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Die "Spiegel“-Bestsellerliste Belletristik

Der literarische Menschenversuch im Deutschlandfunk

Kommentiert von Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk.
Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk. (picture alliance / dpa)

Zeit für den literarischen Menschenversuch im Deutschlandfunk. Was geschieht mit einem Gehirn, das Monat für Monat abwechselnd die zehn in Deutschland meistverkauften Romane und Sachbücher von der ersten bis zur letzten Seite tatsächlich liest?

Dieses Gehirn denkt immer mehr über Peinlichkeit als zentrale Kategorie der literarischen Erfahrung nach. Wie peinlich darf, muss, kann oder soll ein Roman sein? Und wie wehrt man sich, ohne peinlich zu werden, gegen ein Übermaß an Peinlichkeit?

Die aktuelle SPIEGEL-Bestseller-Liste Belletristik:

Diesmal mit Büchern über heilige Kühe und den wiederauferstandenen Adolf Hitler, Ausflügen ins Milieu, einem Gedanken zu Neid als Kategorie der Kritik sowie Spielorten, die vom Barcelona der Franco-Zeit über von der Außenwelt abgeschnittene deutsche Inseln bis zu englischen Wohlstandsoasen und amerikanischen Vampir-Internaten reichen.

In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Romane der Deutschen 5052 Gramm auf die Waage: zusammen 3041 Seiten.

Platz 10) J.K. Rowling: "Ein plötzlicher Todesfall" (Deutsch von Susanne Aeckerle und Monika Balkenhol, Carlsen Verlag, 576 S., 24.90 Euro)

Der erste Roman für Erwachsene von J.K. Rowling schildert den Wahlkampf um einen plötzlich freigewordenen Gemeinderatssitz in einer englischen Kleinstadt, und Rowling hat nach den Harry-Potter-Romanen sichtlich Spaß daran, neue Erzählformen auszuprobieren, neue Wortfelder zu beackern und neue Milieus zu schildern. "Ein plötzlicher Todesfall" ist ein nach meinen Maßstäben mehr als ordentlicher Unterhaltungsroman, auch, wenn er ein paar Seiten zu lang geraten ist. Die halbe Welt hat dieses Buch dennoch verrissen. Ich kann mir das nur durch literaturkritischen Sozialneid erklären.

Platz 9) Sebastian Fitzek und Michael Tsokos: "Abgeschnitten" (Droemer, 400 S. 19,99Euro)

Wenn Sie nach fast 400 Seiten am Ende dieses Gemeinschaftswerks eines erfolgreichen Rechtsmediziners und eines erfolgreichen deutschen Thrillerautors die Sätze lesen:

"Mann, war das geil gewesen, in seine Augen zu sehen, als er das Messer spürte und wusste, dass er jetzt sterben würde. Stadler hatte immer noch einen Ständer."

... dann wissen Sie, dass Erfolg nicht alles ist – weder im Leben noch in der Literatur.

Platz 8) Charlotte Link: "Im Tal des Fuchses" (Blanvalet, 576 S. 22,99 Euro)

Die Deutsche Charlotte Link schreibt in England angesiedelte Thriller, wogegen nichts zu sagen wäre. Schade nur, dass sie, vor allem in den hölzernen Dialogen, auch die englische Satzstellung zu übernehmen scheint, die abstruse Handlung enervierend dehnt und statt mit Figuren mit Klischees arbeitet. Bitte tun Sie nicht lesen diese dumme Buch!

Platz 7) David Safier: "Muh" (Kindler Verlag, 336 S. 16,95Euro)

Die Handlung: Enttäuscht von einem untreuen Stier, büxt eine norddeutsche Kuh namens Lolle mit ihren besten Freunden nach Indien aus. Der Bezugsrahmen: Fleischkonsum ist leider nun einmal eine der wirklich harten philosophischen Fragen unserer Zeit, Safiers Behandlung des Themas frivol. Das Urteil: Dieser Roman ist nicht seicht, dieser Roman ist nicht mal eine Erwähnung im Wasserstandsbericht wert.

Platz 6) Carlos Ruiz Zafon: "Der Gefangene des Himmels" (Deutsch von Peter Schwaar, S. Fischer Verlag, 416 S., 22,99Euro)

Zafon erzählt in der zweiten Fortsetzung seines Weltbestsellers "Der Schatten des Windes" eine packende Rachegeschichte aus dem Barcelona der Franco-Zeit, für die "Der Graf von Monte Christo" Pate stand. Seine desillusionierten Protagonisten sagen schöne Sätze wie:

"Die Fahnen kommen mir vor wie uralt riechende bunte Fetzen, und ich brauche bloß zu sehen, wer sich alles in sie hüllt und sich den Mund mit Hymnen, Wappen und Reden füllt, und schon krieg ich Dünnpfiff."

