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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Beobachtungen aus Absurdistan02.03.2018

Die rumänische Liedermacherin Ada MileaBeobachtungen aus Absurdistan

"Du singst keinen Folk, du bist ein Geisteszustand" wurde über Ada Milea einmal gesagt. Tatsächlich ist ihre Sprache das besondere Merkmal ihrer Lieder, in denen sie bissig-ironisch das Leben in Rumänien reflektiert. Auch Nobelpreisträgerin Herta Müller schätzt die poetische und politische Kraft von Mileas Texten.

Von Grit Friedrich

Ada Milea singt sitzend und Gitarre spielend in ein Mikrofon (Nicu Cherciu)
Ironisch, mutig und originell: Ada Milea (Nicu Cherciu)

Die rumänische Liedermacherin Ada Milea kommt am 15. März 2018 nach Leipzig zur diesjährigen Buchmesse und tritt gemeinsam mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller auf. Die beiden Frauen verbindet nicht nur ihr Geburtsland Rumänien, beide sind auf ihre Weise Sprachkünstlerinnen. Herta Müller hat schon viele Liedtexte von Ada Milea ins Deutsche übertragen.

Die deutsche Schriftstellerin und Nobelpreisgewinnerin Herta Müller. (picture-alliance / dpa / Laszlo Beliczay)Die deutsche Schriftstellerin und Nobelpreisgewinnerin Herta Müller. (picture-alliance / dpa / Laszlo Beliczay)

Musik: "Plouă" - Ada Milea

Ada Milea ist in Rumänien seit Ende der 1990er Jahre bekannt - vor allem durch ihre ironischen Lieder. Sie vertonte die in ihrer Heimat sehr bekannten Apolodor-Kinderbücher des surrealistischen Dichters Gellu Naum, arbeitete mit Alexander Balanescu und ist heute eine der gefragtesten Theatermusikerinnen zwischen Bukarest, Cluj-Napoca/Kolozsvar und Piatra Neamț. In ihren Liedern ist sie eine genaue Beobachterin des Alltags in Rumänien: Absurdistan. Das war so vor 20 Jahren und ist es immer noch.

Ein Fön oder einen Kochtopf als Musikpreis

"Ich habe versucht, für mich eine Verbindung zwischen meiner Stimmung, dem Klang, den Personen und Situationen zu schaffen sowie den Verrücktheiten, die wir so im Theater machen. So bin ich überhaupt erst zur Musik gekommen. Aber ein richtiger Musiker wird verrückt, wenn er mit mir arbeitet, denn ich halte mich nur an die Worte. Einige haben gesagt, ich sei Folksängerin. Ich habe viele Preise gewonnen, aber immer den Spezialpreis der Jury. Und der war nicht von großer Haltbarkeit. Ich bekam einen Fön, Kochtöpfe oder eine Bluse. Einmal kam eine Frau zu mir, die sagte: ‚Du singst keinen Folk, Du bist ein Geisteszustand‘."

Ada Milea pflegt ein Genre, das in ihrem Land kaum Tradition hat, sieht man mal ab von den Liedern eines Alexandru Andrieș, der in den 1980er Jahren in Rumänien sehr verehrt wurde. Singer/Songwriterinnen wie Ada Milea sind nach wie vor die Ausnahme. Ihr Lied "Rodica" behandelt die Obrigkeitshörigkeit bei ihren Landsleuten, dabei erinnert Mileas expressiver Gesang fast an russische Barden wie Bulat Okudshava.

Musik: "Rodica" - Ada Milea & Romulus Chiciuc

"Absurdistan" hieß eines der frühen Alben von Ada Mile. In diesem Liederzyklus beschrieb sie die lähmende Lethargie in der rumänischen Gesellschaft in den 1990er Jahren.

"Die Menschen verharren im Dauerschlaf"

Neben ihrer prägnanten Stimme und ihrer starken Bühnenpräsenz, sind es vor allem die Texte der Singer/Songwriterin, die fesseln. Kaum ein anderes Lied beschreibt die postrevolutionäre Gemütslage in Rumänien so treffend wie "Obosită". Hier sind alle immer nur erschöpft und suchen Schlaf - egal ob Tag oder Nacht, ob Kinder oder Erwachsene. Die Menschen verharren im Dauerschlaf. Keiner begehrt auf und bricht aus, aus dem Dämmerzustand des Vergessens und der Passivität.

