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StartseiteBüchermarktDie unergründliche Kinderseele28.05.2005

Die unergründliche Kinderseele

Valérie Dayre: "Lilis Leben eben"

Ein Kind wird von seinen Eltern auf einem Rastplatz an der Autobahn vergessen. Dort bleibt es volle drei Wochen, ohne dass jemand nach ihm sucht. Aus diesem, an die Gebrüder Grimm erinnernden Anfang entwickelt Valerie Dayre in ihrem Roman ein bedrängendes Vexierspiel. Bald wird klar: Das Mädchen hat sich diese Geschichte nur ausgedacht - oder etwa doch nicht?

Von Angela Gutzeit

Für Kinder kein schöner Ort: Rastplatz bei Nacht. (Stock.XCHNG Jens Nähler)
Für Kinder kein schöner Ort: Rastplatz bei Nacht. (Stock.XCHNG Jens Nähler)

Eine Raststätte an der Autobahn irgendwo in Frankreich, mitten im Sommer, Ende Juli, es ist heiß und der Parkplatz ist überfüllt. Da passiert in Valerie Dayres Roman etwas, das aus kindlicher Perspektive der Albtraum schlechthin sein muss:

Die Eltern der 12jährigen Lili warten nicht auf ihre Tochter, sondern fahren davon, bevor sie aus dem Gebäude der Raststätte zurückkehrt ist. Auf dem Weg in den Urlaub haben sie ihr Kind einfach zurückgelassen. Eine Szene, die sofort an eines der berühmtesten Volksmärchen der Gebrüder Grimm denken lässt und nicht ohne Grund kleinen Kindern meist in abgemilderter Form vorgelesen wird: Hänsel und Gretel werden von ihren Eltern im Walde ausgesetzt. Der blanke Horror.

In Valerie Dayres Roman werden wir über diesen einschneidenden Vorfall durch einen Tagebucheintrag Lilis informiert, der seltsam gefasst das schreckliche Ereignis vom Vortag rekapituliert. Sie ruft sich eingangs noch einmal die Stimmung zwischen sich und den Eltern während der Fahrt und auf dem Rastplatz in Erinnerung und vermittelt mit ihren Ausführungen den Eindruck, sie habe das kommende Geschehen schon vorausgesehen.

"Dienstag, 31. Juli
Als wir gestern angekommen sind, hab ich gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Sie schauten so komisch und warfen einander verstohlende Blicke zu. Dabei versuchten sie ganz normal auszusehen und so zu tun, als ob nichts wäre.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir uns aus dem überhitzten Autor gequält hatten. Mama hatte auf der Fahrt unbedingt die Fenster öffnen wollen, aber Papa behauptete, die Klimaanlage sei viel besser. Mindestens hundert Kilometer lang haben sie nur über die Temperatur und über offene oder geschlossene Fenster geredet. (...) Schließlich haben sie mich nach meiner Meinung gefragt. So konnten sie das Thema wechseln und an mir herumnörgeln.


Der Roman entfaltet sich nun durch die weiteren Tagebucheintragungen des Mädchens. Sie notiert, dass sie auf dem Gelände der Raststätte Freundschaft mit einem ebenfalls ausgesetzten Hund geschlossen hat. Sie organisiert sich Essen und erzählt Kioskbesitzern und Raststättenbediensteten unterschiedliche Geschichten, warum sie hier Tag um Tag allein zubringt.

Die Autorin hält diese Erzählperspektive aus der Sicht eines verlassenen, Tagebuch schreibenden Kindes sehr lange konsequent durch. Was irritiert, das ist dieser nüchterne, sachliche, oft ganz und gar emotionslose Ton der jungen Ich-Erzählerin.

"Samstag, 4. August
Heute ist noch mehr los auf dem Parkplatz, der seit Anfang der Woche praktisch kein einziges Mal leer war. Die Autos fahren auf der Suche nach einem freien Platz stundenlang im Kreis herum. Vorhin haben sich zwei Männer fast geprügelt um die einzige Ecke mit etwas Schatten auf dem gelben Gras, unter einer kümmerlichen Pappel.

Der Hund und ich, wir haben den ganzen Vormittag im Schatten der Hotdog-Bude gesessen. Der Hund hat gedöst und ich habe gelesen. Solange hat mir gestern ein Buch geschenkt. Sie gibt mir jeden Tag etwas. Ihr erstes Geschenk war dieses Heft, in das ich gerade hineinschreibe ...


Es ist merkwürdig, aber das Mädchen scheint sich mit seinem Schicksal arrangiert zu haben. Und ein wenig unglaubwürdig mutet es dann doch an, dass über volle drei Wochen niemand dieses Kind vermisst, keiner es sucht. Es gibt aber auch kaum Hinweise in Lilis Ausführungen auf ein eventuell kaputtes Elternhaus. Im Gegenteil, am Materiellen fehlt es nach Lilis rückblickenden Schilderungen nicht und die Ehe der Eltern scheint in Ordnung zu sein. - Was also ist hier eigentlich los?

In genau diesem Augenblick, wo wir Leser zu zweifeln beginnen an dieser seltsamen Geschichte, da klärt Valerie Dayre uns auf, wechselt die Erzählperspektive und zeigt Lili plötzlich am Urlaubsstrand mit ihren Eltern. Aha, so ist das, denkt man dann, das Mädchen hat diese Geschichte erfunden. Sie hat sie sich ausgedacht und in der Form eines fiktiven Tagebuchs in ein Heft geschrieben! Aber - die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

In Dayres Roman geht jetzt alles wieder in ähnlicher Weise von vorne los! Die Eltern lesen in der letzten Urlaubsnacht heimlich in dem Heft ihrer Tochter, sind empört über diese Geschichte, in der sie eine unrühmliche Rolle spielen und setzen sie, um ihr eine Lektion zu erteilen, tatsächlich während der Rückfahrt an einer Raststätte für eine kurze Zeit aus. Tatsächlich? Oder das ist doch wieder nur Teil von Lilis fiktiver Geschichte? Das soll hier nun nicht verraten werden.

Nur so viel: Valerie Dayre zieht den Leser ihres Romans in ein bedrängendes Vexierspiel. Ob man sich jetzt gerade in Lilis erfundener Geschichte befindet oder endlich zum wahren Kern des Verhältnisses von Lili zu ihren Eltern vorgestoßen ist, das bleibt bis zum Schluss unklar - zumal auch plötzlich die Datierungen für die Tagebuchbucheintragungen fehlen.

Der Roman steuert zwar am Ende auf ein versöhnliches Miteinander zu, aber die Frage, was dieses Kind eigentlich so verstört, bleibt ungeklärt. Es ist von "der Spinne des Kummers" die Rede, die "ganz hinten in Lilis Kehle ihr Netz" webt. Von "Träumen, die man zu Papier bringen muss", damit "das tägliche Leben erträglicher" wird. Von einer "undefinierbaren Traurigkeit". Und am Schluss fällt der Satz: "Wir dürfen nicht jetzt schon langsam vor uns hin sterben".

Vielleicht hat Valerie Dayre ein Buch geschrieben über die Unergründlichkeit einer Kinderseele auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, über die Angst vor einem Leben, das scheinbar alles bietet und doch nichts wirklich erfüllt. Die Autorin hat klug die klare Antwort darauf verweigert und dem Nachdenken darüber viel Raum gelassen.

Valérie Dayre: "Lilis Leben eben" Carlsen Verlag, 128 Seiten, 12.50 Euro

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