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StartseiteKalenderblattDie Sprache Entenhausens07.12.2006

Die Sprache Entenhausens

Mickey-Mouse-Übersetzerin schuf eine Sprachkultur voller Witz

Sie ist die Erfinderin des lautmalerischen Gebrauchs von Verben a la "grübel, grübel - denk, denk" und von Redewendungen, die unsere Sprache bereicherten: "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör." Vor 100 Jahren wurde Erika Fuchs geboren, Übersetzerin der Mickey-Mouse- und Donald-Duck-Hefte von Walt Disney und Carl Barks.

Von Eva-Maria Götz

Micky Mouse und Daisy. (AP - Walt Disney Pictures)
Micky Mouse und Daisy. (AP - Walt Disney Pictures)

"Ich habe '51 das erste Mal gesehen, dass es überhaupt Comics gibt. Und ich war außerordentlich verblüfft, die vielen Bilder auf einer Seite, die Sprechblasen und ich dachte, das geht in Deutschland nicht, ich hielt das für völlig ausgeschlossen."

Erika Fuchs, geboren am 7. Dezember 1906, in Pommern.

"In Barlgard an der Pasenke - ein wunderbarer Name. Kennt heute niemand mehr."

Die Frau, die die Mickey-Mouse- und Donald Duck-Comics von Walt Disney und Carl Barks übersetzte und so den Mäusen und Enten die deutsche Sprache beibrachte, und zwar eine ganz besonders elaborierte Sprache.

"'Du trommelst den Trupp des Kreuzstichclubs zusammen - ich komme mit einem Geschwader der Freundinnen feiner Filetarbeiten angewetzt' - das ist vollkommen künstlich, so spricht kein Mensch, aber in Entenhausen ist alles möglich, und die Kinder haben Spaß daran. Vielleicht merken sie ja dann auch, wie amüsant Sprache sein kann. In der Schule ist Deutsch ja meist nicht so amüsant."

"Wir waren 6 Kinder und wurden sehr streng erzogen und wenn man irgendein Röckchen oder Schuhchen haben wollte, das war eine schwierige Sache, aber wenn man was lernen wollte, dann war alles da."

Und lernen wollte Erika und setzte hartnäckig durch, dass sie als erstes Mädchen mit 15 Jahren das städtische Jungengymnasium ihrer Kleinstadt besuchen durfte. Professorin wollte sie werden und studierte Kunstgeschichte in Genf, München und London. Doch anstatt an die Universität verschlug es sie samt Ehemann und zwei Söhnen ins oberfränkische Fichtelgebirge und nach Kriegsende in die Münchner Redaktion des Magazins Readers Digest, wo sie anfing, Kurzgeschichten aus dem Englischen zu übersetzen.

Dass sie dann auf die Maus kam, hatte wieder etwas mit Hartnäckigkeit zu tun.

"Als ich mal wieder einen Artikel für mich loseisen wollte und entschlossen war, das Zimmer nicht zu verlassen, ehe ich nicht den Auftrag hatte, da hat dieser Mensch in seiner völligen Verzweiflung mir die Mickey Mouse hingelegt und hat mir gesagt, ob ich das nicht machen will."

Im Nachkriegsdeutschland kein unumstrittener Auftrag, wie die Äußerung des Karlsruher Bundesrichters Martin Draht aus dem Jahre 1959 zeigt:

"Ob Bildstreifenhefte geeignet sind, Jugendliche sittlich zu gefährden, hängt von ihrem jeweiligen textlichen und bildlichen Inhalt ab, obwohl alle Arten von Comics der geistigen Verkümmerung Vorschub leisten und nach Meinung führender Jugendpsychologen die Gefahr des modernen Analphabetentums heraufbeschwören."

"Die haben das alle nicht verstanden, und unter denen, die geschimpft haben, war nicht einer, der es gelesen hatte."

Erika Fuchs ließ sich nicht beirren und entwickelte eine neue Sprachkultur, spielerisch und voller Witz. Sie erweiterte die Stämme von lautmalerischen Verben, grübel, grübel, flatter flatter, verpasste den Protagonisten eine leicht altmodische Sprache, würzte sie mit Zitaten aus literarischen Klassikern und eingestreuten Pointen und erzielte damit einen ungeheuren Erfolg - zu ihrem eigenen Erstaunen. Mehr als 50 Jahre lang, bis ins hohe Alter übersetzte Erika Fuchs die Texte von Carl Barks, wurde geehrt und mit Literaturpreisen ausgezeichnet und blieb immer auf der sprachlichen Höhe der Zeit.

"Das ist ganz einfach, man muss eben immer mit jungen Leuten zusammen sein.
Die Geschichten von Disney und Barks sind so angelegt, dass die Kinder alle etwas schlauer sind als die Erwachsenen, das ist eine amerikanische Auffassung. und darin ist eine Wahrheit, denn Kinder, die keinen Pressionen ausgesetzt sind, sind ehrlicher und anständiger als Erwachsene, das glaube ich auch."

Ihren 100. Geburtstag wollte die bis zuletzt rüstige Rentnerin auf keinen Fall erleben. Sie starb 99-jährig am 22. April 2005 in München.

(Die verwendeten Filmausschnitte stammen alle von der DVD "Donald im Wandel der Zeit", Filme aus den Jahren 1934 bis 1941, Walt Disney Home Entertainement 102668.)

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