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Die Wiederholung

Suhrkamp, 241 S., EUR 24,90

Im vergangenen Herbst war es soweit. Ein Dinosaurier der französischen Literaturgeschichte meldete sich zurück: Alain Robbe-Grillet, die Galionsfigur des Nouveau Roman. Ein knappes Jahr vor seinem achtzigsten Geburtstag machte er Furore mit <em>La Reprise</em> - "die Wiederholung" - einem Spionage-Roman, der sofort als literarische Sensation gehandelt wurde. Die Zeitung <em>Libération</em> sprach vom "modernsten Autor der Saison". <em>Le Monde</em> widmete dem Kulturereignis um das "Nationaldenkmal der französischen Literatur"ganze drei Seiten.

Carine Debrabandère

Viele junge Franzosen hatten Robbe-Grillet bis dahin für tot gehalten. 1981 hatte er seinen letzten Roman - Djinn - veröffentlicht. Im Anschluss daran hatte er sich einer autobiographischen Trilogie gewidmet, deren dritter Band Corinthes letzte Tage als das letzte Buch des Meisters angekündigt worden war.

Und plötzlich war er wieder da...Und amüsiert sich heute köstlich über seinen überraschenden Erfolg:

Es ist schon interessant zu sehen, wie die Leser sich verändert haben. Als "Die Eifersucht" 1957 herauskam, wurden innerhalb eines Jahres nur 300 Exemplare verkauft - obwohl ich schon ein berühmter Schriftsteller war. Letztes Jahr, als "Die Wiederholung" in Frankreich erschien, wurden bereits in den ersten zwei Monaten 30 000 Exemplare gekauft. Unglaublich! Als ob die Leserschaft gelernt hätte, mich zu lesen! Ich bin davon überzeugt, dass wirkliche Künstler in der Lage sind, selber ein Publikum für ihre Werke zu schaffen. Bei Lesungen freue ich mich immer, dass die meisten meiner Leser junge Leute sind. Zwanzigjährige erwarten heutzutage nicht mehr, dass man ihnen eine klare, greifbare Welt in Romanen präsentiert. Das reale Leben ist nun mal beweglich, nebelig. Es spielt sich auf eine viel konfusere Art ab, als Balzac es beschrieben hat.

Honoré de Balzac und seine "Menschliche Komödie": Ein Horror für Alain Robbe-Grillet, der das realistische Erzählen für null und nichtig erklärt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Nouveaux Romanciers nicht mehr daran glauben, dass Literatur eine Gesamtwelt einfangen kann.

Die Kritiker der Fünfziger Jahre standen ratlos da, als Alain Robbe-Grillet damit anfing, einzelne Objekte ganz genau zu beschreiben. Ohne Metaphern. Ohne klare Geschichte. Ohne wirklichen Protagonisten. Er wurde schnell für verrückt und unlesbar erklärt.

Fünfzig Jahre später in La Reprise, kehrt er nun mit einer Hauptfigur und einem Plot zurück: Henri Robin, ein französischer Geheimagent, reist 1949 durch Deutschland. Im Zug begegnet er seinem Doppelgänger. Kurz danach wird er im zerstörten Berlin in eine konspirative Wohnung gebracht.

Eine Geschichte also, und ein Protagonist: Verstößt Die Wiederholung gegen die Regeln des Nouveau Roman? Für Alain Robbe-Grillet ganz klar nein, denn....

Es gibt keine Grundsätze beim Nouveau Roman! Schauen sie sich doch meine ersten Bücher an. 1957 kam "Die Eifersucht" heraus, zwei Jahre später "Die Niederlage von Reichenfels". Das sind doch völlig unterschiedliche Bücher! Der Roman soll immer neu sein! Und jeder Schriftsteller auch! Jeder Autor muss auf den Ruinen der alten Romane wiederaufbauen können. Nach "Corinthes letzte Tage" hatte ich beschlossen, nicht mehr zu publizieren. Diese letzten Tage sollten auch meine letzten Tage als Schriftsteller sein. "Und dann wehte 1999 ein Orkan über Europa. Mein Grundstück in der Normandie wurde völlig zerstört. Da holten mich die Ruinen wieder ein! Das Thema Berlin, das mich mein ganzes Leben lang verfolgt hat, nahm wieder Konturen an. Ich musste einfach ein Buch schreiben, das in Berlin spielt. Dieser Roman - "Die Wiederholung - ist ( im Gegenteil zum dem, was ich öfters gehört habe) ein typischer "Nouveau Roman" geworden: Die Hauptfigur löst sich in mehreren Gestalten auf. Das war im traditionellen Roman verpönt. Außerdem gibt es keine klare Linie in der Geschichte, denn es gibt zwei Erzähler, die sich die Hauptrolle streitig machen. Zwillingsbrüder kämpfen um die Macht des Ich-Erzählers. Das wäre im "alten Roman" nicht gegangen.

