• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:05 Uhr Rock et cetera
StartseiteBüchermarktDie Schnapsstadt07.04.2003

Die Schnapsstadt

Aus dem Chinesischen von Peter Weber-Schäfer

In Zeiten der Wirrnis und Korruption, heißt es im nachrevolutionären China, solle man die eigenen Brüder nicht verurteilen. Eine andere Erkenntnis aus Maos einstigem Reich lautet, dass die Revolution wie Saturn ihre Kinder frisst. Irgendwo dazwischen muss die Wahrheit von Jiuguo liegen, der berüchtigten Schnapsstadt. Ist es eine Lotoswurzel oder ein krosser, köstlich duftender Knabenarm, der dem Sonderermittler Ding Gou'er dort in der entlegenen Provinz aufgetischt wird? Handelt es sich um die harmlose vegetarische Variante der Spezialität "Fleischkind" oder doch um jenen schockierenden Beweis des Kannibalismus, den Ding Gou'er im Auftrag der Staatsanwaltschaft erbringen soll?

Katrin Hillgruber

Diese Fragen stellen sich Leser und Sonderermittler Ding Gou'er, ein cooler chinesischer Marlowe, zu Anfang von Mo Yans Roman:

Die Phantasie des Ermittlers schwang sich in die Lüfte; Windböen trugen Flügel und Federn vor sich her. Wahrscheinlich war der junge Mann mit der Stoppelfrisur Mitglied einer Bande, die kleine Kinder fraß, und war schon dabei, seine Flucht vorzubereiten, als er ihn in diesen Irrgarten von Baumstämmen gelockt hatte. Der Weg, den er einschlug, war voll Fallen und Gefahren. Aber die Verbrecher hatten Ding Gou'ers Intelligenz unterschätzt. Der Ermittler klammerte sich an seine Aktentasche. In ihr lag, schwer und stahlglänzend, sehe Pistole, eine automatische Neunundsechziger aus chinesischer Produktion. Mit der Pistole in der Hand war er kühn, war er mutig.

Das Buch aus dem Jahr 1992 liegt erst jetzt m einer Übersetzung von Peter Weber-Schäfer vor, die man in ihrer farbenreichen» lukullischen Sprache kongenial nennen möchte. Thematisch ist "Die Schnapsstadt" hochaktuell: Nach einem Fall von Menschenfresserei "auf Bestellung" im beschaulichen Rotenburg sorgte kürzlich in Großbritannien die geplante Ausstrahlung eines Dokumentarfilms für Aufregung, Dieser zeigt angeblich, wie ein sogenannter Künstler aus Shanghai einen sechs Monate alten Fötus verzehrt.

Mo Yan wurde 1955 in Gaomi in der Provinz Shandong als Sohn von Bauern geboren. Spätestens seit der Verfilmung seines Romans Das rote Kornfeld gilt er als einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren seines Landes. Nicht nur Kenzaburo Oe zählt zu seinen großen Bewunderem. Mos Sittengemälde des neuen China erinnert an Gogols Groteske Der Revisor . Raffiniert werden im Stil des Nouveau Roman Zeit- und Bedeutungsebenen vermischt. Bald schwirrt bei der Lektüre der Kopf, und man sieht den "lieblichen Schmetterling seines Bewusstseins", wie es im Buch heißt, davonflattern. Dabei bedient sich Mo Yan einer im Wortsinn süßsauren Metaphorik, die Unschuld und Schrecken in sich vereint.

Die Kinder trugen bunte Sonntagskleider. Ihre Gesichter waren rund und zart, und in den Augen stand ein Lächeln. Sie hielten sich an einem dicken roten Seil fest wie Fische an der Angel oder Obst auf einem Spieß. Die Abgaswolken, die sich um sie sammelten, glitzerten im Sonnenlicht wie Holzkohle und füllten die Luft mit ihrem Duft. Die Kinder sahen aus wie ein marinierter und gewürzter Lammspieß. Die Kinder sind die Zukunft der Nation, ihre Blüten, ihr Schatz. Wer würde es wagen, sie zu überfahren?

Überall stößt Ding Gou'er auf traurig-absurde Reste der Revolutionsparolen, die an ein besseres, längst verblasstes Menschenbild gemahnen. Die Funktionäre in der dekadenten "Schnapsstadt" Jiuguo verstehen es. den Ermittler durch ständig neue kulinarische und erotische Ausschweifungen zu ködern und dadurch zu behindern. Er sieht sich in einem Labyrinth der Täuschungen und Verrührungen gefangen. Hypothesen und Beweise überlagern sich immer stärker, gleiten ins Phantastische ab. Am Ende macht sich der Autor selbst auf die Reise ins ferne Jiuguo. Spiegelbildlich wiederholt er die Erlebnisse seines Helden.

Oder hat sich das Ganze nur ein ehrgeiziger Doktorand der Alkoholkunde ausgedacht, ein angehender Schriftsteller? Li Yidou nennt er sich, was übersetzt "Li Eine Kanne" bedeutet. Er schreibt fortwährend an den "verehrten Meister Mo Yan", die Feder trunken von 5000 Jahren fernöstlicher Schnapspoesie.

Mein Mentor! Ihre Seele ist voll und ganz die Seele des Alkohols. Dir Körper ist von innen wie von außen die Seele des Alkohols, Ihr alkoholgestärkter Körper befindet sich in vollkommener Harmonie: rote Blüten und grüne Blätter, blaue Berge und smaradgrüne Seen, gesunde kräftige Glieder, harmonische Bewegungen, eine elegante Haltung, wahres Fleisch und Blut, das Inbild des blühenden Lebens. Jedes bisschen weniger wäre zu wenig jedes bisschen mehr wäre zu viel. Mein Mentor! Sie sind eine lebende, amiende Flasche Rote 'Achtzehn Meilen'. Um Sie bei Ihren Recherchen zu unterstützen, habe ich zehn Flaschen 'Tausend Grüne Ameisen' , zehn Flaschen 'Hengst mit Roter Mähne' und zehn Flaschen 'Schönheit des Ostens' bereitgestellt. Ich schicke sie mit, wenn der nächste Schulbus nach Peking fährt. Von heute an, verehrter Meister, mögen Sie kühn voranschreiten, eine Flasche an der Seite, die Feder in der Hand! Und kümmern Sie sich nicht um das Geschwätz der Unwissenden!

Die Schnapsstadt bleibt bis zum Schluss ein artistisches Vexierspiel. Berauschend und geheimnisvoll wie das Destillat "Tausend Grüne Ameisen" ist dieser Roman, ein hochprozentiger literarischer Genuss.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk