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StartseiteBüchermarktDie turbulente Geschichte eines kleinen Inselstaates25.07.2011

Die turbulente Geschichte eines kleinen Inselstaates

Luc Folliet: "Nauru – die verwüstete Insel", Verlag Klaus Wagenbach

Im Pazifischen Ozean existiert eine kleine und arme Republik: die Insel Nauru. Luc Folliet beschreibt in seinem Buch "Nauru – die verwüstete Insel" den wirtschaftlichen Aufstieg und Fall des Inselstaates und unter welchen Umständen die Einwohner Naurus heute leben.

Von Christian Gampert

Luftaufnahme der südpazifischen Insel Nauru. (picture-alliance / dpa - Torsten_Blackwood)
Luftaufnahme der südpazifischen Insel Nauru. (picture-alliance / dpa - Torsten_Blackwood)

Dies ist eine unglaubliche Geschichte – und doch hat sie eine uns allen bekannte, kalte Logik. Die Insel Nauru, nur 21 Quadratkilometer groß, im Pazifischen Ozean nordöstlich von Australien gelegen, ist die kleinste Republik der Erde – und eine der ärmsten. Zuerst wurde sie wegen ihrer Phosphatvorkommen von den imperialistischen Großmächten ausgebeutet, nach der Unabhängigkeit 1968 war sie plötzlich sehr reich, und heute ist sie ein Armenhaus. Wie es dazu kam und unter welch seltsamen Umständen die Einwohner Naurus jetzt leben, das hat der französische Journalist Luc Folliet recherchiert und in einem Buch niedergelegt – "die verwüstete Insel", so heißt es, ist eine Art Parabel: Sie erzählt von Imperialismus und globalisiertem Wirtschaftskreislauf, aber auch von der Naivität und Lethargie der betroffenen Dritte-Welt-Bewohner in Nauru, die mit ihrem plötzlichen Wohlstand nicht umgehen konnten.

Luc Folliet referiert in seinem kompakten Buch zunächst die Vorgeschichte des kleinen pazifischen Inselstaats: Kolonisierung durch das Britische Empire Mitte des 19.Jahrhunderts, Eroberung durch Australien im Ersten Weltkrieg, japanische Invasion 1942. Ab 1945 steht Nauru dann unter australischem Mandat – und eine britische Company baut das dort reichlich vorhandene Phosphat ab. Phosphat ist der wichtigste Bestandteil aller Düngemittel – und das nach Unabhängigkeit strebende Nauru will seine Bodenschätze natürlich selber vermarkten. 1951 ist ein gewisser Hammer Deroburt Vorsitzender des ersten lokalen Regierungsrats; 1968 wird Nauru in die Unabhängigkeit entlassen, Deroburt wird Präsident. Die immensen Gewinne aus den Phosphat-Vorkommen fließen nun in die Hände der Inselbewohner. Man gründet eine eigene Bank und eine Fluggesellschaft. Das alles klingt nach Happy End.

Aber - Folliet schildert das sehr ausführlich - der ungewohnte Reichtum schafft neue Probleme. Die Bevölkerung will nicht mehr arbeiten – und wenn, dann für die Regierung. Man schiebt sich Posten und Positionen zu. Für die Drecksarbeit des Phosphat-Abbaus hat man aus China importierte Arbeitskräfte, sogenannte Coolies – sie leben in Baracken in einer abgeschlossenen Welt. Als in den 70er-Jahren die Ölkrise ausbricht, steigen die Rohstoffpreise – auch für Phosphat.

"1974 bringt der Abbau (von Phosphat) … den nauruanischen Bürgern fast 45o Millionen australische Dollar ein. Nauru ist das reichste Land der Welt. In den 70er-Jahren beträgt das Bruttoinlandsprodukt um die 20.000 Dollar pro Kopf und liegt damit nur wenig unter dem der Erdölstaaten der arabischen Halbinsel."

Und nun beginnt ein Drama, das Folliet minutiös beschreibt. Dazu wählt er allerdings eine wilde Mixtur aus historischem Faktenbericht, politischer Analyse, Sozialreportage und einfühlsamem Feature. Die Vermischung der journalistischen Formen ist problematisch, das Thema aber so ergiebig und beispielhaft, dass man diese Schwächen in Kauf nimmt. Als vorteilhaft erweist sich, dass Folliet sein Ohr immer nah an den Menschen hatte. Ob es eine Geschäftsinhaberin ist oder eine Krankenschwester, ein Ex-Minister oder ein auf der Insel internierter Flüchtling – Folliet ruft sie als Kronzeugen auf in einem Prozess, bei dem es um den Niedergang Naurus geht. Dazwischen versorgt der Autor den Leser reichlich mit Fakten, und die haben es in sich.

Die Insel ist nämlich ein Schulbeispiel für Misswirtschaft und politische Blauäugigkeit. Jeder europäische Ökonom, der etwa das Geld deutscher Rentenkassen zu risikoreich anlegt, kann in Nauru bereits das daraus resultierende Desaster besichtigen. Jeder Dritte-Welt-Kämpfer kann hier lernen, dass die politische Unabhängigkeit allein nichts wert ist. Und jeder Globalisierungs-Theoretiker wird sich bestätigt fühlen: Die Finanzmärkte kontrollieren auch den entlegensten Winkel dieser Erde.

Folliet berichtet von einer politischen Groteske: Die Einheimischen Naurus leben ab den 1970er-Jahren als Privatiers, die gelegentlich nach Australien zum Einkaufen fliegen und bepackt mit Elektronik und Luxusgütern daheim wieder aus dem Flugzeug steigen. Man isst Fertiggerichte vom Chinesen, man wird dick und bekommt massenhaft Diabetes. Man zahlt keine Steuern, bekommt vielmehr Geld vom Staat sowie Phosphat-Tantiemen. Die Regierung Naurus legt den neuerworbenen Reichtum ihrer Bürger nun ziemlich hektisch in Immobilien an, insgesamt 350 Millionen Dollar. In Melbourne baut man 1977 das riesige Nauru House Building. Man investiert in Krankenhäuser, Einkaufszentren und luxuriöse Hotelanlagen. Folliet resümiert:

"Die Verwaltung dieser vielfältigen Anlagen bleibt weitgehend undurchsichtig. Um diese Unternehmen kreist ein Schwarm von Beratern und Anwälten. Das Geld aus Nauru weckt Begehrlichkeiten auf große, leicht verdiente Gewinne. Die Behörden des Landes begegnen diesen Beratern ziemlich unbedarft."

Aber - wie das so ist mit den Bodenschätzen - die Phosphat-Vorräte der Insel sind begrenzt. Vorsorge wird nicht getroffen. Die Nauruaner leben einfach im großen Stil weiter. Aber ihre Anlageobjekte bringen nichts ein, immer mehr Geld verschwindet einfach.

"Ende 1991 übergibt der Nauru Phosphate Royalties Trust einem Partner der Anwaltspraxis Allen, Allen und Hemsley in Sydney 8,5 Millionen Dollar. Die Millionen wandern von einem Land ins andere, fließen von einer amerikanischen Bank zu einer Bank in Antigua und über ein englisches Kreditinstitut auf die karibischen Inseln. Bald hat Nauru jede Spur des Geldes verloren. Ronald Powles, der Hauptakteur dieses Geschäfts, soll Rechenschaft ablegen. Zu spät, (man) hat Powles in verschiedenen Finanzgeschäften über 60 Millionen Dollar anvertraut. Das Geld sieht Nauru nie wieder."

Der kleine Inselstaat wird also - wo es nur geht - über den Tisch gezogen, er ist überfordert, handelt aber auch leichtsinnig. Folliet rekonstruiert dieses Debakel mit einer Mischung aus Fasziniertheit und ungläubigem Staunen. Von 1968 bis 1986 regiert – autokratisch – der verdiente Hammer, Deroburt. Das ist die Phase der sogenannten Stabilität; ab 1986 gibt es dann in 23 Jahren 22 Regierungen. Die Korruption blüht, viele Minister wirtschaften in die eigene Tasche und versorgen ihre Clans. Allein die sogenannten Verwaltungskosten der sechsköpfigen Regierung betragen 50 Millionen Dollar pro Jahr.

