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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Spätfolgen sind bis heute spürbar28.02.2013

Die Spätfolgen sind bis heute spürbar

Internationaler Kongress in Münster über Kindheiten im Zweiten Weltkrieg

Sie erlebten Flucht, Vertreibung, Bombenangriffe und Hunger, viele wuchsen vaterlos auf. Jahrzehntelang verdrängte traumatische Erinnerungen brechen häufig erst im Alter wieder auf. Bei einem Kongress in Münster ging es darum, die Gesellschaft für die Langzeitfolgen von Kriegen zu sensibilisieren.

Von Dörte Hinrichs

Kindheit im Krieg  (AP Archiv/Henry Burroughs)
Kindheit im Krieg (AP Archiv/Henry Burroughs)
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Die Kinder der Kriegskinder
Kinder des Zweiten Weltkrieges

Wer dachte, das Thema 2. Weltkrieg sei mittlerweile ausreichend erforscht und die wesentlichen Fragen seien beantwortet, wurde in Münster eines Besseren belehrt. In der Stadt des "Westfälischen Friedens", in der Akademie des Franz Hitze-Hauses, trafen sich über 300 Teilnehmer und beleuchteten auch bisher wenig beachtete Spätfolgen des 2. Weltkrieges.

In Lesungen, Filmen und Diskussionen schilderten Zeitzeugen sowie Kinder der Kriegskinder ihre Erfahrungen. Und Historiker, Literaturwissenschaftler, Psychotherapeuten und Gerontologen stellten in 18 Symposien die Ergebnisse ihrer interdisziplinären Zusammenarbeit vor. Im Laufe der Forschungen haben sich dabei die jeweiligen Perspektiven geweitet. Prof. Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster:

"Wenn wir davon sprechen, dass die zeitgeschichtlichen Erfahrungen besonders in den Vordergrund gerückt werden sollten, dann haben wir von den Historikern gelernt, dass der Generationenbegriff zu pauschal ist. Also die Generation der 1940-1943 Geborenen beispielsweise, die jetzt mit einem Begriff zu belegen, ist zu pauschal, weil sie die individuelle Perspektive nicht in den Blick nimmt. Entscheidender ist: Was für Erfahrungen hat jemand gemacht zwischen 1940-1943? Beispielsweise wissen wir durch Untersuchungen, dass ein Drittel ganz gering belastet war: Beispielsweise aufgewachsen im Allgäu, immer genug zu essen, keine Flucht, keine Vertreibung, keine Bombenangriffe, beide Eltern immer dagewesen, weil in der Landwirtschaft unabkömmlich. Ein Drittel hat mittelschwere Belastungen durchgemacht, und ein Drittel hat eben schwerste Belastungen bis Traumatisierungen durchgemacht bei der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung. Bei der jüdischen deutschen Bevölkerung geht ja die Belastung annähernd an 100 Prozent."

Die kriegstraumatisierten Kinder waren später als Erwachsene oft recht erfolgreich, hatten sie doch gelernt unter schwierigsten Bedingungen zu funktionieren. Nach 1945 wurde das Erlebte kollektiv verdrängt und blieb auch in den Familien weitgehend unausgesprochen. Bei vielen Kriegstraumatisierten melden sich erst im Alter die Gespenster der Vergangenheit. Prof. Gereon Heuft:

"Eine Traumareaktivierung im Alter kann sich äußern einmal in den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung mit flashbacks, also Wiedererinnerungen, die sich aufdrängen, und zwar so mit den Gefühlen wie damals, als ich unter Tieffliegerbeschuss war oder im Bombenhagel war, mich im Bunker bedroht gefühlt habe. Flashbacks, Albträumen, die eben auch eins zu eins diese Situation mit den Gefühlen wiederbeleben. Das kann zu Vermeidungsreaktionen kommen, dass ich also zum Beispiel enge Räume meiden muss. "

Denn sie erinnern an die Enge in Bunkern oder Flüchtlingslagern. Betroffene berichten auch von permanenter innerer Anspannung oder von psychosomatischen Reaktionen. Ein Patient zum Beispiel hatte Atemnotsymptome bekommen, als er sich erinnerte, wie sein Jugendfreund von einem heranrückenden Panzer überfahren wurde. Wenn der Lebenspartner stirbt oder im Alter zunehmend körperliche Gebrechen auftreten, meldet sich bei vielen das Gefühl der Hilflosigkeit aus Kriegstagen zurück - und lange Zeit abgekapselte, schmerzhafte Erfahrungen steigen wieder auf ins Bewusstsein. Auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, war ein wichtiges Anliegen des Kongresses. Viele medizinische Diagnosen erscheinen so in einem neuen Licht.

