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StartseiteKultur heute"Die Texte dieses Buches sind wie eine Achterbahnfahrt"16.06.2012

"Die Texte dieses Buches sind wie eine Achterbahnfahrt"

Der 16. Juni ist der Bloomsday - das nimmt der Deutschlandfunk zum Anlass sieben Stunden James Joyces "Ulysses" in einem der wohl größten Hörspiele und wagemutigsten Experimente der Geschichte des Hörspiels zu feiern.

Von Christian Berndt

Ein als Leopold Bloom verkleideter James-Joyce-Enthusiast in Dublin, 16. Juni 2004 (AP)
Ein als Leopold Bloom verkleideter James-Joyce-Enthusiast in Dublin, 16. Juni 2004 (AP)
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Unerhört! - "Ulysses" als Hörspiel am Bloomsday

Als die Musik - natürlich Irish Folk - gegen 15 Uhr startet, ist immerhin ein Drittel des Hörpensums erreicht. Um 8 Uhr morgens hat der Bloomsday in Berlin begonnen - tatsächlich hat sich schon erstes Publikum eingefunden - und es geht noch weiter bis 4 Uhr nachts.

Bühne im Innenhof des ARD-Hauptstadtstudios (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)Bühne im Innenhof des ARD-Hauptstadtstudios (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)20 Stunden lang kann man im ARD-Hauptstadtstudio den "Ulysses" hören. Der Roman gilt als eines der komplexesten Werke der Weltliteratur, obwohl James Joyce darin nur den Ablauf eines einzigen Tages im Jahre 1904 in Dublin beschrieben hat. Im Zentrum stehen der Annoncenverkäufer Leopold Bloom - nach ihm ist der Bloomsday benannt - und der junge Lehrer Stephen Dedalus. Ihnen folgt der Roman über den Tag - beginnend mit dem Frühstück:


Mr. Leopold Bloom aß mit Vorliebe die inneren Organe von Vieh und Geflügel. Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwach duftigen Urins vermittelten.
'Noch eine Scheibe Brot mit Butter (Messerschneiden), drei, vier, recht so.


Minutiös schildert Joyce den Tagesablauf vom Aufstehen bis zum nächtlichen Bordellbesuch. Die Bandbreite reicht von philosophischen Reflexionen, politischen Diskussionen bis zur deftigen Alltagsbeschreibung - einschließlich ausgiebiger Toilettengänge. Zu Wort kommen unzählige Nebenfiguren, Intellektuelle, Bürger, Proletarier und Prostituierte, deren Sprache Joyce prägnant trifft. Er entwirft ein ganzes Gesellschaftspanorama - komplex, aber lebensnah, wie eine Hörerin nach:

Ich find es überhaupt nicht mehr schwierig, wenn es jetzt so wie durch den Rundfunk nahe gebracht wird. Ich finde es auf einmal so was von menschlich nahe. Was der da über Frauen weiß, er ist ja kein Psychoanalytiker oder so, der ist ja einfach nur ein Schriftsteller, aber was für einer.


Die Schauspielerin Corinna Harfouch (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)Die Schauspielerin Corinna Harfouch (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)"Ulysses" ist das englische Wort für Odysseus - aber Blooms Reise führt nicht durch die Welt, sondern nur durch Dublin. In der Struktur ist der Roman an Homers Odyssee orientiert, es gibt viele Anspielungen - etwa zum Aufenthalt von Odysseus auf der Insel der Zauberin Kirke. Joyce macht daraus den Besuch eines Bordells. Hier erlebt Bloom mit der Bordellchefin - gesprochen von Corinna Harfouch - eine sadomasochistische Szene, in der die beiden ihre Geschlechterrollen tauschen:


'Nieder. Auf die Hände nieder! Fühle mein ganzes Gewicht - Oah ...
Beuge Dich Sklavin vor dem Thron Deines Despoten glorreichen Hacken.'
Bloom, unterjocht, blökt:
'Ich verspreche, ganz bestimmt nie ungehorsam zu sein.


Deutschlandradio-Intendant Willi Steul, Arthur Landwehr (SWR-Chefredakteur Hörfunk, Mitte) und der Irische Botschafter S.E. Dan Mullhall (links) eröffneten die Ulysses-Party im ARD-Hauptstadtstudio. (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)Deutschlandradio-Intendant Willi Steul, Arthur Landwehr (SWR-Chefredakteur) und der Irische Botschafter S.E. Dan Mullhall (v.r.) eröffneten die Ulysses-Party im ARD-Hauptstadtstudio. (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)Kein Wunder, dass "Ulysses" in den USA und England damals sofort verboten wurde. Aber auch heute noch hat der Text ein irritierendes Potenzial, wie Corinna Harfouch meint:

"Also da gibt es sehr unterschiedliche Texte in diesem Buch, wo man ganz unterschiedliche Dinge machen darf. Ist wie so eine Achterbahnfahrt, aber nicht, dass man in so eine Maschine rein, sondern die Achterbahn fährt sozusagen durch die Landschaft. Man sitzt in diesem Gefährt, das man eigentlich nicht richtig steuert, sondern das fährt da mit einem irgendwie so lang."




Aber so verwirrend die surrealen Szenen und inneren Monologe oft wirken, so konkret ist im "Ulysses" auch die Zustandsbeschreibung - etwa über Antisemitismus oder das soziale Elend. Irritierend wirkt, dass Joyce keinerlei Wertung vornimmt - er lässt den Leser mit dem Stoff allein, wie der Regisseur des Hörspiels Klaus Buhlert erklärt:

Ulysses-Regisseur Klaus Buhlert (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)Ulysses-Regisseur Klaus Buhlert (Deutschlandradio - Sandra Gerhardt)"Bei Joyce ist es so, er gibt uns keinen didaktischen Hinweis, das macht es so schwer, dranzubleiben. Aber letztlich, wenn man sich mit dem Werk beschäftigt, ist es ein ganz einfaches, naturalistisches Werk, man versteht die Bezüge, man kann hindurch kommen, ohne dass man daran verzweifelt. Man muss Joyce von diesem klassischen Denkmal runterholen, er ist ein witziger Geschichtenerzähler, er ist ein verrückter Hund. Bei all seiner Größe, aber sie darf nicht akademisch werden."


Akademisch ist das "Ulysses"-Hörspiel nicht geworden - Buhlert, der auch die Musik komponiert hat, setzt den Text, den ein hochkarätiges Schauspielerensemble - unter anderem Manfred Zapatka, Milan Peschel und Josef Bierbichler - spricht, nicht nur mit dampfender Sinnlichkeit, sondern auch mit teils derben, teils schlitzohrigen Humor um.

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