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StartseiteBüchermarktDie wundertätigen Könige21.02.1999

Die wundertätigen Könige

Vorwort von Jacques Le Goff

Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg zerstörte auch den Glauben an die Geschichte. 1924 veröffentlichte Marc Bloch, Professor an der Universität Straßburg, ein umfangreiches Buch über ein Thema, dem seine Fachgenossen bisher allenfalls Fußnoten gewidmet hatten. So seltsam war das Sujet, als hätte der Autor den Verdacht der Skeptiker bestätigen wollen, von den Historikern sei keine Aufklärung über die Zukunft mehr zu erwarten, sondern nur noch die Ausgrabung von Kuriositäten. Bei den Verlierern des Krieges waren die Throne umgestürzt worden, aber Bloch, der stolze Republikaner, der den Schützengraben überlebt hatte, ließ ein Buch über die Monarchie erscheinen. Und an diesem unzeitgemäßen Gegenstand hob er ein bizarres Detail hervor: Er untersuchte die Legende, die Könige von Frankreich und England könnten Wunder wirken, nämlich durch Handauflegen die Skrofeln heilen, tuberkulöse Entzündungen der Lymphknoten.

Patrick Bahners

Fünf Jahre nach der Publikation der "Rois thaumaturges" gründete Bloch gemeinsam mit seinem Straßburger Kollegen Lucien Febvre eine Zeitschrift, die zum weltweit einflußreichsten Organ der Geschichtswissenschaft avancieren sollte: die "Annales d'histoire économique et sociale". Die Abhandlung über den Glauben an die geweihten Wunderheiler gilt heute als Gründungsurkunde der "nouvelle histoire", der Geschichte der Mentalitäten. Bloch wollte einen Beitrag zur "politischen Geschichte im weiten, das heißt wahren Sinne" vorlegen. Inwiefern nahm das Buch das Reformprogramm der "Annales" vorweg, in deren Titel von der politischen Geschichte gar keine Rede ist?

Bloch und Febvre brachen mit der Nationalgeschichte der Vorkriegszeit, die die Wissenschaft in den Dienst der patriotischen Erbauung gestellt hatte. Den fachlichen Ernst seines Unternehmens bewies Bloch durch einen Verfremdungseffekt: Wer Heinrich IV. und Ludwig XIV. aus dem Schulbuch kannte, erkannte sie in Blochs Darstellung nicht wieder. Aus den Konstrukteuren des modernen Staates waren die Hohepriester eines Aberglaubens geworden. War das Handauflegen der gekrönten Ärzte ein Zeichen, das der Gegenwart nichts mehr bedeutete? Hatte die Wissenschaft gar die Aufgabe, die Vergangenheit unverständlich zu machen, um sie vor der Aneignung durch die Nachgeborenen zu schützen?

Nach der Katastrophe des französischen Heeres im Jahr 1940 schrieb Bloch ein Buch, das erst postum veröffentlicht werden konnte. Die "Seltsame Niederlage" war der Versuch einer Erforschung des nationalen Gewissens. Auf der Suche nach Gründen für das Versagen der Generalität stieg Bloch von der Oberfläche der militärischen Ereignisse in die Tiefen der Mentalität der Eliten hinab. Auch die Wissenschaft nahm er von der Kritik nicht aus: Er warf den Gelehrten vor, in naivem Hochmut hätten sie nach 1918 der Politik den Rücken gekehrt. War dieses Urteil auch als Selbstbezichtigung des Sozialhistorikers zu lesen? Hatte der Autor der "Wundertätigen Könige" es an Respekt vor dem nationalen Gedächtnis fehlen lassen?

