• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteGesichter EuropasDie Sehnsucht nach Normalität25.10.2008

Die Sehnsucht nach Normalität

Serbien und das schwere Erbe des Krieges

Serbien hält Kurs auf Europa. Die pro-europäische Regierung des Landes machte, kaum im Amt, durch die Festnahme von Radovan Karadzic auf sich aufmerksam. Mit der Auslieferung des als Kriegsverbrecher gesuchten ehemaligen Präsidenten der Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina erfüllte Belgrad eine der vorrangigen Forderungen der Europäischen Union. Von Normalität im europäischen Maßstab ist die Gesellschaft Serbiens jedoch noch immer weit entfernt.

Mit Reportagen von Dirk Auer und Boris Kanzleiter

Ratko Mladic, gesuchter mutmaßlicher Kriegsverbrecher (AP)
Ratko Mladic, gesuchter mutmaßlicher Kriegsverbrecher (AP)

Ein Kriegsveteran in der serbischen Industriestadt Obrenovac:

"Für mich war es richtig, dass ich in den Krieg gegangen bin. Ich habe meinen Staat und mein Volk verteidigt. Es gibt andere, die sagen: Ihr seid Idioten. Ihr habt nur Slobodan Milosević geholfen. Aber mich hat Milosević nicht geschickt. Ich habe mich freiwillig gemeldet."

Und eine Angestellte in der Hauptstadt Belgrad:

"Die Politiker können sich nicht mehr verhalten wie früher und müssen sich ändern. Denn sie wissen: Die Generation unserer Kinder ist nicht mehr bereit, noch einmal in den Krieg zu ziehen. Diese Jugendlichen haben doch gesehen, was ihre Eltern in den Neunziger Jahren in den Kriegen erdulden mussten."

Gesichter Europas: Die Sehnsucht nach Normalität. Serbien und das schwere Erbe des Krieges. Mit Reportagen von Dirk Auer und Boris Kanzleiter. Am Mikrofon begrüßt Sie Thilo Kößler.

Serbiens Zukunft liegt in Europa. Sagt Serbiens neue Regierung. Und hat nur wenige Tage nach Amtsantritt im Juli ein politisches Signal gesetzt - da wurde Radovan Karadžić festgenommen, der ehemalige Führer der bosnischen Serben und einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher des Landes. Jetzt steht er vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Doch der Weg in die EU ist noch weit - und bleibt so lange blockiert, bis auch Ratko Mladić ausgeliefert wurde, der andere Verantwortliche für das Massaker von Srebrenica.

Serbien tut sich schwer mit dem Erbe der furchtbaren Kriege - es würde sie am liebsten vergessen; sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, ist schmerzhaft; und sich offen zu den Kriegsverbrechen zu bekennen, fällt immer noch schwer. Die Gesellschaft ist zutiefst gespalten - und die Wunden sind noch nicht vernarbt, die der Krieg geschlagen hat.

Auf der politischen Bühne werden erbitterte Auseinandersetzungen ausgetragen. Und der Alltag ist geprägt von zunehmender Armut. Von Perspektivlosigkeit. Von Durchwursteln.



Ruckartig kommt der klapprige Trolleybus der Linie 31 zum Stehen. Sascha Marinković steigt die steilen Stufen hinauf, er zieht einen Fahrschein aus seiner Hosentasche und steckt ihn in einen der Entwertungsautomaten.

"Funktioniert nicht", sagt er zu seiner Frau Gordana und grinst. Die zuckt mit den Schultern: "Natürlich nicht" - und lässt sich auf einen der freigewordenen Plätze nieder.

Sascha und Gordana sind auf dem Weg ins Zentrum von Belgrad, zum Einkaufen und Kaffee trinken. Und: Sie wollen ein Dokument abholen, das ihr Sohn für einen Visa-Antrag braucht.

"Bis vor 15 Jahren brauchten wir so etwas überhaupt nicht. Mit unserem jugoslawischen Pass konnten wir überall hinfahren, wohin wir wollten."

Gordana nickt. Sie ist Ende Vierzig, hat braunes halblanges Haar und ein freundliches Gesicht.

"Damals sind wir einfach nach Italien gefahren. Wir haben uns nachmittags verabredet und schon am Abend sind wir losgefahren, zum Beispiel zum Einkaufsbummel nach Triest. Und jetzt? Für das Visum unseres Sohns brauchen wir von der Rentenversicherung eine Bestätigung, dass wir regelmäßig Beiträge zahlen. Dann braucht er noch seine Geburtsurkunde, die Personalausweise der Eltern und so weiter ..."

Sascha und Gordana sind beide in Belgrad geboren. Er ist Hausmeister in der Verwaltung des staatlichen Elektrizitätsunternehmens. Gordana arbeitet als Angestellte beim staatlichen Ölkonzern NIS. Mit ihrem Einkommen von zusammen etwa 800 Euro im Monat zählt das Ehepaar zur soliden Mittelschicht. Aber das Leben in der Zwei-Millionen-Stadt werde immer anstrengender, erzählen sie. Die Infrastruktur ist marode. Oft platzen die alten Wasserleitungen oder der Strom fällt aus. Dennoch wächst die Stadt weiterhin - rasant und unkontrolliert.

"Jetzt sind wir am Slavija Platz. Hier ist totales Chaos. Du siehst selbst, wie viel Zeit man für zwei Kilometer braucht. 35 Minuten für zwei Kilometer. Vor ein paar Tagen kam es zu einem Verkehrskollaps auf dem Boulevard der Revolution, nur deshalb, weil ein Typ sein Auto einfach auf den Straßenbahnschienen geparkt hat. Nicht nur die Gesetze, auch moralische Normen werden nicht mehr respektiert."

