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StartseiteInterview"Die Sehnsucht nach einem starken Staat"08.05.2013

"Die Sehnsucht nach einem starken Staat"

Grünewald: Höhere Steuern wirken psychologisch wie eine Versicherungsprämie

Der Psychologe Stephan Grünewald hat in seinem Institut 7000 Menschen zu ihrem politischen Wohlbefinden befragt. Die Ergebnisse: Angst vor Werteverlust und die Bedrohung durch das "Krisengespenst" sind allgegenwärtig. Um den Staat zu stärken, seien viele Menschen bereit, höhere Steuern zu zahlen, sagt Grünewald.

Stephan Grünewald im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Grünewald: Höhere Steuern als "regelmäßige  Opfergabe, damit uns nichts Schlimmes passiert" (picture alliance / dpa)
Grünewald: Höhere Steuern als "regelmäßige Opfergabe, damit uns nichts Schlimmes passiert" (picture alliance / dpa)

Tobias Armbrüster: Kann eine Partei Wahlen gewinnen, wenn sie höhere Steuern fordert? In Ländern wie Großbritannien und den USA wäre das vermutlich undenkbar. Aber in Deutschland könnte es sein, dass die Uhren anders ticken. Die Grünen haben auf ihrem Parteitag vor zehn Tagen gleich mehrere neue Steuern ins Programm geschrieben, und für viele Menschen könnten die Steuern tatsächlich steigen, wenn die Grünen im September Regierungspartei werden sollten. Höhere Steuern, das wirkt bislang allerdings nicht allzu abschreckend: In einer aktuellen Forsa-Umfrage legten die Grünen in dieser Woche sogar noch um einen Prozentpunkt auf 15 Prozent zu. Können die deutschen Wähler also mit Steuererhöhungen leben, und was bedeutet das für den Wahlkampf in diesem Jahr? Darüber können wir jetzt mit dem Psychologen Stephan Grünewald sprechen. Er ist Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für Markt- und Medienforschung. Schönen guten Morgen, Herr Grünewald!

Stephan Grünewald: Guten Morgen, Herr Armbrüster!

Armbrüster: Herr Grünewald, was sagen Ihre Zahlen, wie wichtig ist die Steuerpolitik für die Deutschen in diesem Wahljahr?

Grünewald: Wir haben ja keine Zahl, wir legen ja die Menschen auf die Couch, 7.000 im Jahr, und kriegen dadurch einen Einblick in die Stimmungslage. Und spürbar ist eigentlich seit Jahren, dass die Menschen das Gefühl haben, in einer Zeit kafkaesker Krisenpermanenz zu leben. Das heißt, das Krisengespenst, was vor allen Dingen in den europäischen Nachbarn geistert, bedroht auch unser Land, zumindest in Ansätzen, und die Menschen haben die Sorge: Führt jetzt dieses Krisengespenst dazu, dass irgendwann die Kultur, die Werte, der Zusammenhang verloren gehen? Der Fall Hoeneß ist ein Beispiel dafür, dass man wirklich Sorge hat, die Zustände verwildern, es regiert nur noch die gemeine Gier, das beschwört aber die Sehnsucht nach einem starken Staat, nach einer soliden Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann.

Armbrüster: Und das führt dann dazu, dass die Menschen es in Ordnung finden, wenn dieser Staat die Steuern erhöht?

Grünewald: Wenn man bereit ist, mehr Abgaben zu zahlen, dann stärkt man dadurch, dass die Gemeinschaft … wir leisten sozusagen einen kollektiven Verzicht. Die höheren Steuern haben psychologisch betrachtet eine Ähnlichkeit mit Versicherungsprämien, das heißt, wir leisten regelmäßige Opfergaben, damit uns nichts Schlimmes passiert, damit wir quasi den Staat als Metaversicherung ausrüsten, der sich dann geballt mit seiner Kraft und Potenz gegen die Krise stemmt.

Armbrüster: Ist das denn tatsächlich ein durchgängiges Muster, was Sie bei Ihren Befragungen erleben, oder gibt es da auch eine starke Strömung, die sagen würden, Steuern sind Teufelszeug?

Grünewald: Also durchgängig ist, dass viele Menschen, die Sorge haben, wir sind in Deutschland schon in einer Zweiklassengesellschaft, und die Krise ist vor allen Dingen auf den Schultern der kleinen Leute ausgetragen worden. Das führt wieder dazu, dass jetzt der Ruf lauter wird, auch die Besserverdienenden, die Reichen müssen Verzicht leisten, die müssen quasi auch ihren Obolus entrichten. Interessant ist aber auch, dass auch Besserverdienende bei den Grünen zum Teil, obwohl sie finanziell davon nicht profitieren würden, glühende Verfechter der Steuererhöhung sind. Das hängt mit der Vita dieser grünen Menschen zusammen, sie sind mit einem linken Idealismus in ihrer Jugend gestartet, haben zum Teil das kapitalistische System bekämpft, sind mittlerweile selber begütert, bürgerlich, haben mitunter sogar ein schlechtes Gewissen über den eigenen Reichtum, und die höheren Steuern, die man bereitwillig akzeptiert, sind sozusagen ein Tribut an die eigene linke Gesinnung.

Armbrüster: Das heißt, die Grünen sind eine Partei, die ihren Leuten, ihren Wählern, auch Steuererhöhungen glaubhaft verkaufen kann, ohne dafür Einbußen zu erleiden?

Grünewald: Ja, ich glaube, die Grünen haben einen Wandel vollzogen. Sie sind in ihren Gründungsjahren angetreten, um die Natur, die Ökologie zu wahren, jetzt sind sie dafür verantwortlich, die Gesellschaft, die Werte zu erhalten, und sie sind auf einmal eine sehr, sehr konservative Partei, weil sie den Staat stärken will.

Armbrüster: Könnte es sein, dass die Deutschen hier in diesem Fall grundsätzlich anders ticken als beispielsweise Amerikaner oder Briten? Dort sind ja Steuererhöhungen für jede Regierung immer ein rotes Tuch.

Grünewald: Ja, die Deutschen, das schreibe ich ja auch in meinem Buch "Die erschöpfte Gesellschaft", sind eine im Kern verunsicherte Nation. Sie haben keine stabile Identität, sie sind immer auf der Suche nach sich selbst, und auf dieser Suche brauchen sie einen starken Staat, auf den sie sich verlassen können. Und Steuern sind quasi Abgaben, die den Staat stärken und die mir dann einen sicheren Rahmen geben, indem ich leben kann, in dem ich forschen kann, in dem ich suchen kann.

Armbrüster: Was sagen Ihre Befragungen denn, wozu wollen die Leute, dass die Steuern ausgegeben werden?

Grünewald: Also da spielt natürlich das Gemeinwohl eine große Rolle. Wir haben ja gerade auch wieder eine Bildungsdebatte, wie können wir andere Schulen finanzieren, wie kriegen wir vernünftige Krankenhäuser hin, die öffentlichen Straßen sind in einem jämmerlichen Zustand, dann ist aber auch Hartz IV sicherlich ein Thema, wie kriegen wir eine größere soziale Gerechtigkeit hin. Ich denke, die vier Felder sind im Moment die, die immer wieder in den Interviews bei uns auch thematisiert werden.

Armbrüster: Könnten die anderen Parteien sich da von den Grünen etwas abgucken und sagen, Leute, wenn das bei den Grünen funktioniert mit den Steuererhöhungen, dann müssen wir es vielleicht auch nicht ganz so ernst nehmen mit Steuersenkungen oder Steuerentlastungen in unserem Parteiprogramm, so wie das ja jetzt die FDP gemacht hat?

Grünewald: Ja, also das Parteiensystem lebt ja von einem Wettstreit, ich würde es als einen strategischen Fehler erachten, wenn jetzt alle den Grünen hinterherlaufen würden. Ich sehe eher im Moment, sagen wir mal, diese Thematik bei der SPD und bei den Grünen. Die CDU muss dieses Thema gar nicht forcieren, weil sie in der Gestalt von Angela Merkel so was wie einen nationalen Rettungsengel etabliert hat. Sie steht dafür, dass sie nicht egoistisch ist, sie führt in den Augen der Wähler ein fast zölibatäres Leben, und sie garantiert, dass der Staat letztendlich keinen fallen lässt, auch ohne Steuererhöhung.

Armbrüster: Hier bei uns in den "Informationen am Morgen" war das Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für Markt- und Medienforschung, und wir sprachen mit ihm über die Wichtigkeit der Steuerpolitik in diesem Wahljahr. Besten Dank, Herr Grünewald, für das Gespräch!

Grünewald: Herr Armbrüster, ich habe zu danken! Guten Tag!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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