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StartseiteBüchermarktDie Stille beginnt25.10.2006

Die Stille beginnt

Olga Tokarczuks "Letzte Geschichten"

Was die Leser bis jetzt am meisten an Olga Tokarczuks Prosa begeisterte, waren ihre Fantasiewelten, die zwischen Mythen, Träumen und Erinnerungen angesiedelt sind. In ihrem neuesten, dreiteiligen Roman Letzte Geschichten geht es viel realistischer zu, dafür handelt er von dem geheimnisvollsten Moment der menschlichen Existenz: dem Tod bzw. jenem undefinierbaren Zeitpunkt, zu dem das Leben an Kraft zu verlieren und das Sterben sich anzukündigen beginnt.

Von Marta Kijowska

Der erste Todesfall ereignet sich in den Bergen. (AP Archiv)
Der erste Todesfall ereignet sich in den Bergen. (AP Archiv)

" Es muss so einen Augenblick geben, wahrscheinlich ist er kurz und unauffällig, aber geben muss es ihn. Das Erklimmen, der Weg hinauf muss einen Höhepunkt erreichen, von dem aus dann der Abrutsch beginnt. Es wäre wie das Losbrechen des Gewitters, der wildeste Sturm, der lauteste Donner, wonach die Stille beginnt. "

Es ist Paraskewia, eine der drei Hauptfiguren, die diesen Ausgangspunkt des Sterbens festhalten möchte. Sie hat allen Grund dazu: Soeben ist ihr Mann gestorben. Die beiden haben in einem alleinstehenden Haus, hoch oben auf einem Berg gelebt, also schreibt sie die Nachricht von seinem Tod in großen Buchstaben in den Schnee, damit die Menschen im Dorf sie erfahren. Sie selbst legt sich wie gewohnt schlafen, denn sie weiß, dass das Leben aus dem Körper "ungehindert hinauszufließen" muss.

Der Tod, den ihre Enkelin Maja erlebt, ist ganz anders: schnell, beiläufig, so ganz der modernen Zeit entsprechend. Sie macht gerade mit ihrem Sohn Urlaub auf einer kleinen asiatischen Insel, wo ein älterer Zauberkünstler für Unterhaltung sorgt. Der Junge ist von dem Mann sofort fasziniert, bald sieht er in ihm seinen Meister. Als der Illusionist allerdings nach einem gemeinsamen Auftritt seiner Aids-Erkrankung erliegt, ist es nur noch Maja, die seinen Tod registriert - ihr Sohn ist bereits mit etwas anderem beschäftigt.

Und da ist schließlich die Todesart, die Ida, Majas Mutter, widerfährt. Sie ist zu dem Ort ihrer Kindheit unterwegs, als ihr Wagen mit einem Baum kollidiert. Nach dem Unfall wird sie für eine Weile von einem alten Ehepaar aufgenommen, das in seinem Haus eine Art Asyl für kranke, obdachlose Tiere betreibt. Die morbide Umgebung zeigt schnell Wirkung: Auf einmal wird Ida bewusst, dass auch sie langsam stirbt.

" Jetzt fällt es ihr auf: den ganzen Körper zieht es zur Erde, als wären alle seine Teile schon erschöpft und müde und gäben still das tägliche Gerangel mit der Erdanziehungskraft auf. Ja, sagt der Körper, ich ergebe mich, ich kämpfe nicht mehr gegen dich, ich welke, beuge mich, krümme mich, falle auf die Knie und drücke mich schließlich mit Gesicht, Bauch, Schenkeln an die Erde."

Dass es sich bei den drei Frauen um Mutter, Tochter und Enkelin handelt, ist nicht sofort erkennbar. Außer Einsamkeit und dem Gefühl, in ihrem Leben gescheitert zu sein, verbindet sie nicht viel. Wie immer man also ihre Geschichten lesen mag - als Teile einer Familiensaga taugen sie nicht, es fehlt ihnen eben die gattungseigene Kontinuität. Der autonome Charakter der drei Romanteile war auch durchaus Olga Tokarczuks Absicht.


