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StartseiteBüchermarktDie Steinflut28.01.1999

Die Steinflut

Der Schweizer Kabarettist und Schriftsteller Franz Hohler beginnt seine Novelle "Die Steinflut" mit dem bedeutungsvollen Satz: "Als die siebenjährige Katharina Disch mit ihrem vierjährigen Bruder Kaspar am Freitag, dem 9. September 1881, das Haus ihrer Großmutter betrat, wußte sie nicht, daß sie erst wieder bei ihrer Hochzeit von hier weggehen würde." Da die Mutter ihr sechstes Kind erwartete, wurden die beiden Jüngsten für ein paar Tage zur Großmutter geschickt - von ihrem Vater, einem Bauern und Wirt der Gaststätte "Zur Meur" in Elm, dem letzten Dorf im Glarner Sernftal in den Schweizer Alpen. Hohlers erste Novelle geht auf eine wahre Begebenheit zurück, den Bergsturz von Elm; Hohler fand Lebensspuren der wirklichen Katharina, die 1959 im Alter von 85 Jahren in Elm gestorben ist, und hat ihre Geschichte, wie er in einem "Nachsatz" schreibt, "neu erfunden". Das Ergebnis ist, was der Verlag zu Recht ein "erzählerisches Kabinettstück von höchster Aktualität" nennt.

Stefan Reinhardt

Hohler, auch Autor von Kinderbüchern und "Stücken für Kinder", erzählt seine Novelle aus der psychologischen Perspektive des siebenjährigen Kindes. Stilsicher - ohne Simplifikationen - trifft er dessen Bewußtseins- und Gefühlswelt: Nicht länger wie ein Kind will es behandelt werden, sondern schon wie ein normaler Erwachsener; unentwegt fragend, nimmt es Unrecht und Widersprüchliches wahr und denkt und phantasiert sich seinen Teil über das, was die Erwachsenen bewegt. Als die in der Wirtschaft ihrer Eltern sich darüber streiten, was es zu bedeuten hat, daß es seit Tagen regnet, einige Tannen ins Tal gestürzt sind und es zu Steinschlägen gekommen ist, ahnt Katharina Bedrohliches. Sie spürt bevorstehendes Unheil. Die Geschichte von der Sintflut, die der Pfarrer gerade im Religionsunterricht erzählt hat, scheint, glaubt sie, sich noch einmal zu wiederholen. Hohler dehnt und verzögert das dramatische Finale, die "unerhörte Begebenheit". Er läßt es, während sich die Kinder vom Untertal auf dem Weg zur Großmutter befinden, ständig bedrohlich in der Ferne "krachen" und am Berg "rumpeln"; schließlich zieht ein Gewitter auf. Diese wirkungsvoll eingesetzten Details bilden den "Falken" der Novelle, das heißt in diesem Besonderen, Symbolischen wird das "unerhörte" Ende signalisiert - freilich nur angedeutet und nicht verraten.

Hohler beherrscht nicht nur die Kunst des Andeutens und Hinauszögerns, er erweitert die engere Novellenhandlung auch um Bilder aus dem sozialen Leben der Arbeiter und Bergbauern. 150 von ihnen sind in der einzigen Fabrik von Elm beschäftigt mit dem Abbau von Schiefer. Ist es nicht dieser Eingriff in die Natur, stellt Franz Hohler zwischen den Zeilen die Frage, der die "Steinflut" von Elm, die das Unterdorf unter sich begrub, auslöste? Warnungen wurden nicht ernst genommen. Angewiesen auf ihren Verdienst aus der Schiefergrube, lachten Arbeiter einen Förster aus, der die Sprache der Natur zu lesen verstand und die sofortige Räumung aller Häuser dringend anriet.

Im Werk des Allround-Künstlers Hohler werden Geschichten erzählt, in denen Alltägliches und Gewöhnliches plötzlich Eigenartiges und Bedrohliches zeigen. Scheinbar Normales wird ins Absurde und Groteske gesteigert; Sonderbares geschieht; Surreales erwächst aus Realem. So beginnen in der Erzählung "Die Rückeroberung" mitten in Zürich plötzlich Adler zu nisten, breiten sich Hirsche, Wölfe, Schlangen und Bären aus und wird die aus Asphalt, Beton und Mauerwerk gefügte Stadt von Schlingpflanzen überwuchert - das heißt die Natur erobert sich zurück, was ihr genommen wurde. Auch in Hohlers konventionell-solide erzähltem Roman "Der neue Berg" setzt sich die Natur zur Wehr gegen Belastung und Zerstörung. Ihre Unzufriedenheit kündigt sie in einer Vorstadt Zürichs mit einem harmlosen Erdbeben an, das ein paar Risse auf einem keltischen Hügelgrab hinterläßt. Die Natur, scheint es, revoltiert damit gegen S-Bahnbau, Atomkraftwerk und Luftverschmutzung - doch die Verantwortlichen, angeleitet von einem naiv-unerschütterlichen Fortschrittsglauben, ignorieren diese Warnungen solange, bis schließlich ein Vulkanausbruch Tausende in den Tod reißt und einen neuen Berg hervorbringt.

Was Franz Hohler in seinem 434 Seiten langen Roman "Der neue Berg" ausführlich und figurenreich darstellt, nämlich daß sich Natur nicht folgenlos schänden läßt, hat er in "Die Steinflut" in eine makellose novellistische Kurzform gegossen. In einer einfachen, aber genauen und sicheren, mit Helvetismen durchsetzten Sprache gibt er ohne falsche Idyllik und ohne Sentimentalität dem elementaren Leben Gestalt.

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