"Ganz wichtig ist, dass in den Ausbildungen der nachfolgenden Ärzte oder auch Psychotherapeuten-Generation, aber auch für Pflegekräfte oder andere psychosoziale Gruppen, Sozialarbeiter und so weiter das historisch verankerte Wissen in der Ausbildung auf jeden Fall vermittelt wird. Es geht nicht nur um Wissen, kognitiv, sondern auch um emotionales Wissen. Also was es heißt, wenn ein älterer Mensch praktisch andeutet, da war ich dann auf der Flucht, wochenlang ohne Ernährung, unter ständiger Bedrohung, vielleicht Zeuge oder selbst betroffen von Massenvergewaltigungen, Tieffliegerbeschuss und so weiter. Also was das historisch und emotional heißt, das ist wichtig, dass das auch in den Ausbildungs- und Weiterbildungscurricula weiter vermittelt wird."

Doch das passiert bislang nicht systematisch, so Heuft. Unter anderem mit diesem Wissen kann es durchaus gelingen, Kriegstraumatisierten selbst in hohem Alter noch mit einer Psychotherapie zu helfen.

"Die trauma-focusierte Behandlung geht nach dem Einsatz von sogenannten Stabilisierungstechniken, dass Menschen erst mal lernen, sich selbst auch wieder zu regulieren, dann an eine Traumakonfrontation, das heißt man setzt sich mit den Erfahrungen noch einmal auseinander, mit dem Ziel, die damaligen Erfahrungen - nicht einfach wieder passiert - einfach in die Schublade zu stecken, und dann bleiben sie so liegen und dann kommen plötzlich Alpträume und so weiter, sondern diese Erfahrungen nach Möglichkeit zu integrieren und dann in der Erinnerungslandschaft des Menschen auch einen festen Platz zu kriegen, aber nicht immer im Blickpunkt zu sein."

Eine lebenslang schmerzende Wunde ist für viele Kriegskinder der frühe Verlust des Vaters. Über "Söhne ohne Väter" gibt es schon länger Untersuchungen, relativ neu sind die Forschungen zu vaterlos aufgewachsenen Töchtern. Mit ihnen haben sich die Psychologin Prof. Insa Fooken von der Universität Siegen und die Historikerin Prof. Barbara Stambolis von der Universität Paderborn beschäftigt. Dazu befragten sie 120 Frauen. Sie alle berichten von einer lebenslangen Vatersehnsucht - und viele von konfliktreichen Beziehungen zu ihren früh verwitweten Müttern. Häufig fühlten die Töchter sich gegängelt, stark kontrolliert, mussten oft noch mehr als die Söhne funktionieren in der schweren Kriegs- und Nachkriegszeit. Erst mit zunehmendem Alter setzen sich viele Frauen bewusst mit dem fehlenden Vater auseinander, so Prof. Insa Fooken:

"Dazu gehört dann eben auch, dass sich für viele der Kreis geschlossen hat, wenn sie bei den vermissten Vätern die Gräber gefunden haben, dass sie sich manchmal auch zum ersten Mal im Alter noch mal darauf einlassen, war mein Vater wirklich so ein guter, toller Mensch oder, was hat der eigentlich gemacht im Krieg? Das war ja mit sehr viel Ambivalenz verbunden. Auch wie Mütter den Vater darstellten, war sehr unterschiedlich, es gibt auch beschwiegene Väter, die sozusagen in der Versenkung verschwanden. Bis hin zu: Les ich die alten Briefe, die sich die Eltern geschrieben haben, trau ich mich daran? Und das machen einige relativ spät, und den meisten bringt es doch sehr viel. Also sie werden irgendwo ganz und damit auch stark."

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive, so Prof. Insa Fooken, bietet die Reflektion über die eigene Lebensgeschichte auch die Chance, sich über die Folgen für die eigenen Kinder bewusst zu werden:

"Es gibt in der Gruppe erstaunlich viele Frauen, die nach langen Ehen geschieden wurden. Die also oft auch mit hilflosen Partnern, die zum Teil selber auch vaterlos waren, so ein Stückchen wie Hänsel und Gretel durch den dunklen Wald gegangen sind und oft es nicht geschafft haben, in der Not beider das zu klären. Also das denke ich ist so auch etwas, was oft als Trauer mitschwingt. Manchmal ist der eine erst ausgebrochen und dann die andere. Aber es ist relativ viel auch gerade auch über das Scheitern der Ehen das Gefühl, jetzt wiederhole ich für meine Kinder Vaterlosigkeit, weil die Kinder ja oft bei den Müttern bleiben, mit ganz viel Schuldgefühlen, dem haben sich eigentlich die meisten auch gestellt.""