Dennoch kreist diese hübsch bizarre fantastische Erzählmaschinerie letztlich um eine leere Mitte: literarische Zuckerwatte.

Platz 5) Nele Neuhaus: "Böser Wolf" (Ullstein, 480 S. 22,99 Euro)

Brüchig charakterisiert die Logik in diesem schlicht gestrickten Regionalkrimi um einen Päderastenklub aus der deutschen High Society wohl am treffendsten. Seine Probleme mit Ursache und Wirkung, Kausalketten und stringenter Argumentation äußern sich selbst auf Satzebene.

"Sie hat die Schule abgebrochen, als sie fünfzehn war, und ging auf den Strich, um sich ihre Drogensucht zu finanzieren. Irgendwann landete sie im Milieu."

Irgendwann? Und wo, liebe Leser war sie bitte davor?

Platz 4) Ken Follett: "Winter der Welt" (Deutsch von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher, Lübbe, 1024 S., 22,99 Euro)

Seit seinem Debüt mit dem furiosen Spionagethriller "Die Nadel" zeigt die literarische Entwicklung von Ken Follett leider steil nach unten. Seine Ritter-Rost-Mittelalterromane können mich ebenso wenig überzeugen wie dieser Mittelband einer Trilogie, in der Follett versucht, das Ganze gewaltgesättigte 20. Jahrhundert ausgerechnet in Form dreier Familiengeschichten zu erzählen. Diese Inkongruenz zwischen gewähltem Stoff und Form ist so naiv, als wollte man einen Ozeandampfer bauen, indem man ein Gummiboot maßstabsgetreu vergrößert.

Platz 3) Tommy Jaud: Überman (Scherz, 368 S., 16,99Euro)

Ein Mann wird zum Millionär durch Verkauf einer Website, verliert alles wieder durch eine Fehlspekulation mit rumänischen Waldanleihen und wird kurz vor Weihnachten mit einer größeren Steuerschuld konfrontiert. Wenige Tage verbleiben ihm, auf die Schnelle einen Haufen Geld zu verdienen. Tommy Jaud zeigt den cholerischen Kleinbürger als rasenden Roland, als randalierenden Choleriker, und Jaud weiß, dass Timing für Komik alles entscheidend ist. Entstanden ist ein fast akzeptabler Roman, aber eben nur fast. Jauds selbstverliebte Wiederholungen von Worterfindungen wie "Brillenhobbit" oder Stammtisch-Witzischkeiten wie "Vollhorst" oder "Spaßpräsident" nerven.

Platz 2) Timur Vermes: "Er ist wieder da" (Eichborn, 400 S., 19,33 Euro)

Der Erfolg dieses Romans scheint mir eher in seinem Packaging als in seinen literarischen Qualitäten zu liegen. "Er ist wieder da" treibt müde Scherze mit einem im Deutschland der Gegenwart wiederauferstandenen Adolf Hitler. Leider bleibt der Humor pubertär, die politische Fantasie bräsig, der erhobene Zeigefinger allgegenwärtig. Unterm Strich ist dieses Buch ein Produkt eben jener zynischen Medienindustrie, die es vermeintlich anprangert.

Platz 1) P.C. und Kristin Cast: House of Night: Verloren. (Deutsch von Christine Blume, S. Fischer Verlag, 496 S., 16,99 Euro)

Die von einem amerikanischen Mutter-Tochter-Autorenteam verfasste House of Night-Serie erzählt Hanni-und-Nanni-Geschichten um Freundschaft, erste Liebe und Liebesverrat in den Kulissen eines Vampir-Internats. Auch wenn diese bereits zehnte Fortsetzung nun wirklich keinerlei literarische Ansprüche erhebt, müsste sich die Prosa ja nicht unbedingt lesen wie mit dem Faustkeil geschrieben. Gereimte Zaubersprüche etwa klingen so:

"Kinder ihr kennt mein Begehr !
Fallt über diesen Mann her
Und saugt sein unsterbliches Blut
Mehr und mehr und mehr!"


Dies ist weniger ein Roman als ein Unfall.

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