Ada Milea weiß genau, wovon sie singt, denn sie wuchs in einer verschlafenen siebenbürgischen Provinzstadt auf: in Bistrita. Heute gibt es dort das bekannteste Lyrikfestival des Landes, aber daran war in den 1990er Jahren noch nicht zu denken.

Musik: "Obosită" - Ada Milea & Romulus Chiciuc

Zunächst wollte Ada Milea Medizin studieren, aber sie bestand dann überraschend die Aufnahme zum Schauspielstudium im von Rumänen und Ungarn bewohnten Târgu Mureș /Marosvásárhely und landete nach der Universität an einem der besten Häuser Rumäniens. Am Nationaltheater von Târgu Mureș /Marosvásárhely. Dort traf sie den jungen Regisseur Radu Afrim, mit dem sie seither immer wieder zusammenarbeitet. Lieder in extrem schleppendem Tempo, wie "Obosita" oder "Stai" haben sie einem jungen urbanen Publikum bekannt gemacht.

"Es gibt zum Bespiel dieses Lied, in dem ich sehr, sehr langsam singe: ‚Warte und warte und mit einem Mal erwachst Du im Himmel. Und dort wartest Du immer noch weiter. Die Leute sind gut und machen Dir Platz im Himmel, wenn Du Dein ganzes Leben nur wartest‘. Ich könnte das Ganze auch mit viel Revolte in der Stimme singen, aber ich war so enttäuscht von der Haltung der Leute, lieber nichts zu tun als aktiv zu werden, und so entstand dieses Lied."

Musik: "Stai" - Ada Milea & Romulus Chiciuc

Ada Milea hat nie abgewartet, sondern seit 1997 regelmäßig Alben aufgenommen. Ihre so bissigen wie ironischen Lieder kursierten erst im Theatermilieu, über die Jahre erreichten sie ein immer größeres Publikum auch jenseits enger Folkzirkel. Die Lieder aus einer ihrer ersten Off-Theaterproduktionen, "No Moms Land", hat sie zuerst im Bukarester Jazzclub Green Hours gesungen. Die Betreiber dieses legendären Clubs im Keller eines Bukarester Stadtpalais auf der Calea Victoriei öffnen ihr Haus schon seit den 1990er Jahren jeden Montag für unabhängige Theaterproduktionen, wie auch "No Mom's Land" von Radu Afrim, mit Ada Milea als Darstellerin und Sängerin.

Was zählt, ist die Emotion beim Spielen

Musik: "Pleacă'" - Ada Milea

"Pleacă'" kann man mit "Geh´ doch!" oder etwas rauer mit "Hau ab!" übersetzen. Es ist ein Kurzsong aus dem Theaterstück "No Mom's Land". Diese Inszenierung von Radu Afrim wurde 2002 dank der ironischen Lieder zu einem Riesenerfolg im theaterverwöhnten Bukarest. Ada Milea bearbeitete nicht nur ihre Gitarre, sondern auch ein altes Akkordeon. Dabei geht es ihr - wie stets - nicht um saubere Akkorde, sondern um die Emotionen beim Spielen und die Lust, neue Klänge zu erfinden.

Für einige Aufnahmen arbeitete die Sängerin damals zum ersten Mal mit Mihai Iordache zusammen. Das ist ein Saxophonspieler, der viele Jahre zur legendären Bukarester Rockband Sarmale Reci gehörte. Iordache sollte ihre Lieder nicht als rein musikalisches Material behandeln, darum bekam er auch keine Notenblätter von Ada Milea. Er sollte ihre Texte in Stimmungen und Melodien transferieren. Dabei entstanden nicht selten bizarre Klänge, und keine Vorstellung von "No Mom's Land' glich der vorherigen.

Musik: "Stau" - Ada Milea

Ada Milea mit expressiver Mimik und Gestik am Mikrofon (Oxana Panfilov)Liedermacherin aus Leidenschaft: Ada Milea (Oxana Panfilov)

"Wenn ich ein Stück schreibe, dann beginne ich ganz woanders, als dort, wo ich am Ende des Liedes ankomme. Unterwegs schneide ich etwas heraus, füge hinzu und bei manchen Konzerten denke ich mir, dass ich eine bestimmte Passage gar nicht singen muss, weil es keinen Sinn macht. Das Lied verändert sich über eine sehr lange Zeit, und es wird am Ende sehr kurz, denn die Essenz ist kurz, und mir gefällt es nicht, mit Gerede Zeit zu verbringen."

