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StartseiteBüchermarktDie USA - Anatomie einer Weltmacht26.09.2002

Die USA - Anatomie einer Weltmacht

Papyrossa, 280 S., EUR 16,90

Seit drei Jahrzehnten lehrt Malcolm Sylvers als Professor für amerikanische Geschichte an der Universität Venedig. Sein Buch "USA -Anatomie einer Weltmacht" ist denn auch vor allem an ein europäisches Publikum gerichtet, weil Sylvers wie Gore Vidal und Noam Chomsky nur schwer verstehen kann, warum Europa vor der amerikanischen Kulturrevolution der letzten dreißig Jahre so beharrlich die Augen verschließt. Was heute scheinbar urplötzlich als neoliberales Einheitsdenken die globalisierte Welt in seinen Bann schlägt und die europäischen Wohlfahrtssysteme in die Zange nimmt, hat seine Wurzeln in der als "Stagflation" charakterisierten Krise der amerikanischen Wirtschaft nach dem Ende des Vietnam-Krieges.

Stefan Fuchs

Ende der Siebziger Jahre kamen Sektoren des amerikanischen Kapitalismus, - sowohl Bereiche der traditionellen Produktion wie die Automobil- und Stahlindustrie als auch die damals am Beginn ihrer Vorherrschaft stehende Finanzsphäre -, zu der Überzeugung, dass die amerikanische Wirtschaft brauchen würde, was später "Verschlankung" und "Re-Engineering" der Unternehmen heißen sollte. Dazu mussten die staatlichen und gewerkschaftlichen Regulierungen der Arbeitswelt aufgebrochen werden. Und die Regierung des Präsidenten Ronald Reagan war nur allzu bereit zu dieser Umstrukturierung des amerikanischen Kapitalismus, die dann zumindest vorübergehend aus der Wirtschaftkrise nach dem Ende des Vietnam-Kriegs heraushalf. Es ging also nicht nur darum, den Krieg zu beenden, sondern man musste zugleich den Produktiv- und Finanzsektor In der Konkurrenz mit dem japanischen und europäischen Kapitalismus wettbewerbsfähiger zu machen.

Was unter dem Euphemismus "Re-Engineering" zu verstehen ist, illustrieren unzählige soziologische und arbeitswissenschaftliche Untersuchungen die der Autor als Beleg für das konservative "Roll-Back" der amerikanischen Gesellschaft anführt. Im Unterschied zum europäischen Kapital/ das Produktivitätssteigerung vor allem durch den Einsatz von neuer Technologie zu erreichen suchte, setzte Amerikas "Big Business" auf Kostensenkung durch Billiglöhne. Das ohnehin nur schwache soziale Netz wurde weiter reduziert und trieb immer mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt. Eine aktiv betriebene Einwanderungspolitik und Verlegung von Produktionsstätten in Billiglohnländer taten ein Übriges. Gewerkschaftlich ausgehandelte Arbeitsverhältnisse verschwanden an ihre Stelle traten Jobs mit niedriger Qualifikation und noch niedrigerem Einkommen. Das war das Ende des amerikanischen Pendants zur "Sozialen Marktwirtschaft", das Ende des "Amerikanischen Traums", wie er jenseits des Atlantiks noch in den Fünfzigern das kulturelle Leitbild darstellte.

Der "Amerikanische Traum", das war die Vorstellung, dass die Menschen in Frieden leben und kontinuierlich ihren Wohlstand vergrößern könnten: man arbeitet 8 Stunden täglich und erreicht durch seine Arbeit jedes Jahr mehr Sicherheit, kann sich vielleicht einmal ein Haus kaufen, seinen Kindern eine gute Ausbildung geben. In diesem Sinn ist der "Amerikanische Traum" zu Ende. Er ist nicht zu verwechseln mit Sozialismus, er wurde durch die großen Unternehmen getragen, die sich ihm damals verpflichtet fühlten. Heute ist die Realität eine ganz andere.

Die amerikanische Mittelklasse geriet in die Zange. Sie hatte über drei Jahrzehnte ein real sinkendes Einkommen zu verkraften, musste immer mehr arbeiten und sich zugleich hoch verschulden, um ihren Lebensstandard einigermaßen zu halten. Es fällt auf, wie vorsichtig und betont unpolemisch der erklärte Marxist Sylvers seine Anatomie der einzigen verbliebenen Großmacht präsentiert. Was seinem Buch jedoch an feuilletonistischen Zuspitzungen fehlt gleicht es durch solide Beweisführung aus: Die USA sind heute ein Land praktisch ohne Streiks, mit einer Steuerpolitik, die ausnahmslos die hohen Einkommen begünstigt, ein Land ohne funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem, in dem 10% der Bevölkerung über nahezu 90% des gesellschaftlichen Reichtums verfügen. Malcolms zentrale Frage: wie kann eine Demokratie einen solchen Gewaltmarsch zurück in die düsteren Zwanziger Jahre des zu Ende gegangen Jahrhunderts bewältigen, ohne dabei erhebliche Turbulenzen auszulösen? Tatsächlich zeigt das politische System der USA eine schier unerklärliche Stabilität, wenn man an die Erschütterungen denkt, die in der amerikanischen Wirtschaft das Unterste zu oberst kehrten. Für Malcolm Sylvers ist das Geld der zentrale stabilisierende Faktor innerhalb der politischen Klasse Amerikas.

Ohne ein Minimum an wirtschaftlicher Demokratie ist ein Maximum an politischer Demokratie einfach nicht möglich. Und Geld spielt eine ganz entscheidende Rolle bei allen Wahlen in den USA. Die Regeln wurden schon mehrfach geändert, aber so lange die Herkunft offen gelegt wird, sind Spenden in jeder beliebigen Höhe zulässig. So kann beispielsweise ein Tabakkonzern einen Kandidaten mit gewaltigen Summen unterstützen, vorausgesetzt die-; wird offiziell ausgewiesen, und das Geld wird für die Stärkung der Partei ganz allgemein ausgegeben. Die Wahl kämpf kosten haben inzwischen astronomische Höhen erreicht. Schon für die Nominierung durch die Demokratische oder Republikanische Partei braucht der Kandidat Millionen von Dollars. Der wichtigste Kontakt zur Wählerschaft läuft über das Fernsehen, das in Staaten wie Kalifornien oder New York extrem teuer ist. Uns das macht es extrem schwierig für politische Gruppen, die so große Geldsummen nicht zusammenbringen können.

Amerikanische Politik ist Geld. Die politische Sphäre lässt sich jenseits des Atlantiks immer weniger gegen die wirtschaftliche abdichten. Welches demokratische System könnte auch einen Grad an ökonomischer Ungleichheit verkraften, bei dem der Microsoftgründer Bill Gates über so viel Wirtschaftskraft verfügt wie die 100 Millionen ärmsten Amerikaner zusammen. Für die verschiedenen Wahlen des Jahre 2000 haben die beiden Parteien 1,1 Milliarden Dollar an Spendengeldern gesammelt. Selbst für die Demokratische Partei kommt dieses Geld überwiegend aus der Wirtschaft, Spenden der Gewerkschaften spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Nachdrücklich weist Macolm Sylvers daraufhin, dass die Spender von den beglückten Politiker nicht etwa direkte Gegenleistungen erwarten. Das System ist viel subtiler. Das Geld knüpft ein komplexes Netzwerk gegenseitiger persönlicher Verpflichtungen, das völlig unabhängig von jeder politischer Ideologie funktioniert. Viele Unternehmer bedenken deshalb beide Parteien gleichermaßen. Und natürlich fließt die Flut der Spendengelder eher den Amtsinhabern zu, als etwaigen Herausforderern. Was dem politischen System der USA ein zusätzliches Verharrungsvermögen verschafft.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die Stimmabgabe für die Bürger in den USA weit komplizierter ist als in den meisten Demokratien Europas. Damit man wählen kann, muss man sich registrieren lassen und die Menschen am unteren Ende der sozialen Skala und ethnische Minderheiten haben dabei die größten Schwierigkeiten. Außerdem ist die Mobilität der Armen sehr viel größer und in manchen Bundesstaaten muss man mindestens ein Jahr vor Ort leben, um zur Wahl zugelassen zu werden. In Kalifornien hat man schon Versuche unternommen, etwa alle Amerikaner mexikanischer Abstammung registrieren zu lassen. Aber das ist sehr schwierig und so kann man darin eine echte Behinderung der Demokratie sehen.

Bei Wahlbeteiligungen von 50 % bei Präsidentschaftswahlen führt der faktische Ausschluss von 10 - 15% der Wähler durch das Registrierungssystem dazu, dass ein Präsident mit nur 20% der Stimmen aller Wahlberechtigten gewählt werden kann. Das strikte Mehrheitswahlrecht und die enge Verknüpfung von wirtschaftlichem und politischem Einfluss ermöglichen nach Einsicht Malcolm Sylvers eine eigenartige Verriegelung der amerikanischen Demokratie. Die 4 bis 5 Millionen Mitglieder rechtsradikaler bewaffneter Milizen im mittleren Westen, die Angst der amerikanischen Mittelklasse vor dem endgültigen sozialen Abstieg nachdem die wundersame Geldvermehrungsmaschine der "New Economy" mit dem Enron-Skandal ihren Dienst eingestellt hat: nichts scheint den abgekapselten und gut geölten Mechanismus der amerikanischen Politik aus dem Takt bringen zu können. Bisher jedenfalls:

Es wird sich noch zeigen, ob der Niedergang der Mittelklasse, die große Kehrtwende, zu wirtschaftlichen Turbulenzen führen wird. Die augenblickliche Krise der amerikanischen Konjunktur scheint das anzudeuten. Und es muss sich zeigen, ob dieses Ende des "Amerikanischen Traums" schließlich doch noch politische Konsequenzen haben wird. Schließlich war eine ständige Verbesserung der Lebensverhältnisse das Kernelement der amerikanischen Kultur. Das heißt, es steht jetzt eigentlich eine Neudefinition der kulturellen Identität Amerikas an. Und vielleicht ist der ostentative Patriotismus, den man jetzt in den USA beobachten kann bereits ein Teil dieser Umorientierung. Patriotismus gab es natürlich auch schon zuvor, aber er wurde immer begleitet von diesem Bild des beständigen Fortschritts für die große Mehrheit der Amerikaner. Jetzt dagegen scheint der Nationalismus die gesamte kulturelle Sphäre in den USA einzunehmen und wir erleben vielleicht eine Art Identitätssuche der Vereinigten Staaten. Wenn dem wirklich so ist, dann birgt dies eine große Gefahr für den Rest der Welt dar.

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