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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie vielen Gesichter der Migration04.07.2013

Die vielen Gesichter der Migration

Einwanderung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg

Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg an der Süderelbe wird seit 150 Jahren von Einwanderung geprägt. Noch heute hat die Hälfte der Bewohner Migrationshintergrund. In der Ausstellung "Die vielen Gesichter des Reiherstiegviertels" werden die Einwanderungswellen gezeigt.

Von Ursula Storost

Portugiesische Gastarbeiter verlassen den Bahnhof Harburg, 1965 (Conti-Press/Museum der Arbeit)
Portugiesische Gastarbeiter verlassen den Bahnhof Harburg, 1965 (Conti-Press/Museum der Arbeit)

Im Weltquartier, einer Wohnsiedlung in Hamburg Wilhelmsburg ist im Rahmen der Internationalen Bauausstellung, kurz IBA, alles fein gemacht worden. Und das fast ohne Mieterhöhung. 820 Wohneinheiten bekamen Wärmedämmung, Balkone, Gartenzugänge. Und damit mehr Lebensqualität für die Bewohner. Über die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund, weiß Silke Schumacher, Projektmanagerin bei der IBA:

"Im Weltquartier hatten wir ein dringendes Bedürfnis, dass der ganze Wohnungsbestand saniert wird, da es ein starkes Problem mit Schimmel hier gab und die Wände auch nicht gut isoliert waren und Ähnliches. Also sehr viele Mieter hatten hier schwierige Wohnbedingungen einfach aufgrund des veralteten Wohnungsbestands. "

Dass so viele Menschen aus anderen Ländern im Weltquartier eine Bleibe fanden, liegt an der verheerenden Sturmflut von 1962.

Angela Dietz:
"Die Sturmflut hat hier in Wilhelmsburg ja besonders großen Schaden angerichtet. Und weder private noch staatliche Investoren haben dann hier nach der Katastrophe noch investiert. Und dann haben die Wohnungen eben diejenigen bekommen, die woanders gar keine Wohnung bekommen haben."

Marode Wohnungen für die Ärmsten der Armen und die damals aus Südeuropa angeworbenen Gastarbeiter, sagt Angela Dietz. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin hat eine Ausstellung zum Thema Migration im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg erarbeitet. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kamen Zuwanderer hierher. Von Agenten waren sie aus den deutschen Ostgebieten angeworben worden, um in der neu gegründeten Wollkämmerei zu arbeiten.

Angela Dietz:
"Das waren vielfach Landarbeiter und Mägde. Und die waren katholisch. Sprachen polnisch. Aber hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Katholiken gibt’s hier oben nicht so viele. Das war dann sehr besonders. Und die kamen voller Hoffnung hier her."

Was die Zugezogenen in der Fremde erwartete, ließ zu wünschen übrig: Hungerlöhne und schlechte Wohnungen. Die Einwanderer hausten in feuchten Kellern oder hoffnungslos überfüllten stickigen Räumen. Und die alteingesessene Bevölkerung machte keinen Hehl aus ihrer Geringschätzung, sagt Margret Markert. Die Leiterin des Stadtteilarchivs Wilhelmsburg verweist auf die Berichterstattung der damaligen Lokalzeitung.

Margret Markert:
"Also das Wort Pollack tauchte da öfter auf. Und es wurde behauptet, und zwar nicht nur von der Presse, sondern auch von der Verwaltung, vom Bürgermeister persönlich, dass das polnische Element in diesem Ort ständig wachsen würde. Und Zitat: 'Wie allgemein bekannt, neigten diese Elemente zu Diebereien und Schlägereien und zu Alkoholismus.' "

Heute sind diese polnischen Gastarbeiter längst integriert, konstatiert Margret Markert. Allenfalls die polnisch klingenden Namen sind Indizien dafür, dass ihre Vorfahren zugewandert sind:

"Es gibt hier immer noch baulich zumindest so ein polnisches Zentrum, das ist um die katholische Kirche herum. Es gibt die katholische Schule, die einen sehr guten Ruf hat, bis in die Gegenwart, es gibt das Krankenhaus. Also es gibt noch eine polnischstämmige Einwandererszene, die niemals behaupten würde, sie seien Ausländer oder Einwanderer. Also das Thema ist für die vollkommen erledigt."

Der zweite große Schub von Arbeitsmigranten kam dann nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1960er-Jahren nach Hamburg-Wilhelmsburg, erzählt Angela Dietz:

''"Anwerbeabkommen mit Ländern wie Italien und so weiter, da sind viele nach Wilhelmsburg gekommen. Es gab wieder und immer noch ne starke Industrie am Hafenrand in Wilhelmsburg.""

Anfang der 70er-Jahre kamen auch die Eltern von Guiseppina Bonanno aus Sizilien nach Wilhelmsburg. Guiseppina war damals ein kleines Mädchen. Ihre Mutter war Analphabetin. Zusammen mit dem Vater putzte sie die Waggons der Deutschen Bahn:

"Morgens, wann haben die angefangen, ob das jetzt um fünf oder um sechs war, bis nachmittags, jeden Tag. Und meine Mutter hatte ne Zeit lang auch noch einen Putzjob gemacht. Im Krankenhaus damals."

Gewohnt hat die Familie über Jahre in einer winzigen Wohnung. Mit zuletzt acht Personen.

Guiseppina Bonanno:
"Die Toilette war im Treppenhaus. Das war am Wilhelmsburger Bahnhof, das war damals als Getto auch bezeichnet. Das waren damals hauptsächlich Wohnungen von der Deutschen Bahn."

85 Prozent Ausländer lebten in der Gegend, wo Guiseppina Bonanno aufgewachsen ist. Heute betreibt die erfolgreiche Geschäftsfrau mit zwei ihrer Schwestern ein italienisches Restaurant in Wilhelmsburg. Ihre eigenen Kinder haben eine gute Ausbildung bekommen. Eine Tochter geht noch auf ein renommiertes Hamburger Gymnasium:

"Und wenn es hier in Wilhelmsburg ne Party gibt, dann wollen viele Eltern nicht, dass die Kinder hier nach Wilhelmsburg kommen. Also wir genießen immer noch einen schlechten Ruf."

Wer heute als Migrant nach Wilhelmsburg kommt, hat es oft noch schwerer als damals die Eltern von Guiseppina, sagt Margret Markert. Denn nach dem großen Werftensterben gibt es keinen Bedarf an Arbeitskräften mehr.

Margret Markert:
"Wer einen Arbeitsplatz hat hier, der hat die besten Karten, um sich ziemlich schnell zu integrieren, weil die Welt, die man über gemeinsame Arbeit kennenlernt, die hilft einem natürlich auch im Privatleben Freunde zu finden, sich überhaupt zu verankern."

Wo Arbeit knapp ist, wirken Zuwanderer bedrohlicher als in Zeiten der Vollbeschäftigung, resümiert Dr. Norbert Cyrus, Migrationsforscher am Hamburger Institut für Sozialforschung. Dass Zuwanderung als negativ empfunden wird, sagt er, beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Herausbildung von Nationalstaaten:

"Mit der Idee, dass es eine Volkssouveränität gibt, wurde auch zunehmend verdächtig, dass Menschen von außen, die eigentlich nicht dazugehören zu diesem Volk jetzt hierherkommen. Und das wurde zunehmend als Bedrohung empfunden. Und das sind Ideen, die eigentlich bis heute die Migrationspolitik prägen."

Es sei zu beobachten, so Norbert Cyrus, dass Migranten heute, genauso wie schon zu Beginn der Industrialisierung, ausschließlich als billige Arbeitskräfte wahrgenommen und aufgenommen würden.

Norbert Cyrus:
"Nehmen wir die Fleischindustrie, wo aktuell ja gezeigt wird, dass auch hier Fremde angeworben werden und auch angeworben werden können. Und das Entscheidende hier ist nicht die Nationalität, sondern, dass diese Menschen bereit sind, zu den angebotenen schlechten Arbeitsbedingungen tätig zu werden."

Es müsse heute auf politischer Ebene hinterfragt werden, wieso Zuwanderung oft als bedrohlich empfunden und möglichst verhindert werde. Einwanderer kämen trotzdem. Und je rigoroser man Migration beschränke, umso mehr dränge man Menschen in die Illegalität.

Norbert Cyrus:
"Und aufgrund dieser sozialen Situation sind sie natürlich leichter ausbeutbar und sind auch eher zufrieden mit Arbeitsbedingungen, die von anderen nicht mehr akzeptiert werden würden."

Auch Serdar Bozkurt hat Arbeitsbedingungen akzeptiert, die viele andere nicht akzeptieren würden. Der 56-Jährige kam vor elf Jahren im Rahmen der Familienzusammenführung nach Wilhelmsburg. Heute hat er viele Freunde hier. Auch Deutsche. Aber richtig glücklich ist er nicht. Serdar Bozkurt unterrichtet Türkisch an einer Grundschule. Auf Honorarbasis:

"Mein Diplom wurde nicht anerkannt, weil es eine ausländische Ausbildung ist. Dass heißt, ich bin nicht so wie die deutschen Kollegen. Ich bin also als Grundschullehrer in der Türkei ausgebildet, also studiert. Aber mein Studium wurde in Deutschland nicht anerkannt."

Auch wenn jetzt in Hamburg-Wilhelmsburg viele Wohnungen fein gemacht werden für ihre migrantischen Bewohner. In puncto Gleichstellung der Zugewanderten bleibt noch viel zu tun.

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