"Die Rose leidet an Sklerose"

Musik: "Bolnava este roze de scleroza" - Ada Milea

"Die Rose leidet an Sklerose" stellt dieses Lied lakonisch fest. Ada Milea schrieb für die CD "No Mom‘s Land" auch einen Zyklus von Liedern über Rosen. Seit 1990 steht die Rose symbolisch für die sozialdemokratische Partei von Ion Illiescu, die PSD. Das ist eine Nachwende-Partei mit vielen ehemaligen Funktionären und korrupten Politikern in ihren Reihen, gegen die Strafprozesse laufen. Die PSD regiert heute immer noch, wobei regelmäßige Massenproteste das Land erschüttern. Die Texte zum Rosenzyklus stammen vom 1952 geborenen Dichter Pavel Șușară, einem regierungskritischen Publizisten. "Bolnava este roze de scleroza/Die Rose leidet an Sklerose" - dieses Lied von Ada Milea hat nichts von seiner Aktualität verloren. Darum wird sie es singen auf der Leipziger Buchmesse 2018 beim Konzertabend  "Grenze in der Tasche" in der Schaubühne Lindenfels.

"Leider sind alle meine Lieder immer noch aktuell"

"Pavel Șușară hat ein Buch mit dem Titel 'Urmuz' herausgebracht und darin die gefeierten Gedichte von Urmuz zu neuem Leben erweckt. Alles drehte sich hier um Rosen. Rosen haben mich interessiert, denn sie sind bis heute bei uns ein Thema. Leider sind alle meine Lieder immer noch aktuell. Nach Leipzig kommen Bobo und auch Anca Hanu mit, eine sehr, sehr gute Schauspielerin aus Cluj. Wir haben dort König Ubu zusammen gemacht."

"De acum vom manca trandafiri" - "Von jetzt an werden wir Rosen essen", so beginnt das gleichnamige Lied, "denn wir sind ein Land voller Engel". Und Engel brauchen ja bekanntlich keine feste Nahrung. Irgendwie klingt auch das Rosenlied harmlos und unschuldig.

Musik: "De acum vom manca trandafiri" - Ada Milea

Musik:"Granița în ranița" - Ada Milea

"Granița în ranița", dieses melancholische, fast balladeske Lied erzählt von jemandem, der auf der Suche nach einem besseren Ort zum Leben seine Heimat verlässt, im Rucksack aber doch die Grenzen mitnimmt.

Die lange Wirtschaftskrise und die bis heute allgegenwärtige Korruption drängten fast vier Millionen Rumänen auf der Suche nach Arbeit ins Ausland. Auch Ada Milea wollte emigrieren, ist aber wieder nachhause zurückgekehrt. Dabei hatte sie Ende der 1990er Jahre einen Dreijahresvertrag mit dem berühmten Cirque du soleil in der Tasche.

Heimweh nach Rumänien und der rumänischen Sprache

"Als ich nach Kanada gegangen bin, habe ich gedacht, ich gehe für immer weg aus Rumänien. Ich hatte einen langen Vertrag und bin dann doch nur zwei Monate geblieben. Ich konnte keine Lieder mehr schreiben. Ich habe mich dort wie eine leere Hülle gefühlt. Etwas von mir war in Rumänien geblieben. Und das passierte mir, die ich die ganze Zeit über Menschen mit Heimweh gelacht habe. Erst als ich wirklich weggegangen bin, habe ich diese Wurzeln gespürt, die vielleicht dort bleiben, wo der Mensch geboren wurde. Ich habe keine Ahnung. Ich fühle mich sehr wohl in der rumänischen Sprache, und darum mag ich es auch, auf welche Art und wie schön Herta Müller über die rumänische Sprache schreibt, auch über einige Worte, an denen wir achtlos vorüber gehen."

"Granița in Ranita" – "Grenze in der Tasche",  heißt der gemeinsame Abend von Ada Milea und Herta Müller in Leipzig am 15. März. Die Literaturnobelpreisträgerin und eine der originellsten Persönlichkeiten der rumänischen Theater- und Musikwelt treten während der Leipziger Buchmesse auf.

"Wir sind uns immer wieder begegnet, so bei einer Gellu Naum Präsentation in Zug, in der Schweiz, oder ich sang beim Oskar Pastior Festival. Ich mag sie sehr. Sie hat einen Humor, in dem eine große Traurigkeit verborgen liegt. Nachdem sie den Nobelpreis bekommen hat, haben wir ein Konzert in Berlin gegeben beim Literaturfestival. Und ich habe sie dazu eingeladen.

Humor, den nicht gleich jeder versteht

Herta Müller fragte mich, wer übersetzt die Texte für das Konzert? Sie schlug dann vor, dass sie und Ernest Wichner das machen, damit das nicht jemand übersetzt, der keinen Bezug zu unserem Humor hat und zur Poesie des Textes. Als ich das hörte, habe ich mich unglaublich gefreut."

Rumänien ist 2018 das Gastland der Leipziger Buchmesse, und da stehen auf dem Programm auch Konzerte mit Bands und Künstlerinnen und Künstlern aus Bukarest, darunter Balkan Taksim und Subcarpați.. Ada Milea singt einen Querschnitt ihres musikalischen Werks, während Gastgeberin Herta Müller die in Rumänien äußerst populären Songtexte ins Deutsche überträgt und über deren poetische und politische Kraft sprechen will.

In Leipzig hört man auch alte Lieder wieder, wie "Rodica","Obosită" oder "Plouă'" - ein Stück, das Ada Milea seit langem nicht mehr live gesungen hat. Sie bringt aber auch das witzige, lautmalerische Lied "Oaia Mica" von der CD "Republica Mioritica Romania" mit. Man kann sich gut vorstellen, wie das besungene junge Schaf lange vergeblich versucht über einen hohen Zaun zu springen.

Ein Schaf als nationales Symbol für Rumänien

"Mich hat die Legende der Miorita schon seit dem Gymnasium geärgert. Sie besagt, dass zwei Schäfer den dritten ermorden, weil er reicher ist  als die beiden. Ich verstand nie, warum die beiden - anstatt mehr Schafe zu züchten - den dritten einfach umbringen. Und der - anstatt zu flüchten - sieht seinen Tod auf eine sehr poetische Weise voraus. Mir gefiel die Idee des Schafes als nationales Symbol. Jedes Volk hat sich ein furchterregendes Tier gewählt. Nur wir haben uns Schafe ausgesucht."

Musik: "Oaia mică" - Ada Milea & Romulus Chiciuc

Ada Milea schreibt vorzugsweise Kurzchansons wie dieses vom kleinen Schaf. Die meisten Lieder Ada Mileas sind gerade mal zwei bis drei Minuten lang, aber sie kann auch kürzer. Englisch, wie bei ihrem morbiden Winterlied, singt sie schon lange, nicht erst seit ihrer Zusammenarbeit mit dem Geiger Romulus Chiciuc für ihr Album 'Inventar'.

Musik: "Winter" - Ada Milea & Romulus Chiciuc

"Winter" - ein Lied über das harte Los der Leute, die keinen Winter mögen. Leider kann Ada Milea nur noch selten mit ihrem Duopartner Romulus Chiciuc auftreten, denn auch der ist mittlerweile emigriert wie viele andere junge, gut ausgebildete Rumänen. Zurück in die alte Heimat dagegen zog es schon gleich nach dem Sturz von Ceausescu den Geiger Alexander Balanescu. Zuerst nur für Konzerte, suchte er dann nach Partnern für neue Projekte und landete bei Ada Milea. Eine ihrer schönsten gemeinsamen CDs entstand nach Texten des rumänischen surrealistischen Dichters Gellu Naum.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Alexander Balanescu

"Jeder hat etwas vorgeschlagen, und Alexander Balanescu gefiel am meisten 'Die Insel'. Unser erstes Konzert damit war in England, da gibt es ja Robinson Crusoe, und dieser Humor von Gellu Naum in ‚Insula‘ ist fast schon britisch. Das hat also gut dorthin gepasst. Die Zusammenarbeit mit Balanescu war sehr interessant, das hat mir gefallen. Doch richtige Musiker wie er gehen anders an solche Sachen heran.