" Ich glaube, das menschliche Bewusstsein hat sich in den letzten hundert Jahren stark verändert. Deshalb traue ich auch nicht mehr solchen Romanen, die durchgehend aus einem Stoff gemacht sind. Heute wäre es wohl nicht mehr möglich, den Zauberberg zu schreiben. Unsere Denkweise ist anders geworden. Außerdem wird unser Bewusstsein ständig von den Medien bombardiert, die sich der Ästhetik der kleinen, geschlossenen Dinge bedienen. Das hat unsere Wahrnehmungsart sehr stark geprägt. Auch ich denke so: in Form von kleinen Fragmenten. Ich sollte eigentlich nur kurze Erzählungen schreiben, denn meine Bücher, vor allem die letzten, sind ohnehin wie eine riesige Honigwabe, in der völlig verschiedene Teile zusammenkleben. "

Die fragmentierte Erzählweise ist also auch ein Merkmal ihres neuesten Buches. Zwei Dinge verbinden die drei Hauptfiguren aber doch. Zum einen die Verknüpfung ihres Schicksals mit der polnischen Geschichte: Idas Leben hat sich zwischen der kommunistischen Zeit und heute abgespielt. Maja verkörpert all das, was das Leben in dem modernen, rasant transformierenden Polen mit sich bringt. Und Paraskewia, die Älteste, hat das Drama der Vertreibung aus der Ukraine und der Zwangsansiedlung in den Westgebieten erlebt.

" Eines Tages waren wir verschwunden. Wir alle von dort. Fremde zogen in unsere Häuser. Wir stiegen in ungeheizte Bummelzüge. Güterzüge, denn wir waren Ware. Unterwegs gingen, Fotografien und Dokumente verloren, deshalb lassen sich keine Stammbäume mehr erstellen. "

Das Zweite, das die drei Frauen gemeinsam haben, ist die Suche nach einem Ort, den man, in welchem Sinne auch immer, als den eigenen bezeichnen könnte. Olga Tokarczuk kennt die Wurzellosigkeit und die Sehnsucht nach dem Gefühl der Zugehörigkeit nur zu gut - das Thema Vertreibung ist auch in ihre eigene Familiengeschichte eingeschrieben. Mag sein, dass sie sich auch deshalb so gern mit dem Phänomen der Zeit und des Zeitempfindens auseinander setzt.

" Die Zeit ist eine meiner Obsessionen. Ich stelle mir immer wieder die Frage, was die Zeit ist, und bleibe ohne Antwort. Auf jeden Fall ist sie etwas Spannendes. Ich weiß nicht, wie sie funktioniert und ob wir alle eine gemeinsame Zeit haben. Vielleicht hat jeder von uns eine eigene Zeit. Wenn ja, weiß ich nicht, wie sich diese individuellen Zeiten zueinander verhalten. Und wie sich die Geschichte dazu verhält. Für mich spielt die Intuition eine große Rolle, und die Intuition ist ein Sinn, mit dem wir die Zeit wahrnehmen. Wahrscheinlich deswegen kreise ich ständig um dieses Thema wie ein Nachtfalter um das Licht."

Auch diesmal geht jede ihrer Figuren mit der Zeit anders um, gleichzeitig aber haftet dem ganzen Buch eine merkwürdige, gemeinsame Langsamkeit an. Vielleicht liegt diese Aura der Antriebslosigkeit am stilistischen Können der Autorin, die das Erschaffen einer eigenen, in sich geschlossenen Welt von Anfang an meisterhaft beherrscht hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Olga Tokarczuk die heutige Welt eben so sieht: als ein Konstrukt, in dem alles ein Stigma des langsamen Zerfalls trägt und die Gewissheit der eigenen Sterblichkeit das einzig Verlässliche bleibt.

Olga Tokarczuk: Letzte Geschichten
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
DeutscheVerlags-Anstalt, München 2005, 22.90 Euro.

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