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StartseiteBüchermarktDie Zeit des Runzelkanzlers14.02.2004

Die Zeit des Runzelkanzlers

Wolfgang Rudelius über eine vergangene Epoche

1950 war der Zweite Weltkrieg seit fünf Jahren vorbei. In Schulen kämpften Lehrer mit harter Hand und steifem Bein für Ruhe, Ordnung und Disziplin und alle vierzehn Tage ging ein Junge zum Friseur. Wolfgang Rudelius blickt in die Fünfziger am Main.

Jochanan Shelliem

Wolfgang Rudelius, "Das Licht im Haus gegenüber", Coverausschnitt (Verlag Sauerländer)
Wolfgang Rudelius, "Das Licht im Haus gegenüber", Coverausschnitt (Verlag Sauerländer)

Kinderläden sollten erst zwei Jahrzehnte später in leer stehende Läden ziehen. Patchworkfamlien waren damals keine Alternative zur Bauknechtgestärkten Ehe, sondern eine sicherer Fahrkarte in das gesellschaftliche Aus, vor der Frau sich nur durch den beherzten Sprung in eine neue Ehe retten konnte. Auch Bosskopps Mutter springt, verdrängt die Vorgeschichte ihrer Adenauerexistenz. Nur Bosskopp stört. Sodass Herr Boss, der neue Mann der Lehrerin das tut, was Männer damals taten, nämlich Zucht und Ordnung in den Jungen einzuprügeln, damit aus der dicken Memme etwas wird.
Ich war tatsächlich auch dick.. alles Dinge die.. Ich möchte gerne so früh wie möglich sagen, dass die Geschichte die ich geschrieben habe nicht meine Geschichte ist.
Es ist schon der zweite Versuch von Wolgang Rudelius seine Biographie nicht aufzuschreiben. Der Bosskopp hieß 1988 ein Jugendroman, den der Grafiker für Beltz und Gelberg schrieb. Fünf Jahre später wird ein Theaterstück daraus. Bosskopps Entführung wird 1993 in Aalen uraufgeführt. Und jetzt hat Wolfgang Rudelius, nach Aufstieg in und Ausstieg aus der Werbebranche, nach seiner Zeit als Illustrator und Aufkündigung aller Tätigkeiten als Grafiker, um eigene Buchprojekte zu verwirklichen, nach seinem Ausbau einer alten Mühle und sechs Jahren als Hausmann sich noch einmal daran erinnert, wie sein Leben begann, als er noch fett und unerwünscht gewesen ist, verschwiegen und verdroschen worden ist, wie alles, was die neuen Zeit verstörte wie Körpergeruch. Aus dem Portrait eines hässlichen Enterichs wurde nun das Panorama einer fast vergessenen Zeit.
Ich glaube in dieser Zeit - Wir sprechen ja von der Nachkriegszeit und den Fünfzigern.. haben Schläge eine große Rolle gespielt. Sie waren eigentlich auch das bevorzugte Erziehungsmittel.
Es ist ein eminent politischer Roman, auch wenn von Politik wenig die Rede ist. Die Jugendlichen um Bosskopp herum leben einfach in einer Zeit, in der man nicht sagt, was man meint.
Alle haben geschlagen. Die Lehrer haben ihre Schüler geschlagen. Die Eltern.. ihre Kinder.. ein System der Unterdrückung.
Bosskopp begegnet Lenchen, der Schwester seiner Kinderfrau im Odenwald. Lenchen, die schweigt und pinkelt. Lenchen, die einst gesungen hat, sehr schön gesungen hat und einen Russen liebte, was sich nicht schickte für eine Bauerstochter in der Nazizeit. Kommt das Wort "Zwangsarbeiter" vor, ich weiß es nicht. Lenchen’s Geiger war wohl einer. Die Zeit ist längst vorbei. Die Bauern haben ihre Tochter in die Klappsmühle gesteckt. Wolfgang Rudelius liebt den Schauspieler Jack Nicholson, vor allem in seiner Rolle als renitenten Insassen einer Irrenanstalt. Ken Folley’s wütende Parabel auf das verlogene Bürgertum war in den Siebzigern mehr als nur Kult, der Film war das Grundsatzprogramm der Spontis. Im Odenwald der Fünfziger findet Rudelius die Vorlage für Ken Folley’s Roman, beschreibt die Anstalt aber nicht. Keiner verläßt ein deutsches Kuckucksnest, wenn er noch singt. Und der Bettnässer Bosskopp versteht.
Ich habe versucht darzustellen, sehr frühzeitig so was wie eine Aufspaltung erlebt seine Wahrnehmung sehr schult durch diese Schlägereien, diese rigiden Erziehungsmaßnahmen. Auch das Internat mit Ordnungs- und Sauberkeits-vorstellungen, er lernt erst mal, sich zu ducken, sich zu verstecken in einer Fettschicht, könnt man sagen, in einem aufgeblasenen Körper und gleichzeitig beobachtet auch wie eine Muschel, die sich in den Schalen versteckt hält.. Habe mir auch vorgestellt, dass er diese Schutzschichten auch braucht, die Möglichkeit zu beobachten. Gibt ihm so was wie eine erste Waffe.
Autor Das Licht im Haus gegenüber heißt der Roman, in dem Rudelius die Entwicklung von Bosskopp beschreibt. Bosskopp, der sich in Fett verkapselt hat und sogar die Schläge seines Stiefvaters im Geist minutiös protokolliert, bis er auf Seite 146 zurückschlagen wird. ”Wilhelm hör auf”, wird seine Mutter rufen. Soweit die Menschwerdung eines Apfels. Zunächst ist aber da die Sache mit der Männlichkeit und der Traumkombination in Andi‘s Partykeller.
Da werden nicht nur die Mädchen verteilt, sondern die Mädchen in Verbindung mit Sitz und Liegegelegenheiten.. die Karin mit der und der Liege und die Sabine mit einer anderen.. das sind die optimalen Objekte.. als Einheit.. als Möglichkeit. Wenn die verteilt sind.. noch die anderen Mädels von Interesse sind.. erstens habe ich das öfter so erlebt und zweitens drückt das sehr gut den Objektcharakter aus, die die Mädels haben.
Vielleicht ist das Glossar hilfreich, das von Akim, dem Comichelden aus den Fünfzigern über Dubcek, Latexhosen und Vietcong bis zu VV, der Abkürzung für Vollversammlung zeittypisches versammelt hat. Lesenswert wird der Roman durch die Lasurtechnik Rudelius, wie in Nadolny’s Die Entdeckung der Langsamkeit entdeckt der Leser - nicht der Held - hinter der Schutzschicht aus Traumflucht und Arroganz die Wirklichkeit um diesen Jungen, den seine Sehnsucht durchs Leben zieht. Auch als aus dem fetten Bettnässer Bosskopp der dürre Will geworden ist, der nach wie vor Angst vor den Frauen hat, weil er nicht weiß, wie er es ihnen besorgen kann. Kein Wunder, dass die ersten Dialoge sprachlose sind. Über wesentliches spricht man wenig in diesem Roman. Nach Lenchen also Mundo, der alte Mann ist Aktmodell mit einem Faible für die Kunst. Mundo hält Kunst für Wirklichkeit, sieht seinen Arm ganz neu, wenn ihn einer merkwürdig aufgezeichnet hat. Der alte Mann lehrt den verschlossenen Wilhelm, der sich an der Werkkunstschule Will nennen wird, Verantwortung. Es ist der erste Band einer deutschen Adoleszenz, durch die der Muff der Fünfziger, die Rebellion der Sechziger zieht. Kein virtuoses Perlenspiel, eher der Blick in eine fast vergessene Welt, der notdürftig aufrecht erhaltenen Fassaden und – was erfreulich ist in unserer so sehr geschminkten Gegenwart – in eine Zeit, da die Vorstellungen um Männlichkeit und Begabung so seltsam angestaubt daher spazieren, wie das Wort vom Runzelkanzler Adenauer, der das Land regiert.

Wolfgang Rudelius
Das Licht im Haus gegenüber
Sauerländer, 294 S., EUR 14,90

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