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StartseiteCorsoKunstschau auf unsicherem Boden16.08.2017

Die Sinopale in der TürkeiKunstschau auf unsicherem Boden

Nach der Absage 2016 findet das Kunstfestival Sinopale in der Türkei in diesem Jahr statt. Die politische Lage ist angespannt, und eine Genehmigung von höchster Stelle gibt es nicht. "Wir sehen, dass unsere türkischen Kollegen einen gewissen Aufregungslevel haben", so Co-Kuratorin Nike Bätzner im Dlf.

Nike Bätzner im Corsogespräch mit Anja Buchmann

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Nike Bätzner, Professorin für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Halle und Co-Kuratorin der Sinopale (Foto: Hochschulpressestelle)
"Wir versuchen bei der Sinopale keine direkten politischen Parolen zu verwenden", sagte Nike Bätzner im Dlf (Foto: Hochschulpressestelle)
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Anja Buchmann: Im zweiten Anlauf startet nun die Sinopale, eine Biennale mit zeitgenössischen türkischen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern in Sinop am Schwarzen Meer. Sie sollte eigentlich eben schon letztes Jahr stattfinden; damals wurde sie aber aufgrund der schwierigen Situation nach dem versuchten Putsch in der Türkei verschoben. Jetzt beginnt sie eben doch, am 19. August ist die Eröffnung, unter dem Leitthema: "Transposition". Nike Bätzner ist Professorin für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Halle und Mitkuratorin der Sinopale. Sie ist natürlich schon im türkischen Sinop, und ich habe kurz vor der Sendung mit ihr gesprochen. Frau Bätzner, wir haben bei Corso schon letztes Jahr ein Gespräch mit Ihnen geführt, zur Absage der Sinopale - wie sehen Sie diese Entscheidung jetzt im Rückblick?

Nike Bätzner: Also es war auf jeden Fall richtig, das im letzten Jahr abzusagen. Die Situation war viel zu unklar und zu unsicher. Und wir hätten ja sogar gar nicht in Sinop landen können, weil auch der Flughafen in Sinop für drei Tage gesperrt gewesen war und wir genau zu dem Zeitpunkt hergeflogen wären.- Allerdings muss man schon sagen, dass die Situation ja jetzt nicht unbedingt besser ist - vielleicht klarer auf machen Ebenen, auf vielen anderen immer noch sehr vage und prekär - und politische Situation auf jeden Fall im Hintergrund der ganzen Biennale steht.

"Die Provinzverwaltung verweigert jegliches Gespräch"

Buchmann: Sie sagen es. Und immerhin ist nicht nur die allgemeine politische Situation in der Türkei schwierig, sage ich mal. Und es gibt immerhin für die Sinopale, so habe ich gehört, auch keine offizielle Genehmigung - also auch wirklich auf offizieller Ebene, nur eben auf kommunaler Ebene. Der Bürgermeister gehört der Oppositionspartei CHP an. Haben Sie oder Ihr Team Angst vor weiteren Problemen, bis hin zu - im allerschlimmsten Fall - Verhaftungen?

Bätzner: Also Verhaftungen glaube ich nicht, dass die uns drohen. Aber wir sehen schon, dass alle, auch unsere türkischen Kollegen, und auch die Künstler hier schon einen gewissen Aufregungslevel haben, der immer wieder so ausgeglichen wird durch das tägliche Leben, durch den Sonnenschein, durch das gute Essen und die Freundlichkeit der Menschen. Es ist schon so, dass es nach wie vor unsicherer Boden ist. Wir arbeiten mit dem Bürgermeisteramt und der Stadtverwaltung zusammen, aber die Provinzverwaltung verweigert jegliches Gespräch. Jetzt kann man sagen: Auf der einen Seite ist das vielleicht ganz gut, dann haben wir zumindest keine offizielle Ablehnung. Auf der anderen Seite ist das natürlich schon eine Unsicherheit, so zu arbeiten, dass man weiß: Da gibt es Leute, die beobachten einen, aber wollen sich nicht mit einem auseinandersetzen. Und wir werden sehen, vielleicht ist es so, dass sie nach der Eröffnung sagen: Ja, ja, alles okay. Und: Wir akzeptieren und tolerieren das weiter. Oder es passiert irgendetwas. Wir wissen es nicht.

"Sich nicht ganz dezidiert nach außen politisch positionieren"

Buchmann: Also es hängt schon noch so ein bisschen wie ein kleines Damoklesschwert über Ihnen. Sie beziehen ja auch die Menschen vor Ort zum Teil mit in Ihre Kunstaktionen ein. Ich hörte zum Beispiel von einer Postkarten-Aktion des Künstlers Roland Stratmann gehört, die aber durchaus etwas Gesellschaftskritisches an sich hat.

Bätzner: Ja, Roland Stratmann hat sich in den letzten Monaten von Bürgern aus Sinop Karten schicken lassen, wo er sie im Vorfeld gefragt hat, ob sie Träume haben, bestimmte Vorstellungen, ob es irgendetwas gibt, was Sie aus Sinop schicken wollen, etwas von Sinop erzählen wollen oder auch, was sie sich von der Zukunft vorstellen. Und die Antworten, die er dann bekommen hat, reichten von: Hier ist das Wetter immer super. Und: Wir gehen fischen. Und: Los, komm her und geh mit uns fischen. Bis zu: Hier wird ein Kernkraftwerk gebaut und wir wollen das hier nicht haben.