Spätestens auf Seite 28 bekommt Die Wiederholung ihre Doppelbödigkeit. Es tauchen Fußnoten auf, in denen ein unbekannter zweiter Erzähler an der bisherigen Geschichte des Geheimagenten Robin Korrekturen vornimmt. Mit diesen Anmerkungen wird das Verwirrspiel perfekt. Henri Robin wird in eine Mordaffäre verwickelt. Er wechselt mindestens viermal den Namen, wird mit seinem Zwillingsbruder verwechselt. Kurz: der Leser tappt im Dunkeln, während einzelne Situationen, Räume, Objekte immer präziser beschrieben werden. Je mehr die Indizien klar werden, desto zweifelhafter wird die Identität der Figuren.

Unsicher ist auch der Ort des Geschehens: Berlin im Jahr 1949, die Stadt zwischen Ost und West: Der ideale Ort für Alain Robbe-Grillets Lieblingsmotiv: der Doppelgänger. Robbe-Grillet über seine Beziehung zu Deutschland:

Da meine Eltern dem Rechtsextremismus wohlgesonnen gegenüber standen, hatten sie Sympathien für das nationalsozialistische Deutschland. Damals hatte man noch nicht verstanden, um welchen Wahnsinn es sich handelte. In den dreißiger Jahren konnte man viele Plakate in Frankreich sehen, die für Urlaubstage in Deutschland warben. Ich erinnere mich noch an die hübschen blonden Kinder, die lächelnden Mütter, an die Männer, die mit der Hacke auf der Schulter fröhlich an die Arbeit gingen. Ein wunderbares Gefühl der Ordnung strömte aus diesen Bildern heraus, während in Frankreich das politische und wirtschaftliche Chaos herrschte. Viele meiner Freunde haben damals Urlaub in Deutschland gemacht. Sie konnten die glücklichen Bilder nur bestätigen. Nachdem Frankreich besetzt wurde, veränderten sich die Plakate. Auf denen stand von da an: "Vertraue dem deutschen Soldaten". Die Bilder zeigten, wie ein deutscher Soldat einer alten Dame über die Straße hilft. Genau das war für meine Familie Deutschland. Und auf einmal nach dem Krieg entdeckt man das, was dahinter stand. Der Horror, das brutalste und blutigste Regime, was man je erlebt hatte.

Es war das Trauma des Nationalsozialismus, das Alain Robbe-Grillet in den Fünfziger Jahren zum Schreiben bewegte. Nach der NS-Diktatur musste er mit den Bruchstücken der Welt spielen und neue Ordnungen schaffen. Nach Auschwitz musste die Literatur neue Regeln aufstellen. Ruinen bergen ein unglaublich kreatives Potential. Sie müssen nur schöpferisch genutzt werden. Das ist das, was Präsident Bush nach dem 11. September 2001 nicht verstanden hat. Wenn die alte Welt zusammenbricht, muss eine neue geschaffen werden. In Amerika ist aber alles beim Alten geblieben. Ich habe einen Hang zu Ruinen. Städte in Ruinen, die den Zusammenbruch von Ideologien widerspiegeln. Wie zum Beispiel Berlin 1945, ein Bild der Verwüstung, das mich an meine Heimatstadt Brest, in der Bretagne erinnert. Brest wurde im Zweiten Weltkrieg von den amerikanischen Bombardements völlig zerstört.

Die Zerstörung von Berlin oder Brest ist die paradoxe Folge eines Regimes, das Ordnung als oberstes Prinzip ansah. Für mich war dann klar: Wenn Ordnung zu solch einer Katastrophe führt, kann man sich nur noch zur Unordnung bekennen. Hinter Ordnung lauert offensichtlich Wahnsinn. In Europa wurden die Ruinen nach dem Krieg gut genutzt. Es ist doch wunderbar zu sehen, was aus der ehemaligen Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich geworden ist. Die Verwüstung Europas hat auch zu einem intellektuellen Elan geführt, der unter anderem den Nouveau Roman hervorgebracht hat.

Was also bleibt, sind Trümmer. Trümmer, die auf das eigentliche Thema des Buchs von Alain Robbe-Grillet zurückführen:
La Reprise - der französische Titel - heißt nämlich viel mehr als nur "Die Wiederholung". Es bedeutet auch "Stopfen", "Zusammenflicken", "Wiederaufgreifen, "Wiederaufnehmen". All das ist inbegriffen in Robbe-Grillets Roman. Die Hauptfigur Henri Robin begibt sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Er muss sich eine neue Identität zusammenflicken.

"Die Wiederaufnahme" wäre jedoch die beste Übersetzung für
La Reprise. Schon im ersten Satz des Romans führt Alain Robbe-Grillet sein Anliegen vor: "Ici, donc, je reprends et je résume". " Hier also fahre ich fort und fasse zusammen ". Als ob der Theoretiker des Nouveau Roman eine für tot geglaubte literarische Strömung im 21.Jahrhundert wieder aufleben lassen wollte. Als ob einer der größten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts doch noch zeigen wollte, was Literatur sein kann: fesselnd, frisch, und geheimnisvoll...wie sein neuestes Werk.

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