• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteInterview"Die Wirtschaft ist in Teilen wirklich aufgewacht"15.03.2007

"Die Wirtschaft ist in Teilen wirklich aufgewacht"

Klimaforscher fordert Klimaschutz durch technische Innovation

Vor dem Hintergrund der Erderwärmung müsse ein wirkungsvoller Klimaschutz von der Industrie ausgehen. Das sagte der Direktor des Instituts für Klimaforschung in Potsdam, Hans-Joachim Schellnhuber. Er ist der Ansicht, dass das Teile der Wirtschaft schon begriffen hätten. Im Prinzip müsse die Industriegesellschaft bis Ende des Jahrhunderts auf erneuerbare Energien umgestellt werden, so Schellnhuber.

Moderation: Elke Durak

Wer stoppt die Erderwärmung? (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Wer stoppt die Erderwärmung? (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Elke Durak: Der Klimawandel bringe hohe Einbußen beim Wirtschaftswachstum, koste die deutsche Wirtschaft vermutlich mehrere Tausend Milliarden Euro. Die Folgen der Erderwärmung lasse Energie- und Schadenkosten auf bis zu drei Billionen Euro. Das DIW hat dies mit Hilfe einer Simulation vorausgesagt und meint die Zeit bis 2050 und darüber hinaus. Hochwasser, Waldbrände, Stürme und Dürreperioden würden auch Deutschland heimsuchen und seien im Grunde nicht mehr aufzuhalten. Ist das nur eine Zustandsbeschreibung oder handelt es sich um Angstmacherei, vielleicht auch eine Vorlage für den heute Nachmittag in Potsdam beginnenden G8-Umweltgipfel? Professor Hans-Joachim Schellnhuber ist Direktor des Instituts für Klimaforschung in Potsdam, berät die Bundesregierung, insbesondere auch die Bundeskanzlerin unter anderem in Vorbereitung der G8-Treffen, ist nun am Telefon. Schönen guten Morgen Herr Professor Schellnhuber!

Hans-Joachim Schellnhuber: Guten Morgen!

Durak: Hat das DIW mit seiner Simulation und den Schlussfolgerungen Recht?

Schellnhuber: Das DIW hat in einem begrenzten Umfang Daten zur Verfügung, mit denen sich solche Projektionen durchführen lassen. Genau genommen ist es so, dass wir alle, also die gesamte Wissenschaft, noch ein wenig im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, die genauen Schäden abzuschätzen, die wir zu erwarten haben unter verschiedenen Klima-Änderungsszenarien. Sie dürfen natürlich Folgendes nicht außer Acht lassen: Die Zukunft ist ja nicht fest vorgegeben. Sie hängt davon ab, wie wir uns entschließen, Klimaschutzpolitik zu betreiben und wie viele CO2 zum Beispiel wir emittieren wollen. Das DIW spannt einen Fächer von verschiedenen Projektionen auf und sagt, bei Business as usual, wenn wir also so weitermachen wie bisher, ohne Klimaschutz, ohne Energiesicherheit und so weiter, dann können Schäden in dieser Größenordnung entstehen. Es sind aber relativ weiche Zahlen, aber allein die schiere Möglichkeit, dass man das nicht ausschließen kann, ist ja schon ausreichend, um alle Warnsignale angehen zu lassen.

Durak: Welche Klimaveränderungen und Schäden sehen Sie denn auf uns zukommen?

Schellnhuber: Ich unterscheide generell zwischen zwei Kategorien von Änderungen. Es gibt, was wir die graduellen Veränderungen nennen, also es wird wärmer, es gibt weniger Niederschlag, zum Beispiel in Ostdeutschland, dann leidet natürlich letztendlich der landwirtschaftliche Ertrag, etwa die Wasserwirtschaft, die Wälder müssen umgebaut werden und und und. Das sind Schäden, die kann man einigermaßen gut berechnen, und da zeigen auch wiederum alle Signale, dass vor allem in unseren gemäßigten Breiten die Verluste, die für die Volkswirtschaft groß sein werden, nicht dramatisch, aber groß, dass aber hinzukommen natürlich auch Schädigungen von Mensch und Kultur. Es wird Hitzewellen geben, und die werden natürlich dann zusätzliche Menschenleben kosten. Was mir aber wirklich Sorgen macht als Physiker und Systemwissenschaftler, das sind die so genannten abrupten Veränderungen, die wir erwarten, dass nämlich große Komponenten im System Erde umkippen könnten, der Amazonasurwald, der indische Monsun, das grönländische Eisschild könnte abschmelzen. Das würde wahrscheinlich geschehen, wenn wir Business as usual betreiben, und dann kriegen Sie richtig große Effekte, richtig große Schäden für Mensch, für Natur, für Kultur, und das müssen wir auf jeden Fall versuchen auszuschließen.

Durak: Sie haben es schon gesagt, die richtige Klimaschutzpolitik ist entscheidend. Die G8-Umweltminister treffen sich ab heute in Potsdam. Das G8-Gipfeltreffen in Heiligendamm steht an in ein paar Wochen. Wie kann es gelingen, einen Weltenergiedialog erfolgreich zu beginnen?

