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StartseiteSprechstundeDie Zeit des Gähnens22.03.2011

Die Zeit des Gähnens

Radiolexikon: Frühjahrsmüdigkeit

Mit Beginn der ersten Frühlingsanzeichen werden viele Menschen schläfrig. Die Frühjahrsmüdigkeit, die gar keine echte Krankheit ist, weist darauf hin, dass der Mensch Probleme beim Wechsel der Jahreszeiten hat.

Von Andrea Westhoff

Wer tagsüber schläfrig ist, der kann frühjahrsmüde sein. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Wer tagsüber schläfrig ist, der kann frühjahrsmüde sein. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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"Über'n Garten durch die Lüfte
Hört' ich Wandervögel zieh'n,
Was bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt's schon an zu blüh'n."


So beginnt der Frühling bei Joseph von Eichendorff - und weiter heißt es in dem Gedicht:

"Jauchzen möcht' ich, ... "

Aber danach ist vielen Menschen so gar nicht zumute zwischen März und Mai - eher im Gegenteil:

"Ein großer Teil der Bevölkerung erlebt das ja jeden Frühling, dass man so eine Abgeschlagenheit am Tage bemerkt, sich schlapp fühlt, obwohl eigentlich das Leben in der Umwelt wieder erwacht, passt so die eigene Stimmung gar nicht dazu."

"Frühjahrsmüdigkeit" - Auch wenn es sich nicht um eine Krankheit im eigentliche Sinne handelt, können die Symptome mitunter recht heftig auftreten: Neben einer Schläfrigkeit bei Tage, die meist mit Schlafstörungen nachts einhergeht, klagen die Betroffenen oft über Kreislaufprobleme und Schwindel, eine besondere Gereiztheit oder Kopfschmerzen, manchmal auch über depressive Verstimmungen. Wer oder wie viele davon betroffen sind, ist nicht bekannt, ebenso wenig wie die genaue Ursache für Frühjahrsmüdigkeit:

"Da gibt's verschiedene Hypothesen dazu."

Sagt Dr. Alexander Blau vom Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum der Berliner Charité:

"Wir wissen, dass da Licht ein ganz wesentlicher Faktor ist, wir haben ja in der Winterzeit viel Dunkelheit und eigentlich soll Licht aktivieren, und es gibt ja auch Menschen, die trinken zum Beispiel Kaffee und werden dadurch müde oder andere nehmen zum Beispiel eine Schlaftablette und werden dadurch wach, und so ähnlich geht's uns vielleicht eben auch im Frühling, wenn dann eigentlich wieder der Stimulus da ist, am Tage wach zu sein, dass man so eine Art paradoxe Reaktion auch hat."

Man weiß auch, dass der menschliche Körper vielfach auf Temperaturveränderung reagiert: Wird es draußen wärmer, weiten sich zum Beispiel die Blutgefäße und der Blutdruck sinkt etwas ab. Auch dadurch fühlen sich manche müde und schwächer. Eine andere Hypothese besagt, dass - ebenfalls unter dem Einfluss von Licht - ein Widerstreit zweier Hormone im Frühjahr für den Körper so ermüdend sein könnte:

"Melatonin und Serotonin sind zwei Seiten einer Medaille, Serotonin und Melatonin können im Körper ineinander umgewandelt werden, Serotonin gilt ja gemeinhin als aktivierend und antidepressiv auch wirksam und Melatonin eher als dem Körper die Nacht zeigend , etwas müde machend, da bilden sich vielleicht auch neue Gleichgewichte zwischen den Stoffen, aber genau nachweisen lässt sich das heutzutage nicht."

Manche Physiologen vermuten eher, dass sich hier unser evolutionäres Erbe bemerkbar macht: Der Körper ist im Winter auf eine Art "Sparmodus" eingestellt, weil ursprünglich wenig Nahrung zur Verfügung stand, und kommt im Frühjahr erst langsam "auf Touren". Auch die übliche "Winterernährung" kann frühjahrsmüde machen: Man isst bei kaltem Wetter doch eher schwerere, fettere Kost, weniger frisches Obst und Gemüse, also fehlen dem Körper Vitamine. Eine letztgültige Antwort gibt es jedenfalls nicht. Sicher scheint nur: Frühjahrsmüdigkeit ist keine Einbildung oder müde Ausrede. Alexander Blau:

"Das ist ein Umschaltpunkt in unserem Körper. Und dieses Umschalten, das bringt eben den einen oder anderen da etwas ins Trudeln, ich denke, dieses Phänomen ist real; letztlich geklärt, warum es dazu kommt, ist es nicht, und häufig hat es aber keine medizinische Bedeutung."

