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StartseiteBüchermarktDie Schatten des Möglichen29.07.2011

Die Schatten des Möglichen

Antoine Volodine: "Mevlidos Träume". Suhrkamp

Was Realität oder Erfindung ist, darüber lässt der Franzose Antoine Volodine seine Romanhelden und die Leser im Ungewissen. In einer aus den Fugen geratenene Welt scheint nichts mehr wie bisher.

Von Christoph Vormweg

Antoine Volodine will innere Dinge zum Vibrieren bringen, die Leser, Autor und Erzähler teilen (picture alliance / dpa)
Antoine Volodine will innere Dinge zum Vibrieren bringen, die Leser, Autor und Erzähler teilen (picture alliance / dpa)
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Die Normalisierung des Schreckens

Antoine Volodine ist ein Pseudonym – wenn auch nicht das einzige, unter dem der in Orléans lebende französische Schriftsteller seine mittlerweile knapp vierzig Romane publiziert hat. Mindestens drei weitere Pseudonyme sind bekannt. Die Lust am Versteckspiel beschränkt sich bei Antoine Volodine allerdings nicht auf das Biografische. Vielmehr setzt sie sich in seinen Büchern fort. So bleibt die Zeit, in der sein Roman "Mevlidos Träume" spielt, vage: etwa 200 Jahre in der Zukunft oder – wie es an einer Stelle heißt – "am Ende der Geschichte". Auch wer erzählt, ist unklar. Mal meldet sich ein "ich", mal ein "wir". Mehr noch: Wir wissen nie, ob sich sein Protagonist Mevlido in der Realität bewegt oder in einem Traum. Wahrnehmungstechnisch führt uns Antoine Volodine also ständig aufs Glatteis. Dennoch verliert die in seinem Roman "Mevlidos Träume" beschriebene Zukunft – so befremdlich sie auch erscheint – nie die Bezugspunkte zu unserer heutigen Welt.

"Es handelt sich nicht um Utopien. Es geht darum, den Blick in luzider Weise auf gegenwärtige oder vergangene Schrecken zu lenken: auf Völkermorde, auf Kriegserinnerungen. So gibt es zum Beispiel im Hintergrund die ziemlich furchterregenden Gestalten der Kindersoldaten. Sie sind eine Realität und keine Erfindung. Letztendlich sammle ich Elemente, die vollkommen realistisch sind: aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen, von verschiedenen Kontinenten, von Gräueln, die zu unserer Welt im 20. und 21. Jahrhundert gehören. Ich kombiniere sie zu einer Vision, die sich keiner bestimmten Region, keiner genau datierbaren Epoche zuordnen lässt. Dennoch wirft die Gesamtheit dieser Elemente den Leser ständig auf etwas zurück, das ihm bekannt vorkommt. Ich wühle traumatisierende Dinge aus der Geschichte auf, um Erzählungen daraus zu machen, Fiktionen, die vollkommen entrückt sind und zugleich in Verbindung mit der Wirklichkeit stehen."

Mevlido, ein in den Polizeidienst eingeschleuster Krimineller, kehrt jeden Abend in den "Hühnerhof Vier" zurück, ein – wie es heißt – "unkontrollierbares Ghetto" am Stadtrand. Mutierte Hühner, die stärker als Hunde sind, bevölkern die Straßen, Süchtige, Leichen, Monsterkrähen. In den Wohnungen herrscht eine Spinnenplage. Und die Sonne ist unsichtbar. Mit anderen Worten: Alles deutet darauf hin, dass die Erde schon mehrere Atomkriege hinter sich hat. Auch die Seelen gleichen Ruinenlandschaften. So lebt Mevlido in einer Zweckgemeinschaft mit Maleeya, seiner "Gefährtin im Unheil". Sie ist traumatisiert vom Verlust ihres Mannes, der bei einem Terroranschlag auf einen Bus ums Leben kam, er vom Tod seiner großen Liebe Verena, die bei Rassenunruhen von Kindersoldaten massakriert wurde. Nachts, im verschwitzten Halbschlaf, quält sich Mevlido durch albtraumhafte Halluzinationen und bizarre erotische Phantasien. In diesem Zwischenreich der ungesicherten Wahrnehmung keimen Antoine Volodines höchst beklemmende Bilder.

"Beim Schreiben versuche ich schon immer, als Erstes in Bilder einzutauchen. Das ist wirklich wesentlich. Wichtiger als Fiktionen, Reflexionen, philosophische Schlussfolgerungen oder Anekdoten ist für mich die Übermittlung von Bildern. Die Arbeit am Bild ist in meinen Augen die Hauptarbeit des Romanautors. Techniken gibt es da viele, von denen einige geheim sind. Ich möchte den Leser, der sich dem Bild gegenüber befindet, an der Hand nehmen und ihn ins Bild hineinführen, indem ich mit Mechanismen am Rande des Bewusstseins spiele, indem ich innere Dinge zum Vibrieren bringe, die Leser, Autor und Erzähler teilen: Erinnerungen und Eindrücke, die uns auf die Kindheit zurückwerfen, auf Ängste, Freuden, erste Empfindungen."

