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StartseiteBüchermarktDie Todesschreie der Villa Grimaldi verstummen nicht02.08.2012

Die Todesschreie der Villa Grimaldi verstummen nicht

Isabel Allende: "Mayas Tagebuch", Suhrkamp

Die Heldin in "Mayas Tagebuch" ist eine drogensüchtige US-Amerikanerin mit chilenischen Wurzeln. Ihr Leben in Las Vegas ist eine Mischung aus Rausch, Prostitution und Polizei. Mithilfe ihrer Großmutter flieht sie auf die Insel Chiloé und erfährt mehr über sich und ihre Familiengeschichte.

Von Eva Karnofsky

Wut und Ärger (Stock.XCHNG / Daniel V.)
Wut und Ärger (Stock.XCHNG / Daniel V.)

Isabel Allendes neuer Roman führt den Leser zunächst auf die verschlafene, südchilenische Insel Chiloé. Seine Heldin, die neunzehnjährige Maya, ist im kalifornischen Berkeley aufgewachsen und wird von ihrer exzentrischen chilenischen Großmutter Nini dorthin geschickt. Sie soll sich bei Manuel, einem Jugendfreund von Nini, vor ein paar Gangstern und dem FBI verstecken. Warum Maya gesucht wird, erfahren wir allerdings erst gegen Ende des Romans.

Du wirst jede Menge Zeit haben, dich zu langweilen, Maya, Du kannst sie nutzen, und über den monumentalen Mist schreiben, den du gebaut hast, vielleicht kriegst du ein Gespür für die Ausmaße,

Gab ihr die Großmutter mit auf den Weg und drückte Maya ein leeres Heft in die Hand. Und weil das Mädchen auf Chiloé viel Zeit hat, vertraut sie diesem Heft ihr Leben an. Mayas Heft, so lautet denn auch die wörtliche Übersetzung des Originaltitels. Um ein klassisches Tagebuch mit chronologischen Einträgen, wie der deutsche Titel vermuten lässt, handelt es sich nämlich nicht bei dem Roman. Zwar lässt Isabel Allende Maya in der Ich-Form chronologisch darüber schreiben, wie sie sich allmählich auf Chiloé integriert. Und Maya berichtet auch über ihr Zusammenleben mit Manuel, zu dem sie trotz der fünfzig Jahre Altersunterschied eine enge Freundschaft aufbaut, doch vor allem hält sie Rückschau. Und sie erzählt in aller Breite ihre Familiengeschichte - etwas abwegig für ein Tagebuch, das doch normalerweise nur für die eigenen Augen bestimmt ist, schließlich kennt man die eigene Familie. Mayas Mutter, eine Dänin, ist ohne sie nach Dänemark zurückgekehrt, der Vater als Pilot ständig unterwegs. So wächst das Mädchen bei seiner Großmutter und deren zweitem Mann, einem afroamerikanischen Astronomieprofessor auf. Der Stiefgroßvater wird zu Mayas wichtigster Bezugsperson. Als er stirbt, ist Maya sechzehn Jahre alt. Sie verliert jeglichen Halt und gerät mit ihren beiden Schulfreundinnen auf die schiefe Bahn.

Wir drei hatten einen Straftatenwettbewerb am Laufen. Für alles, bei dem wir nicht erwischt wurden, gab es Punkte, hauptsächlich für Sachbeschädigung, den Verkauf von Gras, Ecstasy, LSD und geklauten Medikamenten, Graffitis an den Schulwänden, gefälschte Schecks und Ladendiebstahl. Wir schrieben alles auf, zählten am Ende des Monats die Punkte zusammen, und die Siegerin bekam eine Flasche KU:L-Wodka, billig und hochprozentig, ein polnischer Fusel, mit dem man auch Ölfarbe verdünnen konnte.