Trotzdem kann - und sollte - man etwas tun gegen Frühjahrsmüdigkeit. Allerdings nicht: Mehr Schlafen! Im Gegenteil. Dadurch wird der Prozess der körperlichen Anpassung eher gestört.

"Wichtig ist, dass man versucht, sich zu bewegen, gerade an frischer Luft und die Sonne dann auch, wenn sie denn scheint, möglichst wirken lässt und nicht zu schweres Essen, nicht zu kalorienreiches Essen, Sport und auch auf den Schlaf achten, also genug Zeit nehmen in der Nacht zum Schlafen, regelmäßige Bettzeiten zum Beispiel da durchaus einhalten, das kann einem helfen, da aus dem Tief zu kommen."

Also nicht noch zusätzlich die "innere Uhr" durcheinander bringen - aber das ist oft leichter gesagt als getan, insbesondere für Schichtarbeiter oder Viel-Reisende. Wirklich leicht und fast immer und überall umzusetzen sind dagegen Kneippsche Wechselbäder, um frühjahrsfit zu werden, sagt Dr. Rainer Stange, Internist und Experte für Naturheilkunde an der Charité. Dazu braucht man nur eine Dusche oder einen Schlauch oder auch - wie einst Pfarrer Kneipp selbst - eine Gießkanne:

"Da kann man einen ganz einfachen Guss mit machen, entweder kalt oder wechselwarm - also erst warm und dann kalt -, zum Beispiel auf den Unterschenkel bis Kniehöhe nach einem bestimmten Ritual gegeben, warm-kalt abwechselnd, zwei bis dreimal wiederholt, das ist der Knieguss, er führt zu einer Belebung im Kopf, weil wir natürlich auch da unten über Nervenleitungen unser Wachheitssystem aktivieren können, das andere ist das Tautreten ist zum Beispiel für den Eigenheimbesitzer mit Gras hinterm Haus das einfachste, im Morgentau, und im Winter gibt es dann das Schneetreten. Das soll je nach Länge der Runde drei bis viermal erfolgen, also nehmen Sie mal als Anhaltwert drei bis vier Minuten und dann warmlaufen."

Es gibt noch unzählige weitere Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit, eine Broschüre für Tibetische Medizin schlägt etwa vor:

Ohrenenergie einschalten! Wenn Sie wach werden oder der Wecker läutet: als erstes die Ohren massieren. Kneten Sie den Ohrenrand einige Minuten und biegen Sie ihn leicht nach außen. Danach fühlen Sie sich frischer!

Auch Minzöl auf den Schläfen oder "Wachklopfen" sollen helfen, den Winter abzuschütteln. Allerdings rät der Schlafmediziner Dr. Alexander Blau von der Charité auch:

"Wenn man länger als vier Wochen diese Probleme hat und häufiger als an vier Tagen in der Woche, dann sollte man sich da durchaus auch mal an einen Arzt wenden, dann kann es ein Hinweis sein, dass das eigentlich gar keine Frühjahrsmüdigkeit ist, sondern vielleicht ganz andere Ursachen hat."

Einige Schilddrüsenerkrankungen, das Chronisches Erschöpfungssyndrom oder auch eine Depression, die nur zufällig im Frühjahr auftreten...

"Es gibt viele Gründe körperlicher Natur, die ebenso Schläfrigkeit oder Abgeschlagenheit am Tage herbeirufen können, wenn der Hausarzt da nichts findet, kann der Weg weitergehen zum Schlafmediziner, es gibt dann so Fragebögen, mit denen man das objektivieren kann, man kann Schläfrigkeit auch messbar machen im Schlaflabor, die Einschlafneigung messen, objektive Hirnaktivität bestimmen, so könnte man das klären."

Frühjahrsmüdigkeit ist vermutlich schon ein sehr altes Phänomen - und bei genauem Hinhören, kann man selbst im überschwenglichen dichterischen Lob des Frühlingserwachens etwas von der Ambivalenz entdecken. So schrieb Theodor Fontane:

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
Er kam, er kam ja immer noch
Die Bäume nicken sich's zu.


..um dann fortzufahren:

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt; Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.

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