1992 gibt es erste Proteste in der Bevölkerung. Aber wenig später zahlt Australien, verurteilt vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag, 57 Millionen Dollar Entschädigung an Nauru für den Phosphatabbau in der Zeit vor der Unabhängigkeit. Die Regierung verteilt sofort 23 Millionen Dollar direkt an die Einwohner, und die Proteste klingen ab. Das ist typisch für Nauru: Der Reichtum kommt per Zufall und wird sofort sozialisiert, ohne Sinn und Strategie. Stattdessen verheddert man sich immer mehr in den Fangnetzen der Weltwirtschaft: Man gibt viel Geld aus und nimmt dafür Kredite auf, unter anderem 268 Millionen Dollar bei dem US-Konzern General Electric. Um die Zinsen der Kredite zu bedienen, muss man weitere Kredite aufnehmen. Und so geht es weiter bis zum bitteren Ende, das Folliet teilweise sarkastisch kommentiert.

Um Geld zu verdienen, mutiert Nauru zur Steueroase: Ende der 1990er-Jahre gibt es hier rund 400 Pro-Forma-Banken, die Mafia-Gelder waschen. 1998 sind das rund 70 Milliarden Dollar. Es nützt nichts: Nauru ist pleite. Die Bürger verlieren alle Ersparnisse, die Regierung verkauft ihren Immobilienbesitz. Aber schon 2001 entdeckt man eine neue Einnahmequelle: Nauru erlaubt der australischen Regierung, ein sogenanntes Auffanglager für illegale Einwanderer auf der Insel zu errichten – gegen eine kleine Gebühr von 30 Millionen Dollar im Jahr. Die Lage wird nun vollends bizarr.

"Die Insel hat faktisch keine Kontrolle mehr über ihr Territorium. Sie wird zu einem riesigen Gefängnis unter freiem Himmel. Die Lager sind schnell überfüllt und werden notdürftig umgebaut. Von Nauru aus führen die (asylsuchenden) Männer und Frauen über Jahre hinweg einen Kampf gegen die (australischen) Behörden, um ein Visum zu bekommen. In den Lagern arbeiten Dutzende ausländische Angestellte und halten die Wirtschaft der Insel am Laufen: Sie wohnen im Hotel, kaufen in den chinesischen Buden ein und versorgen sich mit Benzin."

So absurd das klingt: Mit dem Betrieb der Flüchtlingslager kommt es zu einer langsamen Erholung der Wirtschaft Naurus. Aber die meisten Flüchtlinge werden abgeschoben, und im November 2005 sind gerade noch zwei Asylbewerber da, die nun von 150 Angestellten versorgt werden. Luc Folliet schildert das Geisterhafte dieser Insel-Gesellschaft immer wieder in reportageähnlichen Einschüben, er trifft die letzten Asylbewerber, aber auch Golf spielende Ingenieure, die den Phosphatabbau wieder in Gang bringen wollen, oder einen der wenigen Ärzte des Landes, der nebenbei Gesundheitsminister ist. Der hat zu tun - Nauru ist die Nation mit der höchsten Fettleibigkeits-Quote der Welt.

"Laut einer Untersuchung der Weltgesundheits-Organisation von 2008 sind 78,5 Prozent der Bevölkerung betroffen, das heißt vier von fünf Nauruern."

Die Wohlstandskrankheit Diabetes reduziert die Bevölkerung. Das einzige Krankenhaus, so schreib Luc Folliet, sei "ein Sterbeheim unter freiem Himmel". Die Lebenserwartung liegt bei unter 50 Jahren.

Wie es weitergehen soll, steht in den Sternen. Insgesamt mutet Nauru wie ein Menetekel an, die Karikatur eines Staates, ein warnendes Exempel für die Dritte Welt. Während alle Sozialutopien – von Thomas Morus bis Karl Marx – sich Gedanken über die Verteilung des Reichtums und die Bewältigung der Not machen, ist man auf Nauru weit entfernt von jeder Gesellschaftstheorie. Wie denn auch - es fehlt an Bildung, die man in Zeiten des Reichtums nicht gefördert hat. Stattdessen wurde in größenwahnsinnige Projekte investiert, die Züge des Dubaischen Baubooms tragen. Und so ist dieser relativ schmale Band von Luc Folliet ein beispielhaftes Werk, eine sozialwissenschaftliche Fabel mit - wie gesagt - einigen stilistischen Schönheitsfehlern: ein Buch über wirtschaftliche Fehlentscheidungen, über die Gier und die menschliche Dummheit.

Luc Folliet: Nauru – die verwüstete Insel.
Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte.

Wagenbach, 138 Seiten, 10,80 Euro.

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