Schellnhuber: Na ja, wir haben ja gerade gesehen in Brüssel letzte Woche, wie Klimapolitik auch erfolgreich sein kann. Man hat zum Teil versucht an diesen Ergebnissen herumzumäkeln. Für mich ist es ein historischer Schritt nach vorne, das will ich hier noch mal betonen. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Entscheidung, die es seit dem Kyoto-Protokoll gab, vielleicht sogar eine wichtigere. Nun wird es richtig schwierig für die Politik, vor allem für die deutsche Präsidentschaft von G8, weil jetzt kommen die Amerikaner, die Kanadier mit ins Spiel, die Japaner in diesem Fall, und beim G8-Gipfel müsste im Prinzip beschlossen werden, müsste vereinbart werden in Heiligendamm, dass die gesamte Menschheit versucht, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Dann nämlich würde nicht gesichert sein, aber eine hohe Wahrscheinlichkeit sein, dass die großen Effekte, die großen Unfälle im System, die ich Ihnen vorhin kurz angedeutet habe, dass die nicht passieren. Das ist eine wirkliche Menschheitsaufgabe, aber wenn auf zwei Grad begrenzen, dann müssen wir jetzt in die Gänge kommen und dann müssen wir wirklich dramatische Klimaschutzanstrengungen durchführen. Im Augenblick ist es so, das ist das Ziel der Europäischen Union, aber die Amerikaner, die Kanadier, die Australier und so weiter sind bei Leibe nicht an Bord, und das ist die große Herausforderung. Wenn das nicht bald geschieht, dann sehe ich allerdings auch die Zukunft relativ düster.

Durak: Wie können wir die USA beispielsweise, China aber Indien auch an Bord holen?

Schellnhuber: Na ja, es gibt eine Doppelantwort. Die USA können wir nur an Bord holen, indem wir ihnen vor Augen führen immer wieder, dass sie selbst der größte Verschmutzer der Erdatmosphäre sind, das reichste Land der Erde, und dass sie im Grunde genommen auf Kosten anderer leben und ihren Wohlstand genießen. Und ich bin sicher, dass die USA – ich kenne nun die Diskussionen dort sehr gut – nach der nächsten Präsidentschaftswahl bereit sind, wieder in eine Klimaschutzpartnerschaft mit Europa einzutreten. China und Indien und die anderen Schwellenländer werden sich solange zurücklehnen und sagen, das ist jetzt eure Aufgabe, solange die USA nicht an Bord sind. Insofern ist die logische Konsequenz ganz einfach: Erst die USA überzeugen und dann mit China und Indien verhandeln und in eine Partnerschaft eintreten.

Durak: Was halten Sie von Sparappellen an das Umweltgewissen jedes einzelnen hier in Deutschland? Ich nenne nur Beispiele: Verbote von Standby-Geräten, von herkömmlichen Glühlampen, von Vielfliegerei, Ratschläge zu laufen statt Auto zu fahren, Dreiliterautos zu kaufen. Bringt das was?

Schellnhuber: In der Summe bringt es was, aber wir müssen wirklich unterscheiden zwischen zwei Aspekten: Das eine ist, das persönliche Verhalten kann natürlich dazu beitragen, um den Klimaschutz voranzubringen. Es geht aber vor allem darum, perverse Effekte zu verhindern. Ich kenne eine Familie in London, oder vielmehr, die lebt in Mallorca, und der "Ernährer" der Familie fliegt jeden morgen von Mallorca nach London in die City, um dort seinem Beruf nachzugehen. Das ist absurd. Das ist pervers. So was muss zumindest einen sehr hohen Preis haben in Zukunft. Aber die eigentlichen Wege zum Klimaschutz sind letztendlich Innovation, dass wir nämlich im Prinzip unsere gesamte Industriegesellschaft auf erneuerbare Energien umstellen bis Ende des Jahrhunderts, aber da müssen wir schon große Schritte bald tun, und das ist nichts weniger als eine dritte industrielle Revolution. So wie eben um 1750 Kohle eben zum Lebenssaft der neuen Industriegesellschaft wurde, so muss eben jetzt eine Energiewende herbeigeführt werden, und da muss der Konsument, der Wähler natürlich mitmachen. Aber diese vielen individuellen Maßnahmen, die Sie ansprechen, die sind eben einfach nur eine willkommene Hilfe, aber entscheidende Impulse müssen von der Innovation ausgehen.

Durak: Und also auch von der Wirtschaft, von der Industrie. Ist die deutsche Wirtschaft, ist die deutsche Industrie auf dem richtigen Stand?

Schellnhuber: Die Wirtschaft ist in Teilen wirklich aufgewacht. Also ich spüre das mit Macht in den letzten Monaten, dass eben große Teile der Industrie bereit sind, diesen neuen Herausforderungen ins Auge zu sehen. Zum Beispiel werde ich am Freitag vortragen bei einer Gruppe, die heißt "Deutsche Unternehmer für Klimaschutz", wo sehr viele wichtige Firmen dabei sind und die dieses 2-Grad-Ziel zum Beispiel vollkommen unterstützen. Und auch letzte Woche in Brüssel hatte ich vorher noch ein Treffen mit verschiedenen Industrievertretern, davor eben der Frühjahrsgipfel gestartet wurde, und da haben Teile der Wirtschaft eben noch mal versichert, dass sie voll hinter der Politik von Frau Merkel und Barroso stehen. Also ich sehe hier Bewegung, aber natürlich geht es nicht homogen. Es wird Gewinner und Verlierer geben, wenn eben diese neue industrielle Revolution in Gang, und manche natürlich graben sich lieber in eine Verteidigungshaltung ein.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk