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StartseiteThemen der Woche Die Suche nach der Wahrheit15.01.2011

Die Suche nach der Wahrheit

10 Jahre Wikipedia

Das Online-Nachschlagewerk Wikipedia unterscheidet sich von anderen Webdiensten wie Google und Facebook, weil es als einzige Idee wirklich fortschrittlich ist.

Von Ralf Müller-Schmid, Dradio Wissen

Google und Facebook sind bald wieder vorbei. Globale Unternehmen in der Hand einiger Computerkapitäne, die weltweit Tausende von Mitarbeitern beschäftigen und mehr Nutzer zusammenbringen als die meisten Staaten Bürger haben. Deren Marktkapital mehr wert ist als viele Volkswirtschaften dieser Erde. Und doch: Welthistorisch gesehen sind das nur Randerscheinungen, ein digitaler Wimpernschlag der Geschichte.

Der dauerhafte Wert und die kulturelle Tragweite technischer Erfindungen messen sich allein am Einfluss, den sie auf unser Selbstverständnis haben. Suchmaschinen und soziale Netzwerke aber haben die Menschheit so gut wie gar nicht vorangebracht. Weil Sie uns nicht wirklich verändert haben. Schon als Jäger und Sammler waren wir von morgens bis abends auf der Suche. Was uns Google als Fortschritt verkaufen will, tun wir schon seit Urzeiten.

Und Facebook? Die Idee von Mark Zuckerberg, den das Time Magazine zum Mann des Jahres 2010 wählte? Anthropologisch gesehen ein Epiphänomen. Unser Interesse, Freunde zu haben, mit denen man Neuigkeiten teilt, ist so alt wie die Trommeln im Busch.

Heißt das nun, es gibt im Netz keinen Fortschritt? Oh nein, ganz im Gegenteil. Seit einem Jahrzehnt gibt es Wikipedia. Wikipedia ist anders. Wikipedia ist die Website der Websites. Mit Wikipedia macht das Internet als Netz überhaupt erst Sinn.

Wikipedia zeigt uns, warum es sich lohnt, in digitalen Netzwerken zusammenzuarbeiten, statt in intellektueller Isolationshaft auf geniale Einfälle zu warten. Wikipedia hat die Welt zu einem intelligenteren Ort gemacht.

Muss aber jetzt nicht der historistische Vorbehalt kommen, den wir eben gegen Google und Facebook ins Feld geführt haben? Schließlich wurden auch Lexika schon vor Urzeiten geschrieben. Schließlich ist es auch ein Urtrieb des Menschen, Wissen zusammenzutragen.

In der Wikipedia steht dazu: "Die Naturalis historia (1. Jahrhundert nach Christus) gilt als bekannteste Enzyklopädie der Antike. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die moderne Enzyklopädie erfunden, mit alphabetischer Ordnung und Querverweisen."

Aber Wikipedia ist nicht nur ein Nachschlagewerk im Internet. Sonst wären ja die Digitalisierungsversuche von Brockhaus, Meyer und Kollegen nicht so spektakulär gescheitert. Was also ist es, das Wikipedia von Google und Facebook unterscheidet? Was ist es, das die Menschheit weiterbringt? Wikipedia ist die erste technische Umsetzung einer philosophischen Wahrheitstheorie, die es zu massenhafter Anwendung gebracht hat.
Die beste Theorie über Wahrheit verdanken wir dem amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce und die geht so: Wahr ist das, was von Aussagen übrig bleibt, wenn nach gründlicher Diskussion die Einsprüche verstummen. Anders gesagt: Ein Satz kann als wahr gelten, solange kein vernünftiger Einwand gegen ihn formuliert wird.

Daraus folgt leider, dass es im Verhältnis zum Blödsinn nur sehr wenig Wahrheit gibt. Glücklicherweise steigt aber auch die Chance, insgesamt richtig zu liegen, wenn wir möglichst viele Stimmen hören und jeder die Chance hat, seine Argumente ungehindert vorzubringen.

Nichts anderes tut Wikipedia. Bisher haben weltweit etwa eine Million Nutzer zu Wikipedia beigetragen, an die 7000 Autoren arbeiten regelmäßig an der deutschsprachigen Ausgabe mit. Diese Menschen haben im Internet nichts gekauft, noch waren sie auf der Suche nach Pornos. Sie haben nur intensiv darüber diskutiert, was etwa unter dem Begriff "Neoliberalismus" zu verstehen ist. Das Ergebnis ist ein Artikel von insgesamt 1,2 Millionen, dessen Lektüre uns einfach klüger macht.

Wikipedia lehrt uns, dass die Wahrheit über die Welt als eine unendliche Folge von Korrekturen verstanden werden muss. In Deutschland tun wir uns mit Wikipedia schwer, weil wir Bildung gerne als Pioniertat von Einzelnen begreifen. Schiller, Goethe und Humboldt und so. Wikipedia ist dagegen ein Werk der Vielen. Die erste Software der Dichter und Denker.

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