Maya landet schließlich in einem Internat für schwer erziehbare Jugendliche und gleich darauf in den Fängen eines Drogendealers, der obendrein Falschgeld unter die Leute bringt. Sie erliegt erneut der Sucht, bis sie sich, körperlich ein Wrack, entschließt, zur Großmutter und in eine bürgerliche Existenz zurückzukehren. Womit sie sich einreiht in die Riege der starken Frauen der Allende-Romane.

In einem Interview erklärte Isabel Allende, sie habe mit Mayas Tagebuch einen Roman schreiben wollen, der die Generation ihrer Enkel anspricht, und den "Halbwüchsigen in ihrer Sippe", wie sie sich ausdrückt, widmet sie ihn auch. Dieser Altersgruppe soll er offensichtlich Warnung sein, nicht vom rechten Weg abzukommen und erst recht keine Drogen anzurühren. Das ist gut gemeint, doch es ist deutlich zu spüren, dass sich Allende auf ein Terrain begeben hat, das nicht das ihre ist. Die Autorin benutzt zwar umgangssprachliche Wendungen und Begriffe, in dem Bemühen, jugendlich-frech zu klingen, doch der Eindruck, dass eine Neunzehnjährige schreibt, die sich über Jahre ständig mit Alkohol und Drogen zugedröhnt und nicht das geringste Interesse für den Schulunterricht gezeigt hat, will nicht entstehen. Dazu ist die Diktion oft zu betulich, sind die Vergleiche zu abgehoben, wie etwa in der Schilderung von Mayas Vergewaltigung:

Irgendwann kehrte mein Geist von weither zurück und betrachtete die Szene in dem schäbigen Motelzimmer wie auf einer Leinwand in Schwarz-Weiß: eine Frauengestalt, lang und dünn, leblos, zu einem Kreuz geöffnet, über ihr ein Minotaurus, der Obszönitäten speit.

So recht will in diesem Buch keine Spannung aufkommen, obwohl Allende sich bemüht hat, Elemente eines Actionthrillers in den Roman zu weben. Doch in der Kriminalgeschichte, in die Maya verwickelt wird, scheint immer wieder der erhobene Zeigefinger durch, etwa, wenn sie lang und breit beschreibt, wie Drogenhändler vorgehen, um Jugendliche in die Abhängigkeit zu treiben.

Allende wiederholt viel, und Vieles ist nicht stimmig, schon allein die Annahme, dass das FBI nicht in der Lage sein soll, einen Menschen aufzuspüren, der unter seinem eigenen Namen nach Chile fliegt, ist unwahrscheinlich. Auf dieser Annahme aber baut der Roman auf.

Einmal in Chile, beginnt Maya, nach der Vergangenheit ihrer Großmutter Nini zu fragen. Von ihr weiß Maya bislang nur, dass sie ihren ersten Mann während des Militärputsches von 1973 verloren hat und dass Nini dann ins Exil nach Kanada fliehen musste. Mayas Recherche über die Zeit der Diktatur, über die die meisten Chilenen nicht mehr gern sprechen, zählt zu den stärkeren Passagen des Romans. Maya findet heraus, in welcher Beziehung ihre Großmutter zu Manuel stand und erfährt, dass er, wie auch Ninis erster Mann, im berüchtigten Folterzentrum Villa Grimaldi inhaftiert war:

Die Villa Grimaldi heißt heute Friedenspark, ein Hektar Grün mit schläfrigen Bäumen. Von den Gebäuden, die dort zu Manuels Zeit standen, ist kaum etwas geblieben, weil während der Diktatur alles abgerissen wurde im Bemühen, die Spuren des Unverzeihlichen zu beseitigen. Allerdings gelang es den Bulldozern nicht, die hartnäckigen Geister zu vertreiben oder die Todesschreie zum Verstummen zu bringen, die man noch heute dort wahrnehmen kann.

Isabel Allende hat ihre Heldin und deren Familie sympathisch gezeichnet, dennoch zählt Mayas Tagebuch nicht zu ihren überzeugenden Romanen. Er lohnt die Lektüre nicht.

Isabel Allende:
Mayas Tagebuch. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 445 Seiten, EUR 24,95

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