Vieles sei inzwischen auch besser geworden, besonders im Vergleich zur Situation in den 90-er Jahren. Serbien wurde damals von den westlichen Ländern mit Wirtschaftssanktionen belegt. Eine Zeit extremer Unsicherheit, erinnert sich Sascha. Betriebe machten bankrott. Lebensmittel waren knapp. Armee und paramilitärische Gruppen rekrutierten massenweise Jugendliche. Schießereien zwischen Mafiaclans gehörten damals zum Alltag.

"Heute ist dagegen die Korruption das größte Problem. Wo auch immer Sie hingehen, die Korruption ist unglaublich. Egal, ob in der Gemeindeverwaltung, im Krankenhaus oder beim Gericht. Wenn sie ein Haus bauen wollen, kommen sie an der Baumafia nicht vorbei. Das alles sind noch die Folgen des Milošević-Regimes und dieser verdammten Kriege."

Ankunft am Trg Republike, dem Platz der Republik. Hier stehen das prächtige Nationaltheater und das Nationalmuseum. Der Platz ist ein beliebter Treffpunkt der Belgrader - und damit auch immer wieder Schauplatz politischer Kundgebungen. Erst kürzlich tobten hier nach der Verhaftung von Radovan Karadžić wilde Straßenschlachten.

"Für mich ist das unglaublich, dass sich jemand nach all den Verbrechen hier auf die Straße stellt und für Karadžić protestiert. Aber die ganze Situation hier ist mehr oder weniger katastrophal. Alle politischen Führer aus den 90-er Jahren sind immer noch da. Also ich bin sehr skeptisch, was unseren Weg nach Europa und die Entwicklung Serbiens angeht. Und jetzt sind auch noch diese Sozialisten in die Regierungsverantwortung zurückkehrt. Das ist eine Katastrophe!"

Die Sozialisten, das ist die Partei von Slobodan Milošević, die ihrer verstorbenen Gallionsfigur bis heute die Treue hält. Gordana sieht die Situation gelassener. Einen Rückfall in die Zeiten der 90er Jahre hält sie für ausgeschlossen.

"Die Politiker können sich nicht mehr so verhalten wie früher und müssen sich ändern. Denn sie wissen: Die Generation unserer Kinder ist nicht mehr bereit, in den Krieg zu ziehen. Diese Jugendlichen haben doch gesehen, was ihre Eltern in den Neunziger Jahren in den Kriegen erdulden mussten. Und sicher wollen sie so etwas nicht mehr erleben. Diese Generation wird das Land nach vorne bringen. Das hoffe ich zumindest."


Wer mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt ist, sieht oft das große Ganze nicht mehr - erst mit dem nötigen Abstand kommen Veränderungen ins Bewusstsein: diese Erfahrung machte auch der serbokroatische Schriftsteller Bora Ćosić, der sich nach 13 Jahren im Exil in Berlin auf den Weg in seine alte Heimat machte. Dort trifft er auf eine Nachkriegsgesellschaft, die mit sich selbst und dem Überleben beschäftigt ist - und dabei den Blick für den anderen und für das Miteinander aus den Augen verloren hat: Ćosić macht überall nur Verletzungen, Misstrauen, Stumpfheit aus. Er erkennt die Menschen nicht wieder, mit denen er aufwuchs und die ihm einst so wichtig waren. Sein Reisetagebuch in diese fremde Welt hat Bora Ćosić "Die Reise nach Alaska" genannt.

Dann kommen wir nach Belgrad, in die Hauptstadt des ehemaligen sozialistischen Reiches, eine riesige Stadt, größer denn je. Mein halbes Leben ist dort in sehr engen Dimensionen verlaufen, jetzt ist es eine unbändige Stadt, laut, chaotisch, gärend, hier und da schlecht beleuchtet. Es gibt auch keine Beleuchtung im Treppenhaus des Gebäudes, in dem wir wohnen werden, zum Glück funktioniert der Lift. Eine Dame aus der Nachbarschaft sagt, sie habe sich bereits an diese Dunkelheit, an die im Treppenhaus, gewöhnt, obwohl sie eigentlich nicht wisse, weshalb es so sei. Der Hausmeister schaltet manchmal den Automat ein, dann vergisst er es wieder, das zu tun. Niemand ist deshalb hinter ihm her, niemand empört sich darüber, dass man sich in der Dunkelheit von Stockwerk zu Stockwerk wälzen muss. Und dann sieht auch diese feine Dame, eine ehemalige Belgrader Bürgerin, in diesem Ungemach nicht weiß Gott was, alle Welt ist dort an allerhand Mängel gewöhnt, jeder denkt, dieser Zustand werde vorübergehen, früher oder später. Aber er wird es nicht. Denn solange sich niemand gegen diesen Abenteurer von Hausmeister auflehnt, solange niemand mit der Hand auf den Tisch des dortigen gemeinsamen Lebens haut, werden uns die finsteren Mächte wer weiß wie lange und ungewiss, warum, in dem unbeleuchteten Raum festhalten.


Die Kriege in Kroatien, in Bosnien, im Kosovo: Das war nicht nur Sache der Generäle, Soldaten und Milizen. Das war auch Sache der Politiker, die ihren nationalen Träumen nachhingen und die Konflikte auf die Spitze trieben. Das war auch Sache der orthodoxen Kirchenmänner, die ihren Segen dazu gaben. Und der Intellektuellen, die den Nationalismus ideologisch unterfütterten. Enttäuscht vom Niedergang des Sozialismus hatte sich Ende der 60-er Jahre ein Teil der Intelligenz dem Nationalismus verschrieben: Im Westen wurden diese antikommunistischen Dissidenten oft für "Demokraten" gehalten - ein Irrtum: bei ihren Forderungen nach Freiheit dachten sie nicht an die Freiheit aller im Vielvölkerstaat Jugoslawien, sondern nur an die Freiheit der eigenen ethnischen Gruppierung. In Serbien bediente Slobodan Milosevic ihre nationalen Mythen - und als er den Krieg entfachte, sorgten viele Intellektuelle für die ideologische Rechtfertigung der Massenmorde.

Als ein wichtiger Treffpunkt für nationalistisch gesinnte intellektuelle Kreise galt und gilt der Buchladen Nikola Pašić. Nur wenige Schritte vom prunkvollen Parlamentsgebäude, der Skupština, entfernt, liegt er im Parterre eines herunter gekommenen Jugendstilgebäudes aus der Gründerzeit. Benannt ist er nach dem Gründer der Radikalen Volkspartei, der vor und nach dem 1. Weltkrieg mehrmals Ministerpräsident war: Nicola Pašić ist eine nationale Symbolfigur - und für die Buchhändler ist sein Name Programm.



Liljana Tanić steht hinter der Kasse, sie wiegt das Buch noch einmal in ihren Händen, dann verpackt sie es auf Wunsch des Kunden in Geschenkpapier. Die 65-jährige Geschäftsführerin des Buchladens Nikola Pašić trägt ein weißes T-Shirt über einen langen weiten Rock. Ihr graues Haar hat sie zu einem Zopf zusammen gebunden.

"Wir unterscheiden uns von anderen Buchläden. Wir haben keine Angst davor ein Buch herauszubringen, mit dem wir eine Anzeige provozieren könnten. Wir wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt! Die Lüge ist eine große Sünde. Die Ignoranz ist eine große Sünde. Wir wollen die Augen öffnen. Wir sind für die Neugierigen da."

Hinter der Kasse eröffnet sich ein weitläufiger Verkaufsraum. Die Bücherregale reichen bis unter die Decke, die Bestseller liegen offen auf großflächigen Verkaufstischen.

Immer wieder schlägt Liljana Tanic mit der flachen Hand auf ein Buch, blättert in den ersten Seiten, klopft wieder auf den Buchdeckel. Die Titel, mit denen sie ihren Lesern die Augen öffnen möchte, heißen: Die "Wahrheit über das Massaker von Srebrenica". Oder: "Die Verbrechen albanischer Terroristen im Kosovo". Dann fällt ihr Blick auf einen Verkaufstisch in einer Ecke. Dort liegen antisemitische Hetzschriften, über die Liljana Tanic gar nicht diskutieren möchte: Auf schwarzen Covern stehen über Davidsternen Titel wie "Die Serben in den Klauen der Juden" oder "Jüdische Ritualmorde".

"Hier sind die angeblichen antisemitischen Bücher. Für diese Bücher werden wir angeklagt. Sie sagen, hier stände etwas gegen die Juden. Ich weiß das nicht, ich habe es nicht gelesen. Aber diese Bücher sind nicht verboten. Wenn der Staatsanwalt sagt, dass sie verboten sind, werden wir sie wegnehmen. Aber solange das nicht der Fall ist, bleiben sie hier. Sie verkaufen sich gut."

Liljana Tanić hat ihre politische Gesinnung praktisch in die Wiege gelegt bekommen, wie sie betont. Ihr Vater war Mitglied der königstreuen Armee im Zweiten Weltkrieg, den rechtsgerichteten Tschetniks. Nach einem Literaturstudium in Belgrad und einem Aufenthalt in den USA hat sie - zurück in der damaligen jugoslawischen Hauptstadt - einen Lesezirkel gegründet. Daraus ging 1969 der Buchladen hervor, später mit einem eigenen Verlagsprogramm. Das Büro befindet sich im hinteren Teil des Ladens, abgetrennt von einer Stellwand. Dort wartet Professor Emil Vlajki, um über die Vermarktung seines neuen Buches zu verhandeln. Er ist groß, schlank und trägt eine dicke Hornbrille auf seinem bleichen Gesicht.

"Die Dämonisierung der Serben" heißt sein Buch. Es ist ein Bestseller in nationalistischen Kreisen. Vlajkis These: der Westen habe Jugoslawien zerschlagen und halte die ethnischen Konflikte künstlich am Leben. Liljana Tanić ist stolz, Vlajki als Autor gewonnen zu haben.

"Er war Professor in Sarajevo. Dann kam er hier nach Belgrad, ging nach Kanada und Amerika und so weiter. Jetzt ist er Professor in Banja Luka. Sein Buch "Die Dämonisierung der Serben" wurde von uns publiziert. Es ist phänomenal. Es zeigt die Lügen über unser Volk in den lokalen und den internationalen Medien auf."

Einfache Welterklärungen dominieren im Buchladen Nicola Pasic. Und Opfer sind immer die Serben. Das Übel komme vor allem aus Amerika - da sind sich Autor und seine Verlegerin einig. Liljana Tanić verzieht angewidert das Gesicht, wenn sie von der Zeit ihres Studienaufenthalts in New York spricht.

"Wenn jemand über den amerikanischen Traum spricht, kann ich nur lachen. Ich habe nur darauf gewartet auf europäische Erde zurückzukehren, dass ich in dem London voller Regen und Nebel lande. Diese amerikanische, schäbige Quasikultur. Kultur kann man mit ihnen ja nicht verbinden. Was für eine Kunst haben sie? Nichts! Diese armseligen Schlucker! Sie wollen Europa unter ihren Klauen und Füßen halten. Nur die Russen und Deutschen zusammen können Europa von den USA befreien. Raus mit ihnen! Raus!"

Aber, so gesteht sie und kneift dabei die Augen zusammen: Es ist ein Abwehrkampf, der geführt werden müsse. Die Zeiten werden schwieriger, die Leute, vor allem die Jugend, sie liest nicht mehr, sie verdummt - und die Interessierten haben oft kein Geld mehr, um Bücher zu kaufen. Schlimm sei das - aber umso wichtiger die Existenz eines Buchladens wie Nikola Pasic.

"Das ist meine Arche Noah. Wir dürfen nicht untergehen. Nichts ist zu Ende, solange nicht alles zu Ende ist. Wenn sie Hoffnung haben, wenn sie Glauben haben, wenn sie der Gerechtigkeit und Wahrheit folgen, müssen sie gewinnen. Ich werde ständig angezeigt. Ich weiß schon nicht mehr, in welchem Jahr wir nicht vor Gericht waren. Zurzeit habe ich fünf Prozesse, oder was weiß ich wie viele. Aber wir überleben. Ob wir von Gott beschützt werden oder ob das so sein muss, weiß ich nicht."

