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StartseiteBüchermarktDie Schwester des Don Quijote. Ein intimer Roman09.07.2002

Die Schwester des Don Quijote. Ein intimer Roman

Schöffling & Co., 224 S., EUR 18,50

Eine "Malergeschichte" nannte Martin Kessel den Roman bei seinem Erscheinen. Das klingt nach ironischem Understatement und nobler Zurückhaltung. Dabei steht der Roman in seiner Anlage und Thematik durchaus in der Tradition des romantischen Künstlerromans, der Künstlernovelle: Die Identifikation des Künstlers mit seinem Werk, das verführerische Wechselspiel zwischen Realität und Ideal, zwischen dargestellter und leibhaftiger Schönheit, das Schicksals- respektive Todesmotiv als thematische Grundierung - mit diesen Charakteristika ist er tief im 19. Jh. verankert.

Cornelia Staudacher

Als Theo Schratt, ein noch wenig lebenserfahrener Maler, die schöne, junge Witwe Saskia Skorell kennenlernt, weil er sie portraitieren soll, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht. Während er sich in Sehnsucht nach ihr verzehrt, muss er sich im Alltag mit der argwöhnischen, indiskreten Witwe Veitzuch, seiner Vermieterin, herumschlagen, die auf ebenso mysteriöse Weise in das Porträt von Saskia gerät wie die Spuren fortschreitenden Alters in das Bildnis des Dorian Gray in Oscar Wildes gleichnamigem Roman. Nachdem Theo während einer U-Bahnfahrt Saskia seine Liebe gestanden hat, lad sie ihn zu einem "Abschiedsmahl" in ihre großbürgerliche Wohnung ein. Dann begibt sich die wohlsituierte, aber vereinsamte und in einer Welt der Illusionen lebende Frau zu einem längeren Aufenthalt nach Italien. Und Theo, der sich gemeinsam mit seinem Mentor, dem Maler Njeshowski auf den Weg macht, ihr zu folgen, gelangt gerade bis Flauen im Vogtland, wo die beiden forschen Reisenden bei einem Unfall mit ihrem feschen Autobobil nach einem salto mortale im Rutengeflecht der Weidenbäume landen.

Nicht dem Maler, sondern seinem Modell ist es vorbehalten, das Sehnsuchtsland Italien mit der Seele zu suchen. Theo bleibt ein schwärmerischer Brief seiner Angebeteten, den er -einsamer nie - in einer Silvesternacht auf dem Oberdeck eines Doppeldeckerbusses liest, der ihn durch Schöneberg kutschiert - draußen die betriebsame Stadt, die sich rüstet, ein neues Jahr zu begrüßen, ausgelassene, extravagant gekleidete Passanten auf dem Weg zu Silvesterparties und ein Feuerwerk, das er von der Ringbahn aus beobachtet. Der Roman erschien 1938 im Braunschweiger Vieweg Verlag gemeinsam mit dem Essayband "Romantische Liebhabereien". Darin bekennt sich Kessel zum, wie er es nennt, "Geselligkeitszustand" der Literatur, zu den spekulativen, satirischkomödiantischen Triebkräften der Romantiker und beschwört die "närrischen, geselligen Kobolde des Symphilosophierens."

Mitten im Nazi-Deutschland und ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs aber war das Zwischen-den-Zeilen-Lesen zur Notwendigkeit geworden, sofern überhaupt noch Bücher von nicht gleichgeschalteten Autoren gedruckt wurden. So laviert Kessel in dem Roman auf doppeltem Boden. Schon die Namen sind voller Anspielungen: Im Namen des Protagonisten, Theo Schratt, klingt das Dämonische des Waldschrats, aber auch etwas Ungehobeltes an. Seine Angebetete, Saskia hingegen teilt ihren Namen mit der schönen, vom Meister in berühmten Bildern verewigten Frau Rembrandts. Die Wirtin, Frau Veitzuch, befindet sich mehr als einmal im Zustand pathologischer Unzurechnungsfähigkeit und der Mentor Theos, Njeshewsi, ist ein bramarbasierender Tausendsassa, der um des Erfolges willen jederzeit bereit ist, sich den Ateliermoden und den Ismen der Zeit zu unterwerfen, während Theo um das Wahre in der Kunst ringt - ein Romantiker in unromantischer Zeit.

