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StartseiteInterview"Die Studienbedingungen sind miserabel"17.06.2009

"Die Studienbedingungen sind miserabel"

FU-Student zu den Zielen des bundesweiten Bildungsstreiks

Ben Stotz, Student an der Freien Universität Berlin, fordert anlässlich des heutigen Bildungsstreiks die Abschaffung von Bachelor und Master in der derzeitigen Form. Nach zehn Jahren sei klar, dass diese Form des modularisierten Studiums nicht klappe. Die Hörsäle seien überfüllt und der Studienalltag sei zu reglementierte, argumentierte Stotz.

Ben Stotz im Gespräch mit Friedbert Meurer

Bildungsstreik in Berlin (AP)
Bildungsstreik in Berlin (AP)

Friedbert Meurer: In diesen Tagen und Wochen wird wieder an die Studentenbewegung des Jahres 1968 erinnert. Letzter Anlass war ja die Nachricht, dass der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, ein Spitzel der Stasi der DDR war. Studenten und Schüler des Jahres 2009 haben andere Probleme, als wie 68 die gesellschaftlichen Verhältnisse zu revolutionieren. Sie wollen bessere Studienbedingungen, kleinere Klassen, mehr Lehrer und Professoren. Heute ist der Höhepunkt eines bundesweiten Bildungsstreiks mit Kundgebungen und Happenings in ganz Deutschland, unter anderem in Berlin.

An unserem Übertragungswagen am Berliner Alexanderplatz müsste ich jetzt verbunden sein mit Ben Stotz, Student an der Freien Universität Berlin. Guten Tag, Herr Stotz.

Ben Stotz: Guten Tag nach Köln!

Meurer: Haben Sie heute schon eine Bank überfallen?

Stotz: Der Banküberfall ist ja erst für morgen in mehreren Städten vorgesehen. Heute haben wir erst mal einen kraftvollen Auftakt gesetzt mit der größten Demonstration, die wir eigentlich in Berlin, seitdem ich hier bin, überhaupt erlebt haben, mit 30.000 Menschen, und sind sehr zuversichtlich, dass es jetzt so kraftvoll weitergehen kann.

Meurer: Was soll der Banküberfall? Was wollen Sie damit morgen signalisieren?

Stotz: Es wurde bereits vor einem Monat ein Mahnbrief verfasst, auch ans Bundesministerium für Finanzen, in dem wir ein Rettungspaket angemahnt haben für bessere und freie Bildung. Wo zum einen aufgeschlüsselt worden ist, dass es jetzt notwendig ist, gewisse Kosten im Bildungsbereich abzusenken, zum Beispiel Studiengebühren abzuschaffen, ein Bafög für alle zu bezahlen, auch neue Studienplätze auszufinanzieren und kleinere Klassen auch an den Schulen herzustellen. Dafür brauchen wir ein Rettungspaket von der Bundesregierung, und es hat sich auch gezeigt, dass jetzt in der Wirtschaftskrise ja leicht Milliarden zu mobilisieren sind. Deswegen ist unser Paket auch recht bescheiden. Leider hat sich aber bisher noch niemand bereit erklärt, das Rettungspaket zu finanzieren.

Meurer: Ich lese, Sie wollen 100 Milliarden Euro. Ganz so bescheiden klingt das nicht, Herr Stotz.

Stotz: Ja. Im Vergleich zu 480 Milliarden, die die Banken ja bekommen haben, und auch 102 Milliarden für die Hypo Real Estate, die geflossen sind, sind unsere 104 Milliarden erst mal unsere Sofortmaßnahmen und erst mal noch im Rahmen, aber das ist halt dringend notwendig, damit sich im Bildungsbereich etwas ändert. Eine Hypo Real Estate ist genauso viel wert wie das Bildungssystem, um es zu sanieren.

Meurer: Sie studieren selbst Religionswissenschaft und Lateinamerikanistik an der FU Berlin. Wie sind denn bei Ihnen die Studienbedingungen?

Stotz: Bei uns an der Freien Universität sind die Studienbedingungen miserabel. Wir sind zwar Eliteuniversität, aber trotzdem Vorreiter, was Bachelor und Master angeht. Das heißt völlig überfüllte Hörsäle, ständige Konkurrenz und Anwesenheitspflicht. Das Studium gleicht immer mehr so einer Jagd nach dem Studienpunkt, wo es eigentlich gar nicht mehr darum geht, wirklich für sich selber selbst schon was zu lernen, sondern nur noch auf die nächste Prüfung hin zu lernen, um danach den Stoff zu vergessen. Deswegen wird ja mittlerweile auch schon von Bulimielernen gesprochen.

Meurer: Wieso wollen Sie Bachelor und Master abschaffen?

Stotz: Nach zehn Jahren Bologna-System sind wir der Meinung, dass Bachelor und Master zumindest in der derzeitigen Form abgeschafft werden muss, nicht funktioniert, und dass zumindest eben ein nicht modularisiertes Studium, auch acht Semester Studiengänge und eben nicht diese Zweiteilung in der Bachelor-Abspeisung für die breite Masse existiert, die dann schnell auf dem Arbeitsmarkt beziehungsweise in der Wirtschaftskrise vor Hartz IV steht, und eine kleine Minderheit und Elite, die den Master machen kann.

Meurer: Da schreibt Ihnen aber die Bundesbildungsministerin Schavan heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk sozusagen ins Stammbuch, Sie sind "gestrig", wenn Sie Bachelor und Master abschaffen wollen. Das gibt es überall! Das ist ein internationaler Prozess!

Stotz: Es gibt ja auch internationale Proteste dagegen. Die gab es in Griechenland, in Frankreich, in Spanien auch. In Deutschland gibt es den größten Bildungsprotest heute. Und auch die Bildungsministerin hat ja schon ein bisschen zurückgerudert jetzt und uns auch eingeladen für die Kultusministerkonferenz, die morgen und übermorgen in Berlin tagt. Bisher waren sie nicht bereit für Gespräche, jetzt vor dem Druck der Straße sehen sie auch, dass sie da ein bisschen Zugeständnisse machen müssen. Wir werden mal sehen, ob wir uns da ein Stück weit einigen können, oder ob wir weiter Druck machen müssen, damit Bachelor und Master wirklich abgeschafft wird.

Meurer: Sind Sie selbst schon im Master-Studiengang?

Stotz: Ich bin selber noch im Magister-Studiengang, also nach alter Studienordnung, aber studiere die ganze Zeit mit Bachelor und Master und bin eben mit den gleichen Seminarangeboten konfrontiert, weil für uns gar keine eigenen Seminare mehr angeboten werden.

Meurer: Was ist denn für Sie und für die Kommilitonen besser?

Stotz: Für mich ist der Magister besser, weil natürlich da noch eine gewisse Freiheit im Studienalltag besteht, wir mehr auswählen können, ich auch mal über den Tellerrand hinausschauen kann und es auch möglich ist, noch in den alten Studienordnungen während dem Studium zu arbeiten. Das müssen ja 63 Prozent unserer Kommilitonen auch machen. Im Bachelor-Studium ist Arbeit und Studium oftmals gar nicht mehr vereinbar, ganz zu schweigen wenn man Kinder hat oder Hobbys. Dann wird es noch schwerer.

Meurer: Ben Stotz, Student der Freien Universität Berlin, zu den Bildungsstreiks heute in Deutschland. Danke schön nach Berlin zum Alexanderplatz, Herr Stotz. Auf Wiederhören!

Stotz: Danke!

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