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StartseiteMarkt und MedienDie wundersame Welt der Spartensender29.12.2007

Die wundersame Welt der Spartensender

Fernsehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Noch vor Jahren hieß es, der Fernsehmarkt würde eines Tages aussehen wie ein typischer Kiosk: Eine Vielzahl von Programmen würde jeden nur erdenklichen Geschmack bedienen. Heute, bedingt durch die Digitalisierung und damit verbundenen niedrigeren Verbreitungskosten, scheinen wir dieser Idee schon deutlich nähergerückt: Immer mehr Kanäle drängen auf den Markt mit immer spezielleren Zielgruppen und immer enger zugeschnittenen Programmformaten.

Von Michael Meyer

Für jeden Geschmack etwas: Die Spartenprogramme haben sich fast explosionsartig vermehrt. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Für jeden Geschmack etwas: Die Spartenprogramme haben sich fast explosionsartig vermehrt. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

In der letzen Sendung des Jahres von "Markt und Medien" wollen wir uns auf eine Reise durch diese speziellen Programmformate begeben - im Prinzip kann jeder Zuschauer sie bereits heute über digitales Kabel oder Satellit empfangen, allerdings ist die Zahl der Zuschauer in Wirklichkeit noch äußerst überschaubar. Michael Meyer hat sich bei einer Reihe von Sendern umgehört und stellt die Programmkonzepte und deren Macher vor.



491 Fernsehsender sind derzeit in Deutschland zugelassen - die Zeiten, als noch Vollprogramme wie SAT.1 oder RTL an den Start gingen, sind längst vorbei. Vorbei ist auch die Zeit, als noch einigermaßen breitenwirksame Nischenprogramme wie "n-tv" oder das "Deutsche Sportfernsehen" rund um die Uhr mit nur einer Programmfarbe den Sendebetrieb aufnahmen. Heute ist der Fernsehmarkt bereits sehr viel stärker ausdifferenziert - und ähnelt einem Zeitungskiosk: TIER-TV, TIMM-TV, Do-it-TV, ETOS-TV, 1-2-3.tv, Bibel-TV, Astro-TV sind gewissermaßen die Sender der vierten Generation - und die Liste der neuen Formate ließe sich beliebig lang fortsetzen. Die in dieser Sendung vorgestellten Programme stehen daher auch nur beispielhaft für eine Reihe anderer Sender - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Die fast explosionsartige Vermehrung der Spartenprogramme hat entscheidend mit Digitalisierung zu tun, betont Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen:

" Also, sicher hat das damit zu tun das Fernsehen erstmal ein bisschen billiger geworden ist, im Digitalen konnten sich die Ausstrahlungskosten erheblich reduzieren, es hat auch damit zu tun, dass das Publikum heute nicht nur das Hochglanzfernsehen annimmt, sondern sich auch mit etwas bescheideneren Ausgaben zufrieden gibt, wenn auch kein großes Publikum; und es hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass diese Innovationen, die wir auf diesem Feld jetzt sehen, gewissermaßen die vorprobierten Dinge sind, die wir später im Netz finden werden, einige sind auch schon rüber - da ist ja ein reger Austausch, was die Plattformen angeht. Und ich denke, das wird auch die Entwicklung sein - alles, was man sich eigens holt, also nicht die ohnehin angebotenen zeitdefinierten Programme, sondern das, was man sich aus Mediatheken, aus Filmotheken holt, all das wird man demnächst nicht mehr über diese Spartenkanäle bekommen, sondern übers Netz. "

Die Verlagerung der Spartensender ins Netz, oder auch andere Geschäftsmodelle, wie etwa die kostenpflichtigen Anrufe bei Gewinnspielsendern wie "9Live" sind für die Medienwächter ein Problem, gibt Norbert Schneider zu:

" Die meisten nutzen den Bildschirm und den Nutzen der Attraktivität, den dieser Bildschirm hat beim Publikum, um dann anschließend übers Netz, übers Telefon, worüber auch immer, das Geschäft zu machen. Das Geschäft findet nicht dort statt, wo man etwas sieht, sondern dort, wo man nichts sieht. Das ist für die Aufsicht natürlich eine etwas unkomfortable Ausgangslage, weil wir das Produkt, was wir sehen, ..., ist in aller Regel in Ordnung oder hat sich den medienrechtlichen Zugriff entzogen, etwa im Bereich der Erotik-Angebote. Das, was dann eigentlich stattfindet, findet außerhalb einer aufsichtlichen Betrachtung statt, irgendwo anders, da wird auch das große Geschäft gemacht "

Eines der Beispiele, das beispielhaft dafür stehen mag, dass im Spartenfernsehen das Geld nicht mehr nur mit Werbespots gemacht wird, ist das 2004 auf Sendung gegangene "ASTRO-TV". "ASTRO-TV" ist mehr als nur ein Fernsehsender: Es ist eine ganze Dienstleistungsgruppe namens "Questico" rund ums Thema Horoskop und Astrologie. Der Sender, der 20 Stunde pro Tag Anrufer live am Telefon astrologisch berät, war mehrmals in die Schlagzeilen gekommen, weil Kritiker monierten, hier mache man skrupellos Geschäfte mit den Nöten der Menschen. Die Macher sehen das natürlich anders und verweisen darauf, dass der Fernsehsender und die ausführlichen Beratungsgespräche durch Astrologen zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Was auf den ersten Blick als ein etwas merkwürdiges Argument erscheint, erklärt sich bei näherem Hinsehen: Die Beratungen bei "ASTRO-TV" sind für das erste Gespräch kostenlos, und mit 49 Cent für jeden weiteren Anruf halbwegs erschwinglich - sofern man durchkommt und das Glück hat, der 40, 50. oder 60. Anrufer zu sein. Richtig ins Geld gehen erst jene Gespräche, die über die Internetseite von "ASTRO-TV" vermittelt werden: Dort finden sich 2800 freischaffende Berater, Astrologen, mit denen "Questico" zusammenarbeitet. Und dort sind auch die Gebühren deutlich höher: Von 1 € bis zu 3,40 € pro Minute. Im Fernsehprogramm werden die beiden Bereiche sauber voneinander getrennt - im Internet sind es jedoch nur ein paar Klicks hin zu einer kostspieligeren Beratung per Telefon.
Das Publikum von "ASTRO-TV" ist zumeist weiblich und über 30, erzählt Questico-Geschäftsführer Sylvius Brandt:

" Die Fragen, die dort gestellt werden, sind sehr umfassend, es geht um Partnerschaft, es geht um Beruf, und es geht auch: Wie geht mein Leben generell weiter? Für jemanden, der nicht astro-affin ist, und auch mit Tarotkarten sich nicht auskennt, für den hört sich das eigenartig an. Auf der anderen Seite ist die Astrologie eine jahrtausende ausgeübte Profession und meistens saßen die Leute sich gegenüber, aber viele Sachen sind einfach hergeleitet aus den Sternenkonstellationen. Und da ist es eben nicht erforderlich, dass die Leute sich gegenübersitzen, und so ging das eben auch im Fernsehen. "

ASTRO-TV: " Lohnt es sich denn, daran noch festzuhalten....wie oft haben Sie sich eingewählt, ... Alles Gute und eine verbindliche Liebe wünsche ich Ihnen, danke, tschüs! "

Die Gespräche dauern meist etwa 15 Minuten. Alle Berater, egal, ob Sie im Fernsehen zu sehen sind, oder nur am Telefon Beratungen durchführen, sind angehalten, bestimmte Themen nicht zu behandeln. Fragen nach der Gesundheit oder schwerwiegende psychische Probleme sollen nicht Thema der Gespräche sein - solche Anrufer werden an Ärzte oder Psychologen weitergeleitet, sagen die Macher.
Egal, was man von dem Geschäftsmodell "ASTRO-TV" hält, fest steht: Das Unternehmen "Questico" ist erfolgreich. Das Fernsehprogramm dient dabei sozusagen als Vehikel für alle möglichen anderen Aktivitäten der Firma: Es gibt eine monatliche Zeitschrift namens "Zukunftsblick", einen Astro-TV-Shop, in dem CDs und Bücher wie etwa "Engel begleiten Deinen Weg " verkauft werden - und man kann sich die neuesten Horoskope sogar aufs Handy schicken lassen. Darüber hinaus gibt es weitere Themenfelder, mit denen sich Geld verdienen lässt: Die Zielgruppe der Frauen über 30 interessiert sich, so Sylvius Brandt, auch sehr für die Bereiche Wohnen, Einrichten, Wellness und Gesundheit - das alles seien weitere, denkbare Geschäftsfelder:

" Wir sind bei allen Formaten, die wir machen, darauf aus, mit unseren Zuschauern in Interaktion zu treten und sozusagen aus dem Zuschauer einen Nutzer zu machen, einen Kunden zu machen. Die Medien, die wir dazu gemacht haben, also ein Internet führt eben auch dazu, dass man mit den Leuten interagieren kann, und die Zeitschrift ist ja auch dazu da, dass man den Leuten noch mehr von unserem Content präsentieren möchte. "

Jedoch nicht nur jene Sender, die mit Telefonanrufen Geld verdienen, haben in den letzten Jahren eine erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht. Auch die Shoppingsender, die die den ganzen Tag Produkte an den Mann, vor allem aber an die Frau bringen, sind aus dem deutschen Fernsehmarkt nicht mehr wegzudenken: Sie heißen QVC, HSE, Der Schmuckkanal, Voyage, Gems-TV, Sonnenklar-TV usw. Interessant an der Entwicklung ist nicht so sehr, dass es immer mehr dieser Kanäle gibt, sondern: Sie werden immer spezieller. In anderen Ländern ist der Markt der Shoppingsender bereits sehr viel ausdifferenzierter: In Großbritannien etwa gibt es 40 verschiedene, zum Teil sehr spezialisierte Shoppingsender. Einer dieser Kanäle ist in Großbritannien "create and crafts", ein Sender nur für Bastelartikel, ein anderer beschäftigt sich nur mit Bauen und Renovieren.

In Deutschland gibt es ein ähnliches Programm, das jedoch kein reiner Shoppingsender ist, sondern nur einen ganz kleinen Teil seiner Sendezeit mit dem Verkauf von Produkten bestreitet. Es heißt: "Do-it-TV" und ist bislang nur übers Internet zu sehen - im Laufe des Jahres 2008 wollen die Macher jedoch auch per Kabel und über Satellit senden. "Do-it-TV" beschäftigt sich mit allen Themen rund ums Selbermachen, wie etwa Haus und Garten, Renovieren, Schöner Wohnen usw.:

Die jeweiligen Themenblöcke sind nach Tagen aufgeteilt, also etwa Montags gibt es Sendungen rund ums "Bauen und Sanieren", Dienstags stehen "Balkon und Garten" auf dem Programm usw. Das Konzept ist sehr weit gestreckt, erklärt Geschäftsführer Jörg Wulf:

" "Do-it" ist "do it" eben "machen", dazu gehören nicht nur selbermacher-Projekte, das ist ganz klar, sondern auch Hausbauplanungen, Dekorationen, Festtagsdekorationen, Basteln, da gehört schon eine ganze Bandbreite an Themen dazu, wo man aktiv ist, das ist eigentlich die Zielgruppe, die wir mit diesem Sender ansprechen wollen, die aktiv zu Hause, in der Freizeit, wenn sie aus dem Beruf kommen kreativ ihrem Leben widmen und da gibt es eben verschiedene Schwerpunkte, die man da auch persönlich hat. "

Es ist nahe liegend, dass "Do-it-TV" einen großen Schwerpunkt auf Ratgebersendungen legt: Wie bepflanze ich meinen Garten, wie dichte ich meine Fenster richtig ab, wie richte ich mein Wohnzimmer ideal ein und ähnliches.