Im Begriff "Malergeschichte" klingt nicht nur die Künstlernovelle an, sondern mit umgekehrtem pejorativen Unterton auch eine "Anstreichergeschichte". Von einem überkandidelten Pseudokünstler ist denn im Roman auch die Rede, der sich als Konditorlehrling so lange an Kunsttorten in Form des Völkerschlachtdenkmals versucht, bis er von seinem Meister gefeuert wird und in die freie Kunstszene abdriftet. Was durchaus als Anspielung zu verstehen ist auf den'"Kunsttapezierer, das zynisch-neurasthenische Halbtalent aus Braunau, Herrn Hiedeler, der uns um zehn Jahre unseres Lebens und Schaffens betrog", wie in einem Essay aus den fünfziger Jahren zu lesen ist.

Im Mit- und Gegeneinander der persönlichen Beziehungen und Verbindungen wird mit pointiertem Witz, subtilem Spott und hoher sprachlicher Kunstfertigkeit eine Innenwelt ausgeleuchtet, die bei aller Realitätsbezogenheit die melancholische Grundhaltung des Autors nicht verleugnen kann. Als Vertreter der Neuen Sachlichkeit bekennt sich Kessel zur objektiven Nachzeichnung der Wirklichkeit. Seine Schilderungen könnten von Schad oder Schlichter gemalte Szenarien sein. Die Zustände im Reich aber lassen ihn gleichzeitig in eine Welt aus Melancholie und Scharfsinn flüchten, die sich in der Figur Don Quijotes manifestiert. "Phantasie begann, Aether zu trinken", schreibt er in einem Essay über den Ritter von der traurigen Gestalt, "ab diesem Punkt gelangte der Aesthet in ihm dahin, sich selbst zu vergessen, und er wurde verrückt. Sein Gehirn trocknete aus, es verbrannte, er verlor den Verstand und gewann Scharfsinn". Im Wahnsinn Don Quijotes, in seiner Selbstüberwindung und Selbstparodie, liegt für Kessel die Rettung vor dem Spießertum und vor den unsäglichen Zuständen im Nazideutschland.

Der Roman schwebt in einem zeitlosen Raum. Während sich Kessel, wie schon in "Herrn Brechers Fiasko", akribisch an der Topographie Berlins orientiert, ignoriert er geflissentlich jede Datierung. Der Reichskanzlerplatz, in dessen Nähe sich das Atelier Njeshewski befindet, hieß seit 33 in Wirklichkeit Adolf-Hitler-Platz, und im Bayerischen Viertel, wo Saskia in einer feudalen Wohnung residiert, waren längst alle Parkanlagen und öffentlichen Bänke als für Juden verboten gekennzeichnet. Von all dem lesen wir nichts in dem Roman, in dem die Politik nicht vorkommt.

Längst dürften Kessels eigene Lebensumstände seiner Vorstellung von einem in Würde widersprochen haben. Sein im Dezember '32 erschienener, im Berliner Angestelltenmilieu angesiedelter Roman "Herrn Brechers Fiasko" war kurz nach der Machtübernahme der Nazis aus den Buchhandlungen verschwunden. Kessel hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebte mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung in eben jener Wilmersdorfer Künstlerkolonie, wo auch Theo sein Atelier hat. Von den über 300 Schriftstellern, Journalisten und Künstlern, die hier einst lebten, hatten die meisten Berlin fluchtartig verlassen. Zweimal wurde auch die Wohnung der Kessels durchsucht während der vielen Razzien, die die Nazis hier durchführten.

Die bewusst aus der Zeit gefallene Künstlernovelle ist in vielerlei Hinsicht das Vabanque-Spiel eines gezwungenermaßen Weltflüchtigen, der schrieb, um nicht in Lethargie zu verfallen: Ausdruck eines den Zeitläuften geschuldeten Rückzugs in die Innere Emigration, in die Innerlichkeit, in eine erzwungene Intimität. Einen "intimen Roman" nannte ihn Kessel folgerichtig in seiner Neuausgabe 1959.

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