Die letzten Kunden haben den Laden verlassen. Liljana Tanic räumt noch einige Bücher zurück in die Regale, dann geht es an die Tagesabrechnung. Mit einem Seufzer lässt sie sich auf ihren Stuhl hinter der Kasse fallen.

"Ich hatte einen Infarkt, ich habe Angina Pectoris, aber das ist der Preis. Wenn ich gefragt werde, wie lange ich noch weiter machen wolle, sage ich: bis zum Grab. Bis zum Tod. Aber ich glaube, dass ich auch noch aus dem Grab rufen werden: Ich werde euch besiegen!"

Die Buchläden bedeuten ein Getümmel von undurchsichtigen Personen, überwiegend jungen, die in den Schachteln mit Musikaufnahmen wühlen, da und dort greift eine alte Dame nach irgendeinem Band transrationaler Paraliteratur über mexikanische Hexer, tibetische Mantren, die Träume von Filmdiven, außerdem weiß man in einer Belgrader Buchhandlung heutigen Typs nicht, wo was steht. Es gibt keine bestimmte Anordnung der Ausgaben, selbst dort nicht, wo Abteilungen bestehen, alles ist in dem gleichen Durcheinander wie der Rest des Belgrader Lebens, ihr ganzes Dasein hat seine Rubriken, seine Fächer verloren, der Inhalt auf den Regalen ihres Schicksals ist ungeordnet und durcheinander. So sind mir die wilden Buchverkäufer auf den Straßen am liebsten, die das, was sie haben, in Pappschachteln ausstellen, alsverkauften sie chinesische Puppen, dieser angenehme Alptraum erinnert an die weise Unordnung der Bouquinisten. Denn in diesen Stapeln ist alles gleichberechtigt, in ihnen gilt die Sonderrolle für die Biographien bekannter Kriegsverbrecher nicht, die den wichtigsten Posten auf jedem Belgrader Bücherverkaufstisch ausmachen.


Im Kosovo begann 1989 der politische Aufstieg des Slobodan Milosevic, hier wurde 10 Jahre später sein politisches Ende besiegelt. Hier begann der Zerfall Jugoslawiens, hier liegt der Schlüssel zum Frieden nach all den Jahren der Kriege und ethnischen Konflikte. Im vergangenen Februar erklärte sich die ehemalige serbische Provinz für unabhängig - 46 von 192 Staaten haben den Kosovo mittlerweile anerkannt, zuletzt auch Montenegro und Mazedonien. Zwar hat die neue Regierung in Belgrad jetzt den Internationalen Gerichtshof um Klärung gebeten, ob die Unabhängigkeit des Kosovo mit dem Völkerrecht vereinbar ist - doch im Grunde weiß jeder serbische Politiker, dass das Kosovo für Serbien verloren ist.

Der Preis für all diese Kriege war hoch: 150.000 Menschen wurden ermordet. Millionen Menschen verloren ihre Familienangehörigen, ihre Freunde, ihr Hab und Gut.

Doch der Hauptverantwortliche für diese Tragödie kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Slobodan Milošević starb im März 2006, kurz vor Ende seines Prozesses vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal. So wird der Prozess gegen Radovan Karadžić umso wichtiger - für Ankläger wie Opfer gleichermaßen. Deshalb dringt auch die Europäische Union so nachhaltig auf die Auslieferung von Ratko Mladić, dem anderen Verantwortlichen für das Massaker von Srebrenica.

Es gilt, der Verklärung der serbischen Kriegsverbrecher ein Ende zu setzen: In weiten Kreisen der Bevölkerung werden Milošević, Karadžić, Mladić und all die anderen noch immer als Kämpfer für die serbische Nation gesehen und als Helden verehrt - noch immer fehlt der Blick für die Opfer, noch immer mangelt es an Schuldempfinden oder Unrechtsbewusstsein.

In diesem Klima werden die Schicksale zerstörter Familien, verwaister Kinder und vergewaltigter Frauen ausgeblendet. In diesem Klima werden die Täter ihre Schuldgefühle nicht los. Und so fällt es den Veteranen schwer, ins normale Leben zurückzufinden. Eine Begegnung in Obrenovac, einem Industrie-Vorort 20 Kilometer vor Belgrad.



Dejan Čolaković bekommt Besuch von Vladimir und Radenko. Oft sitzen die drei Freunde zusammen in der kleinen Wohnküche seines Einfamilienhauses. Sie trinken, rauchen - und erzählen sich von vergangenen Kriegszeiten. Dejan Čolaković hat als Freiwilliger in einer Einheit des berüchtigten Paramilitärführers Arkan gekämpft.

"Das sind die Arkan-Tiger. Das ist Željko Ražnatović, Arkan. Siehst Du! Das ist er. Und ich bin dabei."

Dejan reicht ein schon etwas abgegriffenes Foto in die Runde. Eine Truppenparade ist darauf zu sehen, auf einem Übungsplatz in Erdut. Von dort aus sind die so genannten Arkan-Tiger an die Fronten gezogen.

"- Wer bist Du?
- Hier, der schönste. Der mit den schönsten Ohren
- Damals warst Du 35 Jahre, jetzt bist Du 50 und hässlich
- Ja, ich bin alt geworden, verdammt noch mal. Damals war ich der Schönste. Alle Frauen standen auf mich."

Dejan Čolaković trägt ein offenes Hemd, um seinen braun gebrannten Hals hängt ein Goldkettchen mit einem Anhänger - einem Porträt von Slobodan Milošević. Während der 90-er Jahre war er überall, wo gekämpft wurde: in Kroatien, in Bosnien und schließlich auch noch im Kosovo. Und das immer freiwillig, wie er betont.