Bislang stellt "Do-it-TV" täglich eine halbe Stunde neues Material ins Internet, das dann später, wenn das Programm 24 Stunden per Kabel und Satellit zu empfangen ist, in einer Schleife wiederholt werden soll. Die Produktionskosten sollen nicht hauptsächlich durch Werbespots wieder hereinkommen, meint Jörg Wulf - das sei für einen Spartensender zu schwierig:

" Wir denken eher, das wird ein sehr gemischtes Modell sein, es wird natürlich die Möglichkeit geben, Werbespots auszustrahlen, das ist aber auch für die Zuschauer, da muss man sehr vorsichtig sein, dass man sie nicht mit Werbeinseln zuknallt. Denn das kennen sie zwar von den großen Sendern, aber wir wollen ja auch etwas anderes bieten. Also wir wollen eher in die Richtung gehen, es soll Infomercials geben, Infomercials, die auch für diese Zielgruppen produziert sind, die ihnen einen Mehrwert anbieten können, durch Kooperationen im Bereich Image, durch Formatpräsentationen,...,Sponsoring, so etwas wird es geben, es wird immer die Verlängerung ins Internet hinein, das ist natürlich eine ganz zentrale Plattform, weil dort diese ganzen Beiträge zeitunabhängig zur Verfügung stehen, darum haben wir sehr viele Mischformen angedacht, die über die reine Spotwerbung , die in der Finanzierung nie über 25/30 Prozent hinausgehen wird, die die Finanzierung dann ausmachen sollen. "

Zur Freizeitgestaltung gehört auch die Haltung eines Haustieres - ein Aspekt, der von "do-it-TV" nicht abgedeckt wird. Wohl aber von "TIER-TV", dem ersten bundesweit empfangbaren Spartensender rund ums Thema Haus- und Nutztiere:

"TIER-TV" sendet aus einem kleinen Studiokomplex in Berlin-Tiergarten, direkt am Spreeufer. Seit Dezember 2006 ist das 50-köpfige Team auf Sendung - mit einem Programm, das im Schnitt fünf Stunden neu produziertes Material pro Tag enthält. Als erster Spartensender dieser Art ist "TIER-TV" bereits heute in den offiziellen Messungen der "Gesellschaft für Konsumforschung" , der GfK, vertreten und erreicht bis zu 100.000 Zuschauer pro Tag.

Tiere, und gerade Haustiere, sind ein attraktives Thema für einen Fernsehsender, meint "TIER-TV" Geschäftsführer Carl Claussen, denn immerhin halten die Deutschen 34 Millionen Haustiere: Vom Ara bis zum Zwergkaninchen. Insofern sei das ein interessanter Markt:

" Wir haben eine überdurchschnittlich kaufkräftige Zielgruppe. Das heißt: Unsere durchschnittlichen Haushaltseinkommen liegen bei 2000 EUR und drüber. Das ist deswegen natürlich eine interessante Größe, weil wir werbefinanziert sind, zu einem Teil und wir auch immer darauf achten müssen, dass für die Werbewirtschaft eine attraktive Zielgruppe da ist, also das können wir mit Sicherheit sagen. "

"TIER-TV" ist ein bunter Mix aus Ratgebersendungen, Reportagen, wie etwa vor einigen Monaten ein Schwerpunkt zum Thema "Tierelend auf Mallorca", oder auch eine wöchentliche Sendung mit einer sogenannten "Tiertelepathin", die per Ferndiagnose Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten analysiert:

" Das heißt, wir vollen tatsächlich dem Zuschauer täglich in seinen Fragen Rat und Tat geben, Tat tatsächlich auch, das kann bei uns angefragt werden, aber vor allem Rat über die Möglichkeit, sich aktiv in Sendungen einzuschalten, mitzureden, Probleme zu erörtern, wir haben eine ganze Reihe von Ratgeberformaten, insbesondere live täglich "Doc und Co", das kommt Mittags 13 bis 15 Uhr, mit Experten, wo Fragen beantwortet werden, die sich rund um insbesondere das Haustier stellen. Das können Gesundheitsfragen sein, das können Erziehungsfragen sein, Verhaltensfragen, alles mögliche. Unser Anspruch ist es, dem Zuschauer da ein sehr lebensnahes Serviceprogramm zu bieten. "

Der Servicegedanke steht auch bei "Lettra-TV" im Mittelpunkt - "Lettra-TV" ist ein Sender rund ums Lesen, dabei geht es sowohl um jene Menschen, die Bücher machen, schreiben, als auch jene, die Bücher lesen. "Lettra-TV" hat große Vorbilder: Reich-Ranicki -natürlich- mit seinem "Literarischen Quartett", Dennis Scheck mit "Druckfrisch" in der ARD, oder auch Elke Heidenreich mit "Lesen!" im ZDF. Bislang galt: Literatur im Fernsehen zu präsentieren, ist eher ein sperriges, schwieriges Unterfangen. Der "Lettra-TV" - Geschäftsführer Jan Henning de Dijn sieht das aber anders:

" Ich glaube nicht, dass Literatur im Fernsehen ein schwieriges Gewerbe ist, ich glaube nur, dass Literatur, Bücher, Lesen in einem Sender, der massentaugliche Quote machen muss, ein schwieriges Gewerbe ist. Wir dagegen sind Pay-TV. Und im Pay-TV hat man die Chance, eine bestimmte Nische anzubieten, die sich die Leute, die sich dafür interessieren, raussuchen können, zusätzlich zu den anderen Angeboten, die da sind. Das ist aber im Massenfernsehen, sowohl im Öffentlich-rechtlichen, wie im Privaten Fernsehen schwierig darzustellen, weil man immer gegen eine große Bandbreite ansenden muss. "

Das seit Ende November sendende "Lettra-TV" findet man auf verschiedenen Plattformen, etwa bei PREMIERE, sowohl im Kabel, wie über Satellit, als auch bei verschiedenen Kabelnetzbetreibern. Die Idee ist: "Lettra-TV" bezahlen die Zuschauer nicht einzeln, sondern bekommen das Programm als Teil eines Pakets, für das man pro Monat bezahlen muss. Insofern ist man auch unabhängig von Quoten, Werbegeldern etc. Für jeden Zuschauer bekommt "Lettra-TV" von PREMIERE oder anderen Unternehmen einen bestimmten Anteil an den Gebühren. Jan Henning de Dijn hofft, über dieses Modell die Produktionskosten refinanzieren zu können:

" Unsere Philosophie ist, dass wir nicht glauben, dass es im Digitalen Markt einen veritablen Werbemarkt gibt, zur Zeit. Das mag sich ändern, aber zur Zeit ist es nicht so, wir glauben, dass es eine Finanzierung eben nur über Pay-TV geben kann im qualitativen Bereich, weil die Plattformen halt ad 1) den Vertrieb übernehmen, weil ad 2) auch die qualitative Zusammenstellung übernehmen und da auch gute Arbeit leisten. Es gilt jetzt, sich zu positionieren im Pay-TV-Bereich, deswegen sind wir auch so früh am Start, dass wir zur Zeit noch eine relativ geringe Basis haben im Pay-TV-Bereich, die aber stark im Wachsen begriffen ist. "

In der Tat verzeichnen die kostenpflichtigen Zusatzangebote enorme Wachstumsraten, beim größten Kabelnetzbetreiber, der Kabel Deutschland GmbH, haben bereits eine dreiviertel Million Kunden ein kostenpflichtiges Zusatzangebot abonniert - zum Preis von 3 bis 25 EUR. Die Kabelnetzbetreiber achten bei der Einspeisung jedoch darauf, möglichst attraktive Programme anzubieten - "Lettra-TV" hat dabei aber gute Chancen, betont Jan Henning de Dijn.

Und in der Tat: "Lettra-TV" kommt hochmodern im Design daher - auch viele Formate, wie Shows zum Thema "junge Literatur" fehlten bislang im deutschen Fernsehen. Aber ob sich genügend Abonnenten für ein solches Programm finden?
Einen ganz anderen Weg, und zwar nicht den des Pay-TV, geht ab Sommer 2008 "TIMM-TV":

"TIMM-TV" ist in Deutschland der erste Versuch, ein Vollprogramm für schwule Männer zu produzieren. In den USA, Kanada und Frankreich gab und gibt es bereits Programme dieser Art, die jedoch zum Teil als Bezahlfernsehprogramm konzipiert sind.

"TIMM-TV" wird gemacht von einer kleinen Redaktion in Berlin-Kreuzberg - das Programm soll zwar nicht die Fernsehlandschaft revolutionieren, aber ein bisschen Provokation darf schon sein. Die Zeit ist reif für einen Sender dieser Art, meint "TIMM-TV" Marketingchef Ingo Schmoekel:

" Es gibt einige Studien aus Deutschland, aber auch international über schwule Männer, die haben wir herangezogen. Natürlich eine relevante Größe ist natürlich wichtig für ein Massenmedium, selbst im digitalen Zeitalter, und wir haben in Deutschland ca. 3,6 Millionen Männer und dazu noch im deutschsprachigen Raum, groß genug um einen eigenen Sender zu betreiben. "

TIMM-TV versteht sich nicht als fades Nischenfernsehen, sondern will die ganze Bandbreite der Darstellungsformen des Fernsehens bedienen. Klar: Die große Samstagabendshow und Fußballübertragungen wird man bei TIMM-TV nicht sehen - wohl aber eine Reihe anderer Formate, meint "TIMM-TV"- Chefredakteur Jochen Hick, von Beruf selbst Dokumentarfilmer:

" Es wird ein ganz normales Vollprogramm sein, es wird Nachrichten geben, es wird Reportagen geben, es gibt Porträtsendungen , es gibt Spielfilme, Serien, teilweise Lizenzeinkauf, aber auch Sachen, die wir selbst machen, gerade im Reportage und Newsbereich, für den ich auch verantwortlich bin, das wird ein sehr großer Bereich sein, und wir werden auch politische Diskussionsshows haben, und alle möglichen Formate, die es eigentlich bei allen anderen Sendern auch gibt, also es ist nicht so, dass man jetzt nur eine ganz bestimmte Art von Formaten auf diesem Sender sehen wird, sondern das sehen wir auch im Unterschied zu anderen Programmen, die jetzt neu auf den Markt gekommen sind. "

Ganz wichtig ist den "TIMM-TV" -Machern: Schwules Leben wird im Programm als völlig selbstverständlich dargestellt werden. Ob alt oder jung, mit Kind oder ohne, single oder mit Partner - lange Erklärungen wird es nicht geben. Etwa wenn nach MTV-Vorbild in einer Datingshow zwei junge Männer miteinander verkuppelt werden, und der Besuch bei den künftigen Schwiegereltern mit der Kamera begleitet wird:

Diskriminierung am Arbeitsplatz, Schwule Eltern, Welt-AIDS-Tag, Schwule Filme auf der Berlinale - all das kann und wird Thema bei "TIMM-TV" sein.

In wie weit sich der Sender nur durch Werbung tragen kann, ist fraglich. Schließlich ist der bundesdeutsche Werbemarkt kaum noch wachstumsfähig - und die Spartensender sind laut einer vor einigen Wochen erschienen Studie der Landesmedienanstalten bundesweit unter Druck: Laut dieser Studie arbeiten fast alle frei empfangbaren Spartensender nicht kostendeckend. Dafür aber, so glauben die Macher von "Timm-TV", bietet das Programm Möglichkeiten, zielgruppengenau zu werben - und die Zielgruppe der schwulen Männer ist laut Studien konsumfreudig, im Schnitt gut verdienend und gut gebildet. Nachteil allerdings: Die Zielgruppe ist mit rund dreieinhalb Millionen Männern in Deutschland recht klein. Langfristig hoffen die Macher, im publizistischen Wettbewerb der Fernsehsender eine ernst zu nehmende Stimme zu sein, so Jochen Hick:

" Durchaus ein Sender, bei dem man sich gerne zeigt, mit dem man spricht, mit allen Leveln der Bevölkerung auch wirklich reden, wir machen ja auch jetzt schon größere politische Stücke, wir werden da schon ein Player sein, oder wollen das auf jeden Fall sein. "

Die vielen Special - Interest - Sender dürfen über eines nicht hinwegtäuschen: Die Öffentlichkeit, die politische Agenda, die gesellschaftlichen Entwicklungen werden von diesen Sendern nur sehr marginal beeinflusst - wenn überhaupt. Insofern muss man nicht davon ausgehen, dass die Zersplitterung der Fernsehlandschaft auch zu einer "Atomisierung" der Öffentlichen Meinung führt. Auch wenn es noch so viele Sender gibt, die großen, allgemeinen Themen werden dieselben bleiben: Münteferings Rücktritt, Bahnstreik oder Klimakonferenz auf Bali - Themen dieser Art werden auch weiterhin bestimmend sein. Jedoch, unterhalb dieser Schwelle, werden die Zuschauer vielleicht noch öfter die "Kraft der Ignoranz" walten lassen, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz es ausdrückt, sprich: Sich via Fernseher einem sehr viel spezielleren Thema widmen:

" Wenn sich jemand nur für Käfer interessiert, wie der große Ernst Jünger, dann lasst sich nicht von vornherein ausschließen, dass das mindestens so vernünftig ist, wie sich für deutsche Innenpolitik zu interessieren. Wenn es einen Spartenkanal für Käfer geben sollte, ist nicht einzusehen, warum man dort nicht genauso vier Stunden sitzt und sich faszinieren lässt, wie ein sogenannter aufgeklärter Bürger, der vier Stunden lang vor PHOENIX sitzt. Auch das ist ein Spartenkanal, und gerade solche Sender wie PHOENIX machen deutlich, dass auch die sogenannte ausgeklärte Öffentlichkeit ein Spezialpublikum geworden ist. "

Doch einmal abgesehen von der möglichen Zersplitterung der politischen Öffentlichkeit bleibt die Frage: Wie wird sich der Fernsehmarkt insgesamt in den kommenden Jahren entwickeln? Werden die Zuschauer aus einer immer größer werdenden Zahl von Sendern auswählen können? Werden Sender auf den Markt kommen, die noch stärker spezialisiert sind? Werden wir eines Tages auch - zugespitzt formuliert - einen eigenen Kanal für den schwulen Angler über 60 haben?

Norbert Schneider von der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen meint: Das kommt darauf an - und zwar darauf, ob es sich rechnet:

" Wenn der schwule Angler über 60 so häufig vertreten ist, dass er ein Publikum abgibt und dafür bereit ist, zu zahlen, dann werden Sie das bekommen. Wenn aber das Verhältnis der Reichweite, also Größe der Kundschaft, also der Aufwand für das Produkt sich nicht herstellt, so dass Sie einen kleinen Gewinn machen, dann wird das nicht kommen. Also, es ist eine Frage der Geschäftsmodelle, und die Geschäftsmodelle werden jetzt in den spezielleren Bereichen tätig, die allgemeinen sind gut besetzt und da kann man sich im Prinzip alles vorstellen. Das ist ja in gewisser Hinsicht auch das Spannende an der Entwicklung. "

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