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Die Schere im Kopf

DDR-Literatur zwischen Widerstand und Anpassung

Zensur hat es in der DDR bis zum letzten Tag gegeben, hohe Haftstrafen wurden gegen kritische Autoren selbst noch in den 80er-Jahren verhängt. Bei der Tagung "Literatur und Diktatur - Die DDR-Literatur zwischen Widerstand und Anpassung" ging es um die unterschiedlichen Wege, die Schriftsteller in der DDR gegangen sind oder gehen mussten.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Bekannte Autoren wie Christa Wolf feilschten um ihre Texte.  (AP)
Bekannte Autoren wie Christa Wolf feilschten um ihre Texte. (AP)

"Die Dichterin Edeltraud Eckert stirbt 1955 mit 25 Jahren im Zuchthaus Hoheneck, der Dichter Gerhard Rolf Wenzel mit 22 Jahren 1953 in Bautzen, der Schriftsteller Gustav Leuteritz 1955 in Workuta."

Dass in der frühen DDR der 50er-Jahre ein politisch missliebiger Schriftsteller inhaftiert werden und im Gefängnis durch schlechte Haftbedingungen zu Tode kommen konnte, war kein Einzelfall. Auch in den folgenden Jahrzehnten lebten kritische Autoren mit Überwachung und der Angst vor Verhaftung. Die Namhaften unter ihnen durften Teile ihrer Arbeit nicht publizieren oder mussten das Land verlassen. Es gab aber auch Unbekannte, deren Manuskripte in der Schublade blieben. Ihre Texte kommen erst seit 1989/90 zum Vorschein – ausgerechnet in den Stasi-Unterlagen.

Diesen Bogen über 40 Jahre DDR zu spannen – das war das ehrgeizige Ziel der Tagung "DDR-Literatur zwischen Anpassung und Widerstand". Wissenschaftler und Dichter wie Rainer Kirsch, Helga Schubert und Lutz Rathenow skizzierten ein vielseitiges Bild des literarischen Lebens in der DDR. Sie erzählten von der obersten Zensurbehörde, der Hauptverwaltung Verlage, sprachen über die Lektoren und Verlage sowie jene, die parteikonform reimten, kritisch texteten oder kompromisslos-widerständig schrieben. Wer in der DDR veröffentlichen wollte, musste sich zwangsläufig mit dem Machtapparat der Diktatur auseinandersetzen. Die Therapeutin Helga Schubert arbeitet seit 1977 als Schriftstellerin:

"Die DDR-Zeit ist für diejenigen, die da gelebt haben und auch versucht haben, zu veröffentlichen so wie ich, natürlich eine demütigende Zeit auch gewesen. Weil man ja ganz genau gewusst hat oder auch im Nachhinein: Hier hättest du jetzt vielleicht noch entschiedener was sagen müssen oder hier hättest du überhaupt keinen Kompromiss machen dürfen."

Die Schriftsteller, die keine Kompromisse machten, verschwanden zum Teil in den 50er-Jahren im Gefängnis oder verließen das Land. Die große Mehrheit der Autoren und Autorinnen allerdings habe sich bis in die 80er-Jahre hinein in ihrem Werk auf den Marxismus und seine Grundwerte berufen, stellte der Bremer Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich fest.

Insbesondere die in den 20er-Jahren Geborenen identifizierten sich zunächst stark mit der DDR: etwa Franz Fühmann oder Erich Loest. Nach dem Zweiten Weltkrieg und Zusammenbruch des NS-Regimes hatten sie mit dem sozialistischen Staat einen Neuanfang erlebt. Die SED habe die jungen Menschen psychologisch geschickt von ihrer Mitschuld entbunden und ihnen einen neuen Glauben angeboten. Professor Wolfgang Emmerich:

"Hier liegt auch eine Erklärung dafür, warum viele Autoren der mittleren Generationen, die man Reformsozialisten zu nennen sich angewöhnt hat – also von Stefan Heym über Heiner Müller und Christa Wolf bis zu Ulrich Plenzdorf und Volker Braun, und auch Rainer Kirsch zähle ich dazu – sich aus ihrer tiefen Bindung an das Projekt DDR nie wirklich befreit haben. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass manche von ihnen eine oft mutige, einfallsreiche, ja sogar raffinierte politisch-literarische Strategie verfolgten."

Heute zeigen die Akten des Machtapparates und der Stasi sowie die Nachlässe und Archive von Schriftstellern, welchen Wandel einzelne Dichter durchlaufen haben. Aber auch, welche unterschiedlichen Strategien sie entwickelten im sogenannten "Leseland DDR". Einem Land, das die Massen lesend für den Sozialismus mobilisieren wollte, und deshalb Bücher verbot oder zurecht stutzte. Ein Land, in dem nur veröffentlichen durfte, wer Mitglied im Schriftstellerverband war.

Das Freche fand zuweilen dennoch seinen Weg zwischen die Zeilen. Siegfried Lokatis, Professor für Buchwissenschaft in Leipzig, berichtete von 30 verschiedenen Strategien im Umgang mit Verlag und Zensur. Darunter ein Blumenstrauß für den Verleger, die Wahl einer unverfänglichen Literaturgattung oder das Kalkül, als devisenbringender Autor unverzichtbar zu sein. Prominente Autoren wie Stefan Heym oder Christa Wolf konnten leichter um Textstellen feilschen. Die Mitarbeiter der Zensurbehörde ließen sich teilweise darauf ein, weil es nicht zuletzt galt, mit Büchern im In- und Ausland Geld zu machen.

"Also insgesamt ein paradoxes System der Zensurwirtschaft, das systematisch die Systemkritik zu instrumentalisieren bestrebt war. Für die betroffenen Autoren leicht ein korrumpierendes Gallert, eine Sumpflandschaft, aus der – wollte ein Schriftsteller öffentlich in der DDR wirken – nur ganz schwer auszubrechen war. Letztlich blieben dann nur der Weg in den Westen, in den Untergrund und die Totalverweigerung."

Vor allem die unbekannteren Nachwuchsautoren hatten mit dem perfiden Machtmissbrauch der SED zu kämpfen. Als Helga Schubert 1980 im Westen mit einem Preis ausgezeichnet werden sollte, durfte sie diesen nicht annehmen. Welche Strategie sie dagegen entwickelte, erzählte sie auf der Tagung.

"In der Literatur, ja, da hat man wirklich die Verpflichtung, wenn man sich diesem Beruf jetzt widmet: Man muss diese Geschichte schützen. So. Und da schreibe ich nichts rein, was nachher wieder eventuell gestrichen werden kann, weil das jetzt Strategie und Taktik ist. Sondern dann mache ich diese Geschichte, und dann wird sie eben nicht veröffentlicht oder im Westen."

Auf die wachsende Regimekritik der 70er reagierte die Staatssicherheit bis ins letzte Jahrzehnt der DDR mit verschärfter Überwachung. Zwar waren die harten repressiven Maßnahmen verschwunden, doch die Diktatur blieb sich bis zum Ende treu: Der Geheimdienst habe die Kreativität und die kritischen Stimmen frühzeitig zerstören wollen, erinnert die Schriftstellerin Ines Geipel, Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Allein die Möglichkeit eines Zugriffs habe die Menschen verunsichert und zerrieben.

"In den 80er-Jahren wurde es zunehmend möglich, in selbst verlegten Zeitschriften und inoffiziellen Publikationen außerhalb der staatlichen Kunstlenkung zu veröffentlichen. Dabei entstand gute Literatur. Aber für die gern erzählte Legende vom nun kommoden DDR-Sozialismus taugt die intensiv stasi-unterwanderte Szene trotz Lebendigkeit nicht. 1981 wurde der Lyriker Uwe Keller für seine Texte zu sechs Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Der Dichter Andreas Reimann musste für vier Jahre ins Zuchthaus."

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