Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktDie Undankbarkeit. Gedanken über unsere Zeit01.04.2002

Die Undankbarkeit. Gedanken über unsere Zeit

Ullstein, 186 S., EUR 19,90

Kersten Knipp

Knipp: Je natürlicher man ist, desto mehr erliegt man der Macht des Klischees" schreiben Sie im Vorwort zu Ihrem jüngsten Buch L´ingratitude, "Die Undankbarkeit". Sie meinen damit zunächst einmal sich selbst, denn dieses Buch basiert auf mehreren Gesprächen mit dem kanadischen Journalisten Antoine Robitaille und war zumindest in der Rohform viel spontaner, weniger streng als seine Vorgänger. Gleichzeitig äußern Sie damit aber auch Kritik am Geist der Zeit. Sie stellen einen Rückzug des geordneten, systematischen Denkens fest und gleichzeitig eine zunehmende Bereitschaft, in Schlagworten und vorgefertigten Meinungen zu denken. Leben wir wirklich eher in einer Zeit des Klischees als der eigenständigen Überlegung?

Finkielkraut: Unsere Gesellschaft hat sich philosophisch wie technisch der Unmittelbarkeit verschrieben. Die Philosophie von heute hat den unmittelbaren, direkten Ausdruck zum zentralen Wert erhoben, und dies gilt ganz besonders für die Schule. Ich weiß nicht, wie die Dinge in Deutschland stehen, aber in Frankreich regt man die Schüler vor allem dazu an, sich mündlich auszudrücken, man macht sich für die modernen Fremdsprachen stark, wo die gesprochene Sprache den gleichen Wert wie die geschriebene hat. Man ist hier der Auffassung, dass wir durch die Herrschaft der geschriebenen über die gesprochene Sprache stark eingeschränkt sind. Das ist eine sehr lästige Gewohnheit, denn diese Wertordnung schränkt die Menschen ein, anstatt sie zu befreien. Auf der anderen Seite steht uns eine Echtzeit-Technik zur Verfügung, eine Technik der allgemeinen Kommunikation, die den Menschen erlaubt, direkten Kontakt miteinander aufzunehmen. Außerdem erwartet man sehr viel vom Internet, um die Demokratie wieder lebendig zu machen. Allerdings: Was sieht man heutzutage wirklich? Was sieht man vom Internet, von dem staatsbürgerlichen Internet vor allem, von dem man heute so viel Aufhebens macht? Nun, man sieht, wie sich ein außerordentlich reduzierendes, beengendes Denken ausbreitet. Es gab Vermittler, tausende von Lehrern, die Kollegen mit anderer Meinung verdrängten. Sie sagten: Schluss mit der aufwendigen Vermittlung, alle Bürger können sich auch so ausdrücken. Und in dieser Richtung argumentiert die Bürgerbewegung noch heute. Doch dabei zwängen sie die menschliche Vielfalt in eine einzige Bewegung, und sie weisen den Menschen den Weg in eine Welt, in der von der menschlichen Vielfalt nichts mehr übrig geblieben ist, eine Welt, die reduziert ist auf den Zusammenstoß von Herrschern und Beherrschten. Es ist eine Welt, in der es einerseits die unsichtbaren Regierungen des Planeten gibt und anderseits die Bürger - Bürger allerdings, die nur mit einer einzigen, einheitlichen Stimme sprechen. Und das ist der Beweis, dass es nicht genügt, sich ausdrücken zu können oder sich ausdrücken zu wollen, um auch etwas Neues zu sagen zu haben. Denn je mehr man heute auf dem Ausdruck besteht, je mehr technische Instrumente den Menschen helfen, sich auszudrücken, desto mehr wird ein einschränkendes, ja sogar totalitäres Denken um sich greifen. Ich glaube daher, dass Originalität sich nur über einen langen Umweg erreichen lässt. Wenn man die Vermittlung, den Unterricht hingegen verkürzt oder ganz wegfallen lässt, wird man vornehmlich Resultate erzielen, die das Gegenteil von dem darstellen, was man eigentlich erreichen wollte.