Und die Historikerin Prof. Barbara Stambolis ergänzt:

"Eine dieser in unserem Projekt beteiligten vaterlosen Töchter hat gesagt – obendrein war sie ein Flüchtlingskind – sei meint, sie habe vielleicht weitergegeben, dass sie schon als Kind immer funktioniert habe und nie ihre Gefühle habe zeigen können. Und ihre Kinder würden heute noch sagen, du bist ja steif wie ein Stock und du hast uns als Kind nie in den Arm genommen. Und es wurde eigentlich deutlich, dass sie seit ihrer Kindheit auch aus Überlebensstrategie eigentlich immer die Stille, die Brave sein musste, die funktioniert hat, die nie schreien durfte, die verantwortlich war für ihre älteren Geschwister, auch für ihre Mutter. Aber wie es in ihr aussah, konnte sie eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Sie hat selten geweint hat sie dann erzählt, und sie ist außerdem nach Erziehungsvorstellungen groß geworden, dass ein Kind auch nicht weinen darf. Und so ist die Generation der vaterlosen Töchter, Söhne natürlich auch alt geworden. Und sie fragen sich: Haben wir von diesen Erziehungsnormen etwas weitergegeben? Waren wir vielleicht zu sehr auch auf materielle Sicherheit bedacht? Sind die emotionalen Bedürfnisse unserer Kinder zu kurz gekommen? Und damit nochmal mit Kindern und vielleicht sogar auch mit Enkeln ins Gespräch zu kommen, ist heute ein ganz wichtiges Thema, es wird uns auch weiterbeschäftigen."

Zunehmend geraten inzwischen die Langzeitfolgen von Vaterlosigkeit in den Blick. Und es ergeben sich neue, bislang vernachlässigte Sichtweisen.


"Eine zweite Richtung, in die diese Perspektive Söhne-Töchter sicherlich auch noch mal vertieft werden sollte, ist weiter zurückgehend in die Geschichte den Blick auf den 1. Weltkrieg zu richten, auf die Erziehungsnormen des 20. Jahrhunderts insgesamt. Also wie wurden Männer erzogen mit Männlichkeit, mit soldatischen Tugenden. Was sind aber auch die Frauen in diesem Kontext. Denn eine ganze Reihe dieser vaterlosen Söhne und Töchter des 2. Weltkriegs hatten ja Eltern, Großeltern, die vaterlos im 1. Weltkrieg geworden sind. Also insofern können wir diese Generationenreihe weiter zurückverfolgen und dann sagen, was macht das, wenn wir so eine Langzeitperspektive mitberücksichtigen."

Die Vergangenheit wirft oft lange Schatten voraus in die Zukunft.
Ann- Ev Ustorf, Jg. 1974 ist selbst ein Kind von Eltern, die wenige Tage nach Ende des 2. Weltkriegs geboren wurden. Sie hat sich mit den Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse auf ihre Generation befasst. Sie schildert die emotionale Unerreichbarkeit ihrer eigenen Eltern, den unbedingten Leistungswillen, und dass sich dahinter deren Ängste und Bedürftigkeit verbargen. Die Journalistin hat Erwachsene befragt, die zwischen 1955 und 1975 zur Welt gekommen sind , in ihrem Buch "Die Kinder der Kriegskinder". Da ist von Heimatlosigkeit die Rede, von eingeimpften Existenzängsten und Bindungsschwierigkeiten, die die Kinder der Kriegskinder verspüren – und die viele veranlassen, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen.

Sehr bewegt reagierten viele Teilnehmer, als Katja Thimm aus ihrem Buch "Vatertage" vorlas. Darin schildert sie den langen, oft schwierigen Prozess, wie sie mit ihrem Vater über dessen Kriegserfahrungen ins Gespräch kam. Sie erfährt von seiner Flucht im Januar 1945 aus Ostpreußen, was er als 13-jähriger Wagenlenker über die gefrorene Nehrung Schreckliches erlebte. Sie reiste mit ihm an die Orte seiner Kindheit. Und sie beginnt ihren Vater - aber auch sich selbst und ihr Verhältnis zueinander - besser zu verstehen.

Trotz aller neu gewonnenen Erkenntnisse hat sich bei der Tagung herausgestellt: Wir wissen immer noch zu wenig über diejenigen, die als Kinder den 2. Weltkrieg erlebt haben. Prof. Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster:

"Was wir uns immer noch erhoffen ist, dass bei diesen Jahrgängen, die ja jetzt gerade noch erreichbar sind, dass wir bei diesen Jahrgängen eine bundesweite Erhebung machen könnte und einmal systematisch in einer repräsentativen Stichprobe untersuchen könnten, wie die schweren Belastungen unterschiedlicher Art sich bis heute auswirken. Die Drittmittelgeber, die also solche Forschungsvorhaben fördern, sind gegenüber der Psychotraumatologie Älterer, ich sage es einmal freundlich, erstaunlich zurückhaltend. "

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