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Montag, 18.12.2017
StartseiteBüchermarktDie Seele der Männer. Berliner Geschichten16.05.2003

Die Seele der Männer. Berliner Geschichten

Aufbau, 200 S., EUR 17,90

Klaus Schlesinger, der 2001 im Alter von 64 Jahren starb, war ein Berliner Autor sui generis. Die hier versammelten Erzählungen nebst dem Romanfragment <em>Die Seele der Männer</em> beweisen es aufs eindringlichste. Geboren 1937 am Prenzlauer Berg, in der Dunckerstraße, wo sein historischer wie literarischer Al Capone aus Ost-Berlin aus dem Roman <em>Die Sache mit Randow </em> auf der Flucht war. Die Dunckerstraße ist Schauplatz in einem Roman, dessen Autor sich antizyklisch zur Auslöschung der DDR-Vergangenheit nach der Wiedervereinigung verhielt. Schlesinger forschte hier über einem Kriminalfall aus der Frühzeit der DDR auch nach seinen eigenen verschütteten Erinnerungen.

Hans-Jürgen Schmitt

Bis in seine sympathische Diktion war Schlesinger authentischer Berliner, der weder intellektuell noch als Autor 1980 die Fronten wechselte, als er von Berlin/DDR nach West-Berlin -mehr notgedrungen als freiwillig zog. Fast alles, was Schlesinger geschrieben hat, spielt sich im Spannungsfeld Berlin Ost/ West ab; oft schon signalisiert es der Titel: Alte Filme. Eine Berliner Geschichte , ein Prosaband, den Hinstorff in Rostock verlegte und dessen Westdeutsche Ausgabe 1976 der Fischer -Verlag in Frankfurt am Main herausbrachte; er weckte im Westen erstmals die Neugier auf diesen jungen Autor; danach erschien bei uns Berliner Traum ; von dieser Prosa an, die komplett in vorliegendem Auswahlband Die Seele der Männer noch einmal abgedruckt ist, hat Schlesinger die geteilte Stadt immer wieder zum Thema gemacht. 'Gehen oder Standhalten' ist die heimliche, immer angespannte psychische und physische Situation, aus der heraus bis in die ureigne Geschichte Schlesingers erzählt und reflektiert wird.

Die im vorliegenden Sammelband aufgenommene Erzählung "Die Spaltung des Erwin Racholl" , in der ein tadelloser, gerade zur Beförderung ausersehener Funktionär den Kardinaltraum des Ostberliners träumt, einmal in Westberlin zu sein, ist Auftakt zu etlichen subtilen und immer ambivalent erzählten Berliner Prosatexten.

Es gibt - und sein Titel "Fliegender Wechsel" von 1990 sagt es schon-, bei Schlesinger nie eine verkrampfte Positionierung hie Ost, hie West. Eine persönliche Chronik , wie er den Fliegenden Wechsel im Untertitel nannte, steckt voller feinsinniger und luzider Beobachtungen seines immerfort präsenten Spannungsfeldes, aus dem er stets seine erzählerische Energie zog. Da schlägt sich mitunter die unerhörte Realität unmittelbar in einem Stück Literatur nieder, wenn Schlesinger etwa die Begegnung mit Erich Honecker im Aufzug schildert, dessen Tochter damals in Schlesingers Wohnblock in der Leipziger Straße lebte.

Zur Erinnerung heute: Schlesinger war Mitunterzeichner einer Petition an Honecker, die sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gewandt hatte. Die Folge war Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, was quasi in der DDR einem Berufsverbot gleichkam; Schlesinger wurde nicht mehr verlegt und bekam auch keine Möglichkeiten, Lesungen zu veranstalten. Schließlich erhielt der unbotmäßige Autor die Ausreise. "Ende der Jugend" nennt sich lapidar jene Erzählung, die vom Berliner Mauerbau 1961 berichtet und von zwiespältigen Gefühlen eines jungen Paares und der Entscheidung eines Freundes zum Gang nach drüben. All dies sind Erzählungen, die mit dem Einverständnis geschrieben waren, Schriftsteller der DDR zu sein, dort zu wirken, dort - und Schlesinger hat es auch später im Westen immer wieder betont: "sein Lesepublikum" zu haben.