Buchmann: Also halten Sie sich da aber schon die Menschen, die dann diese Postkarten beschreiben mit ganz dezidierten politischen Äußerungen eher zurück, also nicht ganz klar gegen Erdogan, gegen die AKP, gegen das Referendum - wie auch immer -, sondern mehr so ein bisschen von hinten herum.

Bätzner: Genau. Es ist eher so ein bisschen aus der persönlichen Erfahrung heraus geschrieben. Und Roland Stratmann ist ein Künstler, der auch Sinop kennt, weil er an der zweiten Sinopale schon teilgenommen hat, und der auch in der Türkei gelebt hat, in Istanbul eine Weile, und insofern auch einen Bezug zu den Leuten hat und dadurch auch vielleicht die Verbindung auch eine persönlichere war. Also ihm kann man schreiben, sozusagen.

Aber es werden keine Parolen benannt. Und das was Roland Stratmann gemacht hat, ist, dass er einen Satz aus einer dieser Postkarten, der auch eher so eine allgemeine Stimmung beschreibt, aber durchaus doppeldeutig ist, über die ganzen Postkarten gesetzt hat, zu einem großen Tableau zusammengesetzt hat und darauf dann Oryxantilopen gezeichnet hat. Und Oryxantipolen, die gab es in der osmanischen Zeit hier in dem ganzen Raum. Und die sind aber ausgestorben, weil sie ausgerottet wurden, weil ihr Fell so wunderbar ist. Das ist das, was wir hier versuchen bei der Sinopale, eigentlich auf mehreren Ebenen: Eher mit so einer Metaphernsprache zu sprechen. Wer von der Geschichte weiß oder wer von diesen örtlichen Situationszusammenhängen weiß, lesen kann. Aber die nicht ganz dezidiert sich nach außen politisch positionieren.

"Die Kunst hatte eine eigene Sprache"

Buchmann: Was auch ein Ergebnis dessen ist, dass sie die Sinopale noch einmal um ein Jahr verschieben mussten und sich die Situation zugespitzt hat? Oder ist das grundsätzlich so Ihre Ausrichtung, dass Sie sagen: Wir sind schon auch gesellschaftskritisch und irgendwo auch politisch, aber die Kunst steht im Vordergrund.

Bätzner: Also es ging auch beim letzten Mal nicht darum, politische Parolen hier in die Manege zu werfen, weil es keine Notwendigkeit gibt für die Kunst, das zu tun. Sondern eigentlich ist das, was wir hier machen können und was schon auch ein Grundtenor ist unserer Zusammenarbeit hier, zu sagen: Die Kunst hatte eine eigene Sprache, und diese Sprache kann wirksam werden und kann auch zu Emanzipationsprozessen führen. Also ein ganz wichtiger Teil der Sinopale ist ja zum Beispiel, dass die Künstler auch Workshops geben, dass hier im Vorfeld schon und auch parallel während der ganzen Laufzeit ein ganz reges Vermittlungsprogramm stattfindet - mit Kinderworkshops, mit Abendveranstaltungen, wo Filme gezeigt werden mit Diskussionsrunden, aber auch mit einem ganz einfachen Zusammenkommen über ein gemeinsames Essen und dann über verschiedene Themen zu sprechen.

"Auf mehreren Ebenen durchaus etwas aussagen, ohne die ganz eindeutigen Parolen"

Buchmann: Und wenn sich im Rahmen dieser Gespräche - auch mit der Bevölkerung - auch politische Gespräche entwickeln, ist das nicht verkehrt, aber nicht zwingend angedacht.

Bätzner: Genau. Das passiert von alleine. Also natürlich spricht man mit den Leuten darüber: Wie seht ihr jetzt die Situation? Oder: Wo bewegt ihr euch überhaupt in welchen Kreisen? Mit wem sprecht ihr? Was sind eure Anliegen? Habt ihr überhaupt noch Zukunftsvorstellungen oder schaut ihr einfach, wie die Situation jetzt machbar verändert werden kann? Oder vielleicht auch kann man sie im Moment auch gar nicht verändern und muss erst einmal schauen, was passiert. Dadurch, dass eben der Kontakt hier ganz direkt mit der Bevölkerung an ganz, ganz vielen Stellen gesucht wird - also sei es dass Sebastian Körbs mit einer Pâtisserie hier zusammen 1.600 Kekse jetzt bäckt in den nächsten Tagen, die an der Eröffnung gemeinsam verzehrt werden sollen in Zusammenhang mit Ritualen, die dann wieder dichterisch umgesetzt werden. Oder dass Raluca Popa jetzt hier Schwimmkurse nimmt und gestern Morgen stundenlang im hiesigen Krankenhaus war, um einen Sehtest zu machen und zu zeigen: Sehen - was kann ich denn sehen? Wie funktioniert eine doppelte Sehweise? Und was kann ich als Ergebnis ziehen dann aus dieser Kommunikation über das Sehen, und was lässt sich sehen und wie herauslesen? Also wir können auf mehreren Ebenen durchaus da etwas aussagen, ohne die ganz eindeutigen Parolen nehmen zu müssen.

Buchmann: Herzlichen Dank! Nike Bätzner war das, Professorin für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Halle und Co-Kuratorin der Sinopale. Ich wünsche Ihnen eine spannende, kommunikative Kunstschau!

Bätzner: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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