Er fand es schwierig, dass es mit mir immer wieder Änderungen gibt, die aus musikalischer Sicht keinen Sinn machen. Und an einem Punkt habe ich mich auch geschämt, meine Gitarre in die Hand zu nehmen. Alexander Balanescu fragte dann: ‚Warum?‘ Ich sagte, dass ich mich schämte, denn ich bin ja nur eine Dilettantin neben diesem großen Musiker. Was kann ich schon. Aber er antwortete: ‚Wollen wir zeigen, wie gut und toll wir jeweils sind, oder wollen wir eine schöne Sache zusammen machen?‘. Das hat mich überzeugt, und ich habe wieder Vertrauen zu mir als Liedermacherin gefasst."

Musik: "Mabogo" - Ada Milea & Alexander Balanescu

Auf der CD "The Island" aus dem Jahr 2011 nach Gellu Naums Text "Insula" aus den 1970er Jahren gibt es zwei Stimmen, eine Geige und eine Gitarre. Hier sind die Stücke plötzlich länger, es gibt viel Raum für spielerische Passagen und Improvisation, bei denen der Geiger die menschliche Stimme imitiert und auch Volksmusiker zitiert. Alexander Balanescu ist eng mit der zeitgenössischen rumänischen Musikszene verbunden, und seine Konzerte mit Ada Milea haben Kultstatus in Rumänien. Die Sängerin Ada Milea flüchtet auf der Suche nach Texten aber keinesfalls nur in die absurde oder surrealistische Literatur, sondern bezieht auch Stellung zu aktuellen Problemen ihrer Landsleute. Auf dem Album "Aberatii Sonore" etwa reagierte sie auch auf blutige Auseinandersetzungen zwischen Ungarn und Rumänen in Siebenbürgen im März 1990.

So zitiert sie im "Magyar Song" ein rumänisches und ein ungarisches Kinderlied, wobei der ungarische Vers sich auf den rumänischen reimt, um dann auf Englisch zu schließen: "Ich liebe Stille und Frieden, ich will keine Polizei sehen, bitte." Vielleicht ist es eine Anspielung auf die interethnischen Konflikte in Târgu Mureș /Marosvásárhely 1990. Diese politisch geschürten Auseinandersetzungen hat Ada Milea als junges Mädchen erlebt, es gab Schlägereien mit Toten und Verletzten, die Polizei schritt damals viel zu spät ein.

Musik: "Magyar Song" - Ada Milea

"Ich habe zum Beispiel ein Lied, das beginnt so: ‚Meine Mutter ist Ungarin, mein Vater Rumäne, stark wie ein Drache‘. Bis zu dieser ersten Zeile stimmt das mit mir überein. Ich wollte einen kleinen Familienkonflikt in eine nationale, ja universale Katastrophe umwandeln, mir erschien dieser Konflikt so absurd. Ich bin doch halb Ungarin, halb Rumänin. Was soll ich denn tun? Einen Schlag von links in die rechte Seite geben oder umgekehrt?"

Eine der profiliertesten Theatermusikerinnen Rumäniens

Ada Milea liebt das Verwandlungsspiel. Schon als Studentin hatte sie sich die fiktive Biografie eines Theaterwissenschaftlers erdacht. Heute ist sie die profilierteste Theatermusikerin Rumäniens. Mit starkem Hang zu absurden Texten, von Gogol, Jarry oder Jaroslav Hašek. So vertonte sie zuletzt "Der brave Soldat Schwejk", ebenfalls in Cluj /Kolozsvar am Nationaltheater. Sie persifliert mit diebischem Vergnügen den weitverbreiteten Autoritätsglauben und entflieht der Ernsthaftigkeit des Theaters via Musik. Das sind ihre eigenen Worte. Dabei kann Ada Milea gerade so frei schreiben, weil sie eine 100prozentige Autodidaktin in der Musik ist.

Den ironischen Tonfall, mit dem sie menschliche Schwächen und liebgewordene Mythen der Rumänen besingt, nehmen ihr nur jene übel, die aus dem von ihr besungenen "Schlaf der Nation" noch immer nicht erwacht sind. Das Lied "Somnul Natiunii" ist glücklicherweise nur noch partiell aktuell, denn immer wieder gibt es heute Proteste gegen korrupte Politiker in Rumänien, und die Zivilgesellschaft wächst von Jahr zu Jahr.

Musik: "Somnul națiunii" – Ada Milea

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