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StartseiteBüchermarktDie Wucht der Sprache und der Bilder13.01.2011

Die Wucht der Sprache und der Bilder

Otto Basil: "Wenn das der Führer wüsste", Milena Verlag, Wien 2010

Es ist der einzige Roman des österreichischen Publizisten Otto Basil. Und es ist eine Neuveröffentlichung, denn erstmals erschienen ist "Wenn das der Führer wüsste" bereits 1966 - mit einer apokalyptischen Vision: Hitler hat den Krieg gewonnen.

Von Florian Felix Weyh

"Wenn das der Führer wüsste" Der einzige Roman des österreichischen Schriftstellers und Publizisten Otto Basil in einer Neuausgabe (Milena) (Milena Verlag)
"Wenn das der Führer wüsste" Der einzige Roman des österreichischen Schriftstellers und Publizisten Otto Basil in einer Neuausgabe (Milena) (Milena Verlag)

Nebel liegt über Deutschland, besonders über Heydrich nahe des Kyffhäusers. Früher einmal war das Bad Frankenhausen, jetzt aber, in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, haben sich die Namen vieler Orte geändert. Denn seit dem Atombombenabwurf auf London, seit der Kapitulation der USA und der Sowjetunion, ist die Welt in zwei Machtsphären geteilt, eine westliche deutsche und eine östliche japanische.

Alle Juden sind vernichtet, die "Untermenschen" aus dem Osten werden in Lagern ausgebeutet oder als Leibeigene versklavt. Mythen ersetzen Wissenschaft, und so arbeitet Albin Höllriegl als "Strahlungsspürer" und bietet "Nordische Daseinsberatung" an. Der ehemalige Österreicher – "Ostmärker" – ist dabei nicht mal ein besonders engagierter Neugermane, spricht er doch nicht "Mutterdeutsch", die konsequente Rückführung des Deutschen auf rein germanische Wortstämme:

"Fahren Sie ein Brufart? Wenn ja, dann örten Sie in Sauckelruh an und kommen zu uns herauf zu Fuß oder auf dem Walf – Sie erhalten Leih-Walfe beim Eigenulf Schicketanz. In Sauckelruh haben Sie ein Daruh, die Illatümer dort sind zwar klein, aber quemvoll. Es gibt auch eine Freunat – die aber ist järtig, sie däunern daher besser im Daruh, dort hat auch Ihr Brufi gleich trefflichen Aranau. (…) Der Inarteram arbeitet zur Zeit an einer neuen Mögesicht, er lebt äußerst zurückgezogen, doch Ocka und Hingult an den Lebensvorgängen sind ihm geblieben. Kommen Sie also!"

Es wirkt wie ein Keulenschlag, was der kleine österreichische Milena-Verlag mit Otto Basils Roman "Wenn das der Führer wüsste" von 1966 ausgegraben hat. Damals noch eher säuerlich aufgenommen, liest sich das apokalyptische Panorama eines siegreichen Dritten Reiches heute wie ein ästhetischer Vorgriff auf Schreibweisen und Bilderwelten des Comics und Hollywoods der 90er-Jahre. Doch der Sieg steht auf tönernen Füßen.

In Berlin stirbt der Führer an Altersschwäche, ein riesiges Pompbegräbnis am Kyffhäuser wird anberaumt – mitten hinein fällt die erste Atombombe. Japan greift Deutschland an, die unterdrückten Völker erheben sich, Atomflüchtlinge blockieren die Straßen. In all diesem Durcheinander ist Albin Höllriegl unterwegs, von einem seltsamen Befehl zunächst nach Berlin, dann in den Harz gelockt, wo er angeblich in einer geheimen Angelegenheit natürliche Strahlungsquellen auspendeln soll, dann aber zum Staatsphilosophen Heidegger – nein, er heißt hier Gundlfinger – beordert wird, der sich gerade um den inneren Absprung von der Nazi-Ideologie bemüht.

Denn nach Hitlers Tod scheint alles zusammenzubrechen. Sein Nachfolger Ivo Köpfler ist eine zwielichtige Gestalt, ein Werwolf-Ideologe, dem der Unterdrückungsstaat mit all den Posten und Pöstchen für Parteigenossen zu lasch geworden ist. Hat er den Krieg mit Japan provoziert, als notwendiges Erfrischungsstahlbad für die Herrenrasse? Es bleibt, wie vieles in diesem Roman, raunende Vermutung.

In seinem rabenschwarzen Alptraum-Roadmovie von 1966 erfand Otto Basil wenig, sondern dachte nur die Nazi-Ideologie konsequent zuende. Die Architektur der Städte ist monoman, die Sprache der "glühenden Nationalsozialisten" völkisch-verschwiemelt, der Umgang der Menschen miteinander von Heimtücke geprägt. Die für Otto Basils Zeitgenossen größte Provokation bestand wohl in der Verknüpfung von Folter- und Unterdrückungslust mit sexuellen Phantasien, die von heute aus gesehen jedoch fast dezent beschrieben werden, oft nur in Andeutungen, nie in plakativen Szenen. Der Antrieb des ganzen Staatswesens scheint im Pervers-Sexuellen zu liegen, und der jämmerlich-opportunistische NS-Kleinfunktionär Höllriegl macht da keine Ausnahme. Er begehrt mit Ulla Frigg von Eycke eine ehemalige KZ-Aufseherin, ein germanisches Musterweib – vollrund, geistlos, brutal, brünftig –, und tut alles, um mit ihr den Beischlaf vollziehen zu können. Wenn sie ihn dabei erniedrigte und verletzte, wäre ihm das genauso willkommen wie das Gegenteil einer Vergewaltigung der Begehrten durch ihn selbst. Wir erleben eine vertierte Welt, in der die zu Tieren herabgewürdigten Menschen – auf vier Beinen grasende Osteuropäer, Resultat konsequenter Enthumanisierungsexperimente –, als einzige noch Menschlichkeit besitzen, während die germanischen Zweibeiner keinen moralischen Pfifferling mehr wert sind.

Soll man das lesen? Der Roman ist fast handlungslos – seine größte Schwäche –, aber als Panorama, ja Beschreibungsorgie, atemberaubend und unserer Wirklichkeit bei weitem nicht so fern, wie es auf den ersten Blick erscheint. Streicht man etwa den germanischen Schwulst bei den Heilern und Pendlern, reibt man sich verwundert die Augen: Das ist nichts anderes als der Riesenmarkt kommerzieller Esoterik, die heute, ideologiebefreit, Milliardenumsätze macht.

Der ursprünglich satirische Impuls des Autors bleibt dagegen ein Zusatzaroma für Insider: Traugott von Globke-Lynar erinnert etwa an Adenauers Skandalstaatssekretär Hans Globke; Tycho Unseld ist im Buch ein spät zur Besinnung gekommenen Nazi-Reichsmarschall. Wenn Ämter und Institutionen "Zentraleinlaufstelle für Ehrenzeichengesuche" oder ”Sondergeschäft für Haut-Fachtum" heißen, klingt das hingegen eher wie eine Kreuzung aus Nazibürokratie und Kafka.

Es ist die Wucht der Sprache und der Bilder, die Otto Basils Wiederentdeckung zum Ereignis macht. Denn es gehört mehr als nur satirische Überhöhung dazu, auf den simplen Satz: "Ich spiele Klavier" folgende Entgegnung zu formulieren:

"Oh, das Rausod! Wie lange schon? Sind Sie ringoß? Lieben Sie auch das Porab, das Manigum? Ich besuchte das Galmweisedom, beendete es aber nicht, zum großen Schmerz meiner Wissander. Ich wollte Garald-Rausothar werden – oder Manigand. Ich glaube, dass ich das lunod dazu gehabt hätte. Jetzt habe ich mich ganz der Inartenis verschrieben – ein Audiweil!"

Keine Bange, dieses "Mutterdeutsch" macht nur anderthalb Seiten des Buches aus, der Rest ist ohne Chiffrierapparat verständlich, dabei aber keinesfalls weniger verstörend. Zu verstörend für das Publikum des Ersterscheinungsjahrgangs 1966? Damals war man gerade noch bemüht, die Wahrheit aus den Auschwitzprozessen zu verarbeiten. Otto Basils böse Tiefenlotung ins apolitische, pathologische Wesen des Nazitums dürfte dabei nur gestört haben, denn es bot keinerlei Möglichkeit zu Ausflüchten: Wer zwischen 33 und 45 Nazi war, sagt dieser Roman, war einfach nur abgrundtief schlecht. Keine Vergebung möglich.

Otto Basil: "Wenn das der Führer wüsste", Milena Verlag, Wien 2010, 284 Seiten, 23,90 Euro.

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