"Für mich war es richtig, dass ich in den Krieg gegangen bin. Ich habe meinen Staat und mein Volk verteidigt. Es gibt andere, die sagen: Ihr seid Idioten. Ihr habt nur Slobodan Milošević geholfen. Aber mich hat Milošević nicht geschickt. Ich habe mich freiwillig gemeldet. Ich habe wie jeder Mann die Notwendigkeit gespürt, meinen Staat zu verteidigen. Denn ohne Staat, da hat man nichts."

Dejan ist mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen - auch wenn das Den Haager Kriegsverbrechertribunal sein Idol Arkan wegen Massenmorden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt hat. Zu einem Prozess ist es nie gekommen. Anfang 2000 wurde Željko Ražnatović Arkan bei einer Abrechnung zwischen Mafia-Bossen erschossen.

"Manche Leute sagen, wir hätten nur geplündert und geraubt. Aber das sind nur Neider. Das sagen nur die Leute, die nicht an der Front waren. Es ist für sie nur eine Ausrede dafür, dass sie selbst nicht im Krieg waren."

Auf diese Deserteure, wie er sie nennt, ist Dejan gar nicht gut zu sprechen. Sie seien immer ziemlich schnell bei der Hand mit ihren Urteilen. Dabei hätten sie nicht die geringste Ahnung, was Krieg eigentlich bedeutet, sagt Dejan und stellt eine Flasche Rakija auf den Tisch.

"Der Krieg war furchtbar. Alles Mögliche ist passiert. Auch auf unserer Seite gab es Kriegsverbrecher. Aber ich glaube, dass 90 Prozent nicht in den Krieg gezogen sind, um Verbrechen zu verüben. Ich zum Beispiel habe das nie vorgehabt. Klar: Krieg heißt Morden. Irgendeiner schießt auf Dich, Du schießt auf ihn. Und dann verlieren die Leute die Nerven."

Vladimir nimmt einen kräftigen Schluck Rakija und lobt den Gastgeber überschwänglich für die Qualität des Selbstgebrannten. Auch er ist ein Kriegsveteran - mit 36 Jahren. Der kleine, gemütlich wirkende Mann mit dem runden Gesicht ist 1991 als regulärer Soldat in die Armee eingezogen worden. Dann wurde er vom Krieg "erwischt", wie er es ausdrückt.

"Ich wurde nach Banja Luka in Bosnien abkommandiert. Dann sind wir nach Kroatien gekommen. Ich habe als Soldat den Eid abgegeben, dass ich die staatliche Souveränität des damaligen Jugoslawien und seine Verfassung verteidige. Das ist in jedem Land normal. Was später draus geworden ist, ist etwas anderes."

Vladimir wurde verwundet und nahm dann später nicht mehr direkt am Krieg teil, sondern war Ausbilder in Obrenovac. Ein Jahr nach Kriegsende hat er eine Familie gegründet. Zwei Kinder hat er - eins davon geht schon in die Schule.

"Nach dem Krieg ging alles weiter wie normal. Ich habe mich beim staatlichen Elektrizitätswerk beworben und Arbeit bekommen. Das war ganz unabhängig davon, ob ich Veteran war oder nicht. Aber hier ist die Situation so, dass jeder neben seiner normalen Arbeit noch etwas anderes machen muss. Ich zum Beispiel betreibe eine Blumenzucht. Jeder muss noch irgendwas zusätzliches finden, um ein halbwegs normales Leben führen zu können."

Es ist spät geworden. Das kleine Restaurant, in dem die Freunde zu Abend essen wollen, liegt direkt am Ufer der Sava, die gut 20 km weiter flussabwärts in die Donau fließt. Draußen stehen Holztische und -bänke. Auch beim Essen geht es um Politik.

"Weißt Du, über was sich die Veteranen am meisten aufregen? Über die Kriegsprofiteure, die nie gekämpft haben und ihre Geschäfte nach dem Krieg legalisierten. Sie waren nicht im Krieg und haben viel Geld verdient."

Čolaković nickt. Er ist zu 80 Prozent Invalide und bekommt, wie alle Veteranen und Invaliden, eine staatliche Unterstützung. Finanziell kann er nicht klagen, meint er. Aber es gibt keine Arbeit. Und das sei für die Veteranen eigentlich das größte Problem.

"Arbeit ist eine Form der Therapie. Wenn man als Veteran oder Invalide nicht arbeitet, denkt man immer nur an die Vergangenheit. Deshalb versuchen wir uns selbst Arbeitsplätze zu schaffen. Wir Veteranen in Obrenovac zum Beispiel haben von der japanischen Regierung Geld bekommen, um eine kleine Näherei zu gründen. Dort beschäftigen wir 17 Leute. Nur durch Arbeit kann man vergessen, was auf dem Schlachtfeld geschehen ist."

Plötzlich ist es still geworden am Tisch. Nachdenklich blickt Vladimir hinunter auf die gemächlich dahin fließende Sava.

"Über die wirklich wichtigen Fragen, wie den Tod, denkt man nur in bestimmten Momenten nach. Das kann der Mensch nur mit sich alleine ausmachen. Zum Beispiel ich und Cole, wir kennen uns nun schon seit 16 Jahren und niemals haben wir im Detail über diese entscheidenden Momente gesprochen,bei denen es um Leben oder Tod ging. Wir fanden das einfach nicht notwendig. Die Dinge, die einen wirklich belasten, behält jeder für sich."

Die Folgen dieser Kriege sind in Serbien überall zu sehen und zu spüren: Politisch. Wirtschaftlich. Und im Umgang miteinander. Der serbische Schriftsteller Bora Ćosić konstatiert in seinem Tagebuch "Die Reise nach Alaska" einen dramatischen Verfall der Werte - und macht ihn an kleinen Begegnungen fest.

Ein alter Freund, der zufällig in ein serbisches Städtchen geraten war, erzählte mir die folgende Szene: Auf dem dortigen Platz traf ein Laster mit in Bosnien gestohlenen Sachen ein, sogleich begann der Verkauf. Weder fragte sich irgendwer, wessen Sachen das waren, noch, woher sie kamen, obwohl das jeder sehr gut wusste. Mein lieber Freund empfand Scham, weil er diese Szene beobachtete, die Käufer und Verkäufer hatten diese Scham nicht.

Hunderttausende auch serbischer Zivilisten sind in die Flucht geschlagen worden - überall dort, wo sie in der Minderheit waren; in Kroatien, in Bosnien-Herzegowina oder im Kosovo. Viele flohen in die Republik Serbien - sie ist heute das Land mit den meisten Kriegsvertriebenen in ganz Europa. Allerdings sind sie in diesem Land nicht immer heimisch geworden - viele Flüchtlinge leben noch immer am Rande der Gesellschaft: in provisorischen Unterkünften, zur Untermiete bei Verwandten oder gar in Sammellagern. Am prekärsten ist die Situation der rund 200.000 serbischen Flüchtlinge aus dem Kosovo. Und das liegt nicht nur an Armut oder Arbeitslosigkeit, sondern auch an ihrem ungeklärten Status. Weil Serbien die Unabhängigkeitserklärung Kosovos nicht anerkennt, werden sie nicht als Flüchtlinge aus einem anderen Staat betrachtet, sondern als intern Vertriebene behandelt, als sogenannte IDPs. Mit weit reichenden Folgen: Viele der Flüchtlinge haben keine Papiere und können deshalb weder legal Arbeit finden, noch die Gesundheitsfürsorge in Anspruch nehmen.

Etwa 200 Flüchtlinge aus dem Kosovo leben am Rand des Belgrader Vororts Resnik in einer maroden Barackensiedlung. Was als Provisorium gedacht war, wurde zum Dauerzustand. Weitgehend sich selbst überlassen, harren die meisten der Bewohner nun schon seit neun Jahren hier aus.



Bevor es Dunkel wird, dreht Milan Pušović gerne noch einmal eine Runde. Er schlendert zwischen den Häusern hindurch, ab und zu bleibt er stehen, hält ein kurzes Schwätzchen - dann geht er weiter. Es ist eine überschaubare Welt, in der der groß gewachsene, schlanke Mann nun schon seit fast acht Jahren zu Hause ist.

"Ich wollte eigentlich im Kosovo bleiben. Aber dann, als sich die serbische Armee zurückzog und die UCK kam, sind fast alle geflohen. Diejenigen, die geblieben sind, erlebten ein Unglück. Sie sind gekidnappt oder ermordet worden."

Es war eine Flucht Hals über Kopf. Nur mit zwei Taschen in der Hand sind Milan, seine Frau und seine Tochter im Juni 1999 aus dem Kosovo Richtung Belgrad geflüchtet - und mit einem zwanzig Jahre alten Golf.

"Den habe ich dann verkauft, um uns einige Sachen zu kaufen. Die Baracken hier waren ursprünglich einmal Unterkünfte für Arbeiter einer Firma aus Kruševac. Als wir hier ankamen, waren hier auch schon andere Flüchtlinge, die nicht wussten, wo sie hin sollten. Wir sind dann einfach in diese leeren Baracken eingezogen."

Die gut ein Dutzend braunen Holzbaracken stehen auf flachen Betonsockeln. Von der Hauptstraße aus sehen die lang gezogenen Gebäude mit den roten Ziegeldächern aus wie Ställe. Aber in ihnen wohnen gut 200 Menschen, darunter Alte, Gebrechliche - und Kinder, die hier geboren wurden. Manche der Baracken haben schon seit zwei Jahren keinen Strom, erzählt Milan. Dann zeigt er auf eine freie Fläche neben einem Baum. Eine stinkende braune Brühe sprudelt aus dem Boden und fließt die Böschung hinunter.

"Hier ist das Abwasserrohr gebrochen. Sehen Sie, das kommt direkt aus der Kanalisation, mit allen Fäkalien. Die Leute haben sich an das Koordinationszentrum gewandt, das eigentlich für uns zuständig ist. Vor vielleicht zwei Jahren waren sie mal hier, aber seitdem ist nichts passiert. Und direkt daneben spielen die Kinder. Sie haben keinen anderen Platz als diesen, um zu spielen. Schauen Sie sich das Dreckwasser an, es ist furchtbar."

Milan stellt sich zu einer Gruppe von Bewohnern. In Jogginganzügen und Badelatschen stehen sie in der Abenddämmerung vor dem Eingang einer der Sammelunterkünfte, sie rauchen - und schimpfen über die Verhältnisse.

"Wir sind Bürger zweiter Klasse"

... sagt eine Frau. Die Wut der Flüchtlinge richtet sich vor allem gegen Präsident Boris Tadić und die Politiker im nahen Belgrad.

"Tadić ist hier her gekommen, als er uns brauchte. Wir sollten für ihn stimmen. Und wir haben für ihn gestimmt. Er hat alles Mögliche versprochen. Aber nichts ist passiert. Jetzt hat er sich auf seinem Sessel breit gemacht und kümmert sich nicht mehr um das Volk und die Armen. Tadić verkauft uns alle. Von allen Seiten werden wir verraten."

Die Politiker in Belgrad würden ja die ganze Zeit immer nur reden: wie wichtig ihnen der Kosovo sei - das angebliche Herzstück Serbiens. Aber eigentlich sei ihnen das Schicksal der ehemaligen Bewohner völlig egal, schimpfen sie. Tatsächlich ist bis heute noch nicht einmal ihr rechtlicher Status geklärt. Weil Serbien die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nicht anerkennt, werden sie nicht als Flüchtlinge aus einem anderen Staat, sondern als intern Vertriebene betrachtet. Dadurch entsteht gleich eine ganze Reihe von Problemen, erzählt Milan.