Auf den ersten Blick nahm er das erhabene Bild vom Monarchen, der wie Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich rief, nur zum Material für eine Denksportaufgabe: Wie war es zu erklären, daß das Märchen von den Wunderhänden jemals geglaubt worden war? Womöglich aber war doch ein Hintersinn im Spiel, als Bloch die Staatslenker in Medizinmänner verwandelte. Für französische Intellektuelle lag im Monarchismus ein Reiz, weil man ihn zur Vorform des Rationalismus stilisieren konnte. Der König schuf einheitliche und übersichtliche Verhältnisse, die der Vernunft gefielen. Am Denkmal Ludwigs XIV., der die Verwaltung zentralisiert hatte, durfte auch der Republikaner einen Kranz niederlagen. Bloch entdeckte in den Bilanzen der Realpolitiker die beachtlichen Summen, die als Almosen an die von weither angelockten Leidenden gezahlt worden waren. Schon die Vorstellung, daß das Staatsoberhaupt regelmäßig eine stundenlange Parade des Jammers abschritt, sprach jedem Begriff von effektiver Regierungsarbeit Hohn. Heinrich IV. erlebte es als ermüdend, daß er am Ostersonntag 1608 zwölfhundertfünfzig Kranke berühren mußte, aber der Konvertit, der der Staatsräson gegenüber dem konfessionellen Fanatismus Geltung verschaffte, schickte seine Hoftheologen in einen Propagandakrieg zur Verteidigung des königlichen Wunders. Paris war mehr als eine Messe wert.

Durfte man die Einigung des französischen Staates wirklich als Prozeß der Rationalisierung fassen, als Umbildung der Wirklichkeit im Lichte der Vernunft? Blochs Funde belegten eine Koalition der Könige mit der Unvernunft. Der Nationalgeschichte ließ sich keine Logik des Fortschritts mehr ablesen. Bloch schnitt die Republik von ihrer Vorgeschichte ab. Er sah den französischen Staat nicht als metaphysische Substanz, die sich in allen Regimewechseln behauptete. Für die verunsicherte französische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit bedeutete das, daß sie die Fortexistenz des Staates nicht für selbstverständlich halten durfte. Blochs politische Geschichte im weiten Sinne setzte sich nicht an die Stelle der herkömmlichen Ereignisgeschichte, sondern ordnete sie in ihren wahren Zusammenhang ein. Erst die zweite Generation der "Annales", die Schule von Fernand Braudel, ließ die gewaltigen Wellen der Ökonomie über den Nußschalen der Staatsschiffe zusammenschlagen.

Zwar lenkte Bloch das Interesse seiner Kollegen auf langfristige Prägungen der kollektiven Psyche; die seltsamen Zeichen der königlichen Liturgie verwiesen für ihn auf eine Hinterwelt magischer Anschauungen, die den exorzistischen Bemühungen kirchlicher Modernisierer hartnäckig widerstand. Doch diese abergläubische Mentalität beließ Bloch schon deshalb im Halbdunkel, weil sie in den Quellen immer nur indirekt faßbar ist. Mit welchen Hoffnungen die Kranken sich zum König schleppten, wie sie einen Rückgang der Symptome als Beweis der Heilung nahmen und einen Rückfall nicht als Gegenbeweis, haben sie selbst nicht überliefert. Ihr Glaube bleibt eine abstrakte Größe ­ man muß ihn erschließen aus dem unbezweifelbaren Faktum, daß die Könige jahrhundertelang Heilungen vollbracht haben, denen die heutige Wissenschaft diesen Namen verwehren muß. Als das schlechthin Unvernünftige scheint die Verehrung der Wunderheiler außerhalb der Geschichte zu stehen; was sich gegen empirische Widerlegung immunisieren konnte, entzieht sich noch im nachhinein dem Zugriff der Wissenschaft.

Es liegt nahe, den Nimbus der ungelehrten Ärzte als Abglanz ihrer politischen Macht zu erklären. Doch als Franz I. 1525 als Gefangener Karls V. nach Spanien verbracht wurde, da liefen die Untertanen des Siegers zusammen, um sich vom Verlierer berühren zu lassen. Immerhin erlaubt die gründliche Buchführung des englischen Schatzamts, den Kredit der stets von Rivalen bedrohten englischen Könige des Spätmittelalters am Zustrom der Kranken zu messen, die Vertrauen in den Amtsinhaber investierten. So nährt die Statistik den Glauben, das Irrationale sei am Ende doch berechenbar. Die Einbildungskraft des Volkes wächst bei Bloch nicht zur revolutionären Macht heran. Die Energie der kollektiven Imagination mag sich aus Quellen speisen, die der Vernunft unzugänglich sind; gleichwohl muß sie kanalisiert werden. So widmete Bloch seine Aufmerksamkeit vorrangig den ministeriellen Beschlüssen, bischöflichen Segnungen und gelehrten Gutachten, die der Volksfrömmigkeit eine Form gaben. Den Fachleuten gelang es, das Wunder in sein Gegenteil zu verwandeln, in einen regelmäßig wiederkehrenden Vorgang, der in die Zuständigkeit der Verwaltung fiel.

Die Manipulation der leichtgläubigen Menge durch die Mächtigen war das klassische Thema der Historiographie der Aufklärung. Bloch bekannte sich zur Methode Voltaires. Die ältesten Ansätze einer historischen Erklärung des Heilungswunders waren Varianten der These vom Priestertrug: Zweifler wollten dem königlichen Scharlatan auf die Schliche kommen. Hatte er seine Hände heimlich mit einer Salbe eingerieben? Für Bloch waren Verschwörungstheorien ein Aberglaube der Vernunft, die überall Berechnung vermutet. Zwar waren die illusionären Heilungen Opium für das Volk, doch schlug die Droge nur deshalb an, weil der Zauberer sich selbst berauschen ließ. Die Methode Voltaires verband Bloch daher mit dem, was er die romantische Methode nannte: Er fragte nach den unwillkürlichen Überzeugungen, die der Willkür erst Macht über die Meinungen geben.

Mancher romantische Historiker zumal in Deutschland erblickte im Volksgeist eine Bastion gegen die moderne Rationalität. Bloch sah, daß auch die Aufklärung, wenn sie sich einmal im Volk durchgesetzt hat, keiner Gründe mehr bedarf. Im fünfzehnten Jahrhundert rechnete man an jedem Wegkreuz mit einem Wunder, im neunzehnten verstand sich der Zweifel von selbst. Sogar Karl X., der bigotte Reaktionär, der am 31. Mai 1825 nach seiner Krönung als letzter König die Skrofelkranken berührte, hätte sich der archaischen Pflicht lieber nicht mehr unterzogen.

Bloch liest jede Quelle zweimal: Die Absicht des Autors gewinnt Kontur auf dem Hintergrund dessen, was der Text unabsichtlich über den Geist der Zeit verrät. Ohne es zu merken, änderte Ludwig XV. den Spruch, der jedes Handauflegen begleitete. Statt "Der König berührt dich, Gott heilt dich" sagte er "Der König berührt dich, Gott heile dich": Aus der Ratifikation des Mirakels war ein frommer Wunsch geworden. Schon Karls X. Großvater war von der Skepsis angekränkelt. Bloch definierte die Historie als "Wissenschaft der Zeit und folglich der Veränderung". Weltbilder sind Staudämme, die den Fluß der Zeit anhalten. Bloch hörte im Murmeln der Formeln schon das ferne Donnergrollen, das den Bruch der Mauer ankündigte. Die ludovizianische Lautverschiebung verbürgte, daß der Geist in Bewegung war.

Der französische König wurde in Reims mit einem Öl gesalbt, von dem man erzählte, daß ein Engel es Chlodwig gebracht habe, dem ersten christlichen Frankenherrscher. Der Himmelsbote hatte Chlodwig und seine Nachfolger gleichsam über die profane Geschichte emporgehoben; die Wechselfälle des Schicksals konnten ihnen nichts mehr anhaben. Bloch holte die Religion von Reims ­ wie Ernest Renan den Kult um den allerchristlichsten König nannte ­ in die Zeit zurück. Hinter den Sinnbildern innerweltlicher Ewigkeit machte er Momentaufnahmen von den Krisen einer Institution sichtbar, die ihr Überleben der Phantasie verdankte, der Sage vom Lilienbanner und anderen blühenden Legenden. Als die reale Macht der Kapetinger sich noch auf das Herz des heutigen Frankreich beschränkte, bezauberten sie schon die Vorstellungskraft ihrer künftigen Untertanen. Staatsnot machte erfinderisch: Daß die Wunderkraft der Hände vom Vater auf den Sohn überging, war ein unwiderlegliches Argument für die Erblichkeit der Krone, die gegen den Adel durchgesetzt werden mußte.

