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StartseiteKultur heute"Die Wahrheit gibt sich zu erkennen"13.03.2013

"Die Wahrheit gibt sich zu erkennen"

Literaturwissenschaftler zur Zeichentheorie der Papstwahl

Auf das "Geschäft" mit Symbolen "versteht sich die Kirche besser als jede andere Institution", sagt der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch. Die alten visuellen Zeichen und Rituale bei der Papstwahl seien Ausdruck der Offenbarung, der "nackten Wahrheit".

Jochen Hörisch im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Symbol der Erlösung: Weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Symbol der Erlösung: Weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Burkhard Müller-Ullrich: Aber zunächst beschäftigt uns die Pattsituation im Vatikan, das heißt die bisherigen Papstwahlgänge endeten unentschieden, so sieht es bis jetzt aus. Es sieht so aus, als gäbe es nichts Neues zu vermelden, denn der berühmte weiße Rauch, den die Menschen auf dem Petersplatz und an den Fernsehschirmen in aller Welt erwarten, dieser berühmte weiße Rauch ist bislang ausgeblieben. Also sprechen wir doch mal über dieses sonderbare semiotische System als solches, und zwar mit dem Germanisten und Medientheoretiker Jochen Hörisch. Weißer Rauch, Herr Hörsich, das ist ja schon ein starkes Stück Medienästhetik. Was kann man darin lesen?

Jochen Hörisch: Man kann darin lesen, dass es Zeichen gibt, die mehr sind als die ganz normalen Zeichen. Wir wissen, dass wir lügen können, wir wissen auch, dass Gott im Lateinischen anders heißt als im Französischen, Deus, Dieu oder im Deutschen eben Gott. Das ist die berühmt berüchtigte, Saussure sogenannte Arbitrarität, die Willkürlichkeit der Zeichen. Wenn wir Rauch haben, können wir erschließen: Da ist auch ein Feuer, da ist auch was passiert, dieses Zeichen ist verlässlich, und das geht dann rüber in die Symboldimension. Wenn es weißer Rauch ist, können nicht nur fromme Köpfe assoziieren, dass das jetzt eine weiße Taube ist, der Heilige Geist war da, der steigt zum Himmel zurück und sagt, lieber Gott Vater, die haben eine großartige Wahl gemacht. Wir merken also, dass Symbole mehr sind als bloße profane Zeichen. Die sind nicht willkürlich, da ist etwas dran, und auf dieses Geschäft versteht sich die Kirche eben besser als jede andere Institution, selbst der Deutschlandfunk.

Müller-Ullrich: Fahren wir mal auf dieser rezeptionsästhetischen Schiene noch ein Stück weiter. Es ist ja ein visuelles Zeichen, das ist auch interessant. Eigentlich sind ja die Kirchenglocken das akustische Zeichen, das die Geschichte der Christenheit seit ganz langer Zeit begleitet hat. Was ist das Visuelle, was ist das Besondere daran?

Hörisch: Nun, im visuellen Bereich sind wir natürlich dann im Bereich der Evidenzen, oder theologisch gesprochen der Offenbarungen. Die Offenbarung entschleiert sich, die Wahrheit gibt sich zu erkennen. Wer es sexistisch haben will, kann dann von der nackten Wahrheit sprechen. Wer es religiös haben will, kann sagen, in Jesus Christus hat sich Gott uns offenbart. Wir haben also auch eine Inkarnationstheologie: Das Wort ist Fleisch geworden. Und die katholische Kirche hat natürlich ein besonders intimes Verhältnis zum Bereich des Visuellen, die protestantische Kirche eher eine zum Wort. Aber wir haben die Kreuzesstationen, wir haben die große Choreographie der klassischen Messe, und all das ist natürlich im visuellen Bereich, also im Bereich der Enthüllungen, der Offenbarungen, im schlechten Fall der Apokalypsen zu verankern.

Müller-Ullrich: Es ist ja immer so eine Dichotomie zwischen dem Sichtbaren des Zeichen, aber darin steckt eben das Unsichtbare. Das haben Sie ja schon so ein bisschen angedeutet. Also es ist eine im Grunde digitale Situation. Interessant ja auch: Es gibt nur diesen schwarzen und den weißen Rauch, es gibt keinen roten Rauch, es gibt keinen grünen Rauch. Nun könnte man ja eigentlich in unserer heutigen Zeit in Farbe noch viel besser damit spielen, vielleicht die Hautfarbe des Papstes oder die Nationalität anzeigen. Aber Katholizismus ist digital, ja?

Hörisch: Ja, es ist ja oder nein. Wir haben es geschafft, der Heilige Geist war bei uns und wir haben im Namen des Heiligen Geistes die richtige Entscheidung getroffen – weißer Rauch -, oder es ist uns, weil auch wir noch Erdenkinder sind, unter den schmutzigen Bedingungen dieser materiellen Erde bislang nicht gelaufen, aber wir werden erlöst sein, Leute wartet noch ein bisschen, dann wird der Rauch weiß werden. Es ist in der Tat interessant, dass wir erst dieses visuelle Ereignis haben und dann eben die feierliche Verkündigung des neuen Papstes, der sich dann übrigens ja auch selbst benamt. Das ist ja auch ein seltsames Vorrecht, das man hat. Wir alle sind getauft worden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, nicht wir alle, aber so wir denn christlich groß geworden sind, und da hat dann auf einmal einer das Recht, vom Visuellen auf das Sprachliche umzuschalten und diesen ungeheueren Akt der Selbstermächtigung – der liebe Gott muss schon auf seiner Seite sein – zu vollziehen und zu sagen, ich heiße jetzt nicht mehr Joseph Ratzinger, ich heiße jetzt Benedikt XVI. Dann tritt also das Sprachereignis zum Visuellen hinzu. In gewisser Weise ist das Sprachereignis eine Rätsellösung. Das Rätsel ist ein bisschen profaner als das Geheimnis. Das Geheimnis ist visuell, das Rätsel ist sprachlich. Man kann das Rätsel lösen, indem man eben eine Antwort auf eine Rätselfrage findet. Aber das kann man erst richtig machen, wenn man erschüttert ist durch die Offenbarung eines Geheimnisses.

Müller-Ullrich: Danke für diesen kleinen semiotischen Ausflug auf dem Gebiet Rauch und Ritual. Sie hatten es ja vorhin schon angedeutet: Der Deutschlandfunk ist auch, weil es ein Medium ist, natürlich religiös konnotiert. Wir sind hier auf Sendung, um im Wortfeld zu bleiben, das könnte man noch lange ausführen. – Das war Jochen Hörisch, Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Schönen Dank!

Hörisch: Ich danke Ihnen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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