haben, war dann relativ schnell die Idee da, als erste Kassette auf unserem Kassetten-Label unser Live-Set zu veröffentlichen."

Der Trend von Kassetten- oder Tape-Labels stammt ursprünglich aus den USA. Dort waren sie vor allem in der Punk- und Hardcore-Szene verbreitet. In den vergangenen Jahren haben sich Kassetten aber auch in anderen Musik-Bereichen wieder durchgesetzt. In manchen Plattenläden gibt es mittlerweile wieder eigene Regale für Kassetten. Die Bandbreite reicht von Ambient über Rock bis hin zu elektronischer Dance-Musik.

Mit Retro hat das wenig zu tun. Im Vordergrund steht vielmehr eine Do-it-Youself Kultur. Kassetten sind eine günstige Möglichkeit, eigene Musik zu veröffentlichen. Das war auch für Camp Inc. ein Grund. Außerdem haben Kassetten noch andere Vorteile gegenüber CD und Vinyl, findet Sebastian Ingenhoff.

"Das Format ist eben ganz spannend. Also wir haben die Idee, bei Camp Magnetics eine Spiellänge vorzugeben, die sich durch die Kassette ergibt. Das heißt, jeder Release, den wir machen, ist eben 45 Minuten lang."

Genau wie bei ihrem Live-Set. Den haben sie bei ihrem ersten Auftritt in der Kölner Alternativ-Location "Baustelle Kalk" mitgeschnitten. So auch der Titel des Albums. Anschließend haben sie die Kassette in einem Kopierwerk fünfzig Mal überspielen lassen. Das Cover hat ein befreundeter Künstler gestaltet. Vertrieben haben sie die Kassetten über ihre Homepage und über Kölner Plattenläden.

"Als wir die Idee hatten, das zu gründen, haben alle unsere Freunde uns für verrückt erklärt und gesagt, wie wollt ihr den Scheiß los werden. Aber man kann tatsächlich sagen, dass die erste Auflage nach einer Woche weg war, womit wir selber gar nicht gerechnet hatten. Es ist gar nicht so nieschig, wie man denkt."

Ein bisschen Nostalgie ist natürlich schon mit dabei. Das gibt auch Roland Wilhelm mit einem Augenzwinkern zu.

"Es ist einfach ein Liebhaberding. Die Leute, die Kassetten hören wollen, die haben auch einen Kassettenrekorder. Alle anderen müssen sich eben einen kaufen."

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