"Wenn ich hier meine Rechte geltend machen möchte, brauche ich eine grüne Karte, das ist die polizeiliche Anmeldebescheinigung. Aber ich kann mich hier nicht anmelden, weil ich weiter in der Gemeinde Pećka Banja im Bezirk Istok im Kosovo gemeldet bin. Ich kann deshalb hier kein Kindergeld bekommen, weil ich nicht in Rakovica angemeldet bin. Dasselbe gilt für die Anmeldung beim Arbeitsamt."

In einer der Baracken: muffiger Geruch, gestapelter Hausrat in einem langen Gang, links und rechts, dazwischen gehen Türen ab. Die Zimmer dahinter sind vielleicht gerade einmal zehn Quadratmeter groß, in einem liegt eine alte Frau auf einem Sofa. Sie hat schlohweißes Haar, 80 Jahre ist sie alt. Nur mühsam kann sie sich aufrichten, dabei fasst sie sich an die Beine.

"Ich kann nicht laufen. Hier habe ich Schmerzen und hier auch. Der Arzt hat mir gesagt, ich solle in zwei Wochen wieder kommen. Vielleicht will er mich ins Krankenhaus bringen. Aber dort werden sie mich nicht annehmen. Sie haben mir schon gesagt, dass ich kein Recht auf Zuwendungen habe. Man muss einfach ertragen und schweigen. Ich kann nicht mehr."

Auch die Alte lebt seit acht Jahren in der Flüchtlingsunterkunft - ohne Aussicht auf Veränderung. Das Leben aller hier sei zum bloßen Spielball der Politik geworden sei, meint Milan resigniert.

"Wenn der Staat unseren Status lösen würde, wenn wir nicht mehr Vertriebene im eigenen Land, sondern Flüchtlinge wären, würde Serbien die Unabhängigkeit Kosovos anerkennen. Aber da es das niemals tun wird, bleibt alles wie es ist. Nichts wird gelöst. Seit zehn Jahren."

Draußen ist es dunkel und kühl geworden, Milan tritt den Nachhauseweg an. Mit Frau und Kind lebt er in einer kleinen Hütte auf etwa 20 Quadratmetern. In der Ecke stehen ein Herd, daneben ein Kühlschrank und ein Fernsehgerät. Um einen Tisch gruppieren sich zwei Stühle und ein Sofa, das nachts zum Bett ausgeklappt wird. Milan nimmt ein Buch aus einem kleinen Regal. Darin sind Fotos von seinem Heimatort Pećka Banja.

"Den Ort, an dem man geboren wurde, wird man nie vergessen. Aber in diesem Moment gibt es ihn nicht. Ich kann zwar jeden Tag an diesen Ort denken, aber ich sehe persönlich keinerlei Möglichkeit, nach Kosovo zurück zu kehren. Überhaupt keine. Für mich persönlich gibt es also nur die Perspektive der Integration hier."

Um dann endlich ein normales Leben führen zu können, mit legalen Papieren und allem was dazu gehört. Das müsse gar nicht unbedingt in Belgrad sein, sagt Milan, während er den Kaffee vom Herd nimmt.
"Ich sage: Gebt mir ein Haus in der Vojvodina oder irgendwo anders. Ich bezahle den Kredit zurück. Dann gehe ich dorthin und betreibe Landwirtschaft. Aber ich will wissen, dass ich kein Flüchtling mehr bin, sondern ein Bürger von Novi Sad, Belgrad oder egal welchem anderen Ort, damit ich irgendwelche Rechte habe."

Ich verstehe, dass sich diese Periode in eine Zwischenzeit verwandelt hat. Die aggressive, militante Diktatur des Nationalismus ist weitgehend gefallen, und dennoch ist ihre elementare Frucht zurückgeblieben: die ruinierte Art des Lebens, aus dem jeglicher Sinn und Inhalt beseitigt ist,vernichtet ist jedes geistige und moralische Konzept, jeder Maßstab - was vor uns steht, ist eine Ansammlung von Zufälligkeiten, erstbestes Dasein, Dauer von heute auf morgen. Aber ich bin sicher, dass in diesen verborgenen Alveolen der Privatwohnungen, der kleinen Gemeinschaften und intellektuellen Zirkel eine Pflanze wächst, bestimmt für andere Zeiten und Menschen, die erst noch geboren werden müssen.



Es gibt auch andere Geschichten zu erzählen aus Belgrad und Serbien: Geschichten des Widerstands, der Abscheu, des Zorns. Als Anfang der 90-er Jahre der erste Krieg ausbrach, verließen viele Menschen das Land, verzweifelt über die Entwicklung. Hunderttausende Jugendliche suchten Zuflucht im Ausland, darunter viele junge Männer, die nicht in die Armee eingezogen werden wollten. Doch auch in Serbien selbst erhoben sich Stimmen des Protestes.

Das Theater war schon immer ein Sammelbecken des Widerstands und der Gesellschaftskritik in Belgrad. Schon im sozialistischen Jugoslawien konnte auf den Bühnen vieles gesagt werden, was woanders verboten war. Das Belgrader Theaterfestival BITEF war seit 1967 eine Art Schaubühne für die internationale Theaterszene in Jugoslawien - alljährlich sorgte es für wichtige Impulse. Das Festival gibt es immer noch - in diesem Jahr wurden einige Aufführungen im sogenannten "Zentrum für kulturelle Dekontamination" gezeigt: ein ebenfalls traditionsreicher Ort der kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart - und der Vergangenheit.



In einem ruhigen Hinterhof im Zentrum von Belgrad. Das Zentrum für kulturelle Dekontamination ist ein weiß getünchtes altes Bürgerhaus mit hölzernen Fensterläden, dahinter erstreckt sich ein Anbau mit Versammlungs- und Theatersaal. Es ist der letzte Tag des traditionsreichen BITEF-Theaterfestivals. Borka Pavićević läuft mit wehendem schwarzem Gewand über das grobe Kopfsteinpflaster. Sie hat das Zentrum vor 14 Jahren gegründet.

