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StartseiteBüchermarktDie unsichtbare Stimme20.01.1999

Die unsichtbare Stimme

Essays. Aus dem Ungarischen von Hans H. Paetzke

"Über frische Morgenwolken schwingen wir uns auf, Richtung New York" - eine solche Aufbruchsstimmung, wie sie in György Konráds bisherigen Büchern zumindest teilweise vorhanden ist und den schwer lastenden Ton des Leids und der Anklagen unterbricht, ist der neuen Essaysammlung "Die unsichtbare Stimme" eher fremd. Blitzte etwa in dem Band "Identität und Hysterie" die hoffnungsbeladene Chimäre einer "Demokratischen Weltcharta" und das Konstrukt eines "universellen Individualismus" (jenseits aller Egoismen) auf, ja, war gar in visionärer Weitsicht vom "Bürger des dritten Jahrtausends" als eines "dörflichen Weltbürgers" und "metropolitanen Dörflers" mit einem flexiblen Selbstbewußtsein die Rede, so wird der Band jetzt von einem vielfach wiederholten "gemordet" eingeleitet. "Ich möchte zuerst sagen, daß dies Meditationen über jüdische Themen sind", so György Konrád. "Teile, Kapitel und Fragmente aus meinen Tagebüchern, die ich geführt habe. Texte über verschiedene Themen, persönliche Erinnerungen, Essays, Fragestellungen und Nachdenken, auch Reisetagebücher."

Hans-Jürgen Heinrichs

Zwar bezeichnet sich Konrád als "unverbesserlichen Optimisten", der die Präsenz der Juden in Europa für bedeutungsvoller als deren Ausrottung hält und sich für eine liberale jüdische Demokratie und einen nicht religiös dominierten Staat einsetzt, also konstruktiv an der Zukunft mitarbeitet, so ist doch insgesamt die Kraft des erlebten Destruktiven übermächtig. Jedes Volk sei "unterwegs zur Menschheit", notiert er einmal, doch bevor es dort ankomme, werde es wenigstens einmal in irgendeinen Größenwahn verwickelt. Und auf die aktuelle Situation bezogen meint Konrád, Juden und Araber würden wohl niemals in ihrem Haß ermüden und sich vielleicht nur in ihrer Feindseligkeit aneinander gewöhnen. "Juden und Araber, sie wollen dasselbe Land haben", erläutert Konrád. "Bisher gibt es zwischen den Religionen keinen großen Dialog. Wo Geschichte zählt - wer war früher da -, dort ist es schwer, einen gerechten, brüderlichen Frieden zu schaffen. Sie sollten nicht von einigen Sätzen in diesem Buch ausgehen. Einmal wird es möglich sein, miteinander zu einer Verständigung zu kommen. Aber das Mißtrauen ist ziemlich groß."

György Konrád, unter anderem Autor mehrerer Romane wie "Der Stadtgründer", "Geisterfest" oder "Melinda und Dragoman" und Essays wie "Antipolitik", "Stimmungsbericht" und "Heimkehr", pendelnd zwischen seiner Heimat Ungarn und Berlin (wo er Präsident der Akademie der Künste ist), zuletzt gescholten wegen eines, wie man meinte, intellektuell verflachten Tons in zahlreichen seiner Reden, ein Ton, der mehr dem eines Politikers als eines Schriftstellers gleiche, hat mit diesen Vorträgen und Essays den geäußerten Zweifel widerlegt. Ja, diese Texte bewegen sich in einer geradezu erdrückenden und atemberaubenden Art und Weise auf der Gegenseite eines nivellierenden und Probleme verwässernden Sprechens, so, daß man sich von Zeit zu Zeit eine versöhnlichere Geste wünschte. Und damit sind wir auch schon bei einem der zentralen Begriffe dieses Bandes, der "Versöhnung", oder in Konráds Diktum: "Weder Rache noch Vergebung". In einem der programmatischen Texte dieses Bandes rekonstruiert Konrád in großen Linien und in einer eindringlich knappen Sprache den nationalsozialistischen Traum einer Beherrschung Europas, eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Idee, da niemand je imstande gewesen sei, den Kontinent zu beherrschen. "Es scheint mir so zu sein, daß die gewaltfreien Wege letztlich doch kräftiger und erfolgreicher waren als die gewalttätigen", so Konrád. "Die bewaffneten Revolutionen haben ihre ziemlich schrecklichen Erfolge gehabt. Sie haben Diktaturen geschaffen. 1989 zum Beispiel fand dagegen eine gewaltfreie Befreiung statt. Das war eine dezidiert gewaltfreie Veränderung der Dissidenten in den osteuropäischen demokratischen Bewegungen. Sie wollten die Wende ohne Blut haben. Das war eine langsame Rebellion der Wörter, die Sprache ist anders geworden. Das war so effizient wie eine Epidemie. Sie hat von innen die andere Seite erobert, nicht durch Tötung. Man kann mit politischen Mitteln Kompromisse erreichen. Der Kompromiß ist keine Schande, man soll sich nicht schämen für Kompromisse. Sie sind Perlen der Zivilisation. Sie sind die kleinen Siegessignale der Vernunft."

Und in der Art, wie Konrád über die Zukunft einer internationalen jüdischen Kultur und über das Akzeptieren des Andersseins spricht, schlägt er ja auch selbst den Weg der Versöhnung ein. Zuweilen drängt der düstere Ton die differenzierte Analyse und die Bedachtsamkeit an den Rand, etwa dann, wenn alle "herrschenden Ideen des zwanzigsten Jahrhunderts" als "ausnahmslos mörderisch" bezeichnet werden, so, als ob geistige und künstlerische Bewegungen, wie etwa die Psychoanalyse und der Surrealismus (mit ihrer Entdeckung und Beschreibung des Unbewußten) dem Destruktiven unterzuordnen wären; oder wenn Schriftsteller zu sehr in die Rolle von Helfershelfern der Vernichter gerückt werden.

Es scheint, als habe sich Konrád zuweilen zu sehr auf einen Duktus der Abrechnung eingeschworen, als habe er sich von der Macht einzelner Wörter (wie "Mord", "gemordet", "Verbrechen" und "Vernichtung") zu einem Manifest herrschender Gewalt hinreißen lassen. In dieser Hinsicht ergänzt das Buch Wolfgang Sofskys "Traktat über Gewalt" in der Frage, wie der Massenmord an den Juden überhaupt zu erklären ist, befindet es sich in Nachbarschaft zu den fundamentalen Studien von Hannah Arendt, über Daniel Goldhagen bis zu Alain Finkielkrauts gerade erschienenem Versuch über den "Verlust der Menschlichkeit".

Konrád spitzt seine Argumentation zu: auf eine Kritik der Opferrolle und die Forderung nach Widerstand, auf die Abweisung jeder Form von Ideologie und die Aufmerksamkeit auf das, was sich unter dem Deckmantel der Zivilisation an Gewalt, Destruktion und Bösartigkeit verbirgt und schließlich auf die Zurückweisung, daß der Krieg und das Morden etwas Schicksalhaftes seien. Der Krieg sei kein Schicksalsschlag wie ein Hochwasser, ein Erdbeben oder eine Seuche. Krieg sei "wissenschaftlich organisierter Wahnsinn". Er mache aus dem Menschen einen Höhlenbewohner; zivilisierte Wesen würden auf die Stufe barbarischer Idioten zurückgestoßen.

Welche Möglichkeiten haben wir, uns des Geschehenen zu erinnern und es in der Erinnerung aufzuarbeiten? György Konrád hat in den augenblicklichen Debatten um das geplante Holocaust-Denkmal in Berlin wiederholte Male darauf hingewiesen, daß er nicht viel hält von einer Monumentalisierung des Erinnerns, wie es in Denkmälern, vor allem solchen aus Beton, versucht wird. Er hat diese Formen des erstarrten Erinnerns als einen "didaktischen und gnadenlosen" Kitsch bezeichnet. Führt das institutionalisierte Erinnern nicht gerade aus der Selbstverantwortlichkeit des Menschen heraus? "Man muß es nicht zentralisieren, es nicht als eine zentralstaatliche Aufgabe interpretieren", so Konrád. "Die Idee war nicht schlecht, in Berlin so einen großen Platz für die Erinnerung einzurichten. Aber man sollte dort ein Kinderparadies machen, und dann wird es eine angenehme Erinnerung sein an die Kinder, die ermordet wurden. Solch ein großes Denkmal macht man nur für die Sieger. Aber wer ist Sieger in diesem Fall? Der Arc de Triomphe ist ein Denkmal für den Sieger. Man könnte sagen, Hitler war ein Sieger, denn er hat den Krieg verloren. Gegen die Juden hat er einen Sieg erreicht. Aber ist das zu feiern? Der, der eine Niederlage erlitten hat, braucht kein riesiges Denkmal für die Erinnerung dieser Geschichte. Wenn ich als Jude etwas notwendig finde, dann ist es ein Museum, wo man sich auch an die Menschen erinnert, die einmal lebendige Wesen waren. Sammlungen würde ich begrüßen, die noch Briefe, Fotos, Dokumente, menschliche kleine Spuren zusammenbringen, so daß die Menschheit eine gewisse Erinnerung an diese Generation haben kann. Aber mit Beton kann man nichts ersetzen. Die Augen der Kinder - wenn die Zuschauer sie betrachten - sagen mehr als diese Betonsäulen."

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