Knipp: Sie zitieren gegen diese Wertschätzung der Unmittelbarkeit den Heiligen Augustinus: "Was haben wir, das wir nicht empfangen haben?" Und wirklich bemerkt man in Ihrem Buch eine sehr starke Besinnung auf die Tradition. Sie plädieren etwa dafür, die klassischen Autoren in den Schulen wieder verstärkt als Lehrstoff zu pflegen. Was treibt Sie an, auf die Autoren der klassischen Tradition zu setzen?

Finkielkraut: Zunächst möchte ich damit meine Schulden begleichen. Wenn ich den Heiligen Augustinus zitiere, dann will ich damit sagen, dass ich mich nicht selbst geschaffen habe, denn wenn ich die Anstrengung unternehme, aus eigener Kraft zu denken, dann denke ich schon nicht mehr als ich selbst. Die Fähigkeit zu denken verdanke ich anderen. Das zuerst. Und zweitens: Ich mache mich für die Tradition nicht uneingeschränkt stark. Ich sehe sie so wie Hannah Arendt in ihrem schönen Essay "Christus und die Erziehung", in dem sie sagte: Nur derjenige, der eine konservative Erziehung genossen hat, kann das Aufblühen der revolutionären Kräfte fördern, die in jedem von uns stecken. Sie war der Ansicht, dass die Macht des Menschen - darin dem Heiligen Augustinus folgend - für etwas durch und durch Neues steht, das ist das Überraschende. Der Heilige Augustinus sagte: "Was haben wir, dass wir nicht empfangen haben?" Aber er sagte auch: "Vor dem Menschen gab es keinen Anfang. Der Mensch ist erschaffen worden, damit es einen Anfang gebe." Das ist ein ganz wunderbarer Satz. Jeder Mensch wird geboren, um einen Anfang zu machen, etwas zu beginnen. Wenn der Mensch etwas beginnen kann, dann, weil er in der Welt ist, weil ihm eine Welt zur Verfügung steht. Also entkommt er dem Naturzustand dank der Welt, in der er sich befindet. Damit also dieser Anfang, den jeder auf seine Weise machen kann, damit er diese ontologische Fähigkeit verwirklicht, muss man den Menschen in die Welt setzen, ihn in die Welt integrieren. Und das ist unter anderem auch die Aufgabe der Schule: Ihm eine Welt zu zeigen, die älter ist als er, die Welt der Werke. Heute hingegen beharrt man so sehr auf der Unmittelbarkeit des Ausdrucks, dass man glaubt, diese revolutionäre Fähigkeit sofort, spontan, entwickeln zu können. Und das ist eine Katastrophe. Ich bin also kein Anhänger des Traditionalismus. Ich glaube aber, dass die humanistische Idee, der zufolge man einen Umweg über die Werke machen muss, um sich selbst kennen zu lernen und dann die Welt zu erneuern, nach wie vor richtig ist; und dass wir Gefahr laufen, die Ungeduld, mit der wir diesen Umweg heute ignorieren, sehr teuer zu bezahlen.

Knipp: Sie schrieben, die Andersartigkeit, die Fremdheit sei im Schwinden begriffen. Es gebe kein "Draußen" mehr, keine Standpunkte, die der westlichen Gesellschaft als fremd und unbegreiflich erschienen. Sie tendiere dazu, so Ihr Vorwurf, alles Fremde vorbehaltlos zu akzeptieren und einen totalitären Multikulturalismus zu pflegen.

Finkielkraut: Auch mit dem zeitgenössischen Multikulturalismus verhält es sich sehr paradox. Unsere Gesellschaft tendiert in der Tat dazu, alle Kulturen zu akzeptieren. Sie macht es sich zur Aufgabe, die Anerkennung sämtlicher Minderheiten zu erwerben. Es ist eine Gesellschaft, die mehr als auf jedes andere Prinzip auf das der Anerkennung gründet. Zugleich wird sie sich sehr schnell darüber klar, dass sie die einzige Gesellschaft ist, die auf diese Weise funktioniert. Sie erkennt dann, dass die Wirklichkeit weit entfernt davon ist, ideal zu sein. Und sie geißelt alles, was in ihr selbst dem Prinzip der Anerkennung entgegensteht oder es gar verhindern will. So schafft sie einen merkwürdigen Ethnozentrismus oder Patriotismus der Gegenwart. Denn nichts auf der Welt ist uns fremd, und wir sehen die anderen Gesellschaften oder die Kulturen innerhalb unserer eigenen und stellen dann fest, dass sie unsere Prinzipien nicht anwenden. Und darum werden sie in unseren Augen zu Zivilisationen, denen die Menschlichkeit fremd ist - mit dem Ergebnis, dass der Begriff der Menschlichkeit sich auf den verengt, den wir geprägt haben. Und an diesem Punkt verkehren sich die besten Absichten in ihr genaues Gegenteil. Und weil wir uns in ihnen so maßlos berauschen, landen wir im vollsten Ethnozentrismus, konstruieren unsererseits einen extrem mächtigen Ethnozentrismus. Das heißt auch, dass wir unsere Logik dem heute so verbreiteten Problem oder auch der Haltung der Reue zuwenden. Wir pflegen heute Bedauern wegen der Vergangenheit. Aber das Bedauern nährt auch unsere Arroganz. Denn wenn die Vergangenheit ausschließlich das ist, dessen wir uns zu schämen haben, dann haben wir auch keinen Grund mehr, auf Distanz zu unserer Gegenwart zu gehen, die Vergangenheit ist keine Quelle mehr, sondern ausschließlich Mittel zur Distanzierung. Und so werden wir durch die Reue zur Arroganz getrieben.

Knipp: In Frankreich spricht man gerne vom Weltbürger. Insbesondere heute, monieren Sie, fühlten sich die Franzosen als wahre Kosmopoliten, ganz den universalen Werten zugetan - und darum voller Verachtung für jedes Bekenntnis zum nationalen oder regionalen Erbe, das ihnen als intellektueller Kleinmut erscheint. Sie selbst sind da offenbar ganz anderer Ansicht.

Finkielkraut: Sicher, dieses Thema des Kleinmuts steckt so voller zeitgenössischer Klischees, es ist sehr verbreitet, man spricht immer von einem kleinmütigen Rückzug auf die Nation, auf das Erbe, auf die Vergangenheit. Die Propaganda für die Zukunft ist niemals so stark, so enthemmt gewesen wie heute. Es hat eine sehr beunruhigende, sehr bedrohliche Werbung gegeben, ich glaube von France Télécom, die immerzu wiederholte: "Wir werden Sie lehren, das Jahr 2000 zu lieben." Der Technizismus heute ist stärker als alles andere. Er verkündet uns eine neue Menschheit, er lässt uns von all den Möglichkeit träumen, die uns geboten werden. Das zuerst. Und zweitens: Man hat heute eine allzu ausgeprägte Tendenz, jede Idee zur Treue zu verurteilen, ja zu verdammen, in ihr sofort die Gefahr des Nationalismus, der Fremdenfeindschaft, des Rassismus zu sehen. Und ich muss sagen, dass mir diese Verbindung von Technizismus und Antirassismus sehr auf die Nerven geht. Diese Art, uns glauben zu machen, dass die Menschen dank Internet und neuer Kommunikationstechnologien, mit dem Ende der Grenzen auch von Krieg und Hass befreit werden. Ich glaube nicht, dass die Dinge auf diese Art laufen. Vielmehr scheint mir, dass das einzige, von allem, was uns davon wirklich befreit, die Kultur ist.

Knipp: Vor allem hat diese Treue zum Erbe auch eine politische Funktion. Ihnen zufolge müssen der Staat und die nationale Geschichte auch so etwas wie ein Identifikationspotential darstellen, das sie anreizt, politisch zu handeln, sie zumindest davor bewahrt, ganz und gar unpolitisch zu werden.

Finkielkraut: Es geht allerdings nicht nur um eine unpolitische Haltung. Ich habe mich wie viele andere sehr für ein Buch interessiert, das vor ungefähr 20 Jahren in Deutschland erschienen ist: Das Prinzip Verantwortung von Hans Jonas. Diese Art, in dem er dem "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch das "Prinzip Verantwortung" entgegenhielt. Und mir scheint, dass dieses Prinzip in dem Sinn, den Hans Jonas ihm gegeben hat, aber durchaus auch im engeren Sinn einer politischen Verantwortung für die ganze Welt, dass dieses Prinzip sich sehr schwer tut, wenn man es in die Wirklichkeit übersetzt. Und selbst, wenn man von Staatsbürgerschaft spricht, wie man es heute in Frankreich sehr häufig tut, von staatsbürgerlichem Anspruch, tut man dies immer in der Sprache des Rechts. Das politische Denken beschränkt sich meistens auf die Vorstellung einer Konfrontation zwischen der Macht und den Mächtigen einerseits und denjenigen, die neue Rechte beanspruchen, andererseits. Daraus folgt, dass es keinen Platz mehr gibt für die Vorstellung oder das Prinzip Verantwortung. Es scheint, als träten wir ein in eine Gesellschaft des Rechts, in eine Gesellschaft der Kläger. Heute tritt der Einzelne in der Rolle des Klägers in die Politik ein. Und das scheint mir in der Tat katastrophal.

Knipp: Sie schrieben, es gebe heute eine Furcht vor essentialistischem Denken, das uns verbiete, die Menschen auf kulturelle Unterschiede festzulegen, aus ihrer Weltanschauung Schlüsse auf ihr gesamte Existenz zu ziehen. Die Postmoderne hat uns dieses Denken in festschreibenden Vorstellungen ja gründlich ausgetrieben. Mir scheint darum, dass Sie mit Ihrer Darstellung kultureller Unterschiede etwas allein dastehen. Da möchte sich so leicht niemand anschließen.

Finkielkraut: Ich versuche, über die Thesen Samuel Huntingtons nachzudenken und ich zeige, dass sie anfechtbar und gefährlich sind, gerade weil sie so essentialistisch sind. (...) Nur gibt es heute in der Tat einige Tabu-Themen. Vor allem eines, ganz ungewöhnlich in dieser multikulturellen Welt, nämlich das der Religionen und Zivilisationen. Denn all dies verweist zurück auf das 20. Jahrhundert und die Vorstellung, die man sich von ihm macht. Alles, was sich von nah oder fern - und ganz besonders in Deutschland - auf Oswald Spengler zu beziehen scheint, ist in gewisser Weise tabu. Spengler ist ein Autor, der den Niedergang des Westens beschreibt. Sein Buch ist ganz und gar ungewöhnlich, und aus vielerlei Gründen hält man es in Deutschland und Europa für gefährlich. Darum sind alle Thesen, die sich auf dieses Buch beziehen, von vornherein diskreditiert. Und man hat gesehen, wie sich dieses Denken, diese Form des politisch korrekten Denkens, nach dem 11. September mit Vehemenz ausbreitete. Denn die Attentate vom 11. September haben wenn nicht der Philosophie, so doch den Behauptungen Huntingtons sehr großen Nachdruck verliehen. Man hatte vom Ende der Geschichte gesprochen, von einer Art Homogenisierung, Angleichung der Menschheit an die Werte des freien Markts, der parlamentarischen Demokratie und der Gleichheit. Und plötzlich wird der Westen von einem terroristischen Akt getroffen, der sehr deutlich eine zivilisatorische und religiöse Dimension erkennen lässt. Und seitdem dies passiert ist, hat man Huntington öffentlich verbrennen wollen. Zu Teilen sicher aus guten Gründen. Aber es scheint, als sei sein Unrecht, zu Teilen Recht gehabt zu haben. Wir laufen Gefahr, diese Blindheit sehr teuer zu bezahlen. Denn unter dem Anschein, alle Essentialismen, überhaupt das Erbe des 20. Jahrhunderts, zurückzuweisen, führt man eine gewisse totalitäre Logik mit den allerbesten Absichten wieder ein. Das lässt sich etwa in Israel beobachten: Die Beziehung, der Kampf zwischen Israel und der PLO wird von einer großen Mehrheit der fortschrittlichen Linken als Kampf zwischen Herrschern und Beherrschten betrachtet. Die Vorstellung, dass sich alle Politik auf die Frage der Herrschaft reduziert, ist bei ihnen sehr stark verfestigt. Die symbolische und reale Gewalt wird immer den Herrschenden zugeschrieben. Zwar mag es auf Seiten der Beherrschten ebenfalls Gewalt geben. Aber die wird dann unverzüglich zum Aufstand, zur Revolte verklärt. Nicht hinnehmbar sind allein die Aktionen der Herrschenden. Wenn also die Palästinenser ihre Selbstmordaktionen verstärken, sagt man - berechtigterweise, denn man verweigert jeden Rückgriff auf kulturelle Erklärungen, die immer einen Hang zum Essentialismus haben -, dass die Palästinenser durch die Gewalt der Fremdherrschaft zur Verzweiflung getrieben werden. Und schon wendet sich das Verbrechen gegen seine Opfer. Und mit dem 11. September verhält es sich genauso: Die Amerikaner werden gehasst, weil sie mächtig sind, darum sind sie letzten Endes die Opfer ihrer Macht und haben diesen Hass verdient. Man hat es dieses Mal von den Amerikanern gesagt - von Israel sagt man es immer. Und warum? Weil man Angst hat, die Gewalt zumindest zu Teilen mit dem Islam oder dem Islamismus zu erklären. Niemals zuvor in der Geschichte der Welt hat der Aufstand eine solche Form angenommen - hier passiert es zum ersten Mal, einschließlich der Echos, die aus dem Inneren Amerikas hallten. Es ist nicht das erste Mal, das ein Volk unterdrückt wird, es ist nicht das erste Mal, das junge Menschen, Heranwachsende, Erwachsene und mittlerweile auch Frauen Selbstmord begehen, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Außerdem kann man feststellen, dass nicht nur die Attentäter von New York, sondern auch die in Palästina keine Hungerleider, keine Verdammten der Erde sind, sondern bürgerlichen, oft auch studierten Kreisen entstammen. Es gibt also einen kulturellen Aspekt in dieser Hirnwäsche, dieser Ideologie, den man sehr wohl im Auge halten sollte. Doch man weigert sich, das zu tun, fast sage ich, um nicht spenglerianisch zu erscheinen. Und um nicht spenglerianisch, d.h. ressentimentgeladen zu scheinen, pflegt man zweimal so viele Ressentiments, denn es ist das Opfer, das nun schuld ist an dem Verbrechen, dem es doch eigentlich zum Opfer gefallen ist. Das Opfer ist immer der Herrschende - eine andere politische Kategorie steht derzeit nicht zur Verfügung. Meines Erachtens ist es also unabdingbar, in der Welt so wie sie ist - der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat es gezeigt, der Krieg gegen Al Qaida zeigt es von neuem - den Unterschieden ihr Recht zu schenken, und zwar auch in dem, was sie an Unerträglichem enthalten. Der Multikulturalismus ist der Ansicht, dass Unterschiede schön sind, aber sobald sie unerträglich werden, spricht er nicht mehr von ihnen, die Unterschiede werden von einer Schicht des guten Gefühls zugedeckt. Dennoch: Genau an diesem Punkt muss man sich für den Essentialismus interessieren, die Politik ist das Feld - das haben die Griechen uns gelehrt - die Politik ist das Feld, auf dem die Dinge sich ändern. Der Umstand, dass der Islam einbegriffen ist in das, was man in seinem Namen tut, bedeutet ja nicht, dass wir eine Art metaphysischen Krieg zwischen zwei Essenzen - dem Westen und dem Islam - führen. Diese Sichtweise steht in Widerspruch zu allem, was wir von der Kontingenz des Menschen, seinem sich ändernden Charakter, wissen. Es gibt, Aristoteles hat es uns gelehrt, keine Wissenschaft der Praxis, ebenso wenig einen Sinn, den die Wissenschaft in die Menschheitsfragen hineintragen könnte. Und so steht uns eine andere Idee von der Menschheit zur Verfügung, und auf sie sollten wir nicht verzichten. Die Vorstellung nämlich, dass die Menschen jenseits ihrer Unterschiede sehr wohl einander ähneln. Das heißt, dass sie eben nicht durch ihre Zugehörigkeit definiert sind. Sie sind frei, und diese Freiheit, daran müssen wir uns erinnern, liegt in ihrem Urteil und in ihren Handlungen. Der Umstand, dass der Islam mit den Attentaten der Palästinenser in Verbindung steht, heißt nicht, dass die Israelis den Palästinensern keine Gerechtigkeit widerfahren lassen sollten - aber auch nicht, dass zwischen ihnen ein Kompromiss auf Grundlage allgemeinerer Prinzipien nicht möglich wäre. Und das ist der Punkt, an dem die Kritik des Essentialismus einsetzen müsste. Eine Kritik des Essentialismus allerdings, die sich durch Blindheit gegenüber der Realität auszeichnete, wäre dumm und schädlich, denn unter dem Anschein, mit den Irrtümern des vergangenen Jahrhunderts aufzuräumen, führt sie wieder einige der widerlichsten Elemente totalitären Denkens ein.

Knipp: Ein anderer, von ihnen häufig kritisierter Aspekt des Multikulturalismus ist die Lust an der Subversion. Er interessiere sich nicht ernsthaft für den anderen. Vielmehr lasse er überall einen ideologischen Nonkonformismus erkennen, eine Technik der kalkulierten Provokation, die letztlich vor allem dem eigenen Fortkommen diene.

Finkielkraut: Das ist einer der überraschenden Momente der späten Moderne oder auch der zeitgenössischen Epoche: der subversive Nonkonformismus. Ich weiß nicht, wie es sich in Deutschland verhält, aber hier in Frankreich muss man stören, um zu gefallen, anerkannt zu werden. Wir sind heute Zeugen einer sehr merkwürdigen Situation: Man muss auf den Index gesetzt werden, um das Imprimatur zu erhalten. Das ist unsere Situation, und viele Leute leben von dieser Art kalkulierter Subversion. Das ist ein marktschreierischer Konformismus, der sich als leichte Zielscheibe empfiehlt. Der Puritanismus etwa ist einer, der Faschismus ein anderer. Man erschöpft sich also in imaginären Kämpfen, um auf allen Feldern ein wenig zu gewinnen. Man besetzt die Position im Mittelfeld und wird doch gleichzeitig wie eine Randfigur wahrgenommen. Das macht auch das überaus unerfreuliche Klima des gegenwärtigen intellektuellen Lebens aus.

Knipp: Hätten Sie denn Vorschläge für neue Ideale, Ideen, die man dieser Art eines zu Teilen doch unseriösen intellektuellen Lebens entgegensetzen könnte?

Finkielkraut: Ich glaube, dass wir zuallererst ein wenig Distanz zur Aktualität gewinnen müssen. Wir haben, wie es der amerikanische Kritiker Arole Rosenberg ausdrückte, in der Tradition des Neuen, der Aktualität gelebt. Heben wir den Kopf also aus dem Wasser. Ich bin nicht sicher, dass wir neue Ideale bräuchten. Wir bräuchten vielleicht eine neue Art, einen Schritt zur Seite zu treten und uns ein wenig von dem zu entfernen, was unmittelbar zeitgenössisch ist. Das ist etwas, was uns heute sehr schwer fällt, aber mir scheint, dass dies dringend notwendig ist. Wir haben lange geglaubt, dass der Mensch zu machen, zu gestalten sei, und heute nimmt die Technik uns beim Wort, denn sie erlaubt uns, den Menschen zu bauen, ihn nach unserem eigenen Bild zu schaffen - vielleicht bevor wir bemerken, dass der Mensch immer schon da gewesen ist. Mir scheint, es wäre eher an der Zeit, ihn zu erhalten als zu verändern. Außerdem plädiere ich für einige Distanz zu den neuen Technologien. Ich bin erstaunt über die Intensität, mit der heute für die Computer und das Internet Werbung betrieben wird, ich habe Vergleichbares nie zuvor erlebt. Ich wurde vor gut 50 Jahren geboren, ich habe das Fernsehen, das Telephon und dergleichen heraufziehen sehen. Immer sprach man mit einer gewissen Distanz von diesen Neuigkeiten, man sagte, dieses ist gut, jenes ist nicht gut, und so weiter. Und den Intellektuellen hat man vorgeworfen, eine zu große Distanz zum Fernsehen einzunehmen. Man sagte ihnen, Ihr seid für das kulturelle Niveau nicht länger verantwortlich, denn Ihr kritisiert es nur, anstatt es aktiv zu formen. Demgegenüber stelle ich heute fest, dass das Internet Objekt einer uneingeschränkten kommerziellen und intellektuellen Begeisterung ist. Alle Welt setzt sich ans Internet, ausnahmslos alle. Die Propagandisten des Internets erklären uns, das Internet müsse kostenlos sein; und tatsächlich marschiert das Internet immer mehr in Richtung einer generellen Erreichbarkeit. Ich weiß nicht, wie es sich in Deutschland verhält, aber hier ist es schon ganz amüsant, wenn man ihnen sagt, Frankreich ist dabei, seinen Rückstand aufzuholen, während es zugleich immer mehr Menschen gibt, die dem Internet den Rücken kehren. Und die selben, die das feststellen, sagen ihnen, dass die wohlhabendsten Gesellschaftsschichten an das Internet angeschlossen seien, während die ärmsten es nicht seien. Und dann weist man Sie auf den sozialen Bruch hin, auf das, was man als "digitally divided", digital getrennt, bezeichnet. Diese beiden Informationen widersprechen einander, denn wenn es Menschen gibt, die dem Internet den Rücken kehren, heißt das doch, dass sie über die Mittel verfügen, sie aber nicht einsetzen wollen. Und das ist ein Umstand, den man nicht bemerken will. Das heißt, wir sind alle einer sehr massiven Konditionierung unterworfen, die aus allen Richtungen kommt: von Bill Gates, von Seiten der Staaten und von Seiten der Intellektuellen. Man sagt uns, und das ist in dieser Vehemenz ganz und gar außergewöhnlich, wir arbeiteten jetzt viel besser, wir schrieben schneller und so weiter. Mir scheint, dies ist eine sehr gefährliche Situation, und vor allem eine sehr unsympathische. Ich plädiere also nicht für neue Ideale, ich plädiere, wenn es noch nicht zu spät ist, dafür, die neuen Informationstechnologien ein wenig stärker zu problematisieren. Versuchen wir, sie zu problematisieren, versuchen wir, den Kopf aufzurichten, versuchen wir, die wirkliche Welt nicht vollkommen aufzugeben, sondern wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Knipp: Ein Plädoyer also für die klassischen Bildungsstrategien, für das Buch, für die individuelle Anstrengung?

Finkielkraut: Ja, aber das Buch etwa, in dem es ein unumgängliches Medium ist. Ich glaube, dass es im Bereich der neuen Technologien eine doppelte ontologische These gibt. Sie sagt Ihnen erstens, dass das Sein sich in Veränderung finde. Und zweitens, dass jede Information veränderbar, manipulierbar sei. Die Reduktion des Seins auf Information, das ist es, denke ich, was zu bekämpfen wäre. Und dabei könnte das Buch in der Tat helfen. Statt dessen sagt man aber, im Netz sind Sie vom Buch befreit, denn dort können Sie machen, was Sie wollen, Sie lesen mit allen Sinnen und so weiter. Es gibt also eine Freiheit, die in dem Maß gefährlich ist, in dem sie Sie ganz auf sich selbst zurückwirft. Sie sind der Herr, der Meister des Ganzen. Aber man sollte sich daran erinnern, dass das Leben lebenswert ist gerade wegen der Begegnungen, mit dem, was uns übersteigt, was uns transzendiert, uns überrascht, sprachlos macht. Und mir scheint, dass die neuen Technologien in dem Maß, indem sie die Realität zur Disposition stellen, eine Virtualität sind und dass sie auf eine bestimmte Art und Weise diese fundamentale Möglichkeit des Menschen zum Verschwinden bringen.

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