"Das war damals ein komplett zerfallenes Gebäude. Aber es war fantastisch, denn es gab uns ein Gefühl der Wirklichkeit. Es war auch gut, dass es Winter war, dass nichts da war, dass man alles selbst machen musste. Denn das war eine Analogie auf die ganzen Zerwürfnisse um uns herum."

Pavićević hat ihr langes graues Haar kunstvoll nach hinten gesteckt. Sie ist 61 Jahre alt und eine stadtbekannte Aktivistin. Schon im Juni 1968 führte sie den Aktionsausschuss der streikenden Belgrader Studenten an. Auch als Dramaturgin am Belgrader Theater war sie politisch unbequem und wurde 1993 entlassen. Bei einem Treffen mit Gleichgesinnten entstand dann die Idee: Ein unabhängiges Kulturzentrum muss her, gerade jetzt. Ein Ort für kritische Debatten und Kultur.

"Am 1. Januar 1995 haben wir um genau 12.00 Uhr eröffnet. Die erste Aufführung waren "Die Dämonen", ein Stoff von Dostojewski in der Adaption von Camus. Dort steht der Satz: "Der Terror ist nicht nur auf die Macht derjenigen gebaut, die terrorisieren, sondern auch auf die Schwäche der Liberalen." Das war eigentlich immer unser Thema."

Es war die dunkelste Zeit des Milošević-Regimes. Der Krieg in Bosnien war in vollem Gange. Ein "Zentrum für kulturelle Dekontamination" war da natürlich eine ungeheure Provokation, erinnert sich Borka Pavićević.

"Die Situation war so voller Druck. Die nationale Euphorie war überall - ob in Interviews im Fernsehen, in Zeitungen oder in Heldengesängen. Das war ein riesiger Hype. Es war eine Vergiftung von allen Seiten. Marschieren, Massenversammlungen. Mit unserem Namen wollten wir ausdrücken, was wir in diesem Moment fühlten: "Jetzt habt ihr uns so vergiftet, jetzt wollen wir versuchen diese Minen wegzunehmen und den Prozess in eine andere Richtung leiten.""

Einlass für die Premiere des Stücks "Werden wir jemals wieder glücklich sein?" Die junge serbische Autorin Sanja Mitrović verarbeitet darin ihre Erinnerungen an den Sozialismus und die Kriege der 90-er Jahre. Sie schildert, wie sie Serbien nach dem Nato-Bombardement 1999 verlässt und nach Amsterdam geht. Dort trifft sie auf Jochen, einen jungen Deutschen. Mit ihm spielt sie ihr Kindheitsspiel "Partisanen und Deutsche".

"Links, zwo, drei, vier, marsch, zwo, drei, vier, stopp, da lang, beweg deinen Kanackenarsch, stopp. Beine auseinander, auseinander, wollen doch mal sehen ... "

Trotz der physischen Überlegenheit des deutschen Soldaten wird er von der Partisanin erstochen.

Doch mit dem Stolz auf die Partisanenhelden ihrer Kindheit kann Sanja heute nichts mehr anfangen. Ihr Jugoslawien ist auseinandergefallen. Sanja schwankt zwischen Trotz, Hass auf sich selbst und Unterwürfigkeit gegenüber dem einstigen Feind. Jochen und sie schreien sich gegenseitig an, ohne sich zu verstehen. In dem Theaterstück haben sich alle Gewissheiten aufgelöst. Niemand ist mehr im Recht.

Nach der Aufführung treffen sich einige der Besucher und die Schauspieler in der angeschlossenen Kneipe.

Jeder kann kommen, man kennt sich. Auch Borka Pavićević ist da, gratuliert, begrüßt die Gäste - läuft aufgeregt hin und her. Sie hat gute Laune. Das neue Stück ist gut angekommen.

Die Schauspieler trinken Schnaps. Sanja Mitrović wird in wenigen Tagen wieder in ihre Wahlheimat nach Amsterdam fahren. Das Abschiednehmen von Kollegen und Freunden - für Borka Pavićević ist das zur traurigen Gewohnheit geworden. Hat sie selbst nie daran gedacht, Serbien zu verlassen?

"Als das Nato-Bombardement begann, bin ich zur Botschaft der Schweiz, um zu sehen, ob es eine Ausreisemöglichkeit für meinen Sohn gab. Als ich hierher zurückkam, wartete hinter dem Tor meine liebe Kollegin Anja Miljanić auf mich. Sie schaute mich an und fragte: "Borka, Sie wollen doch nicht etwa weggehen?" Da habe ich nur gesagt: "Was fällt Ihnen ein. So etwas würde ich niemals tun.""

Die Zeit der Kriege ist vorbei, Serbien ist auf dem Weg Richtung Europa. Aber: Für die kritische Intelligenz fange die eigentliche Arbeit doch erst an, sagt Borka Pavićević bestimmt und zündet sich die nächste Zigarette an.

"Diese Ideen von Grenzen. Die Ideen über Staatsangehörigkeit - dass diese ganze Region auf diese Weise zerstört wurde. Dass die nationalistische Euphorie als demokratischer Ausdruck verstanden wurde - diese ganzen Irrtümer auch des Westens. Es ist ganz wichtig, dass das, was hier passiert ist, von uns artikuliert wird. Das ist noch nicht geschehen, aber es ist von umfassender Bedeutung. Nicht nur für Belgrad."


Das waren: Gesichter Europas an diesem Samstag. Die Sehnsucht nach Normalität - Serbien und das schwere Erbe des Krieges. Sie hörten eine Sendung mit Reportagen von Dirk Auer und Boris Kanzleiter. Die Literaturauszüge entnahmen wir dem Band "Die Reise nach Alaska" von Bora Ćosić; sie wurden gelesen von Axel Gottschick. Die Musik suchte Babette Michel aus. Am Mikrophon verabschiedet sich Thilo Kößler.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk