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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie tausend Freuden der Metropole23.06.2011

Die tausend Freuden der Metropole

Wissenschaftler der FU Berlin untersuchen die Berliner Vergnügungskultur

Die großen Zeiten des Berliner Nachtlebens sind in den Erinnerungen vor allem mit den 20-iger-Jahrem des letzten Jahrhunderts verknüpft: Berlin galt weltweit als eine der Vergnügungsmetropolen. Doch die Anfänge der Vergnügungskultur reichen weiter zurück, wie Wissenschaftler der FU Berlin herausfanden.

Von Isabel Fannrich

Das Cafe "Kranzler" am Kurfürstendamm in Berlin. In den 1920er-Jahren die  "Amüsemeng"-Meile der Stadt. (AP)
Das Cafe "Kranzler" am Kurfürstendamm in Berlin. In den 1920er-Jahren die "Amüsemeng"-Meile der Stadt. (AP)

Tobias Becker, Historiker an der FU Berlin:

"Ohne ein Vergnügungsviertel ist Paris nicht Paris, ist London nicht London, ist Berlin nicht Berlin. Und vor allem die Berliner, die ja etwas als Nachzügler unter den Metropolen so einen gewissen Minderwertigkeitskomplex hatten, da war es ganz wichtig, dass man mit Paris und London mithalten konnte und sogar besser war."

Das "Amüsemeng", wie der Berliner sagt, scheint fest mit den 20er-Jahren verknüpft. Es ist das Jahrzehnt der Großkinos und Theater, von Operette, Revue und Comedy, Bubikopf und wilder Ausschweifung.

Diese enge Perspektive will eine Gruppe von Historikern der Freien Universität Berlin aufbrechen. Das verrät schon der Name ihres Forschungsprojektes: "Metropole und Vergnügungskultur. Berlin im transnationalen Vergleich, 1880 - 1930".

Zwar fassen die Wissenschaftler die so genannte lange Jahrhundertwende ins Auge. Sie konzentrieren sich dabei aber auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Schon um 1900, so lautet ihre These, hatten sich die Hoch- und die Populärkulturen in der damaligen Reichshauptstadt grundlegend verändert. Der Projektleiter Daniel Morat und Johanna Niedbalski, beide Historiker:

"Häufig wird die Roaring Twenties, sozusagen das wilde Berlin, wird vor allen Dingen mit den 20er-Jahren assoziiert, und das wilhelminische Berlin gilt noch irgendwie als obrigkeitsstaatlich, biederer und spießiger. Und wir legen eigentlich den Schwerpunkt auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und wollen zeigen, dass sich in dieser Zeit die meisten Elemente dieser modernen Vergnügungskultur schon entwickelt haben und ganz viele Formen, die in den Zwanzigern zur Blüte gelangt sind, schon vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt waren."

Johanna Niedbalski:

"Das Vergnügungsleben vor dem Ersten Weltkrieg war eher sogar noch internationaler als im Großteil der 20er-Jahre. Weil der Erste Weltkrieg da einfach in der Internationalität einen Riesen-Einbruch gebracht hat."

Das Projekt geht als Teil der Stadtsoziologie der Frage nach, wie sich das moderne Vergnügen und die Stadtentwicklung gegenseitig beeinflusst haben. Quellen finden die Historiker dafür mehr als genug: von den Programmheften der Theater und Werbeplakaten über Presseberichte bis zu den Akten der Gewerbeaufsicht oder sogar der Zensurbehörde.

Berlin nahm um 1900 eine Sonderrolle ein. Was andere Metropolen wie Paris oder London längst hinter sich hatten, geschah hier innerhalb kurzer Zeit. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verdoppelte die Hauptstadt ihre Einwohnerzahl infolge von Industrialisierung und Zuzug auch aus dem Osten. Als sie 1920 mit anderen Städten und Gemeinden zu Groß-Berlin zusammen gelegt wurde, lebten hier fast vier Millionen Menschen - mehr als heute. Johanna Niedbalski:

"Das muss man sich ja auch mal klar machen, dass das halt im Prinzip alles Einwanderer waren, bis auf wenige Ausnahmen natürlich. Die in irgendeiner Form ihre Freizeit gestalten mussten, die die wenige freie Zeit, die sie hatten, gestalten mussten und die nicht unbedingt in ihren Wohnungen gestalten konnten, weil die sehr eng, sehr klein und sehr wenig privat waren. Und dadurch entwickelte sich ein Freizeitangebot, was sehr stark darauf angewiesen war, rauszugehen aus der Wohnung. "

Daniel Morat:

"In dem Moment, in dem auch die Trennung von Arbeits- und Freizeit sich etabliert, die Leute in ihrer Freizeit als Konsumenten nach Vergnügungsangeboten suchen und auch breite Massen das entsprechende verfügbare Geld haben, um sich solche Vergnügungsangebote auch kaufen zu können - in dem Moment entsteht eine großstädtische kommerzialisierte Vergnügungslandschaft, die schon sehr früh, schon während des Kaiserreichs, ausdifferenziert war. "

Anders als auf dem Lande waren Tanz, Theater und Jahrmarkt nicht mehr saisonal gebunden. Die nunmehr professionellen Anbieter lockten täglich mit vielfältiger Unterhaltung wie Kino, Ballsaal, Varieté. Die Vergnügungskultur als Summe all dessen, was den Menschen in einer Epoche Zerstreuung bietet, geriet zur Massenkultur.

"Wir sehen um 1900 nicht nur die Anfänge der populären Kultur in einem kommerziellen Sinne, sondern auch in diesem internationalen und sich standardisierten Sinne. Die heutigen Mega-Musicals, wie wir sie kennen, die rund um die Welt wandern die von Stadt zu Stadt ausgetauscht werden, findet man eben angelegt auch schon im populären Musiktheater der Jahrhundertwende."

Tobias Becker, Historiker an der FU Berlin, hat die Vergnügungsviertel der damaligen Metropolen miteinander verglichen. Er stellt fest, dass ihre Unterhaltungsangebote sich immer mehr von der Peripherie in die Zentren verlagerten.

Weil das mit Prostitution und Kriminalität assoziierte Vergnügen früher als schwer kontrollierbar galt, hatten sich der Wiener Prater, das Tokioter Asakusa-Viertel oder der Montmartre in Paris noch am Stadtrand befunden. Erst im Laufe der Zeit wuchsen sie immer mehr in die Stadt hinein.

Dagegen entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts der New Yorker Times Square, das Londoner West End und die Friedrichstraße mitten in der City. Durch die Erfindung der Elektrizität sowie den Ausbau von Polizei und Bürokratie meinten die Stadtoberen, das ausschweifende Leben besser disziplinieren zu können.

Trotz aller Kenntnisse über das nächtliche Leben, die Geschichte des Theaters, des frühen Films, der Musikrevuen und der Quartiere: Das Vergnügungsviertel selbst ist bislang kaum erforscht und theoretisch analysiert worden, wundert sich der Historiker Becker.

"Das hat auch mich am Anfang überrascht. Es gibt natürlich zahlreiche Untersuchungen oder zahlreiche Bücher, in denen vom Montmartre die Rede ist, von der Friedrichstraße die Rede ist, vom Kurfürstendamm. Aber es gibt keinen soziologischen oder historischen oder philosophischen Versuch, einmal allgemein über das Vergnügungsviertel nachzudenken, was denn das eigentlich für ein Raum ist oder was es nicht ist, wie sich das herausgebildet hat und wie sich das verändert hat über die Zeit."

Man könnte das Vergnügungsviertel in Abgrenzung zu anderen städtischen Räumen als "heterotopischen Raum" verstehen, schlägt Tobias Becker vor. Damit lehnt er sich an den französischen Philosoph Michel Foucault an. Dieser hatte in "Stadt der 1000 Freuden" von Heterotopien gesprochen als...

...reale, wirkliche Orte, ( ... ) die gleichsam Gegenorte darstellen, tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden.

Das Vergnügungsviertel ist demnach ein anderer, ein besonderer Ort. Es belebt sich erst abends, wenn die Angestellten die Banken und Geschäfte verlassen haben, und im Gegenzug die Kinos und Revuepaläste öffnen. Von New York über Berlin bis Tokio spielt hier neben der Prostitution das Theater eine herausragende Rolle.

