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StartseiteForschung aktuellDie Telefonate der anderen08.12.2010

Die Telefonate der anderen

Wissenschaftler erforschen die Psychologie des Mithörens von Handygesprächen

In der U-Bahn, auf der Straße, im Büro - überall wird öffentlich telefoniert und alle hören mit. Doch was bewirkt der große Mitlauschangriff beim unfreiwilligen Zuhörer und warum nerven Handygespräche mehr als die Unterhaltung zweier Sitznachbarn? Eine US-Studie sucht Antworten.

Von Julia Beißwenger

Selbst Privates und Peinliches bleibt beim öffentlichen Telefonat nicht unausgesprochen. (AP)
Selbst Privates und Peinliches bleibt beim öffentlichen Telefonat nicht unausgesprochen. (AP)

"Ja, hier ist Anna." "Hi! Na, wie ist es?" "Ach du, das war ganz toll, ja, ja. Wir haben ganz viel gemacht. Die ganze Zeit unterwegs und jo, eigentlich ganz nett. Und bei dir?" "Ah, cool! Ey, das ist ja super. Ja und was machen die Kids?"

Ob im Bus, im Café oder im Supermarkt, Handygespräche mitzuhören, gehört heute zum Alltag. Doch viele empfinden diese Telefonate als störend.

"Viele Leute machen die Erfahrung, dass Telefongespräche irritieren. Ich habe das als Studentin beobachtet, als ich mit dem Bus zu Seminaren fuhr. Ich versuchte zu lesen, aber es ging einfach nicht. So begann ich, darüber nachzudenken, woran das liegen könnte."

Lauren Emberson arbeitet inzwischen als Psychologin und ist ihren Beobachtungen aus der Studienzeit nachgegangen. Ihr fiel auf, dass Handygespräche mehr störten, als zwei Leute, die sich im Bus unterhielten. Woran liegt das? Geht es anderen Menschen genauso? Um das herauszufinden, entwickelte die Wissenschaftlerin von der Cornell-Universität in Ithaca in den USA ein Experiment. Sie ließ Studentinnen Telefongespräche zu alltäglichen Themen führen. Im Anschluss sollten die Frauen die Gespräche in eigenen Worten wiedergeben. So entstanden drei Tonbandaufnahmen. Die Erste enthielt die Zusammenfassung des Gesprächs, die Zweite den Dialog. In der dritten Version erklang das Telefonat, wie es im Café oder im Bus mitzuhören gewesen wäre. Die drei Aufnahmen spielte Lauren Emberson anderen Studenten vor, während diese Aufgaben erledigten. Eine Gruppe sollte einen Punkt auf einem Computerbildschirm verfolgen, die zweite Gruppe bestimmte Buchstaben auf dem Bildschirm finden.

"Wir verglichen die Leistungen, die in den beiden Aufgaben unter den verschiedenen Bedingungen erzielt wurden. Das interessante Ergebnis ist Folgendes: Obwohl man weniger Sprache hört, wenn man nur eine Hälfte der Konversation mit bekommt, lenkt gerade das besonders ab. Das zeigte sich bei beiden Aufgaben. Wir glauben deshalb, dass die Ablenkung unabhängig davon ist, worauf wir uns konzentrieren. Es scheint vielmehr ein wirklich weitreichender Effekt zu sein, dass ein Gespräch, von dem wir nur die eine Hälfte mitbekommen, unsere Aufmerksamkeit anders beansprucht, als wenn wir beide Hälften hören."

Die Studenten wurden dazu angehalten, sich von den Bandaufnahmen nicht ablenken zu lassen. Tatsächlich gelang ihnen dies in beiden Gruppen erstaunlich gut, wenn sie die Zusammenfassung oder den gesamten Dialog hörten. Lauren Emberson zufolge ist der Grund hierfür, dass Menschen an sich in der Lage sind, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und andere Dinge auszublenden. Warum jedoch kann man sich so schlecht konzentrieren, wenn nur eine Hälfte des Telefonats zu hören ist?

"Unsere Erklärung ist, dass es etwas mit dem Informationsgehalt zu tun hat. Wir glauben, es liegt an der Tatsache, dass man weniger Information erhält. Wenn man nur die eine Seite des Gesprächs hört, wird es schwerer, den Ablauf des Gespräches vorherzusagen."

Wer ein Telefonat mitbekommt, ist damit beschäftigt, die fehlenden Teile des Dialoges zu ergänzen, das heißt, die Logik und den Inhalt der Unterhaltung zu erkennen. Interessanterweise geschieht das automatisch, oftmals sogar gegen den Willen des Betroffenen. Viele glauben jedoch, dass es so schwer ist wegzuhören, weil Handygespräche besonders laut sind, sagt Lauren Emberson. Ihre Studie kann dies nicht belegen, denn es wurde streng darauf geachtet, dass alle Versionen der Telefongespräche gleich laut waren.

"Wir wissen aus der Literatur zur Aufmerksamkeitsforschung, dass Dinge, denen wir unsere Aufmerksamkeit widmen, oft intensiver erscheinen, heller, lauter oder detaillierter. Nun, wir sind aufmerksamer, wenn wir ein halbes Telefongespräch hören. Es ist möglich, dass wir es dann lauter hören. Wir haben das Gefühl, dass Telefongespräche viel lauter sind. Das könnte eine Illusion sein, indem es uns lauter erscheint als es ist."

Lauren Emberson überlegt, die Wirkung der Lautstärke in weiteren Experimenten genauer zu erforschen. Dabei möchte sie insbesondere prüfen, inwiefern Autofahrer gestört sind, wenn ein Mitfahrer telefoniert. Statt am Computer Aufgaben zu bearbeiten, könnten für zukünftige Erhebungen die Probanden ein Auto fahren oder im Fahrsimulator sitzen. Aufgrund der bisherigen Ergebnisse geht die Wissenschaftlerin davon aus, dass es nicht nur gefährlich sein kann, wenn der Fahrer telefoniert, sondern es vermindert vermutlich auch die Sicherheit, wenn sich ein Beifahrer am Telefon unterhält. Lauren Emberson jedenfalls hat für sich bereits jetzt Konsequenzen aus der Studie gezogen. Auch sie telefoniert in der Öffentlichkeit, aber:

"Früher habe ich das oft getan, jetzt habe ich es stark reduziert."

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