Percy Ernst Schramm nahm 1939 in seinem Standardwerk "Der König von Frankreich" Blochs Ergebnisse auf, warf ihm aber vor, die wichtigste Erklärung des Wunders vernachlässigt zu haben: die Idee des Königsheils, den germanischen Glauben an die in der Herrschersippe weitergetragene Urkraft. In diesem Disput war es der deutsche Ausleger von Herrschaftszeichen und Staatssymbolik, der die Macht des politischen Willens durch eine mentale Struktur langer Dauer beschränkt sah; der Mitbegründer der "Annales" bemühte sich dagegen, die Seelenzustände der Gesellschaft auf Entscheidungen und Zufälle zurückzuführen.

Marc Bloch, der zu den Organisatoren der Résistance in Lyon gehörte, wurde am 16. Juni 1944 von der Gestapo ermordet. Sein erstes Hauptwerk, das sich der deutschen Mediävistik verpflichtet weiß und doch ihre Neigung zu nationalistischer Legendenbildung kritisiert, ist ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod endlich so kundig wie lesbar ins Deutsche übersetzt worden. Es trifft hierzulande auf ein Interesse an Ritualen, Symbolen und Erinnerungen, das man das schlechte Gewissen des liberalen Rationalismus nennen mag: Auf bloßer Vernunft, hat man erkannt, läßt sich der vernünftige Staat nicht errichten.

Als Max Weber auf das Charisma des begeisternden Anführers einen seiner drei Typen der legitimen Herrschaft gründete, provozierte er sowohl die Verfassungspatrioten als auch die Möchtegerncharismatiker. Hinter dem fraglosen Gehorsam gegenüber dem gottgesandten Kommandeur legte er ein Verhältnis der Gegenseitigkeit frei, die Rudimente eines Rechtszustands. Die Treue der Gläubigen war nur scheinbar bedingungslos. Der Schützling des Himmels mußte beweisen, daß er in höherem Auftrag kam.

Auch der ermüdende Samariterdienst der Könige läßt sich als solches Entgegenkommen deuten. Wer sich erniedrigt, soll erhöht werden: Das Wunder, das den König über alle Sterblichen hinaushob, brachte ihn zugleich mit den Menschen im wörtlichen, für den hohen Herrn denkbar unangenehmen Sinne in Berührung. Der kleine Ludwig XIII. fühlte sich von den Skrofulösen verfolgt. Er ekelte sich vor den offenen Wunden, in die er seinen Finger legen mußte, und fürchtete sich vor Ansteckung. Aber die Kranken hatten kein Erbarmen. "Sie sagen, daß ein König nicht an Pest stirbt. Sie meinen, ich bin ein Spielkartenkönig."

Daß der König nicht sterbe, war eine rechtliche Fiktion, die die ungestörte Abwicklung der Staatsgeschäfte sicherstellen sollte. Aber die juristische Figur der zwei Körper des Königs wurde deshalb zum bezwingenden Bild, weil sie die Erinnerung an einen magischen Glauben bewahrte: Der Herrscher mußte unverletzlich sein. Für den sterblichen Kronenträger folgte aus dieser Erwartung, daß er alles gefährliche Verhalten vermeiden mußte. Nur wenn er sich dünn und glatt gab wie eine Spielkarte, umging er das Verletzungsrisiko seines abenteuerlichen Berufs.

Als König Faruk von Ägypten ins Exil ging, prophezeite er, am Ende des Jahrhunderts werde es nur noch fünf gekrönte Häupter geben: Kreuz, Pik, Herz, Karo und den König von England. Damals war Diana Spencer noch nicht geboren. Ihre Geschichte taugt zum Epilog der Geschichte von den wundertätigen Königen. Die Massenhysterie, die England nach dem Tod der Prinzessin packte, schien das Musterland der Aufklärung ins Mittelalter zurückzuwerfen. Wallfahrer strömten nach London, die kein Priester gerufen hatte; die Tränen schwemmten die Etikette hinweg. In den unteren Regionen des kollektiven Gedächtnisses hatten die Trauernden den Titel gefunden, den sie der Toten gaben: Als Heilige riefen sie Diana an. Und wirklich wurde die spontane Kanonisierung einer Frau zuteil, die sich wie eine Heilige benommen hatte. Sie hatte mit den Armen gegessen und bei den Kranken gesessen. Die modernen Aussätzigen, mit Aids geschlagen, hatte sie berührt. Und wundersame Dinge wußte man zu erzählen von der Wirkung ihrer tröstenden Worte. Die Monarchie wurde von einer Kraft erschüttert, der sie ihr Überleben im bürokratischen Zeitalter zu verdanken glaubte: Das Charisma, die persönliche Autorität jenseits aller Vernunft, ging von der legitimen Dynastie auf die Rebellin über. Das Volk forderte von der Königin, sichtbar um ihre Schwiegertochter zu trauen. Allerdings gab es keine politische Kraft, die den Kult um Diana zu ihrer Sache gemacht hätte. Daher konnte sich das Haus Windsor behaupten, nachdem die Königin ­ in Gesten, nicht in Worten ­ versprochen hatte, sich künftig wieder an die Regeln zu halten, wie ihre Kollegen im Kartenspiel.

Marc Bloch war ein Verhaltensforscher, der ein Auge für das sprechende Detail und ein Ohr für die bildhafte Redewendung hatte. Indem er die Bewegungen der Könige aus der Nähe studierte, ihnen wie ein zudringlicher Kranker auf den Leib rückte, gelang ihm eine Relativierung des Absolutismus. Selbst wenn die Gesalbten von Reims und ihre Rivalen von Westminster die Naturgesetze außer Kraft setzten, gehorchten sie den Regeln ihrer Rolle. So ist die Haltung des Autors zum Gegenstand ironisch. Wenn er die Geschichte des königlichen Wunders am Ende des Buches einen kollektiven Irrtum nennt, ein falsches Gerücht mit gewaltigem Widerhall, scheint Voltaire über die Romantik zu triumphieren. Als Erneuerer der politischen Geschichte in politischer Absicht hätte Bloch freilich über diesen Sieg nicht frohwerden dürfen. Im Weltkrieg hatte er die Opferbereitschaft des Volkes bewundern gelernt, der Bauern, die ohne Nachdenken an die Nation glaubten. Das älteste Dogma dieses Glaubens, eine der Ursprungslegenden der Nation, entlarvte Bloch im Königsbuch als Selbsttäuschung. Auch die Bürger der Republik erwarteten Wunderdinge vom Staat. Zeugte die Religion der Nation auch in ihrer säkularisierten Version von einem Mangel an Aufklärung? Trat aus der Glaubensgemeinschaft des Volkes heraus, wer kritische Fragen stellte?

Solange die Gelehrten auf königliche Gnade angewiesen waren, hüteten sie sich davor, dem Volk die Augen zu öffnen. Was Bloch zum Schweigen der Mediziner und Theologen wider die Vernunft und wider den Augenschein zusammenträgt, könnte die Anklage vom Verrat der Intellektuellen begründen. Wenn sich die Berufsdenker an der Verdunkelung beteiligten, wie setzte sich dann die Aufklärung durch? Wieso sprach es sich irgendwann herum, daß das Gerücht von der Heilkraft der königlichen Hände ein Irrtum war? Bloch zeigt, daß die Ausbreitung des Wunderglaubens schon ein Prozeß der Rationalisierung war. Der gläubige Geist dachte nach denselben Prinzipien wie der wissenschaftliche Verstand. Auch der Glaube macht sich ein zusammenhängendes Bild der Welt, in dem es keine Widersprüche geben soll. Als Experte für die Skrofeln hatte der König einen Konkurrenten im heiligen Markulf. Der Systemzwang des magischen Denkens führte zur Verschmelzung beider Legenden: Man malte sich aus, daß Markulf im Himmel Fürbitte für die Könige einlegte. Dem Glaubenden konnte nur die einfachste Welterklärung genügen, und irgendwann war es einfacher, sich einen Gott zu denken, der es nicht nötig hatte, immerfort seine eigenen Gesetze zu brechen. Das Wunderbare an der Welt ist, daß sie vernünftiger ist als die Wissenschaftler. Man darf dem Volk zutrauen, daß es durch Erfahrung klug wird und sich selbst von seinen Irrtümern heilt. Von der Aufklärung ließ sich eine romantische Geschichte erzählen: sie geschah beinahe von selbst. Diesen Trost, den der republikanische Historiker seiner unglücklichen Nation spendete, könnte man die Fernwirkung des königlichen Wunders nennen.

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