Gewiss, diese Geschichten, die wir im Westen vor einem Vierteljahrhundert lasen und die damals für uns durch eine gewisse Exotik zu wirken schienen, vielleicht auch, weil wir etwas Clandestines hineinlasen, eine heimliche Rebellion, - diese Erzählungen sind heute nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund zu verstehen; nur so sind sie ihrer DDR-Patina vielleicht noch zu entkleiden.

Schlesinger lag das Spektakuläre nicht, das man im Westen braucht, um dauerhaft aufzufallen. Sein Freund Ulrich Plenzdorf gelang das bekanntlich mit seinen beiden Prosatexten Die neuen Leiden des jungen W. und kein runter, kein fern . Aber danach verstummte seltsamer Weise zumindest der Erzähler Plenzdorf; Schlesinger, wenn auch mit großen Abständen, rekonstruierte seine DDR-Geschichte in Geschichten.

Von besonderer Intensität wirken auch Schlesingers drei Erzählungen in dem jetzt erschienenen Band, in denen Schicksale von Kindern bzw. Jugendlichen besonders einfühlsam geschildert werden. Immer ist es der Verrat Erwachsener, der über das Schicksal der Kinder entscheidet: In der frühen, 1960 publizierten ersten Erzählung des Autors gerät der neunjährige David im Warschauer Ghetto in die Gewalt eines deutschen Offiziers, der sich sein Vertrauen erschleichen will. Die Erzählung "Neun" ist der erschütternde Monolog eines anderen enttäuschen, alleingelassenen Neunjährigen, dem versprochen war, an seinem Geburtstag zu fliegen und der schließlich wie Ikarus fliegt und stürzt. Auf und davon aus der schrecklichen Kindergegenwart möchte auch Marco mit c. Wie Marco Polo und kann doch nicht entkommen.

Hier ist das Erzählklima so stimmig wie in Schlesingers letztem Roman TRUG , der 2001 erschien und der im Stil eines Agententhrillers erneut eine Berliner Ost-West-Geschichte erzählt, eine Verwechslung, die auf einer vorsätzlichen Täuschung beruhte und zwei DDR-Biographien unerhört durcheinander brachte.

Was nun Die Seele der Männer anlangt, Schlesingers 90 Seitenfragment, ein angefangener Roman über einen jungen Mann, genannt Brehm, der in einem VEB-Betrieb der fünfziger Jahre offensichtlich Lehrjahre des Gefühls in kruder Umgebung erfahren soll, so müssen wir uns an prägnante Stellen halten, die im Gedächtnis bleiben werden; so etwa das offene Ende, das der allzu frühe Tod Klaus Schlesingers erzwang: es ist die Begegnung des Helden mit einer offenbar großen Liebe, die er in der Straßenbahn erwartet:

Sie stand, die Stirn an die Scheibe gelehnt, hinter der Tür des zweiten Wagens, mit ernster Miene und, wie Brehm fand, unendlich müden Augen, aber als sich ihre Blicke trafen, fiel auf ihr Gesicht ein so froher Ausdruck, ein so glückliches, durch keine anmutige Handbewegung verdecktes Lächeln, dass Brehm, der nun ganz nebenbei, wenn auch überrascht, den Schatten einer lückenhaften Vorderzahnreihe registrierte, vor Glück fast vergessen hätte einzusteigen.

Schlesinger war einer der fundierten DDR-Erzähler, der mit seiner realistischen Schreibweise Alltagsgeschichten als große Berliner Bilderbögen schuf. Mit dem angefangenen Roman Die Seele der Männer wollte er noch weiter als mit seinem Doppelgänger-Roman Trug in die Brunnen der Vergangenheit zurück, wovon dieser Sammelband noch einmal ein beredtes Zeugnis ablegt.

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