Das besondere Kennzeichen sehen die Wissenschaftler aber in seiner Nutzung: Fanden früher nur die oberen Gesellschaftsschichten Zugang zu vergnüglichen Angeboten wie dem Hoftheater, konnte um die Jahrhundertwende prinzipiell jede und jeder teil haben. Die Klassenunterschiede verschwanden zwar nicht, ebneten sich aber ein, beschreibt Becker eine zentrale Hypothese des Projektes:

"Viele dieser Vergnügungsetablissements, die wir auch heute als aristokratisch oder bürgerlich erachten, waren oftmals doch in der Zusammensetzung des Publikums sehr viel breiter. Da verkehrte auch eine gewisse Elite der Arbeiterklasse, es verkehrten viele Angestellte usw., die auch ein wichtiger Träger dieser populären Kultur waren."

Schon der Soziologe Siegfried Kracauer hat diese schichtübergreifende Teilhabe in seinem Band "Das Ornament der Masse" (1926) beschrieben:

Die vier Millionen Berlins sind nicht zu übersehen. ( ... ) Je mehr sich aber die Menschen als Masse spüren, um so eher erlangt die Masse auch auf geistigem Gebiet formende Kräfte, deren Finanzierung sich lohnt. (Sie bleibt nicht mehr sich selbst überlassen, sondern setzt sich mit ihrer Verlassenheit durch; sie duldet nicht, dass ihr Reste hingeworfen werden, sondern fordert, dass man ihr an gedeckten Tischen serviere. Für die sogenannten Bildungsschichten ist daneben wenig Raum. Sie müssen mitspeisen oder snobistisch abseits sich halten; ihre provinzielle Abscheidung jedenfalls hat ein Ende. Durch ihr Aufgehen in der Masse entsteht das homogene Weltstadt-Publikum, das vom Bankdirektor bis zum Handlungsgehilfen, von der Diva bis zur Stenotypistin eines Sinnes ist.

Musik, Theater und Film thematisierten das Leben in der Großstadt. Dies blieb nicht ohne Auswirkung. Dass sich die neuen und alten Berliner in der rasant wachsenden Metropole nicht nur zurechtfinden, sondern auch mit ihr identisch werden konnten, war wesentlich der Vergnügungskultur zu verdanken. Daniel Morat:

"Unsere Idee war nun, dass die Vergnügungskultur ein Medium ist, in dem diese Transformationserfahrungen verarbeitet werden konnten. Dass also die Vergnügungskultur ein Motor, ein Katalysator der sogenannten inneren Urbanisierung ist, des Prozesses, in dem Großstadtbewohner zu Großstadtbewohnern wurden, sich selber arrangiert haben mit dem Leben in der Großstadt."

Hans Otto Modrow: Berlin 1900:

"Es zeigte sich, dass es wirklich so etwas wie eine neue Berliner Psyche bereits gab, aus mitunter engem Dünkel und weitem Horizont, aus Kleinstadt und Weltstadt, aus Kindlichkeit und Helligkeit, eigentümlich gemischt. In den Revuen des Metropoltheaters mit all ihrem Glanz und ihrer Pracht, mit all der fremden Dekoration und Massenwirkung trat diese neue Berliner Psyche tatsächlich zum ersten Male in Erscheinung, sie zum Sprechen und Klingen gebracht zu haben, bleibt das wirkliche Verdienst des Theaters unter den Linden."


Doch amüsieren konnte man sich auch im Berliner Kiez. Besonders aufschlussreiche Quellen haben die FU-Historiker über das Stralauer Viertel gefunden. Bereits in den 1860er Jahren eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete Berlins, wurde es ab 1920 Teil von Friedrichshain. Hier lebten hauptsächlich Arbeiter und Kleinbürger. Dem Viertel hing der Ruf an, das Zentrum der Berliner Unterwelt zu sein.

Im Jahr 1911 ließ sich ein protestantischer Pfarrer hier nieder - in missionarischer Absicht. Er beauftragte Studenten, das örtliche Unterhaltungsangebot akribisch zu erforschen: Welche Kneipen und Kinos gab es? Wer ging dort hin? Und was tat man dort? Johanna Niedbalski:

"Dadurch, dass die Leute sich schon so weit von ihrem christlich geprägten Hintergrund entfernt hatten und missioniert werden mussten, finde ich es ein sehr schönes Zeichen dafür, dass es keine ländliche Bevölkerung mehr war, sondern dass da schon der Prozess der inneren Urbanisierung fortgeschritten war und die Kirche sich Terrain zurück erobern wollte. "

Anhand der Aufzeichnungen konnte Johanna Niedbalski nachvollziehen, dass überraschend viele Kneipen und Kinos, aber auch Theater die Straßen belebten. Besucht wurden sie meist von der im Stralauer Viertel ansässigen Bevölkerung. Allerdings zeigten sich in der Nutzung durchaus soziale Unterschiede:

"Man konnte sehen, dass es einerseits Vergnügungsorte gab, an denen alle, die dort wohnten, anzutreffen waren, die dort alle hingingen. Das waren zum Beispiel sehr große Kinos mit jeweils über 1000 Sitzplätzen. Da hat schon die schiere Masse des Angebots dazu geführt, dass jeder dorthin kam. Aber es gab gleichzeitig und im selben Viertel gab es genauso Vergnügungsorte, an denen man die sozialen Unterschiede, die es gab in diesem Viertel, die sich dort reproduzierten an diesen Orten. Es gab Kinos, an denen ganz speziell das kleinbürgerliche Publikum anzutreffen war, und es gab Kinos, in denen die proletarische Bevölkerung anzutreffen war. "

So wie die kleinen Ladenkinos nach und nach von großen Kinopalästen abgelöst wurden, so ist der Inbegriff des Massen-Amusements der Vergnügungspark. Im Jahr 1910 eröffnete in Halensee, am Ende des Ku'damms, der Lunapark. Aus dem "Artistischen Fachblatt" aus dem selben Jahr:

Das Etablissement ist der größte Vergnügungspark des Kontinents; und wie großzügig man in Berlin geworden ist, veranschaulicht am besten die Tatsache, dass allein der Umbau der Lokalitäten nicht weniger als vier Millionen Mark gekostet hat. (Die Attraktionen sind über das weite Gebiet zahlreich verstreut.) Es gibt da eine Gebirgsszenerie-Bahn, eine Wasserrutschbahn, welche sich stolz die "Größte der Welt" nennt, ein Somalidorf mit Originalnegern, einen Schautanzsaal und allerlei der Kurzweil gewidmete Dinge. (Da der Eintrittspreis trotzdem auf nur 50 Pfennig Festgesetzt ist, wird im kommenden Sommer der neue Park gewiss eine Massenansammlung von Einheimischen und Fremden zu sehen bekommen.)

Johanna Niedbalski:

"Insofern ist natürlich schon eine gewisse Tendenz zur Demokratisierung erkennbar. Weil natürlich konnte jeder kommen. Es war jetzt auch nicht übertrieben teuer, aber es war auch nicht ganz billig. Und es gab eben auch im Lunapark diese Unterscheidung zwischen Volkstagen und Elitetagen. An den Elitetagen war es tatsächlich noch mal teurer als der normale Eintritt. Es wurde dafür dann Besonderes geboten.""

Der Lunapark zeigt in besonderer Weise, wie die Vergnügungskultur ihrer Zeit sogar voraus war. Als für die meisten Berliner das Autofahren noch unerreichbar schien, konnten sie es dort bereits ausprobieren: im Autoscooter, damals Selbstfahrer genannt.

Der älteste Vergnügungspark Berlins musste aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ausgerechnet in jenem Jahr schließen, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und begannen, die jüdisch inspirierte Vergnügungskultur zu zerstören. In den Jahrzehnten zuvor aber trug er dazu bei, die Berliner mit dem weltstädtischen Leben vertraut zu machen. Oder sogar identisch. Johanna Niedbalski:

""Was war das Allerneuste vom Neuen? Zum Beispiel der Lunapark hat eine Rolltreppe präsentiert als eine echte Neuheit. Heute wissen wir, dass Rolltreppen überall in der Stadt ein wichtiges Beförderungsmittel sind. Die Neuheiten wurden dort vorgeführt als Attraktionen in spielerischen Formen und wurden dann später in die Stadt sozusagen exportiert oder sie wurden über die Vergnügungsparks in die Stadt eingeführt. Sie wurden popularisiert dadurch und dann verbreiteten sie sich in der Stadt in ganz anderen Zusammenhängen, in ganz anderen Kontexten."

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