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Die Verspätung der Nachtigall

Lokale Wetterereignisse beeinflussen das Zugverhalten von Vögeln

Von Lucian Haas

Das Zugverhalten unserer Singvögel, hier Stare, könnte stark unter dem Klimawandel leiden.
Das Zugverhalten unserer Singvögel, hier Stare, könnte stark unter dem Klimawandel leiden. (AP)

Biologie. - Nachtigallen sind Zugvögel. Von Skandinavien aus fliegen sie im Herbst bis ins südliche Afrika, um dann Anfang Mai wieder in ihre Brutgebiete einzufliegen. 2011 kam es zu einer rätselhaften Verspätung – um rund zwei Wochen. Dabei waren die Vögel in den Jahren zuvor tendenziell sogar früher zurückgekehrt. Dänische Forscher konnten jetzt klären, was die Vögel 2011 so lange aufgehalten hat.

So singt eine Nachtigall (siehe Anm. d. Redaktion am Ende des Beitrags), wenn sie nach langer Reise aus Afrika ihr Brutgebiet im Süden Schwedens erreicht hat. Normalerweise ist das Anfang Mai der Fall. Doch im vergangenen Jahr geschah etwas Unerwartetes.

"Es gibt im Mai und Juni diese vogelkundlichen Exkursionen, wo man der Nachtigall lauscht. Die Leiter solcher Exkursionen waren besorgt, weil es keine einzige Nachtigall gab, die sie den Teilnehmern vorführen konnten. Letzten Endes kamen die Vögel doch noch, aber sie waren zwei Wochen verspätet."

Anders Tøttrup ist Ökologe an der Universität von Kopenhagen. Er erforscht das Wanderverhalten und die Routen von Zugvögeln, darunter auch der Nachtigall. Seinen Aufzeichnungen nach sind die Singvögel in den vergangenen 60 Jahren niemals so spät nach Schweden zurückgekehrt wie 2011. Die Frage, warum das geschah, wäre wohl ungeklärt geblieben, hätte Anders Tøttrup nicht einige Nachtigallen schon Monate zuvor mit miniaturisierten Messgeräten ausgestattet.

"Es handelt sich um Lichtlogger. Das sind simple Geräte, die die Helligkeit messen und jede Minute einen Wert abspeichern. Aus den Daten können wir die Tageslänge ermitteln und auch den Zeitpunkt von Mittag und Mitternacht. Anhand der gespeicherten Tageslänge errechnen wir den Breitengrad, und der Zeitpunkt von Mittag und Mitternacht definiert den Längengrad."

Nur ein Gramm wiegt ein solcher Lichtlogger, der wie ein kleiner Rucksack auf den Rücken der Vögel geschnallt wird. Damit lassen sich im Nachhinein anhand der über mehrere Monate hinweg gespeicherten Lichtwerte die Zugrouten selbst kleiner Singvögel rekonstruieren. 2010 hatte Anders Tøttrup die Technik erstmals eingesetzt, und dann auch in den folgenden Jahren.

"So konnten wir die extreme Verspätung von 2011 mit zwei anderen Jahren vergleichen. Aus den Positionsdaten war direkt ersichtlich, wo und wann es zu der Verzögerung kam. Es stimmte genau mit der großen Dürre am Horn von Afrika überein."

Am Horn von Afrika liegen die Länder Kenia, Äthiopien und Somalia. Viele Zugvögel machen dort Rast, um sich für den Weiterflug über die Sahara oder die Wüstengebiete Arabiens nochmals Fettreserven anzufuttern. Doch 2011 wurde die Region von einer enormen Trockenheit heimgesucht. Die Vögel fanden offenbar nicht genug zu fressen und blieben deshalb viel länger als in den anderen Jahren in der Region. Für Anders Tøttrup kam diese Erkenntnis überraschend.

"Bisher gingen wir davon aus, dass die Zugvögel auf gewisse Weise anpassungsfähig sind. Doch obwohl die Bedingungen am Horn von Afrika in dem Jahr sehr hart waren, blieben die Vögel dort. Sie hätten auch ein paar hundert Kilometer weiter nach Süden ziehen können, wo die Nahrungslage viel besser war. Aber die Vögel zeigten keinerlei Flexibilität."

Zwei Wochen Verspätung bedeutete, dass die schwedischen Nachtigallen in dem Jahr zwei Wochen später ihre Eier legten und die Jungen entsprechend weniger Zeit hatten, vor ihrem ersten langen Flug in die Winterquartiere Kräfte zu sammeln. Nach den Beobachtungen von Vogelkundlern hatte das für die Nachtigallenpopulation im folgenden Jahr, also 2012, keine erkennbaren Folgen. Doch für die Zukunft will Anders Tøttrup das nicht ausschließen.

"Wenn man sich vorstellt, dass so etwas im Zuge des Klimawandels häufiger passiert, dann könnte das Horn von Afrika künftig kein guter Ort mehr für die Zugvögel sein. Was passiert dann? Bricht dann der ganze Vogelzug zusammen?"

Dieser Frage wird der Ökologe in den nächsten Jahren auf den Grund gehen. Dafür will er nicht nur Nachtigallen und andere Singvögel in Schweden mit den Vogelzug-Loggern ausrüsten, sondern auch Vögel aus Russland und Sibirien. Es geht ihm darum, zu klären, ob verschiedene Zugvögelpopulationen anders auf lokale Klimaänderungen reagieren.

Anm. d. Redaktion:
Bei den Vögeln in dieser Studie handelt es sich korrekterweise nicht um Nachtigallen (Luscinia megarhynchos), sondern um eine sehr nahe verwandte Art (Luscinia luscinia), die im Englischen "thrush nightingale" genannt wird. Die deutsche Bezeichnung dieser Art lautet Sprosser. Wir danken einem aufmerksamen Hörer für diesen Hinweis.

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