Wie schon in seinem letzten auf Deutsch erschienenen Roman "Dondog" beschreibt Antoine Volodine eine aus den Fugen geratene Welt. Nichts scheint mehr berechenbar, überall lauern Gefahren. Das allgegenwärtige Gefühl von Beengung und Angst verdichtet er in der Szene, als Mevlidos Freundin Maleeya in einem stinkenden Gewühl mutierter Hühner verloren geht; das Gefühl, sich seiner Wahrnehmungen nicht mehr sicher sein zu können, in Mevlidos Beobachtung eines Terror-Attentats bei strömendem Regen. Auf die Informationen, die sein Gehirn empfängt, scheint kein Verlass mehr – weshalb er in seiner Not eine Psychiaterin aufsucht.

Spätestens mit dieser ganz heutigen Reaktion überträgt sich Mevlidos wachsende Unruhe, sein Verlust an Gewissheit unweigerlich auf den Leser. Wann, so fragt man sich, beginnt denn nun der Realitätsverlust? Und vor allem: Was braucht es, um unsere Gegenwart so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass Mevlidos Welt real wird? Wie viele Fukushimas? Wie viele Börsencrashs und Revolutionen? In jedem Fall: Antoine Volodines Gratwanderung durch eine postapokalyptisch anmutende Zukunft begleitet uns wie ein Schatten des Möglichen. Und gerade hier liegt seine literarische Kunst, der die Übersetzer Sabine Müller und Holger Fock in jeder Hinsicht gewachsen sind: im subtilen, magischen Einleiten der Assoziationen und Phantasien, die beim Leser durch die packend-präzise Beschreibung von Mevlidos Wahrnehmungen in Gang gesetzt werden. Die Unruhe, in die uns Antoine Volodine stürzt, reicht dabei über das Romanende hinaus.

"Diese Geschichte des "narrativen Killens" ist ziemlich speziell. Sie besteht darin, dass es an einem bestimmten Punkt der Erzählung verschiedene mögliche Fortsetzungen gibt: in "Mevlidos Träume" zum Beispiel mehrere mögliche Romanschlüsse. Die Unsicherheit darüber, welche von drei Hypothesen das richtige Ende beschreibt, löse ich nicht auf. Ich erzähle drei Romanschlüsse, die alle perfekt auf das übrige Buch abgestimmt sind. Das ist so ein kleiner Kniff, den ich hier in 'Mevlidos Träume' eingebaut habe."

Ein postexotischer Kniff. Denn der sogenannte Postexotimus ist Antoine Volodines Markenzeichen. Mit dieser eigens begründeten literarischen Strömung wollte und will er verhindern, dass ihn die Literaturkritiker – nur weil seine Romane in der Zukunft spielen – in der Science-Fiction-Ecke parken. Denn Science-Fiction-Autoren werden literarische Finessen bekanntlich meist automatisch abgesprochen. Über die aber verfügt Antoine Volodine in hohem Maße. Er ist ein Meister des Indirekten, der Verfremdung unserer Realitäten. Dabei verliert er nie die Abgründe der "Bestie Mensch" aus dem Blick: die maßlose Gier, die Machtgeilheit, die über die Leichen ganzer Völker geht. Doch nicht die blutig-drastische Beschreibung eines Massakers interessiert Antoine Volodine, sondern die Wirkung des Massakers auf das menschliche Bewusstsein: sei es das Bewusstsein eines Opfers oder das eines Zeugen. Im Übrigen gehört zum Postexotismus auch Antoine Volodines sogenannter "Humor des Desasters". "Mevlidos Träume" hält dafür am Ende ein wunderbar sarkastisches Beispiel bereit. In einem der drei möglichen Romanschlüsse heißt es:

"Die Herrschaft der Menschheit ist zu Ende. Die Organe haben, und dieses eine Mal mit Erfolg, ihre Kräfte und ihre Hoffnungen auf eine verständigere und weniger barbarische, weniger selbstmörderische, weniger neurotische Gattung verwendet. Jetzt verwalten Spinnen die Ruinen des Planeten. Auch sie beanspruchen Menschlichkeit, und wenngleich es stimmt, dass sie ihren Sexualpartner fressen, sobald ihre Eier befruchtet sind, findet man unter ihnen im Laufe der Jahrtausende nicht die kleinste Theoretikerin des Genozids, des Präventivschlags oder der sozialen Ungleichheit."

Antoine Volodine: "Mevlidos Träume". Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 446 Seiten, 26,90 Euro.

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